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Variété

V. ist eine Form des Unterhaltungstheaters (Theater), die aus der losen Aneinanderreihung von Sprech-, Musik-, Tanz- und Dressurnummern sowie artist. Einlagen besteht, zusammengehalten durch einen Conférencier. Es bezeichnet auch den Gebäudetyp, in dem diese Vorstellungen gezeigt wurden. Frühformen waren musikal., tänzer. und oft auch komische Darbietungen in Gasthäusern. Eigene Etablissements, die ihren Gästen ein internat. Programm boten, entstanden ab Mitte des 19. Jh. in England, Frankreich und im deutschsprachigen Raum. Der V.-Betrieb im strengen Sinn bildete sich im letzten Viertel des 19. Jh. heraus. Um die Nachfrage des Publikums zu stillen, mussten Programm und Ensemble oft wechseln. Das V. war mit einem Gastronomiebetrieb verbunden, das Publikum sass an Tischen, rauchte und konsumierte während der Vorstellung.

Postkarte des Variété-Theaters Corso in Zürich. Lithografie von Gustav Welti, 1906 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich).
Postkarte des Variété-Theaters Corso in Zürich. Lithografie von Gustav Welti, 1906 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich). […]

In der Schweiz taucht das V. um 1900 auf und erlebte v.a. in den städt. und Touristikzentren eine kurze Blüte. In der französischsprachigen Schweiz verwendet man das engl. Lehnwort music-hall. Auch fehlt weitgehend die Konsumation während der Vorstellungen, die in Kursälen, in denen es allerdings Restaurants gab, stattfanden. Ab April 1900 gab es im 1884-85 erbauten Grand Casino in Genf V.-Programme, die sich bis zum 1. Weltkrieg v.a. bei den Touristen grosser Beliebtheit erfreuten. Nach 1924 wurde der V.-Betrieb im Kursaal, ab 1921 im Besitz der Stadt, mit wöchentlich wechselnden Programmen während der Sommermonate wieder aufgenommen und ergänzt durch Tournee-Revuen und lokale Produktionen. Obwohl der Kursaal zwischen 1952-62 auch Spielstätte des Musiktheaters war, dauerte der V.-Betrieb bis 1964 an, wenn auch in verwässerter Form. In Lausanne traten ab 1901 unter der Direktion von Paul Tapie V.-Künstler im Kursaal auf. Nach wechselnden Direktoren folgte nach dem 1. Weltkrieg Jacques Wolff-Petitdemange, der Operetten, V.-Programme und im Jahresrhythmus Revuen mit Lokalbezug aufführen liess. V.a. diese Revuen zogen ein breites Publikum an. 1935 wurde der Kursaal, der ab 1925 Théâtre Bel-Air hiess, in einen Kinosaal umfunktioniert.

Ab Ende des 19. Jh. erschienen V.-Aufführungen aus Italien auch auf den Bühnen der Kursäle und städt. Theater der ital. Schweiz. Nachdem 1932 das Radio der ital. Schweiz seinen Betrieb aufgenommen hatte, traten im Tessin ausgebildete oder niedergelassene Berufsschauspieler nicht nur im klass. Sprechtheater auf, sondern wirkten auch in Unterhaltungsprogrammen mit, die zum Genre des V.s gehörten.

In der dt. Schweiz entstanden v.a. in den Städten Zürich und Basel V.s. In Zürich wurde 1900 das von Anfang an als grosses V.-Theater konzipierte Corso eröffnet. Es hatte wie die grossen franz. V.s im Zuschauerraum einen Wandelgang zum Flanieren. Das Programm wechselte vierzehntäglich und am Ende jeder Vorstellung projizierte der Kinematograf Bilder auf den Vorhang. Das traditionelle V.-Programm trat aber immer mehr in den Hintergrund. 1934 wurde das Corso innen völlig umgebaut und 1947 in ein Kino umgewandelt. Neben dem Corso existierten in Zürich noch weitere V.s (u.a. Zentraltheater, Palmengarten), die aber nach einigen Jahren wieder schlossen und meist einem Kino Platz machten.

In Basel gab es neben kleineren Etablissements das Clara-V. und Küchlins V.-Theater. Letzteres wurde 1911-12 erbaut und steht seit 2003 unter Denkmalschutz. Das Konzerthaus St. Clara, das sich ab Juni 1927 V. St. Clara nannte, wurde 1908 gegründet und galt als führendes Unterhaltungsetablissement Kleinbasels. Gespielt wurde das ganze Jahr hindurch, und das Programm wechselte zweimal im Monat. Hier traten u.a. internat. Artisten, Sänger und Zauberer auf, die einzelnen Nummern waren von Livemusik begleitet. 1968 schloss das Clara-V., und das Haus wurde abgebrochen. In Küchlins V.-Theater wurden unter wechselnden Direktoren zwischen 1912 und 1942 V.-Programme mit z.T. internat. Stars wie Josephine Baker, Maurice Chevalier und Grock geboten. Ein Kinematograf verdrängte 1927 kurzfristig dieses V. 1942-50 diente es als Schauspielbühne des Stadttheaters und nach einem weiteren Umbau seit 1950 vorwiegend als Kino.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das V. international und in der Schweiz zunehmend durch das Kino und v.a. das Fernsehen verdrängt. Ab den 1970er Jahren setzte eine V.-Renaissance ein. In deren Folge entstanden ab den 1980er Jahren auch in der Schweiz V.-Unternehmen, die als Gastrounterhaltungsbetriebe saisonal an versch. Orten auftraten oder ihre Dienste für öffentl. und Firmenanlässe anboten.

Quellen und Literatur

  • B. Furrer, Massenfreizeit und Unterhaltung der Massen, Liz. Zürich, 1982
  • W. Jansen, Das V., 1990
  • TLS, 411 f., 1046 f., 1058 f.