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Glocken

Mönch beim Glockenspiel. Initiale in einer Handschrift, um 1475 (Bibliothek des Hospizes Grosser St. Bernhard; Fotografie Jean-Marc Biner).
Mönch beim Glockenspiel. Initiale in einer Handschrift, um 1475 (Bibliothek des Hospizes Grosser St. Bernhard; Fotografie Jean-Marc Biner).

Glocken standen seit der Spätantike im Dienst der christlichen Liturgie. Im Frühmittelalter waren nebeneinander kleine gegossene (Bronze-) und genietete (Eisenblech-)Glocken in Gebrauch. Seit dem Hochmittelalter entstanden grosse, nun ausschliesslich bronzene Glocken, seit der Gotik ganze, abgestimmte Geläute. Die älteste Glocke der Schweiz ist die genietete sogenannte Gallusglocke, die wohl aus dem 7. Jahrhundert stammt und in der Kathedrale St. Gallen aufbewahrt wird. Glockenguss wurde in Klöstern und an Bischofssitzen gepflegt; so goss der St. Galler Mönch Tancho eine Glocke für Karl den Grossen. Seit dem 13. Jahrhundert betrieben Laien den Glockenguss in den Städten (Metallverarbeitende Handwerke). Glocken wurden meist am Ort ihrer Bestimmung gegossen. Die grösste Glocke der Schweiz wurde 1611 für das Berner Münster angefertigt (Durchmesser 248 cm, 10'150 kg, Ton E). Neben sesshaften gab es auch Wandergiesser, zum Beispiel aus Nürnberg (15. Jh.) und Lothringen (16.-17. Jh.).

Die Form der Glocken veränderte sich von den topfförmigen sogenannten Bienenkorb- oder Theophilus-Glocken (Historisches Museum Basel, 11. Jh.) über schlanke, hohe «Zuckerhut»-Glocken (Büsingen und Cham, 12.-13. Jh.) zu der seit dem 14. Jh. gebräuchlichen, heutigen Form, wobei sich regionale Unterschiede der Rippe (Wandprofil) ausbildeten. Im Tessin hielt sich die altertümliche «Birnenform» der Glocken bis ins Spätmittelalter. Als profane Verwendungen bildeten sich Warnung vor Feuer- und Feindgefahr sowie der Stundenschlag heraus (Zeitsysteme). Reine Schlagglocken erhielten zuweilen eine flache Schalenform. Die Verzierungen, die im Mittelalter einfach waren, wurden im Barock besonders reich. Als Dekorationen finden sich Rillen, Stege, Inschriften wie Anrufungen, Giessersignaturen und Nennungen von Würdenträgern (Majuskel 13.- 15. Jh., Minuskel Anfang 15. bis Mitte 16. Jh., Kapitalis ab 16. Jh.), Reliefs (Christus, Heilige), ornamentale und vegetabile Friese (ab 14. Jh.), Münzen oder Salbeiblätter (ab Mitte des 16. Jh.). Die von Kriegsverlusten verschont gebliebene Glockenlandschaft der Schweiz ist reich an alten Glocken und widerspiegelt die unterschiedlichen kulturellen Einflussbereiche. Neben dem freien Schwingen der Glocken kennt das Wallis das melodiemässige Anschlagen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts; Carillons mit Hämmern kamen nach 1930 auf. In der Südschweiz sind die Glocken bei mehrstimmigen Geläuten über ein Tangentialrad neigbar, sodass die Anschläge einzeln bestimmt und (ambrosianische) Choralmelodien gespielt werden können (suonare a concerto).

Viehglocken sind seit dem 12. Jahrhundert nachgewiesen, ihre Verwendung im Brauchtum seit dem 18. Jahrhundert, als Volksmusikinstrument seit dem 19. Jahrhundert («Schälleschötte»).

Quellen und Literatur

  • M. Sutermeister, Die Glocken von Zürich, 1898
  • Kdm
  • W. Deonna, «Cathédrale St-Pierre de Genève», in Genava 28, 1950, 129-180
  • Fusa sum Arowe, 1968
  • L. Imesch, Tönendes Erz, 1969
  • O. Stiefel, «Schaffhausens Glocken- und Geschützgiesser», in ZAK 26, 1969, 67-103; 27, 1970, 101-124
  • F. Siegenthaler, Die Glockengiesser des Kt. Graubünden, 1970
  • B. Bachmann-Geiser, «Schellen und Glocken in Tierhaltung, Volksbrauch und Volksmusik der Schweiz», in Studia instrumentorum musicae popularis 5, 1977, 20-26
  • P. Donati et al., Il Campanato, 1981
  • Glocken in Gesch. und Gegenwart, 2 Bde., 1986-1997
  • M. Schilling, Glocken: Gestalt, Klang und Zier, 1988
  • Jb. für Glockenkunde, 1989/90-
  • Campanae Helveticae, 1992-
  • F. Hoffmann, Etude de l'iconographie et de l'épigraphie des cloches du XIVe, XVe et du XVIe s. dans les districts d'Echallens, de Lavaux, de Lausanne et d'Yverdon, Liz. Lausanne, 1992
  • A. Corbin, Die Sprache der Glocken, 1995 (franz. 1994)
  • R. Schwaller, Treicheln, Schellen, Glocken = Sonnailles et cloches, 1996
  • Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 3, 1998, 324-333
  • J. Grünenfelder, Die Glocken im Kt. Zug, 2000
Weblinks

Zitiervorschlag

Josef Grünenfelder: "Glocken", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.12.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/012814/2006-12-28/, konsultiert am 01.12.2022.