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Fahnen

Die Fahne (mittelhochdeutsch van[e] = Tuch) besteht aus einem an einer Stange befestigten Tuch von rechteckiger, quadratischer oder dreieckiger Form. Sie vertritt zum Beispiel eine Person, eine Körperschaft oder einen militärischen Verband. Im Gegensatz zur Flagge wird die Fahne in einem einzigen Exemplar und häufig aus kostbarem Material hergestellt. Deshalb besteht auch der Brauch, sie zu weihen, bei der Truppe den Fahneneid zu leisten und die Aufgabe, sie mit dem Leben zu verteidigen. Der Verlust der Fahne im Kampf bedeutet Schmach und Niederlage, die Eroberung gegnerischer Fahnen Ehre und Sieg. Fahnenflucht gilt als schweres Delikt. Die Fahne wird vom Fähnrich getragen, aus dessen Funktion sich das Amt des Bannerherrn entwickelt hat. Bei gewissen Anlässen wird die Fahne an einem festen Ort aufgestellt, aber nie wie die Flagge gehisst. Ausgediente Fahnen werden aufbewahrt.

Die verschiedenen Arten von Fahnen wurden je nach Gebrauch und Form unterschiedlich benannt, zum Beispiel als Vexillum, Gonfanon, Banner oder Standarte. Da sich die historischen Bedeutungen – zum Beispiel von Banner (deutsch und englisch), bandiera (italienisch) und bannière (französisch) – nicht decken, bemüht sich die Vexillologie (Fahnen- und Flaggenkunde) unter anderem darum, Begriffe und Tätigkeiten zu definieren bzw. zu vereinheitlichen.

Flaggen haben ihren Ursprung in der Schifffahrt des beginnenden 17. Jahrhunderts. Sie kennzeichneten zunächst die Staatszugehörigkeit eines Schiffes. Erst mit dem Erwachen des Nationalgefühls im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand das Bedürfnis, Flaggen auch auf dem Land zu hissen. Sie bestehen als Gebrauchsartikel aus weniger kostbarem Material und werden nach Bedarf ersetzt. Obwohl die gehissten Schweizer-, Kantons- und Gemeindefahnen Flaggencharakter haben, konnte sich das Wort "Flagge" in der Schweiz nicht durchsetzen.

Altertum und Mittelalter

Mit der Eingliederung in das Römische Reich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr. wurden auch die Feldzeichen des römischen Heers, Adler, Signum und Vexillum, im Gebiet der heutigen Schweiz bekannt.

Eidgenössische Truppen in der Schlacht bei Arbedo 1422. Ausschnitt aus der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513 (Schweizerisches Nationalmuseum, Dokumentation).
Eidgenössische Truppen in der Schlacht bei Arbedo 1422. Ausschnitt aus der Luzerner Chronik von Diebold Schilling1513 (Schweizerisches Nationalmuseum, Dokumentation). […]

Den mittelalterlichen Fahnen sind wohl zwei antike Formentypen vorausgegangen: das römische Vexillum und das keltisch-germanische Bandon. Das Vexillum, ein an einem Querstab befestigtes purpurnes Tuch, gilt als die älteste Art eines Feldzeichens aus Stoff. Das Bandon, eine Banderole, die in Flammen und Spitzen auslief, war, wie der St. Galler "Goldene Psalter", zeigt, bis ins 9. Jahrhundert im Gebrauch. Die mittelalterlichen Fahnen lassen sich in drei Gruppen einteilen: Gonfanon (Reiterfahne), Banner (Hauptbanner) und Dreiecksfähnlein (Vorfähnli). Das Gonfanon (fränkisch gundfano = Kampffahne) ist ein hochrechteckiges Fahnentuch, dessen fliegende Seite in mehrere Stoffstreifen ausläuft. Die Gonfanons waren Kampffahnen des Rittertums, aus denen sich die späteren Reiterstandarten entwickelten. Sie weisen bereits heraldische Embleme auf (Wappen). In der Manessischen Handschrift sind solche Fahnen mehrfach dargestellt. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gab es noch keine eidgenössischen Fahnen. Man zog unter dem Hauptbanner oder dem Vorfähnli in den jeweiligen Standesfarben ins Feld. Als gemeineidgenössisches Erkennungszeichen wurden weisse Kreuze aus Leinenstreifen an Fahnen, Harnischen oder Gewändern befestigt. Erst Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das Schweizerkreuz. In den Bilderchroniken Diebold Schillings des Jüngeren sind mehrere eidgenössische Auszüge unter einem solchen Banner dargestellt.

Frühe Neuzeit

Im Kampf eroberte oder erbeutete Fahnen wurden als Trophäen in Kirchen oder Zeughäusern aufbewahrt. Häufig ist zum Beispiel das burgundische Astkreuz, das auch auf den im Schwabenkrieg und in den Mailänderkriegen eroberten Fahnen der deutschen Landsknechte erscheint. Abgebildet wurden solche Trophäen, die im Lauf der Zeit dem Verfall geweiht waren, in sogenannten Fahnenbüchern. Diese wurden in der Schweiz im 17. bis 19. Jahrhundert, häufig auf amtlichen Beschluss, aber auch auf private Initiative hin, von Künstlern und Laien gestaltet. So entstanden Meisterwerke wie das Glarner, das Freiburger und das Luzerner Fahnenbuch, die zu den wichtigsten Quellen der Fahnenkunde gehören. Einen besonderen Platz nehmen die 1512 geschaffenen Juliusbanner ein. Diese Ehrengaben mit ihren reich ausgeführten Eckquartieren oder Zwickelbildern liess der kriegerische Papst Julius II. der eidgenössischen Tagsatzung, den eidgenössischen Ständen sowie den zugewandten Orten (durch Vermittlung Kardinal Matthäus Schiners) als Dank für die erfolgreiche Unterstützung seiner Kriegszüge in Oberitalien zukommen. Um Fahnen entbrannten insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert in der Schweiz verschiedentlich auch Konflikte (Zuger Siegel- und Bannerhandel 1404, Appenzeller Bannerhandel 1535-1539).

Geflammte Ordonnanzfahne des in französischen Diensten stehenden Regiments von Diesbach (1764-1785). Radierung von Hubert François Gravelot (Schweizerisches Nationalmuseum, Dokumentation).
Geflammte Ordonnanzfahne des in französischen Diensten stehenden Regiments von Diesbach (1764-1785). Radierung von Hubert François Gravelot (Schweizerisches Nationalmuseum, Dokumentation).

Im späten 16. Jahrhundert traten neben den Standes- und anderen Bannern die Militärfahnen auf. Diese weisen bei durchgehendem weissem Kreuz horizontal gestreifte Felder in den heraldischen Farben der Stände, Städte, Landschaften oder Hauptleute auf. Daraus entwickelten sich im 17. Jahrhundert Militärfahnen mit geflammten Feldern. Ende des 17. Jahrhunderts wurden diese geflammten Fahnen in den Schweizer Regimentern in fremden Diensten üblich. Auch die Militärfahnen des 18. und 19. Jahrhunderts wurden häufig in den Wappenfarben der Kantone, Städte und Orte geflammt.

19. und 20. Jahrhundert

Nach den Umwälzungen von 1798 beschlagnahmte die Regierung der Helvetischen Republik die alten Fahnen. An deren Stelle trat die neue quer gestreifte Nationalfahne, eine Trikolore in den Farben Grün, Rot und Gelb. 1814 bestimmte dann die Tagsatzung das Schweizerkreuz für Siegel, Wappen und Fahne der Eidgenossenschaft. Seit 1941 führen schweizerische Schiffe eine rechteckige Nationalflagge wie andere Nationen. Die Fahne des Roten Kreuzes entspricht der Schweizer Fahne in gewechselten Farben.

Fahne zum 25-jährigen Jubiläum des Männerchors Industriequartier Zürich, um 1924 (Schweizerisches Nationalmuseum).
Fahne zum 25-jährigen Jubiläum des Männerchors Industriequartier Zürich, um 1924 (Schweizerisches Nationalmuseum).
Gewerkschaftsfahne mit Handwerkersymbolen, Ende 19. Jahrhundert (Schweizerisches Nationalmuseum).
Gewerkschaftsfahne mit Handwerkersymbolen, Ende 19. Jahrhundert (Schweizerisches Nationalmuseum).

Verschiedene Gemeinschaften entwickelten ihre eigenen Fahnen: Prozessionsfahnen der katholischen Kirche werden als Vexillum dem Prozessionszug vorangetragen und geben Szenen aus dem Leben Christi, Mariä und der Heiligen wieder. Vom Mittelalter an führten Schützengesellschaften eigene Feldzeichen, auf welchen oft ihre Waffen wie die Armbrust, später die Luntenschlossbüchse oder die Muskete abgebildet waren. Die Fahnen der Zünfte sowie der Gewerkschaften enthalten fast immer die entsprechenden Handwerkssymbole oder Insignien. Die im 19. Jahrhundert aufkommenden Fahnen und Symbole der Vereine beziehen sich auf die selbstgestellten Aufgaben und sind in der Gestaltung vom Zeitgeist geprägt.

Quellen und Literatur

  • BBM
  • SLM
  • A. Bruckner, B. Bruckner, Schweizer Fahnenbuch, 1942
  • R. Mader, Die Fahnen und Farben der Schweiz. Eidgenossenschaft und der Kt., 1942
  • Vexilla Helvetica 1-, 1969-
  • Reallex. zur dt. Kunstgesch. 6, 1973, 1060-1168
  • W. Smith, Die Zeichen der Menschen und Völker, 1975 (engl. 1975)
  • L. Mühlemann, Wappen und Fahnen der Schweiz, 1977
  • J.M. Galliker, Schweizer Wappen und Fahnen, H. 1-4, 1987-96
  • Die Maness. Liederhs. in Zürich, Ausstellungskat. Zürich, 1991
  • P.M. Mäder, G. Mattern, Fahnen und ihre Symbole, 1993
  • M. Rochat, Geflammte Ordonnanzfahnen der ständigen Schweizer Linienregimenter in franz. Diensten von 1672 bis 1792, 1994
Weblinks

Zitiervorschlag

Peter M. Mäder: "Fahnen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.10.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/012810/2006-10-02/, konsultiert am 28.05.2022.