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Kapuziner

Der Orden der Kapuziner (lateinisch Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum, OFMCap) ist ein katholischer Bettelorden; der Name wurde von der spitzen Kapuze der braunen Kutte abgeleitet, welche seine Mitglieder tragen. Die Kapuziner sind, nach den Konventualen und Observanten, der dritte und jüngste Zweig im Ersten Orden des Franziskus von Assisi (Franziskusorden). In Italien führten fast parallel verlaufende Reformbewegungen in den zwei älteren franziskanischen Zweigen im frühen 16. Jahrhundert zur Entstehung des Kapuzinerordens. Dessen Ziel war die Rückkehr zum franziskanischen Ideal: buchstabengetreue Regelbeobachtung, strenge Armut und anfänglich noch Betonung des Eremitenlebens. Nachdem Papst Clemens VII. die Reform der Kapuziner 1528 gutgeheissen hatte, begann sich der Orden 1529 zu konstituieren. Er wurde formell zunächst den Konventualen unterstellt, war aber mit einem eigenen Generalvikar faktisch selbstständig. Die volle Unabhängigkeit wurde den Kapuzinern 1619 von Papst Paul V. mit der Bestellung eines eigenen Generalministers gewährt. Der nach Provinzen aufgegliederte Orden mit Sitz der Generalkurie in Rom zählte 2005 weltweit 10'793 Mitglieder.

Die Gründung der Schweizer Kapuzinerprovinz (1581/1589). Aquarellierte Federzeichnung eines unbekannten Künstlers, 1668 (Provinzarchiv Schweizer Kapuziner, Luzern, PAL Sch 223.12).
Die Gründung der Schweizer Kapuzinerprovinz (1581/1589). Aquarellierte Federzeichnung eines unbekannten Künstlers, 1668 (Provinzarchiv Schweizer Kapuziner, Luzern, PAL Sch 223.12). […]

In der Schweiz fasste die Kapuzinerreform relativ früh Fuss und brachte als zielstrebige Bewegung von Süd nach Nord über die Alpen hinweg neues Leben in die von der Reformation grösstenteils erodierten franziskanischen Landschaften. Sie versuchte vorrangig, die Konzilsbeschlüsse von Trient bei der einfachen Bevölkerung zu verwirklichen. Der 1530 in Rom bei den Kapuzinern eingetretene Maurer Pacifico Carli aus Lugano war 1535 für den Aufbau des abgelegenen Tessiner Klosters Bigorio mitverantwortlich und dessen erster Guardian (Hausoberer). Dieser ersten Gründung eines Kapuzinerklosters in der Schweiz folgten im Tessin fünf weitere: Sorengo-Lugano (1565), Locarno (1602), Faido (1607), Mendrisio (1619) und das Hospiz auf dem Gotthardpass (1683). Sie alle unterstanden zunächst der Ordensprovinz Mailand, erhielten als Tessiner Verband 1784 den Status einer Kustodie und wurden 1845 zur Ordensprovinz Lugano. Dieser fiel per Dekret der Tessiner Regierung 1848 der zuvor von der Genueser Konventualenprovinz betreute Wallfahrtsort Madonna del Sasso in Orselina zu. Zur Provinz Lugano, die 1939 in Bellinzona eine Niederlassung für Pfarreiseelsorge errichtete, kamen 1921 Mesocco und 1951 Tiefencastel hinzu, einst Basisorte für die von italienischen Kapuzinern im päpstlichen Auftrag geführten Missionen Rätiens (1621), des Misox und des Calancatals (1635). Von der ehemaligen Rätischen Mission oblag Tarasp (gegründet 1637) den Nordtiroler Kapuzinern, Müstair (gegründet 1701) unterstand den Brixener Kapuzinern.

Nördlich der Alpen war die Innerschweiz für die Kapuziner Ausgangspunkt zur Erneuerung des katholischen Glaubens (Katholische Reform). Dazu angeregt wurden sie vom Mailänder Erzbischof Karl Borromäus, gebeten vom Urner Landschreiber Walter von Roll und vom Nidwaldner Landammann Melchior Lussi. Ihnen sind Altdorf (1581) und Stans (1582) als erste Kapuzinerklöster im gesamten deutschen Sprachraum zu verdanken. Auch die Niederlassungen Luzern (1583) und Schwyz (1585) entsprangen noch der Reformgesinnung. Die Gründungen der Kapuziner in Appenzell (1587), Solothurn und Baden (1588) erfolgten dagegen bereits in gegenreformatorischer Absicht (Gegenreformation). Die genannten deutschschweizerischen Gründungen bildeten ab 1589 die Schweizer Kapuzinerprovinz mit Sitz in Luzern. Zu ihr zählte auch die 1591/1599 in Freiburg im Breisgau gegründete erste Niederlassung ausserhalb der damaligen Eidgenossenschaft. Bei den Gründungen spielten nebst frommen Motiven auch strategische Überlegungen zur Rückgewinnung der dem reformierten Glauben zugewandten Gebiete mit. In der deutschen und französischen Schweiz trugen die folgenden 18 Gründungen zum Aufblühen der Ordensprovinz bei: Frauenfeld und Zug (1595), Rheinfelden (1596), Rapperswil (SG, 1602), Sursee (1605), Freiburg (1609), Bremgarten (AG, 1617), Chur (1623), Delsberg (1626), Sarnen (1642), Olten (1646), Laufenburg und Mels (1651), Wil (SG, 1653), Schüpfheim, Pruntrut und Arth (1655) sowie Bulle (1665). Die Provinz, welche auch das Elsass und den süddeutschen Raum bis ins Vorarlbergische umfasste, zählte 1668, vor ihrer Aufteilung in eine schweizerische (mit dem Elsass) und eine vorderösterreichische Provinz, 60 Niederlassungen mit 732 Mitgliedern. Weitere schweizerische Kloster- und Hospizgründungen folgten in Dornach (1672), Näfels (1674), Zizers (1686), Andermatt (1688), Le Landeron (1696), Untervaz (1699), Rigi-Klösterli (1715) und Romont (FR, 1728). Eine zweite Teilung in eine schweizerische und eine elsässische Provinz erfolgte 1729 auf Druck des französischen Hofs. Nach den Neugründungen Realp (1735) und Ernen (1740) wurden 1767 die von Savoyer Kapuzinern geführten Walliser Klöster Saint-Maurice (gegründet 1610) und Sitten (gegründet 1631) in die Schweizer Provinz eingegliedert.

Die Aufklärung, die Französische Revolution, die Mediation (Noviziatsverbot), der Sonderbund und der Kulturkampf brachten dem Orden einige Aufhebungen und einen personellen Rückgang (1857 262 Mitglieder). Ein neuer Aufschwung setzte im ausgehenden 19. Jahrhundert ein, begleitet von Neugründungen bis weit ins 20. Jahrhundert: Pardisla (1899), Landquart (1908), Delsberg (1922), Zürich und Rigi-Kaltbad (1939), Brig (1944), Spiez (1945), Baden (1949), St. Gallen (1950), Bremgarten (AG) und Genf (1954). 1962 erreichte die Schweizer Kapuzinerprovinz mit 820 Mitgliedern (inklusive Novizen) ihren Höchststand und lag damit für längere Zeit numerisch an der Spitze des Gesamtordens. Der dann einsetzende Nachwuchsmangel und eine Austrittswelle, aber auch die Eingliederung der Missionare in die neuen Provinzen in Übersee und Afrika, verursachten in der Folge eine Überalterung sowie Klosteraufhebungen. So zählte die seit 1973 mit der Luganeser Provinz vereinigte und neu in drei Sprachregionen gegliederte Schweizer Provinz 2006 noch 24 Niederlassungen mit 234 Mitgliedern.

Zwei Kapuziner an der Glarner Landsgemeinde, 1941 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne).
Zwei Kapuziner an der Glarner Landsgemeinde, 1941 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne).

In der Schweiz profilierten sich die Kapuziner zunächst vorwiegend als Prediger und engagierten sich damit zugleich auch im Unterricht der Konvertiten. Ihr aus dem Barockzeitalter überliefertes Schrifttum legt davon Zeugnis ab. Die Pfarrseelsorge in der Bündner Herrschaft und in Ursern sowie die Feldpredigt wurden ihnen anvertraut. Ihre Krankenseelsorge und Krankenpflege zur Zeit der Pestepidemien sowie Friedensvermittlungen trugen ihnen in der Bevölkerung wie bei der weltlichen Obrigkeit gleichermassen Sympathien ein. Kapuziner setzten sich für die Alphabetisierung der ländlichen Bevölkerung ein und gründeten im späten 19. Jahrhundert, auch infolge der Jesuitenvertreibung, eigene Gymnasien und Konvikte (Faido, Stans, Appenzell, Näfels, Saint-Maurice), nicht zuletzt zwecks Nachwuchsrekrutierung, und wandten sich der Volksmission zu. Schweizer Kapuziner wurden ab dem 18. Jahrhundert schon vereinzelt als Missionare in Russland und Indien eingesetzt. 1921 übernahmen sie die Missionsgebiete Tansania und Seychellen. 14 Schweizer Kapuziner erlangten die Bischofswürde. Heute arbeiten die Kapuzinergemeinschaften auf den Gebieten Spezialseelsorge, Wallfahrt, Bildung, Mission, Entwicklungshilfe, Massenmedien, Kulturpflege und widmen sich sozialen Randgruppen.

Quellen und Literatur

  • ProvinzA Schweizer Kapuziner, Luzern
  • Analecta Ordinis Fratrum Minorum Capuccinorum, 1884-
  • Helvetia Franciscana 12-13, 1973-80
  • HS V/2
  • Fidelis 68, 1981, H. 4 (Sondernr. Provinzjubiläum Schweizer Kapuziner)
  • M. D'Alatri, I Cappuccini, 1994
  • C. Schweizer, «Minderbrüder mit Inful und Stab», in Helvetia Franciscana 24, 1995, 5-28
  • C. Schweizer, «Kapuziner-Bibliotheken in der Deutschschweiz und Romandie», in Helvetia Franciscana 30, 2001, 63-78
  • N. Kuster et al., Von Wanderbrüdern, Einsiedlern und Volkspredigern, 2003
  • Kapuziner in Nidwalden 1582-2004, 2004
  • Kloster für Stadt und Amt: 400 Jahre Kloster Sursee, hg. von C. Schweizer et al., 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Christian Schweizer: "Kapuziner", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 14.10.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011708/2009-10-14/, konsultiert am 26.05.2022.