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Orgel

In Avenches wurden bei Ausgrabungen in einer römischen Villa Teile einer Orgel gefunden, die ins 2. oder 3. Jahrhundert datiert. Das Instrument ist die dritte belegte antike Orgel. Aufgrund literarischer Quellen lassen sich die Spuren des Orgelbaus in der Schweiz bis ins 10. Jahrhundert zu Notker dem Deutschen zurückverfolgen. Offen bleibt, ob die Quellen von tatsächlich gebauten Instrumenten sprechen oder ob es sich um theoretische Erörterungen handelt. Ein Beleg betrifft eine Mitte des 14. Jahrhunderts geweihte Orgel im Basler Münster, die Meister Raspo aus Frankfurt am Main errichtet haben soll. Die meisten Stadt- und Klosterkirchen erhielten im Lauf des 15. Jahrhunderts ihre ersten Orgeln. Erhalten sind das Gehäuse und Teile des Pfeifenwerks der um 1435 erbauten Orgel der Valeria-Kirche in Sitten. Neben Meistern aus dem süddeutschen Raum arbeitete auch Hans Tugi aus Basel zwischen 1482 und 1519 in Basel, Bern und im Grossmünster Zürich; der Berner Lienhard Louberer errichtete um 1500 Orgeln in Bern, Zofingen und Neuenburg.

Im Gegensatz zu den katholischen Orten, in denen die Orgelbautradition bruchlos war, bestanden während der Reformation in Zürich, Basel, Bern, Lausanne und Genf Orgelverbote. Während in Basel bereits 1561 die vorreformatorischen Instrumente wieder hergerichtet wurden, beschloss man in Bern erst 1726, eine neue Münsterorgel anzuschaffen. Ab 1730 wurden auch in der Waadt wieder Orgeln gebaut. Das 1562 zerstörte Instrument in der Genfer Kathedrale Saint-Pierre wurde 1756 ersetzt. In Zürich konnte das Verbot erst im 19. Jahrhundert überwunden werden (1809 Stadtkirche Winterthur, 1876 Grossmünster Zürich). In der weltlichen Musikpflege (Musik) konnte sich der Orgelbau in bescheidenem Masse halten. Einerseits erhielten die Musiksäle der im Lauf des 17. Jahrhundert gegründeten Collegia musica oftmals kleine Orgeln, andererseits wandelte sich die Orgel zum privaten Hausinstrument, zunächst im städtischen Bürgertum, im 18. und 19. Jahrhundert auch auf dem Land. Insbesondere der Hausorgelbau im Toggenburg und im Emmental entwickelte Orgeltypen eigener Prägung.

Neben einzelnen Meistern wie Niklaus Schönenbüel, Johann Konrad Speisegger, Johann Jakob Bommer und dem vornehmlich in der Westschweiz wirkenden Samson Scherrer prägten – zum Teil bis ins 19. Jahrhundert hinein – vor allem drei Dynastien die Orgellandschaft Schweiz, nämlich die Familie Bossard von Baar sowie die Carlen und Walpen aus dem Wallis. Die grossen Stadt- und Klosterkirchen, besonders die zu Beginn des 18. Jahrhunderts neu gestalteten barocken Klöster (u.a. Einsiedeln, Muri, Rheinau, St. Urban), boten Gelegenheit zur Realisierung grosszügig dimensionierter Orgelanlagen. Oftmals wurden auch auswärtige Meister beigezogen, etwa Thomas Schott aus dem württembergischen Urach (1630 Muri), Johann Geissler aus Salzburg (1650 Hofkirche Luzern), Johann Christoph Leu aus Augsburg (1715 Rheinau) und Joseph Adrien Pottier aus Lille (1764 Moudon); Andreas und Johann Andreas Silbermann aus Strassburg bauten Orgeln in Basel. In der Südschweiz wirkten vornehmlich lombardische Orgelbauer wie die Fratelli Serassi (1761 Castel San Pietro, 1787 Brusio). Angesichts der Einflüsse aus Süddeutschland, Frankreich, Italien und dem Vorarlberg, die das Schaffen der einheimischen Orgelbauer in unterschiedlichem Mass prägten, lässt sich ein spezifisch schweizerischer Stil nicht fassen.

In der Kathedrale St. Niklaus in Freiburg installierte Aloys Mooser 1834 ein grosses Werk, das durch die Konzerte mit sogenanntem Orgelgewitter (meist improvisierte Programmmusiken, die als Touristenattraktion galten) weltberühmt und damit auch für grosse Orgelprojekte in anderen Schweizer Städten wegweisend wurde. Die zukunftsweisende technische und klangliche Revolution brachten süddeutsche Orgelbauer in die Schweiz. Friedrich Haas aus Laufenburg (Baden, D) arbeitete ab 1839 ausschliesslich in der Schweiz. Er führte die Kegellade und den pneumatischen Hebel ein und errichtete bzw. erneuerte monumentale Instrumente im Berner Münster (1849), im Basler Münster (1857) und in der Hofkirche Luzern (1864). Auch die Entwicklung des Orgelbaus in der Westschweiz wurde weitgehend vom deutschsprachigen Raum aus bestimmt. So wirkte Haas in Neuenburg (1848 Temple du Bas), Walcker unter anderem in Lausanne (1864 Saint-François) und Kuhn in Genf (1894 Victoria Hall). Daneben waren gelegentlich französische Orgelbauer in der Westschweiz aktiv, etwa Merklin-Schütze & Cie. (Kathedrale Genf 1864-1865) und Cavaillé-Coll-Mutin (1905 Chexbres). Die 1873 in Genf gegründete Orgelbaufirma Tschanun firmiert seit 1947 unter dem Namen Manufacture de Grandes Orgues Genève SA und wirkt als Orgelbau Genf AG auch in der deutschsprachigen Schweiz.

Die Reformbewegungen des 20. Jahrhunderts, die sich vom technifizierten und hinsichtlich Klangstärke und Dynamik ausdifferenzierten Orgelbau des ausgehenden 19. Jahrhunderts abwandten, und eine Rückkehr zur Ästhetik der Orgelbaukunst des 17. und 18. Jahrhunderts forderten, wurden auch in der Schweiz aufgenommen. Ein typisches Instrument dieser Entwicklung ist die 1930 von der Firma Kuhn erneuerte Orgel im Berner Münster (Schleifladen, elektrische Traktur, Werkgliederung mit einer Synthese von barocken Elementen in Rückpositiv und Brustwerk und französischer Tradition des 19. Jahrhunderts im schwellbaren Oberwerk). Das Unternehmen Metzler aus Dietikon realisierte 1960 mit der neuen Orgel im Grossmünster Zürich erstmals in grossem Massstab eine rein mechanische Spieltraktur und geschlossene Werkgehäuse. Das Instrument stand am Anfang einer bis in die 1980er Jahre dauernden Phase, in der man sich zunehmend konsequent der Anwendung einer historischen Bauweise und dem Klangideal der norddeutsch-niederländischen Barockorgel oder, bei grossen Instrumenten, der französischen Ästhetik des 19. Jahrhunderts verschrieb.

In der 1974 gegründeten Gesellschaft Schweizerischer Orgelbaufirmen sind 2008 14 Unternehmen organisiert, etwa die Hälfte aller als Hersteller tätigen und mit Ausnahme der Firma Metzler alle grösseren Betriebe. 2008 beschäftigte die Branche zwischen 130 und 150 Arbeitnehmer. Dank des hervorragenden Rufs, den der Schweizer Orgelbau weltweit geniesst, werden hiesige Unternehmen immer wieder mit spektakulären Projekten im Ausland betraut (u.a. Salzburger Dom, Trinity College Cambridge, Sixtinische Kapelle im Vatikan). Da die Schweiz eine grosse Zahl an Firmen aufweist, wird dadurch das Problem des zu Beginn des 21. Jahrhunderts fast ausgetrockneten Binnenmarkts für die Unternehmen kaum entschärft.

Quellen und Literatur

  • F. Münger, Schweizer Orgeln von der Gotik bis zur Gegenwart, 1961 (21973)
  • F. Jakob et al., Die röm. Orgel aus Avenches/Aventicum, 2000
  • Die Orgel als Kulturgut, 2005
  • Orgeln in der Schweiz, hg. von M. Lütolf, 2007
Weblinks

Zitiervorschlag

Urs Fischer: "Orgel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011888/2010-09-21/, konsultiert am 29.09.2022.