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Franziskusorden

Der Franziskusorden ist dreigliedrig und gehört zum Typus der Bettelorden. Die Männer und Frauen, die diesen Orden angehören, orientieren sich an der Lebensweise und an den Idealen des Franziskus von Assisi (1181/1182-1226). Ihr äusseres, gemeinsames Zeichen ist der Strickgürtel, versehen mit drei Knoten (Symbole für die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams).

Der I. Orden, ein reiner Männerorden, besteht heute aus drei selbstständigen Zweigen. Diese haben im Armutsstreit des 13. Jahrhunderts, in dem es um den Umfang der Armutsverpflichtung ging, unterschiedliche Positionen verfochten. Die Teilung des Ordens geht auf die im 14. Jahrhundert aus den Minderbrüdern hervorgegangene reformerische Observanzbewegung zurück. Sie forderte eine strengere Befolgung der Regeln des Ordensgründers. Juristisch erfolgte die Teilung 1517, als Papst Leo X. die Anhänger der Reformbewegung, die späteren Observanten oder (braunen) Franziskaner, von den Konventualen (Minoriten) trennte. Ein weiterer Ordenszweig, die Kapuziner, entstand 1525. Die innerhalb der Observanten entstandenen Gruppierungen wurden 1897 von Papst Leo XIII. zu einem einzigen Zweig (Ordo Fratrum Minorum, OFM) vereinigt. Die Ordensabkürzung OFM gilt nun als Präfix auch für die Minoriten (Ordo Fratrum Minorum Conventualium, OFM Conv.; auch die Schwarzen oder Konventualen oder Cordelier genannt) sowie für den jüngsten Reformzweig, die Kapuziner (lateinisch Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum, OFM Cap).

Der II. Orden, ein Frauenorden, beruft sich auf Klara von Assisi (1193-1253) und trägt deren Namen (Ordo Sanctae Clarae, OSCl). Auch bei den Klarissen sind verschiedene Zweige entstanden (Klarissen, Klarissen-Urbanistinnen, Klarissen-Colettinnen und Klarissen-Kapuzinerinnen).

Der III. Orden, genannt Terziaren, ist derart verästelt, dass er kaum mehr zu überblicken ist. Die ihm angehörenden Männer und Frauen leben entweder als Weltleute in losen Verbänden oder als Ordensleute im regulierten III. Orden in monastischen Gemeinschaften oder in den später entstandenen Kongregationen mit Gelübden.

Entstehung und Ausbreitung

Der Kaufmannssohn Franziskus von Assisi begann nach dem Bekehrungsprozess um 1205 ein Leben in Armut und Busse. 1208 schlossen sich ihm die ersten Gefährten an. Als Minoriten breiteten sie sich schnell aus und waren bereits 1217 aufgrund ihrer eigenen Missionsberufung in Frankreich, Spanien und Palästina präsent. Bis heute verbindlich ist die 1223 von Papst Honorius III. bestätigte Franziskus-Regel. Der Bettelorden war damit in das hierarchische Gefüge der Kirche eingebunden und erfuhr als Folge davon eine Klerikalisierung und Akademisierung. 1228 wurde der zwei Jahre zuvor verstorbene Ordensstifter von Papst Gregor IX. heilig gesprochen. Die hierarchische Struktur des Franziskusordens deckte sich mit seiner Territorialgliederung: Guardian (Konvent), Kustos (Kustodie), Provinzialminister (Provinz), Provinzkapitel (Entscheidungsinstanz Provinz), Generalminister (Gesamtorden) und Generalkapitel (Entscheidungsinstanz Gesamtorden). Die Oberen (Minister) sind auf eine bestimmte Amtsdauer gewählt.

Am Anfang des II. Ordens steht Klara von Assisi. Sie beschloss – unter dem Einfluss von Franziskus – wie Christus in Armut zu leben. 1212 liess sie sich von Franziskus als Zeichen der Weihe die Haare abschneiden und das Kleid geben. Von Assisi aus verbreiteten sich die sogenannten armen Schwestern in Italien und darüber hinaus. Ihr Leben orientiert sich an den Klararegeln, die unterschiedlich interpretiert werden. Diese Uneinheitlichkeit wurde teilweise durch die römische Kurie, die das von Klara geforderte Armutsprivileg kritisierte, bewusst herbeigeführt. Gegenüber der 1253 von Papst Innozenz IV. bestätigten Regel mit dem Armutsprivileg der Klara von Assisi verordnete Papst Urban IV. 1263 eine Regelerleichterung, die den Klöstern der Klarissen gemeinsamen Besitz und feste Einkünfte zur Existenzsicherung gestattete. Jedes Kloster bildet einen selbstständigen Konvent unter einer auf Zeit gewählten Äbtissin, untersteht meistens bischöflicher Jurisdiktion, ist in spiritueller Hinsicht (Obödienz) dem Männerorden verbunden und bekennt sich damit zur franziskanischen Ordensfamilie.

Der III. Orden (Terziaren) entstand aus Büssergemeinschaften, die es bereits zu Lebzeiten des Franziskus von Assisi gab. Sie wandten sich später der Spiritualität der verschiedenen Zweige des I. Ordens zu.

Der Franziskusorden verbreitete sich in ganz Europa und durch die Missionstätigkeit auch weltweit. Vor der Französischen Revolution war der höchste Mitgliederbestand erreicht (sechsstellige Zahl). Im 19. Jahrhundert reduzierte sich der Bestand des I. und II. Ordens infolge der Klosteraufhebungen (Säkularisation) um mehr als zwei Drittel. Eine zuverlässige Statistik für den weltweiten Bestand besteht einzig für den I. Orden: 134'721 Mitglieder (1762); 34'591 (1860). Die Regular-Terziaren dagegen erfuhren im 19. Jahrhundert einen enormen Zuwachs. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehörten 32'414 (2001) Männer dem I. Orden an. 1992 zählte der II. Orden 14'500 Frauen und 1982 der regulierte III. Orden 117'810 Personen.

Vom Mittelalter bis zur Reformation

Die Gründungslegende des Luzerner Franziskanerklosters, wie sie die Luzerner Chronik von Diebold Schilling 1513, beinahe drei Jahrhunderte nach dem Ereignis, bildlich nacherzählt (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
Die Gründungslegende des Luzerner Franziskanerklosters, wie sie die Luzerner Chronik von Diebold Schilling 1513, beinahe drei Jahrhunderte nach dem Ereignis, bildlich nacherzählt (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). […]

In der Schweiz waren im Spätmittelalter Niederlassungen aller drei Orden vertreten. Ihre Verbreitung, die um 1230 ihren Anfang nahm, ging einher mit den Städtegründungen. Zuerst siedelte sich der Männerorden – aus dem Süden kommend – im Tessin an, dann von Norden her in der Deutschschweiz und von Westen her in der Westschweiz. Klöster entstanden 1230 in Lugano (San Francesco) und Locarno, vor 1238 in Basel, um 1240 in Zürich, 1251/1255 in Bern, nach 1252 in Luzern, vor 1253 in Schaffhausen, 1256 in Freiburg, um 1280 in Solothurn und Burgdorf, 1309 in Königsfelden, um 1258 in Lausanne, um 1266 in Genf, 1289/1298 in Grandson und 1295/1296 in Nyon. Im Armutsstreit entschieden sich diese Klöster, die über festen Güterbesitz verfügen, für die Lebensweise der Konventualen. Die Observanzbewegungen fanden in der Schweiz unterschiedlich Resonanz: 1447 wurde das Basler Konventualenkloster in ein Observantenkloster umgewandelt. Neue Observantenklöster entstanden 1472/1490 in Lugano (Santa Maria degli Angeli), 1481/1483 in Bellinzona (Santa Maria delle Grazie) und 1497/1500 in Morges. Diesen gegenüber war Madonna del Sasso in Orselina ob Locarno 1481/1487 die einzige Konventualen-Neugründung.

Die ersten Klarissen kamen im 13. Jahrhundert von Norden her in die Schweiz. Im Verlauf des Mittelalters entstanden sieben Klarissen-Klöster mit verschiedenen Ursprüngen. 1253/1257 wurde das vor 1250 in Konstanz gegründete Kloster Paradies in die Nähe der Stadt Schaffhausen verlegt. Weitere Konvente folgten zunächst in Basel am Spalen 1266 mit St. Clara, dessen Nonnen 1279 nach Kleinbasel umgesiedelt wurden, und dann 1279/1289 mit einer Schwesterngemeinschaft aus Gnadental, schliesslich 1309 mit Königsfelden (Doppelkloster mit dem Männerkonvent). Im Zuge der Observanzbewegung entstanden in der Westschweiz im 15. Jahrhundert nach der Reform der heiligen Colette von Corbie (Klarissen-Colettinnen) Klöster in Vevey (1422/1424), Orbe (1426/1430) und Genf (1474). In der Deutschschweiz trat einzig der Basler Konvent Gnadental 1447 zur Observanz über.

Regulierte Terziarinnen der Klöster Muotathal (1288), Solothurn (1345, St. Joseph) und Bremgarten (1392) waren der Obödienz der Oberdeutschen Minoritenprovinz unterstellt. Einige der vielen Terziarinnen-Sammlungen in der Deutschschweiz wurden im Zuge der tridentinischen Reform in Klöster umgewandelt.

Kloster und Kirche der Barfüsser in Basel, erstes Drittel des 14. Jahrhunderts. Rekonstruktion des vorreformatorischen Zustands durch den Architekten Christoph Riggenbach von 1843, als die Zerstörung der Klostergebäude einsetzte. Lithografie von R. Rey im Anhang zu Adolf Sarasins Studie Die Barfüsser-Klosterkirche in Basel, 1845 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Kloster und Kirche der Barfüsser in Basel, erstes Drittel des 14. Jahrhunderts. Rekonstruktion des vorreformatorischen Zustands durch den Architekten Christoph Riggenbach von 1843, als die Zerstörung der Klostergebäude einsetzte. Lithografie von R. Rey im Anhang zu Adolf Sarasins Studie Die Barfüsser-Klosterkirche in Basel, 1845 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Die Klöster pflegten enge Beziehungen zu Adel und Landesherrschaften. Im deutschsprachigen Gebiet gründeten die Kyburger und die Habsburger mehrere Klöster zur Erweiterung ihrer Territorialmacht. Königsfelden war Grablege der Habsburger. Einige der städtischen Niederlassungen in der Westschweiz waren Stiftungen und Grabstätten der Herren von Burgund, Savoyen, Bourbon und Chalon. Die meisten Mitglieder des Franziskusordens standen der Reformation skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dies wurde besonders den Klöstern in den reformierten Gebieten der alten Eidgenossenschaft zum Verhängnis.

Neuzeit

Mit der Reformation verschwanden die meisten Klöster des I. und II. Ordens. Von den alten Gründungen verblieben alle Tessiner Niederlassungen und die Konventualenklöster Luzern, Freiburg und Solothurn sowie die Klarissen in Paradies. Neu hinzu kamen 1630 das Konventualenkloster Werthenstein und 1747 aus dem Reformzweig des II. Ordens das Klarissen-Kapuzinerinnenkloster San Giuseppe in Lugano. Mit Ausnahme des Letztgenannten und des Klosters in Freiburg sowie den Terziarinnenklöstern Solothurn (St. Joseph) und Muotathal gingen im 19. Jahrhundert vor und während des Kulturkampfes alle Konvente unter. Hingegen überstanden die Kapuziner die klosterfeindliche Zeit des 19. Jahrhunderts mit wenigen Verlusten, nicht zuletzt aufgrund der im 16. Jahrhundert einsetzenden und bis ins 20. Jahrhundert hinein nachwirkenden Reform ihres Ordens. 2004 zählte die Schweizer Kapuzinerprovinz 256 Mitglieder in 28 Niederlassungen.

Die ständige Präsenz der Konventualen in Freiburg (seit 1256) fand nach der Abtrennung von der Oberdeutschen Minoritenprovinz ihre Fortsetzung in der 1972 gebildeten selbstständigen Provinz, die das Kloster Freiburg mit vier neueren Niederlassungen umfasste. Infolge Personalrückgangs sind die Schweizer Konventualen seit 2002 direkt dem Generalminister des Ordens in Rom unterstellt und bilden somit als juristische Person eine Generaldelegation (2004: 20 Mitglieder). 1902 aus Frankreich in die Schweiz eingewanderte Franziskaner (OFM) der Ordensprovinz Toulouse formierten sich 1985 zur schweizerischen Provinz mit den Niederlassungen Freiburg (1902), Lugano-Loreto (1904), Werd bei Eschenz (1957) und Zürich (1970) und übernahmen 1986 das Kapuzinerkloster Näfels. 30 Mitglieder gehörten 2004 der schweizerischen Franziskaner-Kustodie an. Der II. Orden ist durch Neugründungen mit Colettinnen in Jongny (1979) und mit Klarissen in Cademario (1992) wieder präsent. Im III. Orden verbreiteten sich unter den verschieden regulierten Terziarinnen die klausurierten Kapuzinerinnen seit dem 17. Jahrhundert und unter den Kongregationen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts besonders die Schwestern von Baldegg, Ingenbohl und Menzingen. Die vielseitige Tätigkeit der drei Orden reicht von der Seelsorge über Caritas, Sozialdienst, Schuldienst, Wissenschaft und Medienarbeit bis zur Missionsarbeit.

Quellen und Literatur

  • Collectanea Franciscana, 1931-
  • HS V/1-2; VIII/2; IX/2
  • L. Iriarte, Der Franziskusorden, 1984
  • B. Degler-Spengler, «Die Klarissenklöster in der Schweiz», in Helvetia Franciscana 23, 1994, 44-61
  • C. Schweizer, «Minderbrüder mit Inful und Stab», in Helvetia Franciscana 24, 1995, 5-28
  • L. di Fonzo, «L'Unione Leoniana O.F.M. nel suo primo centenario 1897-1997», in Miscellanea Francescana 97, 1997, 293-329
  • A. Gerhards, Dictionnaire historique des ordres religieux, 1998
  • C. Schweizer, «Franziskan. Ordenslandschaften und landesherrl. Räume im Gebiet der heutigen Schweiz», in Könige, Landesherren und Bettelorden, hg. von D. Berg, 1998, 305-330, (mit Bibl.)
  • P. Sella, Leone X e la definitiva divisione dell' ordine dei minori, 2001
Weblinks
Kurzinformationen
Kontext Barfüsser, Klarissen, Konventualen, Minderbrüder, Minoriten, Observanten, Terziarinnen

Zitiervorschlag

Christian Schweizer: "Franziskusorden", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.09.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011715/2014-09-18/, konsultiert am 26.05.2022.