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Nuntiatur

Nuntiatur ist die Bezeichnung für das päpstliche Gesandtschaftswesen (Diplomatie), das im Laufe des 16. Jahrhunderts in Europa entstanden ist. Der päpstliche Gesandte im Rang eines Bischofs, Nuntius genannt, übt eine Doppelfunktion aus. Als diplomatischer Vertreter des Heiligen Stuhls verschafft er der römischen Kurie Informationen zu seinem Gastland und erhält von Rom Instruktionen. In seiner kirchlichen Funktion vermittelt er zwischen Bischöfen, Klerus und Kurie, informiert den Heiligen Stuhl über die katholische Kirche seines Gastlands und überprüft bei den Bischofswahlen und -ernennungen die Tauglichkeit der Kandidaten.

Die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in die Eidgenossenschaft entsandten Nuntien waren mit politischen Aufgaben wie Militärkapitulationen und der Anwerbung von Söldnern betraut. Nach dem Konzil von Trient wurden sie in den Dienst der Gegenreformation und der katholischen Reform gestellt und übten zum Teil quasibischöfliche Funktionen aus. 1586 wurde auf Wunsch der Fünf Orte (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug) in Luzern, dem katholischen Vorort, die ständige Nuntiatur errichtet, die mit Unterbrechungen bis 1873 dort blieb. Nach der französischen Botschaft in Solothurn war sie die zweitälteste ständige Gesandtschaft in der Schweiz. Eine Besonderheit dieser diplomatischen Beziehung war der Umstand, dass die Eidgenossenschaft beim Heiligen Stuhl keine ständige diplomatische Mission errichtet hatte. Erst ab 1991 liess sie sich durch den Botschafter in Prag in Sondermission vertreten. Er wurde 2004 zum regulären Botschafter ernannt. Wegen Differenzen mit dem katholischen Vorort residierte die Nuntiatur 1725-1730 in Altdorf (UR) und 1835-1843 in Schwyz. Sie umfasste die katholischen Kantone der Eidgenossenschaft und deren Untertanengebiete, die Drei Bünde (einschliesslich Veltlin, Bormio und Chiavenna), das Wallis sowie die gesamten Gebiete der Diözesen Basel, Chur, Konstanz, Lausanne und Sitten, folglich auch das Oberelsass, süddeutsche Gebiete sowie Teile Vorarlbergs und Tirols. Nach dem Westfälischen Frieden lockerten sich die Beziehungen zu den ausserschweizerischen Gebieten zusehends. Ab 1803 war der Nuntius auch bei den konfessionell gemischten, ab 1816 auch bei den reformierten Kantonen akkreditiert. Die Nuntiatur umfasst seither nur noch die Schweiz.

1798 wurde der Nuntius von den Franzosen und der helvetischen Regierung ausgewiesen. 1803 erfolgte die Wiedererrichtung der Nuntiatur. Nach 1815 war die Diözesanregelung eines der Hauptgeschäfte, ab 1830 belasteten die Spannungen zwischen der Kirche und einzelnen liberalen Kantonen (Klosteraufhebungen) die Beziehungen stark. Im neuen Bundesstaat liess sich der Heilige Stuhl ab 1848 nur noch durch Geschäftsträger vertreten, die vom übrigen diplomatischen Korps isoliert waren. Der Aufforderung der Gesandten Frankreichs und Österreichs, die Nuntiatur solle nach Bern übersiedeln, kam der Geschäftsträger 1864 nicht nach, weil dies seiner Ansicht nach eine Anerkennung der neuen Bundesverfassung bedeutet hätte. Die Verurteilung des Kulturkampfs in der Schweiz durch Pius IX. führte am 12. Dezember 1873 zum Abbruch der ohnehin getrübten diplomatischen Beziehungen und zur Aufhebung der Luzerner Nuntiatur. Am 12. Februar 1874 verliess der Geschäftsträger die Schweiz.

Auf Initiative von Bundesrat Giuseppe Motta stimmte der Bundesrat im Juni 1920 trotz Widerstands aus reformierten Kreisen der Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl zu. Am 8. November 1920 übernahm der bisherige offiziöse Geschäftsträger Luigi Maglione als Nuntius in Bern die Geschäfte. Wie vom Wiener Kongress 1815 vorgesehen, trat der Nuntius 1923 das Amt eines Doyen des diplomatischen Korps an, nachdem der französische Botschafter darauf verzichtet hatte. Dieses Vorrecht wurde ihm aber erst 1953 vom Bundesrat de jure zugestanden. Die Besuche des Nuntius bei Kantonsregierungen boten 1924 Anlass zu Kontroversen. Fortan beschränkte er sein Wirken auf den innerkatholischen Raum, wobei ab 1970 auch diese Tätigkeit Anlass zu Kritik bot, unter anderem wegen umstrittener Bischofsernennungen im Bistum Chur.

Päpstliche Nuntien in der Schweiz seit 1500

AmtsdatenNuntius
  
Nichtständige Nuntien, Gesandte mit Spezialmission
1500-1504Raimondo Peraudi
1508-1509Alexander de Gabbioneta
1509Achille de Grassi
1512-1515Matthäus Schiner
1512Giovanni Staffilio
1513Girolamo Delfino
1513-1514Gregorio de Gherio
1515Latino Giovenale de Manetti
1515-1517Giovanni Giacomo Gambaro
1513-1517, 1521-1525, 1531-1533Ennio Filonardi
1517-1521Antonio Pucci
1537Peter van der Vorst
1541-1552Girolamo Franco
1541-1552Albert Rosina
1546Lucius Iter
1552-1553Thomas Planta
1553Paolo Odescalchi
1554-1560Ottaviano della Rovere
1560-1564, 1565, 1573-1574Giovanni Antonio Volpe
1566Jost Segesser von Brunegg
1560-1584Karl Borromäus
1575-1576Bartolomeo Portia
1579-1581Giovanni Francesco Bonomi
1578-1583Feliciano Ninguarda
  
Die Apostolische Nuntiatur in Luzern
1586-1587Giovanni Battista Santonio
1587-1591Ottavio Paravicini
1591-1595Lewis Owen
1595-1606Giovanni della Torre
1606-1608Fabrizio Verallo
1608-1613Ladislao d'Aquino
1613-1621Ludovico di Sarego
1621-1628Alessandro Scappi
1628-1630Ciriaco Rocci
1630-1639Ranuccio Scotti
1639-1643Girolamo Farnese
1643-1646Lorenzo Gavotti
1646-1647Alfonso Sacrati
1647-1652Francesco Boccapaduli
1652-1654Carlo Carafa della Spina
1654-1665Federico Borromeo
1665-1668Federico Baldeschi
1668-1670Rodolfo Acquaviva d'Aragona
1670-1679Odoardo Cibo
1685-1687Giacomo Cantelmo
1689-1692Bartolomeo Menatti
1692-1695Marcello d'Aste
1695-1697Michelangelo Conti
1698-1703Giulio Piazza
1703-1709Vincenzo Bichi
1710-1716Giacomo Caracciolo
1716-1720Giuseppe Firrao
1721-1730Domenico Passionei
1731-1739Giovanni Battista Barni
1739-1744Carlo Francesco Durini
1744-1754Filippo Acciaiuoli
1754Girolamo Spinola
1755-1759Giovanni Ottavio Bufalini
1760-1764Niccolò Oddi
1764-1773Luigi Valenti Gonzaga
1775-1785Giovanni Battista Caprara
1785-1794Giuseppe Vinci
1794-1798Pietro Gravina
1803-1816Fabrizio Sceberras Testaferrata
1816-1817Carlo Zen
1818-1819Vincenzo Macchi
1820-1826Ignazio Nasalli
1827-1829Pietro Ostini
1830-1839Filippo de Angelis
1839-1841Tommaso Pasquale Gizzi
1841-1845Girolamo d'Andrea
1845-1848Alessandro Macioti
1848-1864Giuseppe Maria Bovierib
1864-1868Angelo Bianchib
1868-1873Giovanni Battista Agnozzib
  
Die Apostolische Nuntiatur in Bern
1920-1926Luigi Maglione
1926-1935Pietro De Maria
1935-1953Filippo Bernardini
1953-1959Gustavo Testa
1960-1967Alfredo Pacini
1967-1984Ambrogio Marchioni
1985-1993Edoardo Rovida
1993-1997Karl-Josef Rauber
1997-1998Oriano Quilici
1999-2004Piergiacomo De Nicolò
2004-2011Francesco Canalini
2011-2015Diego Causero
2015-Thomas Gullickson

a Sekretär des päpstlichen Legaten Girolamo Franco und selbstständiger päpstlicher Agent

b Geschäftsleiter

Päpstliche Nuntien in der Schweiz seit 1500 -  Helvetia Sacra; Fink, Urban: Die Luzerner Nuntiatur 1586-1873, 1997

Quellen und Literatur

  • HS I/1
  • R. Schaller, Die Normalisierung der völkerrechtl. Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Hl. Stuhl, 1974
  • C. Altermatt, «Die Beziehungen der Schweiz zum Vatikan nach der Wiedererrichtung der Nuntiatur im Jahre 1920», in Schweizer Katholizismus zwischen den Weltkriegen 1920-1940, 1994, 331-342
  • V. Conzemius, «Die Nuntiatur im neuen Bundesstaat», in ZSK 88, 1994, 49-74
  • U. Fink, Die Luzerner Nuntiatur 1586-1873, 1997
  • Histoire religieuse de la Suisse, hg. von G. Bedouelle, F. Walter, 2000, 195-217, 363-385, 395-402
Weblinks

Zitiervorschlag

Pierre Surchat: "Nuntiatur", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.11.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011742/2011-11-03/, konsultiert am 27.01.2023.