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JacobBurckhardt

Der Historiker vor dem Basler Münster. Fotografie von Fritz Burckhardt-Brenner, 1878 (Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 207a 4, 3).
Der Historiker vor dem Basler Münster. Fotografie von Fritz Burckhardt-Brenner, 1878 (Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 207a 4, 3).

25.5.1818 Basel, 8.8.1897 Basel, reformiert, von Basel. Sohn des Jakob, Obersthelfers, später Antistes (Münsterpfarrer und Vorsteher der Basler Geistlichkeit), und der Susanna Maria geborene Schorndorff. Ledig. Besuch der Schulen in Basel bis zum Abschluss des Pädagogiums 1836. 1836-1843 Studium der Philologie, Alten Geschichte, Theologie, Kunstgeschichte und Geschichte in Basel, am Collège latin in Neuenburg, in Berlin und Bonn. 1843 Dr. phil. und Habilitation in Basel. 1843-1846 Redaktor der kunsthistorischen Artikel des "Brockhaus", 1844-1845 Redaktor der "Basler Zeitung", 1846-1847 Bearbeiter kunstgeschichtlicher Werke in Berlin, 1848-1852 Lehrer am Pädagogium in Basel, 1853-1854 Italienaufenthalt, 1855-1858 Professor für Archäologie am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich, ab 1858 ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Basel und Lehrer am Pädagogium. 1883 Rücktritt vom Pädagogium, 1886 Rücktritt vom Lehrstuhl für Geschichte, 1893 Entlassung aus dem akademischen Dienst als Professor für Kunstgeschichte.

Jacob Burckhardt hat am wissenschaftlichen Leben seiner Zeit kaum teilgenommen. Nach dem Wahlspruch Epikurs zog er es vor, als einfacher Lehrer an der damals noch kleinen Basler Universität im Verborgenen zu wirken. Seine im Grunde leidenschaftliche Natur hat er sorgfältig im Zaum gehalten, und wir wissen nur von wenigen Augenblicken, in denen seine Gefühle zum Durchbruch kamen. Die Maske des Ironikers hat ihm gute Dienste geleistet. Als Junggeselle und Katzenfreund hat er seiner Universität treu gedient und im Unterricht "ein wahres Gefühl des Glückes" gefunden.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Burckhardt vier Bücher: "Die Zeit Constantins des Grossen" (1853), "Der Cicerone" (1855), "Die Cultur der Renaissance in Italien" (1860) und "Geschichte der Renaissance in Italien" (1867). Postum erschienen die "Erinnerungen aus Rubens" (1898) und "Beiträge zur Kunstgeschichte von Italien" (1898). Aus seinem Nachlass redigierte sein Neffe Jacob Oeri die "Griechische Kulturgeschichte" (1898-1902) und "Weltgeschichtliche Betrachtungen" (1905). Der Schlüssel zum Verständnis von Burckhardts Werk liegt vielleicht gerade in diesen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen", einer Vorlesung, die er unter dem Titel "Über das Studium der Geschichte" mehrmals gehalten hat. Sie stellen einen Versuch dar, die Aporien des Historismus durch ein typologisches System historischer Konstanten zu überwinden. Burckhardt verfolgt das dialektische Widerspiel der von ihm aus der gleich bleibenden menschlichen Natur abgeleiteten drei heterogenen und nicht koordinierbaren Potenzen: Staat, Religion und Kultur in ihren wechselseitigen Bedingtheiten. Dann analysiert er das Verhältnis der Individuen zum Allgemeinen und zeigt schliesslich, wie die geschichtlichen Krisen verlaufen. "Das sich Wiederholende, Constante, Typische" wird so zum Organisationsprinzip des Geschichtlichen. Für den Historiker bedeutete dies eine Absage an die erzählende Geschichte mit ihren "sogenannten Ereignissen". An ihre Stelle sollte nun die synchrone Darstellung einer Periode treten.

Burckhardts erste "kulturhistorische Gesamtschilderung" einer wichtigen Übergangsepoche war "Die Zeit Constantins des Grossen" mit einer Beschreibung des Römischen Reichs und der heidnischen Religion im 3. Jahrhundert und in der spätantiken Kultur. In der Person Kaiser Constantins sah er eine wesentlich unreligiöse, napoleonische Gestalt, deren Grösse darin lag, dass sie das Christentum als Weltmacht begriff und so weltgeschichtlich weiterwirkte. In diesem Werk dominierte zwar die Darstellung der Kultur, die Behandlung der Kunst wurde aber nicht ausgesondert. Dies geschah dann in "Die Cultur der Renaissance in Italien", einem Buch, das bis heute Ausgangs- und Bezugspunkt der Renaissanceforschung geblieben ist. Einer subtil systematisierten Strukturanalyse, die immer wieder die Primärquellen selbst sprechen lässt, gelingt es, die Eindimensionalität der Synchronie durch Parallelen mit früheren und späteren Stadien zu erweitern. Jacob Burckhardt will das Phänomen der Renaissance nicht erklären, sondern beschreiben, aber die Anordnung seines Materials impliziert auch eine Interpretation. Ausgangspunkt ist die besondere politische Organisation Italiens, und die Wiedererweckung des Altertums ist eine Konsequenz im Prozess der Rationalisierung des Lebens, die eben das Moderne an dieser Periode ausmacht. Dabei bleibt der Historiker sich immer bewusst, dass seine Periodisierung etwas Willkürliches an sich hat, und er ist bereit, seine Resultate in Frage zu stellen. Die Kunst der Renaissance bleibt wesentlich ausgespart und dient nur zur Dokumentierung der Kultur. Die "Griechische Kulturgeschichte" beschränkt sich sodann nicht auf eine einzige Periode, sondern beschreibt die einzelnen Potenzen und ihre Rolle im griechischen Leben, um dann mit einer Darstellung der hellenischen Menschen in ihrer zeitlichen Entwicklung zu schliessen. Damit erreicht Burckhardt einen, allerdings nicht immer überzeugenden, Kompromiss von Synchronie und Diachronie. Trotz der anfänglichen Ablehnung hat das Buch durch seine Analyse des Agonalen als Triebkraft im griechischen Leben und seine antidemokratische Schilderung der griechischen polis eine bedeutende Wirkung ausgeübt.

Die Aufgabe der Kunstgeschichte, seinem zweiten Lehrfach, sah Burckhardt darin, die Menschen näher an den "wahren Grund der Kunst" heranzuführen. So gab er schon seinem ersten kunsthistorischen Werk, dem "Cicerone", den Untertitel "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens", und das Buch kombiniert denn auch einen Reiseführer mit einer Geschichte der Kunst Italiens. So wie der Historiker Burckhardt seine Hörer zum Studium des Geschichtlichen, zum Verständnis des historischen Prozesses und seiner Morphologie anleiten wollte, so bemühte sich der Kunsthistoriker um eine Geschichte der Kunst, nicht an Künstlerbiografien orientiert, sondern an den Aufgaben, die der Kunst jeweils gestellt wurden. Der Vorlesung über das "Studium der Geschichte" entspricht eine Vorlesung "Einleitung in die Ästhetik der bildenden Kunst", in der Burckhardt den Umriss einer solchen Kunstgeschichte nach Aufgaben vorlegte, die in den postum veröffentlichten "Beiträgen zur Kunstgeschichte von Italien" exemplifiziert wurde.

Burckhardts Arbeiten verdanken ihre Dauerhaftigkeit einer einzigartigen Kenntnis der Primärquellen und der Fähigkeit, das Typische im singulären Ereignis zu erkennen. Hinzu kommt ein Stil, der mit seinen Ironien, Bildern und Fremdwörtern das streng Wissenschaftliche meidet und den Schutt der Vorarbeiten sorgfältig vor dem Leser verbirgt. Als Kulturkritiker hat Burckhardt die Krise des 19. Jahrhunderts analysiert. Er verabscheute die kapitalistische Entwicklung seiner Zeit, fürchtete das bildungsfeindliche Proletariat, hasste den allmächtigen Staat und sah einen unvermeidlichen Konflikt zwischen Proletariat und Kapitalisten voraus. Dabei war er aber keineswegs ein apolitischer Ästhet, sondern ein zutiefst vom Pathos des Freiheitsgedankens durchdrungener Moralist.

Quellen und Literatur

  • Jakob Burckhardt-Gesamtausg., 14 Bde., 1929-34
  • Briefe, 10 Bde. und Gesamtreg., 1949-94
  • Werke, 27 Bde., 2000- (krit. Gesamtausg.),
  • StABS
  • UBB
  • W. Kaegi, Jacob Burckhardt, 7 Bde., 1947-82
  • L. Bazzicalupo, Il potere e la cultura: sulle riflessioni storico-politiche di Jacob Burckhardt, 1990
  • F. Gilbert, Politics or Culture? Reflections on Ranke and Burckhardt, 1990
  • Umgang mit Jacob Burckhardt, hg. von H.R. Guggisberg, 1994
  • M. Ghelardi et al., Relire Buckhardt 1997
  • R. Teuteberg, Wer war Jacob Burckhardt?, 1997
Weblinks
Weitere Links
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Kurzinformationen
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 25.5.1818 ✝︎ 8.8.1897

Zitiervorschlag

Peter Ganz: "Burckhardt, Jacob", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.03.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011647/2012-03-12/, konsultiert am 09.12.2022.