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Benediktiner

Benediktiner sind ein katholischer Mönchsorden (lateinisch Ordo Sancti Benedicti, OSB), benannt nach Benedikt von Nursia. Dessen Regel hatte ihren Durchbruch relativ spät und zuerst nördlich der Alpen. Im 7. und 8. Jahrhundert, einer Zeit der Mischregeln, wurde sie gleichzeitig neben anderen Regeln geübt. Erst unter den Karolingern erfolgte die Vereinheitlichung des fränkischen Mönchtums und die exklusive Verpflichtung auf die Benediktregel.

Der hl. Benedikt und einige Ordensbrüder helfen einem Verunfallten – im Hintergrund das Kloster Rheinau und Mönche bei der Ernte. Öl auf Holz eines unbekannten Künstlers, um 1440 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, IN-6942).
Der hl. Benedikt und einige Ordensbrüder helfen einem Verunfallten – im Hintergrund das Kloster Rheinau und Mönche bei der Ernte. Öl auf Holz eines unbekannten Künstlers, um 1440 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, IN-6942).

Unter diesen Voraussetzungen ist die frühe Entwicklung in der Schweiz zu sehen: Vorbenediktinischen Ursprungs sind die Juraklöster (Romainmôtier, Baulmes, Moutier-Grandval). Das Mönchtum des Iren Kolumban (St. Gallen) kannte Benedikts Regel als Bestandteil einer Mischregel. Im 8. Jahrhundert nahmen die Benediktinerklöster im alemannisch-rätischen Gebiet unter dem fränkischen Machteinfluss eine deutlichere Gestalt an. Diese Klöster waren von regionalen Magnatenfamilien gegründet worden, in Churrätien (Cazis, Mistail, Disentis, Pfäfers, Müstair) von den Zacconen (Viktoriden), in den übrigen östlichen Teilen (St. Gallen, Reichenau, Luzern, Rheinau) aus dem Umfeld der alemannischen Herzogsfamilie. Die Eingliederung ins karolingische Reichskirchensystem sicherte diesen Gründungen Bestand und Unterstützung. Zur Zeit Karls des Grossen und Ludwigs des Frommen gelang der Benediktregel der Durchbruch. Unter dem Einfluss Benedikts von Aniane wurden bis heute prägende Akzente gesetzt: der schwarze Habit mit Kapuze, das Grosskloster, die besondere Pflege der Liturgie und der damit zusammenhängenden kulturellen Aktivitäten. Die Verbrüderungsbücher (Libri confraternitatum) von St. Gallen, Reichenau und Pfäfers zeugen von den weitreichenden Verbindungen unter den karolingischen Reichsklöstern. Dennoch verschwanden im 9. Jahrhundert einige Klöster, andere wurden in Chorherrenstifte umgewandelt.

Das 10. und das 11. Jahrhundert wurden zur Zeit der Klosterreform. Sie verlief in der Westschweiz anders als im alemannisch-rätischen Osten. In den Diözesen Genf und Lausanne folgten die Klöster als subalterne Priorate des Abts von Cluny der zentralistisch geführten Reform von Cluny (Cluniazenser). Der Abtei Ainay unterstanden in der Folgezeit die Priorate Saint-Jean-hors-les-murs bei Genf sowie Ayent, Granges und Saint-Pierre-de-Clages im Wallis, der Reformabtei La Chaise-Dieu die Priorate Vautravers und Grandson im Gebiet des Juras. In den Diözesen Konstanz und Chur konnten die Reformklöster ihre Selbstständigkeit wahren: In Einsiedeln nahm 934 eine Klosterreform ihren Anfang, die den Tendenzen der Reform von Gorze (bei Metz) nahestand. Sie hatte eine starke Ausstrahlung, war aber von kurzer Dauer. Erfolgreicher wurden die Reformen von Hirsau und Sankt Blasien. Sie standen Cluny näher, brachen aber nicht so entschieden mit dem Eigenkirchenwesen. Der Hirsauer Reform folgten die Klöster Allerheiligen (SH) und Beinwil (SO); von ihr beeinflusst waren auch Wagenhausen, Rheinau, Fischingen und Herzogenbuchsee. Das Schwarzwaldkloster hatte indirekt über Fruttuaria (Piemont) die Reform von Cluny übernommen. Zur Blasianer Reform gehörten Muri (AG), Engelberg und Erlach. Die Reformabteien waren zu Beginn oft Doppelklöster wie Engelberg, Muri, Rheinau und Beinwil. Bei einigen verschwanden die Frauenkommunitäten im Laufe des Mittelalters, bei anderen wurden sie wegverlegt und als abhängige Frauenklöster zum Teil bis in die Gegenwart weiter betreut, so zum Beispiel Fahr von Einsiedeln, Hermetschwil von Muri, St. Andreas (ab 1615 in Sarnen) von Engelberg, in Schaffhausen St. Agnes von Allerheiligen. In der Blütezeit des Hochmittelalters traten neue dynamische Reformklöster der Zisterzienser und Prämonstratenser neben die alten Benediktinerabteien. Ritter- und Bettelorden bewirkten ebenfalls, dass die Klosterlandschaft pluralistischer wurde. Von den mittelalterlichen Niederlassungen der Benediktiner im Gebiet des Tessins, wie Campione, Dino, Giornico, Quartino, ist nur wenig bekannt: Keine erreichte je den Status einer Abtei und keine überdauerte das 16. Jahrhundert.

Das Spätmittelalter kannte ein Nebeneinander begüterter (Reichs-)Abteien und völlig verarmter Klöster. Unterschiedlich war auch die ständische Zusammensetzung der Konvente. In politischer Hinsicht war die Abtei St. Gallen bedeutender Territorialherr und zugewandter Ort der Eidgenossen, unter deren Schirmherrschaft die Abteien auf eidgenössischen Territorien standen. Die Krise des Mönchtums, das immer mehr der Versorgung von Angehörigen des Adels und Patriziats diente, Privateigentum, ein vernachlässigtes Gemeinschaftsleben und sexuelle Freizügigkeit kannte, offenbarte sich immer deutlicher. Reformbemühungen waren nur vereinzelt erfolgreich. Beziehungen zu den benediktinischen Reformzentren Kastl (Bayern) und Melk (Niederösterreich) blieben zufälliger Natur, und die erfolgreiche Bursfelder Kongregation erfasste den Süden Deutschlands nicht. Temporären Einfluss auf die Klöster in den Bistümern Konstanz und Chur hatte das am Rande des Konzils von Konstanz entstandene benediktinische Provinzkapitel Mainz-Bamberg.

Die Reformation veränderte die schweizerische Klosterlandschaft stark. In der Westschweiz verschwanden alle Benediktinerklöster. In den Territorien der reformierten Stadtorte Bern und Zürich wurden unter anderem die Klöster Trub, Rüegsau, das Zürcher Fraumünster und St. Georg in Stein am Rhein aufgehoben. Nach dem Zweiten Kappeler Landfrieden wurden die Klöster St. Gallen, Rheinau, Pfäfers und Fischingen wiederhergestellt, Disentis unter Mithilfe der Cadi erneuert. Auch für die erhalten gebliebenen Klöster war das 16. Jahrhundert eine schwierige Zeit. Ihr Fortbestehen verdankten sie meist der politischen Einflussnahme der katholischen Orte. Erst die tridentinische Erneuerung der Benediktiner im Rahmen der katholischen Reform und die Visitationen der päpstlichen Nuntien gaben nachhaltige Reformimpulse. In der Barockzeit nahm der Einfluss der Jesuiten auf die benediktinische Observanz stark zu. Benediktiner studierten an Kollegien und Universitäten der Jesuiten. Eine wichtige Grundlage der monastischen Erneuerung war die 1602 gegründete Schweizerische Benediktinerkongregation. Sie bot den zuvor isolierten Klöstern die Hilfe und den Rückhalt, um die Reformen zu stabilisieren. Erfolgreich betrieb sie auch die Exemtion der Benediktinerklöster von der bischöflichen Jurisdiktion und Visitation; umso stärker wurde aber die Einmischung der päpstlichen Nuntiatur in Luzern. Die jesuitisch inspirierte Reform brachte ein neues Selbstverständnis in einer barock-katholischen Kultur. Davon zeugen die überall entstandenen repräsentativen Bauten des Barock. Dem Geist der Aufklärung, der die Klöster als solche in Frage stellte, standen die Benediktiner entsprechend zurückhaltend gegenüber. Vereinzelt gab es aber Ansätze gemässigter, bildungsfreundlicher und gemeinnütziger Aufklärung, so in Engelberg mit Abt Karl Stadler, in Disentis mit Pater Plazidus a Spescha, in Pfäfers mit Abt Plazidus Pfister und in St. Gallen mit Abt Beda Angehrn.

Die klosterfeindlichen Massnahmen in der Helvetik bestätigten die Skepsis in den Benediktinerklöstern: Klosteraufhebungen, das Verbot der Novizenaufnahme und der Wallfahrt nach Einsiedeln sowie Sonderabgaben stärkten den Widerstand gegen das helvetische Regime. In der Mediationszeit (ab 1803) korrigierten die katholischen Orte die zuvor antiklösterliche Politik weitgehend, einschränkende Bestimmungen zur Novizenaufnahme und die Rechnungsprüfung durch die Regierungen blieben aber bestehen. Die Forderungen nach gemeinnützigen Tätigkeiten sowie Beiträgen der Klöster zur Schul- und Lehrerbildung wurden lauter. Der Bundesvertrag von 1815 gewährleistete den Bestand der Klöster. In der Regenerationszeit (ab 1830) aber wurde die Stimmung den Klöstern gegenüber in den liberalen Kantonen wieder unfreundlicher, und eine Reihe von Klosteraufhebungen (Aargauer Klosterstreit) fand erst nach dem Kulturkampf ihr Ende: Pfäfers 1838, Rheinau 1862, Muri und (vorübergehend) Hermetschwil 1841, Fischingen und Münsterlingen 1848, Beinwil-Mariastein 1874.

1848 begann eine Zeit der inneren Erstarkung und Festigung der Benediktinerklöster. Nach dem Jesuitenverbot übernahmen sie die Gymnasialbildung für die katholische Bevölkerung. Die zuvor kleinen Klosterschulen (20-40 Schüler) wurden zu Kollegien mit eidgenössisch anerkannter Maturität. Aus diesen rekrutierte sich ein grosser Teil des klösterlichen Nachwuchses; der Unterricht förderte auch die akademische Ausbildung der Konventualen. Vorurteile gegenüber den Klöstern wurden zusehends abgebaut. Für die Auswandererseelsorge gründeten die Abteien Einsiedeln und Engelberg im 19. Jahrhundert in den USA Klöster, die in der helvetisch-amerikanischen Kongregation zusammengeschlossen sind; im 20. Jahrhundert folgten Gründungen in Argentinien und Kamerun. Viele Schweizer traten in die 1887 von Pater Andreas Amrhein in Bayern gegründete Kongregation von St. Ottilien (Missionsbenediktiner) ein, die 1919 das Benediktusheim in Uznach gründete (1963 Priorat, 1982 Abtei). 1928 wurde in Corbières ein Kloster gegründet, das 1956 nach Le Bouveret (Gemeinde Port-Valais) verlegt und 1961 zur Abtei erhoben wurde; es ist direkt dem Abt-Primas unterstellt. In Fischingen konstituierten Mönche von Engelberg 1977 ein selbstständiges Priorat.

Im 19. Jahrhundert wurde auch die Entwicklung bei den Benediktinerinnen dynamischer. Zu den alten Nonnenklöstern mit strenger Klausur – In der Au (Einsiedeln), Claro, Müstair, Hermetschwil, Sarnen, Fahr, Seedorf (UR) und Glattburg – kamen die Schwesternklöster Niederrickenbach, Melchtal und Wikon mit einfachen Gelübden und karitativ-erzieherischer Tätigkeit. Seit dem 18. Jahrhundert haben einige Gemeinschaften die in Frankreich entstandene Ewige Anbetung übernommen. Sarnen und Niederrickenbach unterstützten Engelberg in seiner Tätigkeit in den USA und Afrika und gründeten eigene Niederlassungen.

Alle Benediktiner sind seit 1893 in der Benediktinischen Konföderation zusammengeschlossen. Geistiger Mittelpunkt ist das Kolleg S. Anselmo in Rom, wo der Abt-Primas residiert. Trotz dieser Union sind die Benediktiner eigentlich kein Orden, sondern eine lose Vereinigung selbstständiger Klöster, die sich ihrerseits in 21 Kongregationen (meist nationale Zusammenschlüsse) organisiert haben. Der Abt-Primas ist nicht Ordensgeneral, sondern Repräsentant der Benediktiner. Trotz einiger Nachteile dieses ausgeprägten Föderalismus hat sich die Union bisher gegenüber zentralistischen Tendenzen als immun erwiesen. Die Zeit seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist geprägt durch einen markanten Rückgang von Berufungen, durch Überalterung und einen Rückzug auf eigentliche monastische Tätigkeiten. 1972-2002 sank der Personalstand der Männerklöster der Schweizerischen Benediktinerkongregation von 518 auf 257, jener der Frauenklöster in der Schweiz von 869 auf 389.

Quellen und Literatur

Weblinks

Zitiervorschlag

Leo Ettlin: "Benediktiner", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011707/2008-10-02/, konsultiert am 29.05.2022.