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Jodel

Unter einem Jodel wird meist ein text- und wortloses Singen verstanden, ein Spiel der Klangfarben zwischen Falsett- und Bruststimme in der Abfolge einzelner, nicht-sinngebundener Vokal-Konsonant-Verbindungen (z.B. jo-hol-di-o-u-ri-a). Der einfache Jodelruf basiert auf dem Viehlock- und Signalruf (Juuz). Um 1796 erwähnte der deutsche Schauspieler und Sänger Emanuel Schikaneder als einer der ersten das Wort «jodeln» im Zusammenhang mit herumziehenden, singenden Tirolern.

Der Thurgauer Jodlerklub von Salen-Reutenen singt im Juli 1996 am Eidgenössischen Jodlerfest in Thun auf der Strasse © KEYSTONE / Alessandro della Valle.
Der Thurgauer Jodlerklub von Salen-Reutenen singt im Juli 1996 am Eidgenössischen Jodlerfest in Thun auf der Strasse © KEYSTONE / Alessandro della Valle.

In der Innerschweiz, im Appenzellischen, im Toggenburg, im Berner-, Greyerzer- und Freiburgerland ist der mündlich überlieferte Naturjodel beheimatet, in dem in der Regel das sogenannte Alphorn-fa (d.h. der elfte Teilton der Naturtonreihe) beibehalten wird. In der Ostschweiz ist vor allem das akkordbegleitende Gradhäbe (Geradehalten von einfachen Stufenakkorden) bekannt, das ähnlich wie in der Westschweiz eine mehrstimmige Jodelform ist, bei der ein oder zwei Vorjodler eine Hauptmelodie intonieren, zu der sich ein mehrstimmiger Chor gesellt. Diese improvisierende Praxis des mehrstimmigen Jodels ist mit Schelleschötte (Schellen schütteln) oder Talerschwinge als Bordunbegleitung im Appenzell bereits Ende des 18. Jahrhunderts belegt.

Mit dem Auftreten von Jodlerklubs und -vereinen wurden nach 1830 eigene, mehrstimmige Jodellieder für den Chor komponiert (Volkslied). Ferdinand Fürchtegott Huber im Kanton Bern sowie der Pfarrer Samuel Weishaupt und Johann Heinrich Tobler in Appenzell komponierten Jodel mit Begleitchören. Im Gegensatz zu den älteren Jodelweisen mit sogenannter neutraler Intonation (z.B. in der Muotathaler «Naturmelodik») orientieren sich die komponierten Jodellieder mit ihren melodischen Wendungen und dem harmonischen Klangaufbau am romantischen Kunstlied des 19. Jahrhunderts. Grosser Beliebtheit erfreut sich das Gsätzli, ein mehrstimmig gesetztes und neu gedichtetes Mundartlied, verknüpft mit einem solistisch oder chorisch geprägten Jodelrefrain, sei es als Vor-, Zwischen- oder Nachjodel.

1910 wurde auf Initiative des bernischen Jodlervaters Oskar Friedrich Schmalz die Schweizerische Jodlervereinigung gegründet, aus der 1932 der Eidgenössische Jodlerverband hervorging. Dieser gibt regelmässig alte und neue Jodelliedblätter für Einzeljodler und -jodlerinnen, Duette, Terzette, Doppelquartette, Jodlergruppen oder gemischte Jodlerchöre heraus. In der Schweiz zählt man seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart über 100 volkstümliche Jodelliedkomponisten, unter anderem Alfred Leonz Gassmann, Emil Grolimund, Johann Rudolf Krenger, Max Lienert, Hans Walter Schneller, Ernst Sommer und Adolf Stähli. Die Mehrheit der Jodellieder besingt auf idealisierende und nostalgische Weise Heimatleben, Bergwelt, Bauernstand, Küher- und Älplerwesen (Hirtenvolk). Mit dem Blasen des Alphorns, mit Trachten und Fahnenschwingen betrachten die Verbände das Jodeln als eine nationale Eigentümlichkeit (Bräuche).

Die übergreifende Organisation der regionalen Gruppen und Jodlerwettkämpfe verhalfen dem Jodellied seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer ungeahnten Popularität. Seit 1924 findet jährlich das Eidgenössische Jodlerfest statt (Eidgenössische Feste). Mit 780 Jodlergruppen und mehr als 24'000 Mitgliedern (2005) stellen die Verbände inzwischen ein gesamtschweizerisches Phänomen dar. Ausserhalb der organisierten Pflege nimmt sich seit den 1990er Jahren auf eine neue, unbekümmerte und zum Teil traditionskritische Weise auch der Ethnopop des Juchzens und Jodelns an.

Quellen und Literatur

  • G. Simmel, «Psycholog. und ethnolog. Stud. über Musik», in Zs.f. Völkerpsychologie und Sprachwiss., 13, 1882, 261-305
  • Die Musik in Gesch. und Gegenwart, 41995, 1488-1504
  • B. Plantenga, Yodel-ay-ee-ooo, 2004
  • S. Schwietert, Heimatklänge, [Dokumentarfilm], 2007
Weblinks

Zitiervorschlag

Max Peter Baumann: "Jodel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.05.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011891/2015-05-05/, konsultiert am 02.12.2022.