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Informatisierung

Die Informatisierung beschreibt den historischen Prozess des Einsatzes von Informationssystemen in der produktiven Arbeit und ist Teil eines umfassenden Prozesses der Rationalisierung sowie der Ökonomisierung gesellschaftlicher Verhältnisse in der Moderne. Informatisierung gilt als einer von mehreren Faktoren beim Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft und ist eng verwoben mit Entwicklungen im Bereich der Mikroelektronik, der Automatisierung und der Telekommunikation.

Plattstich-Webstuhl mit Jacquard-Aufsatz (Länge 2,4 m, Breite 2,2 m, Höhe 1,8 m), um 1900. Fotografie, aufgenommen 2013 in der Dauerausstellung des Appenzeller Volkskunde-Museums (Appenzeller Volkskunde-Museum, Stein AR).
Plattstich-Webstuhl mit Jacquard-Aufsatz (Länge 2,4 m, Breite 2,2 m, Höhe 1,8 m), um 1900. Fotografie, aufgenommen 2013 in der Dauerausstellung des Appenzeller Volkskunde-Museums (Appenzeller Volkskunde-Museum, Stein AR). […]
Eine Weberin demonstriert im Appenzeller Volkskunde-Museum die Funktionsweise eines Plattstich-Webstuhls mit Jacquard-Aufsatz (ganz oben) und Plattstichweblade (Bildmitte). Fotografie, 2013 (Appenzeller Volkskunde-Museum, Stein AR).
Eine Weberin demonstriert im Appenzeller Volkskunde-Museum die Funktionsweise eines Plattstich-Webstuhls mit Jacquard-Aufsatz (ganz oben) und Plattstichweblade (Bildmitte). Fotografie, 2013 (Appenzeller Volkskunde-Museum, Stein AR).

Früheste mechanische Rechenmaschinen datieren aus dem 17. Jahrhundert (Wilhelm Schickard 1623, Blaise Pascal 1642, Gottfried Wilhelm Leibniz 1673). Ein erstes industrielles Nutzungspotenzial eröffnete die Lochkartensteuerung von Webstühlen, die 1805 von Joseph-Marie Jacquard in Lyon erfunden wurde. Erste Jacquardmaschinen wurden in der Schweiz in der Seidenbandweberei ca. 1815 in Basel bei der Firma De Bary & Co. eingesetzt; zu Beginn der 1820er Jahre folgten Seidenstoffhersteller in der Region Zürich. Um 1847 wurden in der Region Basel bereits zwischen 700 und 800 Bandwebstühle mit Lochkarten gesteuert. Eine weitere wichtige Entwicklung stellte die vom Amerikaner Hermann Hollerith 1885 entwickelte Hollerithmaschine dar, die ebenfalls mit Lochkarten funktionierte und die automatisierte Auswertung von statistischen Daten erleichterte. In der Schweiz wurde diese Erfindung v.a. bei Statistikern und Betriebswirtschaftern bereits ab 1884 diskutiert, über die Verbreitung dieser Technik liegen allerdings keine Angaben vor. Bei der eidgenössischen Volkszählung 1920 wurden zwar Maschinen eingesetzt, diese waren jedoch weitaus weniger leistungsfähig als die Hollerithmaschinen in den USA.

Den eigentlichen Durchbruch der Informatisierung markierte für die Schweiz das Jahr 1948, als an der ETH Zürich das Institut für Angewandte Mathematik gegründet wurde. Die 2. Hälfte der 1940er Jahre gilt als die Entstehungszeit des modernen Computers: John von Neumann veröffentlichte das Konzept eines speicherprogrammierbaren Computers, Norbert Wiener führte den Begriff Kybernetik ein (1947), Alan Turing befasste sich mit künstlicher Intelligenz (1947) und die mechanische Steuerung der Geräte wurde durch elektrische und später elektronische Prozesse abgelöst. In Deutschland, den USA und in Grossbritannien standen bereits mehrere leistungsfähige Rechner (Z3 in Berlin 1941, Collossus in England 1943, Mark I in Harvard 1944, ENIAC in Philadelphia 1946, Mark II in Harvard 1947).

Bericht über die Einführung eines digitalen Buchungssystems bei der Luftfahrtgesellschaft Swissair. Beitrag aus der Schweizer Filmwochenschau Nr. 1368 vom 4. Juli 1969 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1368-1#1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern.
Bericht über die Einführung eines digitalen Buchungssystems bei der Luftfahrtgesellschaft Swissair. Beitrag aus der Schweizer Filmwochenschau Nr. 1368 vom 4. Juli 1969 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1368-1#1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern. […]

Ebenfalls 1948 wurde an der ETH Zürich zusammen mit Vertretern der Maschinenindustrie eine Kommission zur Entwicklung von Rechengeräten gegründet, die von Eduard Stiefel präsidiert wurde. 1950 konnte Stiefel Konrad Zuses Relaisrechner Z4, der den Krieg überstanden hatte, für die ETH mieten; zwischen 1950 und 1955 wurden insgesamt 55 Projekte auf der Z4 durchgeführt. Ambros Speiser, Mitarbeiter Stiefels und später erster Forschungsleiter bei IBM in Rüschlikon sowie Brown Boveri in Baden, entwarf den ersten schweizerischen Computer, den Ermeth (Elektronische Rechenmaschine der ETH), der 1956 in Betrieb genommen wurde. Die amerikanische Firma IBM, die 1924 aus der von Hollerith gegründeten Computing-Tabulating-Recording Company (CTR) entstanden war, richtete 1956 in der Nähe von Zürich ihr europäisches Forschungslaboratorium ein. Bereits 1958 gelang dem IBM-Labor in Zürich mit der Entwicklung von Dünnfilmspeichern ein Durchbruch.

Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre begannen Firmen und Unternehmen mit einem grossen Bedarf an Datenverarbeitung, wie z.B. Banken, Versicherungen, SBB und PTT, vermehrt auf die elektronische Datenverarbeitung zu setzen. 1959 waren in der Schweiz rund ein Dutzend Computer mittlerer Grösse in Betrieb.

1968 wurde an der ETH eine Fachgruppe für Computerwissenschaften eingerichtet, der u.a. Niklaus Wirth angehörte. Wirth entwickelte 1970 die Programmiersprache Pascal und erhielt 1984 den Turing Award, eine der höchsten Auszeichnungen im Bereich der Informatik.

Karikatur von Hanspeter Wyss, erschienen im Nebelspalter, 1983, Nr. 1 (Schweizerische Nationalbibliothek, e-periodica).
Karikatur von Hanspeter Wyss, erschienen im Nebelspalter, 1983, Nr. 1 (Schweizerische Nationalbibliothek, e-periodica).

Ebenfalls Ende der 1960er Jahre wurde in den USA das Arpanet in Betrieb genommen, der Vorläufer des heutigen Internet. Anfang der 1970er Jahre wurden elektronische Taschenrechner populär und begannen, den Rechenschieber auch in der Schweiz zu verdrängen. Die Firma Xerox entwickelte 1973 einen ersten Prototypen des Personal Computers. 1975 gründeten Bill Gates und Paul Allen die Firma Microsoft, 1976 Steve Jobs und Steven Wozniak die Firma Apple. IBM stellte 1981 seinen Personal Computer (PC) vor, der bald zum "Industriestandard" wurde und dem Computer den Weg zur Massenverbreitung ebnete. Zur gleichen Zeit gründeten Daniel Borel und Pierluigi Zappacosta in Apples die Firma Logitech, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeutendste Herstellerin von Computermäusen. Der PC ersetzte in den folgenden Jahren die Schreibmaschine in Büros und Privathaushalten. Im Jahr 2000 verfügten 60% aller Haushalte in der Schweiz über mindestens einen Computer.

Informations- und Kommunikationstechnologien in Unternehmen und Haushalten 1990-2015 - Quelle: Bundesamt für Statistik © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
Informations- und Kommunikationstechnologien in Unternehmen und Haushalten 1990-2015 - Quelle: Bundesamt für Statistik © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Eine treibende Kraft bei der Digitalisierung der bestehenden Kommunikationsnetzwerke stellten die vom Bund konzessionierten PTT-Betriebe dar. Ab 1960 verfolgten sie zusammen mit der schweizerischen Fernmeldeindustrie die Entwicklung des Integrierten Fernmeldesystems (IFS); 1983 wurden die Arbeiten gestoppt. 1977 begann die Generaldirektion der PTT mit den Vorbereitungen zur Einführung von Videotex, einem Kommunikationsmedium, das Telefon, Fernsehgerät und Heimcomputer verband. Der Dienst wurde bis 2000 betrieben und hatte zeitweise bis zu 120'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Informatisierung fasste nicht nur im Dienstleistungssektor Fuss (Computer Aided Organization CAO), sondern auch in der Produktentwicklung (Computer Aided Design CAD) und in der industriellen Produktion (Computer Integrated Manufacturing CIM). Informatisierung wurde zu einem umfassenden Prozess mit weitreichenden wirtschaftlichen (Rationalisierung, Automatisierung, Konzentration) und gesellschaftlichen (neue Kompetenzen) Folgen. Die Einführung von Datenbanken erleichterte die Speicherung und das Management der riesigen Datenbestände, die in Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft anfielen, brachte aber auch neue Probleme mit sich (Archivierung elektronischer Daten, Datenschutz).

1989-1990 entwickelten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf ein System, das es Forschern vereinfachen sollte, Dokumente über ein Netzwerk auszutauschen: das World Wide Web (WWW). Das WWW löste in den kommenden Jahren einen Boom des Internets aus, welcher nicht nur den Umgang mit Wissen, sondern bald auch Freizeit und Geschäftsleben nachhaltig veränderte.

So wurde das wissenschaftliche Arbeiten durch den Zugang zu zahlreichen Datenbanken und Katalogen ebenso verändert wie durch die Digitalisierung und Erschliessung ganzer Bibliotheksbestände und Zeitschriftenartikel durch Google. In vielen Bereichen wurden Kunden- und Geschäftsbeziehungen über das Internet organisiert (z.B. im Zahlungsverkehr und bei Kleinanzeigen), über welches immer häufiger auch Produkte angeboten (von Kleidern über Reisen bis zu Versicherungen) oder gar geliefert (Musik, Software, Filme) wurden. Neue Plattformen entstanden insbesondere unter computerbasierter Auswertung des Kundenverhaltens (Amazon) oder durch Beteiligung der Nutzer selbst (Auktionsplattformen wie Ebay und Ricardo, Sharing Dienste wie Airbnb, Uber).

Im Verlaufe dieses übergreifenden Prozesses löste ab dem Jahr 2000 der Begriff Digitalisierung zunehmend den Begriff Informatisierung ab. Die Veränderungsprozesse, die eine Digitale Gesellschaft formten, wurden dabei unter der Bezeichnung Digitaler Wandel zusammengefasst. Zum einen wurden immer mehr Daten einer computerbasierten Auswertung zugeführt (Big Data-Analysen), die entweder aus analogen Medien mittels Retrodigitalisierung gewonnen wurden (Bücher, Karten, Bilder), oder die mittels neuer Dienste und Geräte erfasst und ausgewertet werden konnten (z.B. individuelle Profile von Bewegungs-, Kommunikations- und Kaufverhalten). Dies führte zunehmend zur Problematisierung des Schutzes von privaten Daten und zu der Frage, wer die Nutzungs- und Verfügungsgewalt über diese Daten besitze.

Quellen und Literatur

  • Konrad Zuse und die Frühzeit des wissenschaftlichen Rechnens an der ETH, 1981 (Ausstellungskatalog).
  • Frischknecht, Jürg (Hg.): Kalte  Kommunikation. Der Millionen-Poker um Videotext und andere Neue Medien, 1985.
  • Hässig, Claus: Die Schweizer und der Computer. Hoffnungen und Ängste in der Diskussion zur Informatisierung der schweizerischen Gesellschaft. Von den Anfängen bis heute (1945-1984), 1985.
  • Gutknecht, Martin H.:"The Pioneer Days of Scientific Computing in Switzerland", in: Nash, Stephen G.: A History of Scientific Computing, 1990, S. 301-313.
  • Furger, Franco: Informatik-Innovation in der Schweiz? Die Workstation Lilith und das Oberon-Betriebssystem, 1993.
  • Museum für Kommunikation (Hg.): Loading History. Computergeschichte(n) aus der Schweiz = Loading History. Chronique(s) de l'informatique en Suisse, 2001.
  • Gugerli, David: "Nicht überblickbare Möglichkeiten". Kommunikationstechnischer  Wandel als kollektiver Lernprozess, 1960-1985, 2001.
  • Bächi, Beat: Kommunikationstechnologischer und sozialer Wandel. "Der schweizerische Weg zur digitalen Kommunikation" (1960-1985), 2002.
  • Huber, Maja: Informationsgesellschaft Schweiz. Standortbestimmung und Perspektiven = La société de l'information en Suisse. Etat des lieux et perspectives, 2002.
  • Jucker-Kupper, Patrick; Koller, Christophe; Ritter, Gerold: Digitales Gedächtnis. Archivierung und die Arbeit der Historiker der Zukunft = Mémoire électronique. Archivage et travail des historiens du futur, 2004.
  • Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI (Hg.): Herausforderungen der Digitalisierung für Bildung und Forschung in der Schweiz, 2017. Online: konsultiert am 22.10.2018.
  • Epiney, Astrid; Sangsue, Déborah (Hg.): Digitalisierung und Schutz der Privatsphäre. Zur Steuerungsfähigkeit der "traditionellen" Rechtsgrundsätze. Analyse und Perspektiven = L'ère numérique et la protection de la sphère privée. L'impact des principes juridiques "traditionnels". Analyse et perspectives,  2018.
  • Föhr, Pascal: Historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter, 2018.
  • Gugerli, David: Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit, 2018.