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Geistliche Spiele

Als geistliches Spiel wird eine im europäischen Mittelalter entstandene Theaterform bezeichnet. Der Sammelbegriff erfasst Spiele mit einer szenischen Wirkung im Sinne der christlichen Heilslehre. Damit wird ein Gegensatz zu weltlichen Theaterformen nahe gelegt, obwohl theaterhistorisch eine zweifelsfreie Trennung zwischen geistlich und weltlich nicht möglich ist. Gerade Schweizer Aufführungen von Bibeldramen erlangten häufig eine eminent weltlich-politische Bedeutung, während Fastnachtsspiele oft christliche Lehrmeinungen der Reformation und der Gegenreformation vertraten.

Neben den mittelalterlichen Auf-, Um- und Einzügen, Ritterspielen und Turnieren, öffentlichen Buss- und Strafritualen, dem Jahrmarktstheater der Gaukler und Spielleute (Theater), den karnevalesken Verkehrungen in Bräuchen und Festen (u.a. Charivari, Narrenbischof, Eselsfest) sowie den Fastnachtsspielen sind die geistlichen Spiele die wichtigste Theaterform im Mittelalter. Alttestamentliche Szenen, Menschwerdung, Leben, Leiden und Tod Jesu, Auferstehung, aber auch neutestamentliche und Legendenszenen sowie das Jüngste Gericht bildeten den Themenfundus, der in den spätmittelalterlichen Passions-, Mysterien- und Fronleichnamsspielen – oft waren es ganze Spielzyklen – ausgeschöpft wurde. Den beiden ältesten Typen der geistlichen Spiele, den Oster- und Weihnachtsspielen, liegen dagegen die zentralen Passagen der Jesus-Geschichte zu Grunde (Geburt, Auferstehung Jesu), die mit weiteren Szenen ergänzt wurden. Andere Arten der geistlichen Spiele wie etwa Marienspiel, Dreikönigsspiel, Johannesspiel, Magdalenenspiel, Marienklage, Krämerspiel, Emmausspiel, Himmelfahrtsspiel, Legendenspiel, Zehnjungfrauenspiel und Antichristspiel beschränken sich eher auf einzelne Szenen.

Plakat von Otto Baumberger für das Grosse Welttheater Calderóns in Einsiedeln, 1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat von Otto Baumberger für das Grosse Welttheater Calderóns in Einsiedeln, 1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Im 10. Jahrhundert wurde die liturgische Praxis mit ihren Auferstehungsfeiern in der lateinischen Osterfeier durch den Ostertropus, einen Wechselgesang des Engels und der drei Marien am Grabe Christi, musikalisch und handlungsmässig erweitert. So entstanden die ersten Osterspiele (St. Gallen um 975). Zur Grabesszene traten zunächst Jüngerlauf und Hortulanusszene. Ebenfalls aus der Liturgie bzw. dem Weihnachtstropus gingen im 11. Jahrhundert die ersten lateinischen Weihnachtsspiele hervor. Der Visitatio sepulchri (Grabbesuch der Frauen) entspricht hier die Hirtenszene, erweitert durch Propheten- und Dreikönigsspiel, Flucht nach Ägypten, Herodesspiel und Rahelklage. Im 12. Jahrhundert setzte mit dem altfranzösischen «Jeu d'Adam», dem ältesten Paradiesspiel, eine parallele Entwicklung der volkssprachlichen Spiele ein. Als ältestes deutschsprachiges geistliches Spiel gilt das Osterspiel von Muri, das um 1250 entstand. Das St. Galler Weihnachtsspiel wird auf ca. 1300 datiert. Das Heilsgeschehen wurde nun zunehmend als irdisches Geschehen betont. Neben die Todesüberwindung in der Auferstehung trat ab Mitte des 12. Jahrhunderts in den Passionsspielen das Leiden des Mensch gewordenen Gottessohnes, etwa im Passionsspiel von Lausanne ab 1453. Die Verlegung der geistlichen Spiele aus den Kirchen ins Freie, auch auf die Marktplätze, wo simultane Raum- bzw. Flächenbühnen errichtet wurden, ermöglichte ausufernde, komische sowie drastische Teufels- und Marterszenen.

Plan des Weinmarkts in Luzern mit der Theaterausstattung, die für den ersten Tag der Osterspiele 1583 vorgesehen war. Zeichnung von Renward Cysat (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
Plan des Weinmarkts in Luzern mit der Theaterausstattung, die für den ersten Tag der Osterspiele 1583 vorgesehen war. Zeichnung von Renward Cysat (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). […]

In der Reformationszeit förderten beide Konfessionen die geistlichen Spiele. Während das Zürcher Passionsspiel des Protestanten Jakob Ruf derbe Szenen und Effekte aussparte und sich am Bibeltext orientierte, befriedigte das Luzerner Osterspiel des 16. Jahrhunderts vor allem die Schaulust. Etwa ab 1570 kritisierte die calvinistische Orthodoxie aufgrund des glänzenden Beiwerks und der Schaustellung des leidenden Christus die Aufführung von Bibeldramen als Ketzerei. Theaterverbote in Genf 1617 und Zürich 1624 trugen dazu bei, dass sich die Spieltätigkeit im 17. Jahrhundert verringerte. Die Luzerner Tradition wurde 1616 vom Jesuitentheater übernommen, das die geistliche Spiele wandelte und fortsetzte. Die rätoromanische Passion in Sumvitg hielt sich bis 1882, die Passionsspiele von Selzach wurden zwischen 1893 und 1952 durchgeführt. Auch das 21. Jahrhundert kennt noch geistliche Spiele, wie etwa Calderóns «Grosses Welttheater», das seit 1924 in Einsiedeln aufgeführt wird und an die Tradition des barocken Weltspiels anknüpft (Barock), aber auch die Prozessionen mit Darstellung des Ganges von Christus nach Golgotha (sacre rappresentazioni) in Mendrisio.

Quellen und Literatur

  • Geistliche Spiele, 1930
  • E. Müller, Schweizer Theatergesch., 1944
  • J. Drumbl, Der Begriff des Theaters und der Ursprung des liturg. Spiels, 1969
  • Lat. Osterfeiern und Osterspiele, hg. von W. Lipphardt, 6 Bde., 1975-81
  • E. Konigson, «La place du Weinmarkt à Lucerne», in Les voies de la création théâtrale 8, 1980, 43-90
  • I. ten Venne, Das geistl. Spiel in Deutschland von der Mitte des 13. bis zum 16. Jh., 1983
  • R. Bergmann, Kat. der deutschsprachigen geistl. Spiele und Marienklagen des MA, 1986
  • Passionsspiele im alpenländ. Raum, Ausstellungskat. Oberammergau, 1990
  • Francillon, Littérature 1, 37, 142-148
  • Theater der Nähe, hg. von A. Kotte, 2002
Weblinks

Zitiervorschlag

Andreas Kotte: "Geistliche Spiele", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011899/2012-11-20/, konsultiert am 07.02.2023.