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Säkularisierung

In der Literatur werden die Begriffe Säkularisierung und Säkularisation im Sinne von Verdrängung der Religion bzw. der christlichen Kirchen aus dem öffentlichen in den privaten Raum häufig synonym verwendet; das politische bzw. öffentlich-rechtliche Ergebnis dieser Verdrängung bezeichnet man als Laizität. Unter Säkularisation wird zunehmend nur mehr der Entzug kirchlicher Hoheits-, Besitz- und Nutzungsrechte durch den Staat ohne Zustimmung der Kirche verstanden. In den Geisteswissenschaften steht Säkularisierung für die Freisetzung weltlicher Verhaltens- und Bewusstseinsstrukturen aus dem Einflussbereich religiös bestimmter Vorstellungen, während in den Sozialwissenschaften damit die Selbstwahrnehmung der Moderne hinsichtlich ihrer religiösen Herkunftsbedingungen thematisiert wird. Die französische Historiografie fasst das Phänomen der Säkularisierung hauptsächlich unter dem präziseren Begriff der Dechristianisierung.

Von der Reformation zur Aufklärung

Eine Voraussetzung für die Säkularisierung der Gesellschaft ist der religiöse Pluralismus, wie ihn die Reformation im 16. Jahrhundert begründet und legitimiert hat. Wohl war die spätmittelalterliche Schweiz insofern noch nicht vollständig christianisiert, als in ihr vorchristliche bzw. magische Vorstellungen als Hilfen zur Wirklichkeitserklärung und Wirklichkeitsbewältigung fortbestanden. Bekämpft und verfolgt wurde aber nicht nur diese dissidente volkstümliche Religiosität, sondern auch andere religiöse Orientierungen, wie Ketzerprozesse und Judenverfolgung zeigen. Die im Gefolge der Religionskriege erreichte Parität der beiden Konfessionen bzw. die Ausbildung des Konfessionalismus führte auf protestantischer Seite zur Bekenntnisbildung und auf beiden Seiten zu einer Erstarrung, in die erst Pietismus und Aufklärung Bewegung brachten.

Die europäische Aufklärung trug in dreifacher Hinsicht zur Säkularisierung bei: Die Naturwissenschaften stellten das mittelalterliche Weltbild in Frage, die Staatstheorien führten zu einer religionsneutralen Begründung des (Staats-)Rechts und ermöglichten so eine Entkonfessionalisierung des politisch-sozialen Lebens, ihre Religionsphilosophien mit dem Anspruch auf Vernünftigkeit verschränkten die Begründung und Kritik von Religion und förderten damit einen entdogmatisierten Religionsbegriff und ein entkonfessionalisiertes Verständnis des Christentums.

Die Aufklärung fand in der Schweiz Rückhalt im Pietismus und auf katholischer Seite im engen Kreis der reformerisch gesinnten Geistlichkeit. Wie sich das religiöse Bewusstsein der breiten Bevölkerung im 18. Jahrhundert veränderte, ist in der Schweiz, im Unterschied zu Frankreich, kaum empirisch untersucht worden. Während der Pietismus mit seiner Kritik an der Staatskirche (Kirche und Staat) Gewissensfreiheit in religiösen Fragen forderte, traten aufgeklärte Katholiken für praktische Toleranz ein. Wo eine gewisse persönliche Religionsfreiheit gewährt wurde, kam sie indes nur den Angehörigen der jeweils anerkannten Konfession zugute. Die radikale antikirchliche Aufklärung des französischen Deismus (Atheismus, Antiklerikalismus), die in der Französischen Revolution ihre politische Auswirkung erreichte, kam auch in der Helvetik mit ihrem laizistischen Programm eines «religionslosen» Staats zum Tragen.

19. Jahrhundert

Mit der Niederlassungsfreiheit der Bundesverfassung von 1848 wurde die Religionsfreiheit ausgeweitet. Jeder Schweizer, der einer christlichen Konfession angehörte, konnte sich überall in der Schweiz niederlassen und die Kultusfreiheit geniessen; die allgemeine Glaubens- und Gewissensfreiheit (Menschenrechte) wurde aber erst mit der Bundesverfassung von 1874 gewährleistet. Diese Entwicklung nötigte die beiden Konfessionen zu einer grösseren Eigenständigkeit gegenüber dem Staat, was zu ihrer Entwicklung als Volkskirchen und allgemein zur Verkirchlichung des Christentums beitrug. Die neuen Freiheiten ermöglichten bzw. erleichterten das Aufkommen und die Verbreitung religiös und weltanschaulich alternativer Bewegungen (Freikirchen und Sekten, Anthroposophie).

Die weltanschaulichen Komponenten politischer Bewegungen, namentlich des Liberalismus, führten einerseits zur Konfrontation des konservativen Katholizismus mit dem national-liberalen Staat (Kulturkampf), anderseits zu binnenkirchlichen Auseinandersetzungen besonders innerhalb des Protestantismus (Apostolikumsstreit). Die Entwicklung eines protestantisch-liberalen Bürgertums und die Erstarkung der Arbeiterbewegung schufen von kirchlichen Vorgaben emanzipierte, laizistische und zum Teil antiklerikale Kulturen. So kam es zu einer inneren Entkirchlichung bei gleichzeitig praktisch unverminderter Kirchenzugehörigkeit; in der Volkszählung von 1900 erklärten sich erst 2,1% der gesamten Bevölkerung (0,5% der Schweizer) als konfessionslos.

20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert setzte zum einen ein Bedeutungsschwund der organisierten Religion im öffentlichen Leben ein, sodass Säkularisierung als «Abnahme der Bedeutung organisierter Religion als eines Mittels sozialer Kontrolle» (Howard Becker) definiert werden kann; zum anderen wurde das Phänomen der Säkularisierung Gegenstand der Sozialwissenschaften. Nachdem zunächst die Kirchensoziologie vor allem das Mitgliedschaftsverhalten der Kirchenmitglieder untersucht hatte, plädierte in den 1960er Jahren die Religionssoziologie für einen Wechsel der Wahrnehmungsperspektive. Der Rückgang von Kirchlichkeit bedeute nicht das Ende von Religion, sondern eine Transformation ihrer Gestalt, sodass die Säkularisierung neu als Prozess der Ausdifferenzierung der Kulturbereiche in funktional eigenständige bzw. autonome Segmente definiert werden könne. So wären Pluralisierung, Entkonfessionalisierung, Entdogmatisierung, Deinstitutionalisierung und Individualisierung religiöser Einstellungen nur mehr Folgeprozesse dieser Ausdifferenzierung.

Plakat für die Abstimmung vom 2. März 1980 über die vollständige Trennung von Kirche und Staat (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für die Abstimmung vom 2. März 1980 über die vollständige Trennung von Kirche und Staat (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

In den Volkszählungen nach 1970 begann der Anteil der Konfessionslosen auffallend zuzunehmen. Über das Ausmass der Individualisierung in der Schweiz gab erstmals die von Alfred Dubach und Roland J. Campiche 1988-1989 im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Kulturelle Vielfalt und nationale Identität» durchgeführte religionssoziologische Studie differenziert Auskunft. Danach fühlen sich mehr als 90% der Schweizer und Schweizerinnen mit einer christlichen Kirche verbunden, wozu noch eine hohe Stabilität innerhalb einer Konfession kommt; die konfessionellen Kollektividentitäten sind allerdings verwischt. In einer empirisch gewonnenen Typologie religiöser Orientierungen erscheinen so 7% als «exklusive Christen», 25% als «allgemein-religiöse Christen», 51% als «religiöse Humanisten», 12% als «Neureligiöse» und 4% als «Humanisten ohne Religion». Eine 1999 vom Institut für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds in Lausanne durchgeführte Befragung bestätigte den zehn Jahre zuvor vermuteten Trend: Zum einen nehmen die exklusiv christliche Orientierung, die religiöse Praxis und die Bedeutung der Religion im Alltag etwas ab, zum anderen sind religiöse Fragen unverändert wichtig und wird den Kirchen fast noch ausgeprägter eine gesellschaftliche Bedeutung zugeschrieben. Ein ähnlich paradox erscheinendes Ergebnis brachte die ökumenische Basler Kirchenstudie 1999 zutage. Für die Mehrheit der Basler Bevölkerung, von der sich bereits 1990 mehr als ein Drittel als konfessionslos erklärte, ist das Christentum immer noch die bestimmende Form der Religiosität; dabei besteht eine Korrelation zwischen der Selbstbezeichnung als Christ bzw. Christin und der Selbsteinschätzung als religiös. Sollte der Trend zur Individualisierung weitergehen, müsste es zu einem Anpassungsdruck auf das Religionsrecht kommen, nachdem 1980 in einer eidgenössischen und 1995 in einer kantonalzürcherischen Volksabstimmung eine Versetzung der Kirchen in das Privatrecht noch abgelehnt worden war. Bei einer weitergehenden Pluralisierung dürften sich zudem die gemeinsam bleibenden Wertvorstellungen noch deutlicher als Zivilreligion profilieren.

Quellen und Literatur

  • U.A. Cavelti, Einflüsse der Aufklärung auf die Grundlagen des schweiz. Staatskirchenrechts, 1976
  • R.J. Campiche et al., Croire en Suisse(s), 1992
  • J.-F. Mayer, Les nouvelles voies spirituelles, 1993
  • Jede(r) ein Sonderfall?, hg. von A. Dubach, R.J. Campiche, 1993
  • B. Hunger, Diesseits und Jenseits, 1995
  • Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitl. Europa, hg. von H. Lehmann, 1997
  • TRE 29, 603-634; 30, 682-712
  • Ökumen. Basler Kirchenstudie, hg. von M. Bruhn et al., 1999
Weblinks

Zitiervorschlag

Rolf Weibel: "Säkularisierung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.01.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011508/2012-01-06/, konsultiert am 28.05.2022.