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AegidiusTschudi

Erste Fassung von Aegidius Tschudis Schweizerchronik, um 1555 (Zentralbibliothek Zürich, Ms. A 58, S. 347).
Erste Fassung von Aegidius Tschudis Schweizerchronik, um 1555 (Zentralbibliothek Zürich, Ms. A 58, S. 347). […]

5.2.1505 Glarus, 28.2.1572 vermutlich Glarus, katholisch, von Glarus, ab 1558 auch Landmann von Uri und ab 1566 von Schwyz. Sohn des Ludwig des Älteren (->) und der Margaretha Kilchmatter, genannt Aebli. Bruder des Ludwig des Jüngeren (->), Halbbruder des Jost (->), Cousin des Valentin (->). 1) 1524 Anna Stucki, Tochter des Hans Stucki, 2) 1550 Barbara Schorno, Tochter des Hieronymus Schorno, 3) 1568 Maria Wichser, Witwe des Heinrich Püntener. Schwager von Rudolf Stucki und Christoph Schorno. Nach erstem Unterricht in der Lateinschule Huldrych Zwinglis, damals Pfarrer von Glarus, hielt sich Aegidius Tschudi 1516-1517 in der Burse (Internat) von Glarean in Basel auf, mit dem er zeitlebens in Briefkontakt stand. Kriegsdienste 1523 in Oberitalien und 1536 als Hauptmann in Südfrankreich blieben Episoden.

Seine politische Laufbahn begann Tschudi 1530-1532 als Landvogt von Sargans, es folgten 1532-1533 das Amt des fürstäbtisch-sankt-gallischen Obervogts von Rorschach und 1533-1535 sowie 1549-1551 jenes des Landvogts der Grafschaft Baden, wo Tschudi in Vindonissa (Windisch) erstmals mit römischen Altertümern in Berührung kam. Ab 1533 Ratsherr, spielte Tschudi auch in der Glarner Politik eine zunehmend wichtige Rolle und amtierte 1554-1558 als Landesstatthalter und 1558-1560 als Landammann, wobei er auch als Bauherr tätig war (Rathaus und Spital in Glarus). Er vertrat das Land Glarus regelmässig auf eidgenössischen Tagsatzungen, daneben wurde er häufig zu Schiedsgerichten oder anderweitig als juristischer Berater und Vermittler beigezogen. 1549 war Tschudi Glarner Gesandter zur Bündnisbeschwörung mit König Heinrich II. von Frankreich, 1559 eidgenössischer Gesandter zu Kaiser Ferdinand I. an den Reichstag von Augsburg. Im Glarnerhandel (auch Tschudikrieg genannt) exponierte sich Tschudi 1559-1560 als führender Vertreter der Altgläubigen mit der Forderung nach militärischer Intervention und Rekatholisierung durch die Innerschweizer Orte. Mit dem Scheitern seiner Pläne zog er sich aus der Tagespolitik zurück und lebte 1562-1565 im Exil in Rapperswil. Von dort aus wirkte er während des Konzils von Trient als Berater von Abt Joachim Eichhorn von Einsiedeln und verfasste als Laientheologe Schriften über die Heiligenverehrung und das Fegefeuer.

Als Gelehrter ohne Universitätsstudium blieb Tschudi zeitlebens Autodidakt. So unternahm er 1524 eine ausgedehnte Alpenwanderung und 1538 eine Romreise, baute sich ab 1527 eine Privatbibliothek auf und begab sich, unterstützt von seinem Mitarbeiter Franciscus Cervinus, wiederholt auf Archiv- und Bibliotheksreisen durch die Eidgenossenschaft, zuletzt 1569 nochmals in die Innerschweiz. Auch seine Amtstätigkeiten nutzte er für die systematische Suche nach historischem Quellenmaterial (Urkunden, Chroniken, Nekrologe, Urbare, Inschriften, Münzen). Den wissenschaftlichen Austausch im Briefverkehr pflegte Tschudi nur phasenweise, so mit Niklaus Briefer und Beatus Rhenanus am Oberrhein, später mit Zacharias Bletz in Luzern und Johannes Stumpf, Heinrich Bullinger und Josias Simmler in Zürich. Dabei blendete er den konfessionellen Gegensatz ausdrücklich aus.

Von Tschudis Werken wurde zu Lebzeiten nur die landeskundlich-historische "Alpisch Rhetia" gedruckt, zu der eine von Tschudi selbstständig entworfene und breit rezipierte Schweizerkarte gehörte, die erstmals das ganze Gebiet der Schweiz im Detail festhielt und sich durch ihren Namensreichtum auszeichnete. Daneben war Tschudi der wichtigste Beiträger zur 1547-1548 publizierten Schweizerchronik von Johannes Stumpf. Seine eigene Schweizerchronik blieb unvollendet (Frühfassung von 1532-1533; sogenannte Urschrift aus den 1550er Jahren zum Zeitabschnitt 1200-1470; sogenannte Reinschrift von 1568-1572 zum Zeitabschnitt 1000-1370); sie wurde erst 1734-1736 unter dem Titel "Chronicon Helveticum" von Johann Rudolf Iselin publiziert, der zugehörige, topografisch aufgebaute Teil zum Zeitabschnitt vor 1000 erst 1758 unter dem Titel "Gallia Comata". Nach diesen Veröffentlichungen wurde Tschudi von Beat Fidel Zurlauben 1760 als "père de l'histoire helvétique" bezeichnet, seine in die Jahre 1307-1308 datierte Darstellung der sogenannten Befreiungstradition in Friedrich Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" (1804) literarisch verewigt, die Rezeption seines Werks aber auch eingeengt, mit Nachwirkungen bis ins 20. Jahrhundert. Erst die Neuedition im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts konnte aufzeigen, dass sich in Tschudis Schweizerchronik – neben der am Lebensende und aus patriotischer Verpflichtung gegenüber der eidgenössischen Elite verfassten eidgenössischen Gründungsgeschichte – auch früher verfasste Abschnitte wie die "Histori des Zürichkriegs" finden, in der Aegidius Tschudi die Entstehung der Eidgenossenschaft als dauerhaftes politisches Gebilde realistisch ins 15. Jahrhundert verlegt. Tschudis Nachlass mit den Werkmanuskripten sowie Kollektaneen verblieb nach seinem Tod in Familienbesitz auf Schloss Gräpplang und wurde 1767-1768 zum Teil an die Stadt Zürich, zum Teil an das Kloster St. Gallen verkauft.

Quellen und Literatur

  • Die uralt warhafftig Alpisch Rhetia [...], 1538 (21560, lat. 1538, 21560)
  • Gallia Comata, hg. von J.J. Gallati, 1758 (Nachdr. 1977)
  • Chronicon Helveticum, bearb. von B. Stettler, 22 Bde., 1968-2001
  • KBAG, Privatbibliothek
  • Teilnachlässe in: LAG, StAZH, StiB St. Gallen, ZBZ
  • J.J. Vogel, Egidius Tschudi als Staatsmann und Geschichtschreiber, 1856 (Briefe)
  • L. Neuhaus, Tschudi-Inventar, 1965-70 (StAZH, StiB St. Gallen)
  • B. Stettler, Tschudi-Vademecum, 2001 (mit Bibl.)
  • Aegidius Tschudi und seine Zeit, hg. von K. Koller-Weiss, C. Sieber, 2002
  • B. Stettler, «Tschudis Arbeiten zur Schweizergesch. bis zum Anfang des 16. Jh.», in Mit der Gesch. leben, hg. von O. Sigg, 2003, 327-355
  • K. Koller-Weiss, «Aegidius Tschudis grosse Manuskriptkarte des schweiz. Raums und der angrenzenden Gebiete, um 1565», in Cartographica Helvetica, 2005, H. 32, 3-16
  • C.H. Brunner, «Gilg Tschudi von Glarus (1505-1572) in Glarus», in Grenzüberschreitungen und neue Horizonte, hg. von L. Gschwend, 2007, 213-236
  • C. Sieber, «Aegidius Tschudi und die Erforschung der Alpen im 16. Jh.», in Wissenschaft, Berge, Ideologien, hg. von S. Boscani Leoni, 2010, 215-233
Weblinks
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Zitiervorschlag

Sieber, Christian: "Tschudi, Aegidius", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 01.07.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/012354/2015-07-01/, konsultiert am 07.12.2021.