de fr it

MüstairKloster

Benediktinerinnenkloster St. Johann (vor der ersten Hälfte des 12. Jh. Benediktinerkloster) in der politischen Gemeinde Val Müstair GR, Bistum Chur. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts monasterium Tuberis (Tuberis nach der gleichnamigen Landschaft, später ging die Bezeichnung auf das benachbarte Dorf Taufers über), 1157 Monasterium, ca. 1170 ecclesia sancti Iohannis Baptiste in Monasterio.

Plan der Klosteranlage Müstair
Plan der Klosteranlage Müstair […]

Die nach westfränkischem Modell im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts erbaute monumentale Klosteranlage ist eine Stiftung Karls des Grossen oder eine karolingisch beeinflusste churbischöfliche Gründung in der religiösen Bewegung, die im 8. Jahrhundert auch zur Entstehung der kleineren rätischen Klöster Cazis, Mistail, Pfäfers und Disentis führte. Das auch als passpolitischer Stützpunkt des Reiches zwischen Italien und Bayern und als bischöfliche Residenz errichtete Kloster wurde 881 durch Tausch Eigenkloster des Bischofs von Chur. Die Verbrüderungsbücher lassen auf einen Abstieg des vormals blühenden karolingischen Klosters Ende des 9. Jahrhunderts schliessen. Im 12. Jahrhundert zogen Benediktinerinnen in das Gebäude ein. Als Frauenkloster erscheint Müstair erstmals 1163 nach der Reform durch Bischof Adelgott. Die ökonomische Grundlage bildeten vor allem Schenkungen der Tarasper, der Bischöfe von Chur und der Grafen von Tirol im Val Müstair und im Vinschgau, im mittleren Etschtal und im Unterengadin, in Nauders und im Ötztal. Ein Propst verwaltete die Güter.

In der karolingischen Saalkirche mit ehemals fünf Apsiden sind bedeutende Fresken des europäischen Frühmittelalters erhalten (zentrale christliche Themen und Szenen aus dem Leben Davids, entstanden um 800). Die Apsiden und die Ostwand wurden am Ende des 12. Jahrhunderts mit romanischen Fresken übermalt (Gastmahl des Herodes, kluge und törichte Jungfrauen, Apostel, St. Stephanus), was für eine spirituelle und wirtschaftliche Blütezeit des Klosters spricht. Bereits ins 11. Jahrhundert fällt der Neubau der bischöflichen Residenz (bischöflicher Wohnturm, Kreuzgang, Doppelkapelle St. Ulrich und St. Niklaus). Im 14. und 15. Jahrhundert war die Mystik im Kloster Müstair von zentraler Bedeutung, wie die Verehrung einer Heiligbluthostie und das vor 1300 eingeführte Fronleichnamsfest zeigen. Mehrere Codices bezeugen die Pflege der Liturgie, des Chorgebets und der individuellen Spiritualität, zum Beispiel ein Hymnar aus dem 14. Jahrhundert und ein Andachtsbuch aus dem 15. Jahrhundert, dessen Autor Kritik an der äusserlichen Frömmigkeit übte. Um 1500 wurde die karolingische Klosterkirche zu einer dreischiffigen spätgotischen Hallenkirche umgestaltet. Ausserdem erfolgte die Neueinrichtung des aus dem 10. Jahrhundert stammenden Plantaturms und der Bau des Kirchturms.

Die Ilanzer Artikel von 1524 und 1526 gefährdeten die ökonomische Grundlage und den Bestand des Konvents. Im Geiste des Konzils von Trient (1545-1563) förderten die Bischöfe in Konstitutionen von 1600 und 1614 das religiöse Leben, zum Beispiel den Sakramentenempfang und das Brevier. Im Gegenzug stellten sie zum Teil spätmittelalterliche Zustände wieder her, obwohl im 16. Jahrhundert manche Regeln – wie das Verbot des Saittenspils oder das Gebot eines gemeinsamen Schlafsaals – gelockert worden waren. Die Klostervogtei, die den Schutz und die Aufsicht über die Verwaltung und die Äbtissinnenwahl umfasste, war ein Lehen des Bischofs. Die Vogteirechte fielen um etwa 1211 von den Taraspern an die Matscher und 1421 unrechtmässig als erbliches Lehen an Österreich, 1803 wurden sie von der Bündner Regierung übernommen.

Die politische und konfessionelle Randlage und die zwischen Bischof, Bünden und Habsburg umstrittenen Rechte beeinträchtigten während Jahrhunderten das Eigenleben des Klosters. Dabei ging es vielfach um die Wahl und Bestätigung der Äbtissin und die Besetzung des Vogts, des Spirituals und des Propstes. Die Vogtei wurde 1956 aufgehoben und die Aufsicht über das Kloster dem Corpus catholicum übertragen. Die Klosteranlage wird seit 1947 systematisch restauriert und kunsthistorisch und archäologisch erforscht. Seit 1969 steht sie unter Denkmalschutz, seit 1983 gehört sie zum Weltkulturgut der Unesco.

Quellen und Literatur

  • I. Müller, Gesch. des Klosters Müstair, 1978
  • HS III/1, 1882-1911
  • R. Kaiser, Churrätien im frühen MA, 1998
  • H.R. Sennhauser, «Kloster Müstair, Gründungszeit und Karlstradition», in König, Kirche, Adel, hg. von R. Loose, S. Lorenz, 1999, 125-150
  • Reallex. der Germ. Altertumskunde 20, 22002, 372-381
  • J. Goll et al., Müstair, 2007
Weblinks
Weitere Links
e-LIR
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Deplazes, Lothar: "Müstair (Kloster)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011610/2010-09-02/, konsultiert am 28.01.2022.