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Statistik

S. bezeichnete ursprünglich die Beschreibung eines staatl. Gemeinwesens in Wort und Zahl. Seit der 1. Hälfte des 20. Jh. umfasst dieser Begriff alle Schritte von der Erhebung und zusammenfassenden Beschreibung von Daten (beschreibende S.) bis zu Schlussfolgerungen auf der Grundlage von Modellen (wissenschaftl. S.). Durch die Auswertung von Daten über Gesellschaft und Wirtschaft befruchtete die S. zunächst die entstehende Volkswirtschaftslehre (Wirtschaftswissenschaften), später die Psychologie, die Gesellschaftswissenschaften, die Naturwissenschaften und die Geschichtswissenschaft (Demografie, Wirtschaftsgeschichte, Quantitative Methoden). Die Methoden der S. entwickelten sich teilweise aus der Mathematik, genauer aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, teilweise in enger Verbindung mit Anwendungsgebieten wie Ökonometrie, Biometrie (biolog. und medizin. Forschungen), Chemometrie und Psychometrie. Die S. als wissenschaftl. Disziplin lehrt und entwickelt allg. Methoden zur mathemat. Untersuchung und Auswertung von Daten.

Wissenschaft

Titelseite der 1713 veröffentlichten Ars conjectandi von Jacob Bernoulli, der damit die Grundlagen für die statistische Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung legte (Schweizerische Nationalbibliothek).
Titelseite der 1713 veröffentlichten Ars conjectandi von Jacob Bernoulli, der damit die Grundlagen für die statistische Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung legte (Schweizerische Nationalbibliothek).

Wissenschaftl. S. befasst sich mit Daten, die als teilweise zufallsbestimmt aufgefasst werden. Sie beruht weitgehend auf Modellen, die Zufallsvariable einschliessen, und liefert Methoden, mit denen solche Modelle an Daten angepasst werden und die es erlauben, die Qualität der Ergebnisse zu beurteilen. Zufallsvariablen beruhen auf dem Konzept der Wahrscheinlichkeit, das im 16. Jh. im Zusammenhang mit Würfelspielen entwickelt wurde. Die Grundlage für Rückschlüsse von Daten auf Wahrscheinlichkeitsmodelle im Sinne der sogenannt frequentist. Auffassung lieferte der Basler Jacob Bernoulli mit seinem postum veröffentlichten Buch "Ars conjectandi" (die Kunst des Vermutens, 1713). In diesem Werk wird mathematisch bewiesen, dass die relative Häufigkeit eines zufälligen Ereignisses (beispielsweise eine Sechs zu würfeln) in langen Reihen von Versuchen mit gleich bleibenden Bedingungen (wiederholtes Würfeln) immer näher zu einem festen Wert kommen, nämlich zur Wahrscheinlichkeit des Ereignisses (1/6).

Die Versicherungslehre entwickelte sich am Eidg. Polytechnikum bzw. an der ETH Zürich und an der Univ. Bern in der 2. Hälfte des 19. und im frühen 20. Jh., teilweise in Zusammenarbeit mit der 1857 entstandenen Schweiz. Lebensversicherungs- und Rentenanstalt. Der als Ingenieur ans Polytechnikum berufene Gustav Zeuner förderte die Grundlagen der Versicherungsmathematik mit dem 1869 veröffentlichten Sammelband "Abhandlungen aus der mathemat. S.". Der grosse Stellenwert der S. als wissenschaftl. Disziplin wurde u.a. von Walter Saxer, dem späteren Versicherungsmathematiker der ETH, erkannt. In Bern gründeten die Prof. Christian Moser und Johann Heinrich Graf 1902 das Seminar für Versicherungsmathematik, in dem bereits Vorlesungen zur Wahrscheinlichkeitsrechnung und S. gehalten wurden. 1960 entstand aus dem Seminar das Institut für Versicherungslehre und mathemat. S.

Nach dem 2. Weltkrieg nahmen die Anwendungen der S. in den Naturwissenschaften stark zu. Die von Ronald Aylmer Fisher in England bereits früher entwickelten Methoden wurden u.a. durch Arthur Linder popularisiert, der ab 1938 an der Univ. Bern Kurse gab, bevor er 1945 an der Univ. Genf und 1948 gleichzeitig an der ETH Zürich eine entsprechende Professur erhielt. An der Univ. Zürich beschäftigte sich der kreative Mathematiker Bartel Leendert van der Waerden mit S. und verfasste ein frühes Lehrbuch mit mathemat. und angewandten Inhalten. Eigentl. Lehrstühle für S. wurden 1955 an der Univ. Bern, 1964 an der ETH Zürich, 1969 an der Univ. Genf sowie 1971 an der ETH Lausanne und an der Univ. Zürich eingerichtet. Die Bedeutung der S. in der Medizin führte 1970 bzw. 1991 zur Einrichtung von biometr. Abteilungen in den Instituten für Sozial- und Präventivmedizin in Lausanne und Zürich sowie 1986 zur Schaffung einer informellen Gruppe in Bern.

Die erste Berufsvereinigung, die Schweiz. Statistische Gesellschaft, wurde 1864 aus der Taufe gehoben, wobei Hermann Kinkelin eine führende Rolle zukam. Sie befasste sich mit der Erhebung von Daten und erweiterte sich 1937 zur schweiz. Gesellschaft für S. und Volkswirtschaft (seit 2001 schweiz. Gesellschaft für Volkswirtschaft und S.). Dieses zweite Gebiet verdrängte die S. zunehmend, so dass sich 1998 die Statistiker der öffentl. Ämter der Schweiz. Vereinigung für S. (heute Schweiz. Gesellschaft für S.) anschlossen, die 1988 von universitären Statistikern gegründet worden war.

Die amtliche Statistik in der Schweiz

Als S. werden - neben der Wissenschaft - auch spezif. Erhebungen bezeichnet, die über die Auszählung einer Zählcharakteristik zu administrativen Zwecken (z.B. Volkszählungen) hinausgehen und der Beschreibung eines bestimmten Untersuchungsgegenstands dienen. Solche Erhebungen können nach ihrer Trägerschaft idealtypisch in amtl., halbamtl. (z.B. Datenerhebungen von Verbänden) und nichtamtl. S.en unterteilt werden. Im Fokus steht hier nur die Entwicklung der amtl. S.en, denen aufgrund der themat. Vielfalt und der Anzahl publizierter Erhebungen besondere Bedeutung zukommt.

Die hist. Entwicklung der S. als Objekt staatl. Tätigkeit lässt sich anhand des Organisationsgrads der Daten sammelnden Institution und der Darstellungsform der Erhebung charakterisieren. Sie verlief bis ca. 1980 gemäss Christian Pfister in drei Stufen. In der ersten, prästatist. Periode z.Z. des Ancien Régime wurden Zählungen von Feuerstätten, Auswertungen von Tauf-, Ehe- und Sterberegistern und Steuerrödeln sowie Notierungen von Preisbewegungen (Preise) und Witterungsverhältnissen (Klima) aus früheren Jahrhunderten infolge zunehmender Regelungsdichte durch unsystemat. Enqueten seitens der frühneuzeitl. Staatsgewalt ergänzt. Kennzeichnend für diese Erhebungen sind mangelnde Vereinheitlichung und Koordination.

Aquarellierte Lithografie mit statistischen Angaben zur Eidgenossenschaft und dekorativen Illustrationen von Jean DuBois, lithografiert um 1845 bei Spengler & Cie. in Genf für Briquet et DuBois (Schweizerisches Nationalmuseum).
Aquarellierte Lithografie mit statistischen Angaben zur Eidgenossenschaft und dekorativen Illustrationen von Jean DuBois, lithografiert um 1845 bei Spengler & Cie. in Genf für Briquet et DuBois (Schweizerisches Nationalmuseum). […]

Die zweite, protostatist. Periode zeichnete sich durch zwei Tendenzen aus. Waren Datenerhebungen bis anhin auf die Lösung kurzfristig anstehender Probleme ausgerichtet gewesen, so entstand erstens ab der Mitte des 18. Jh. ein Bedarf an Informationen für die vorausschauende Bewältigung von ökonom. Engpässen. Bei zahlreichen Gelehrten des 18. Jh. wuchs das Interesse an einem grundsätzl. Verständnis demograf. und ökonom. Prozesse und mündete in eine systemat., inventarmässige Beschreibung der Institutionen und natürl. Ressourcen. Diese der dt. Universitätsstatistik nahestehende Betätigung ebnete den Übergang zur polit. Arithmetik, der statist.-interpretativen Datenauswertung im modernen Sinn. An die Stelle gesammelter Einzeldaten traten mit einer gewissen Systematik betriebene, flächendeckende Erhebungen. Insbesondere die Studien der Berner Ökonomischen Gesellschaft und die daraus hervorgegangene bern. Volkszählung von 1764 gelten als erste moderne Erhebungen auf dem Gebiet der alten Eidgenossenschaft. Zweitens fanden gedruckte Erhebungsformulare und Tabellen aus der franz. Zahlen-S., die sich mit neuen Methoden zur Durchführung und Auswertung von Zählungen beschäftigte, Eingang in die Arbeiten. Die Tableaudarstellung wurde in der Physikal. Gesellschaft Zürich bereits 1748 diskutiert und etablierte sich als elementares Werkzeug bei Datenerhebung und Vermittlung. Vor der Publikation statist. Materials in grösserem Umfang schreckte man im Ancien Régime jedoch zurück, weil Bevölkerungsangaben zu den Informationen gehörten, welche die Staaten der Geheimhaltung unterwarfen. Die helvet. Volkszählung 1798-1800 und die kant. Volkszählungen von 1836-38 waren direkte Vorläufer der eidg. Bevölkerungsstatistik.

Titelseite der Originalausgabe der Statistica della Svizzera von 1827 des Tessiners Stefano Franscini (Schweizerische Nationalbibliothek).
Titelseite der Originalausgabe der Statistica della Svizzera von 1827 des Tessiners Stefano Franscini (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Der Übergang in die dritte, statist. Periode ist durch die Schaffung eigenständiger statist. Büros geprägt. Mit zunehmendem Bedarf an statist. Informationen und der Verwissenschaftlichung wurden Erhebung und Analyse von Daten institutionalisiert und vereinheitlicht. Während in der 1. Hälfte des 19. Jh. in zahlreichen europ. Ländern Statistikdienste geschaffen wurden, verpassten Bund und Kantone zunächst den Anschluss. Noch um 1850 bestand die amtl. S. in der Schweiz hauptsächlich aus den amtl. Publikationen einiger Kantone und Städte, halboffiziellen Broschüren und fragmentar. Aufzeichnungen. In Bezug auf die Institutionalisierung nahm der Kt. Bern mit dem 1856 eingerichteten Statist. Bureau eine Vorreiterrolle ein. Auf eidg. Ebene bildete die Gründung des Bundesstaats die Zäsur. Das Eidg. Departement des Innern baute ab 1849 unter der Leitung von Bundesrat Stefano Franscini den Geschäftszweig S. auf und schuf damit die Voraussetzungen, um u.a. 1850 die erste eidg. Volkszählung durchzuführen. 1860 wurde das Eidg. Statist. Bureau geschaffen, aus dem 1928 das Eidg. Statist. Amt (Esta, seit 1979 Bundesamt für S., BFS) hervorging. Mit der Thematisierung der Sozialen Frage in der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde die S. endgültig zum Mittel sozialpolit. Auseinandersetzung (Sozialenqueten). Das Nebeneinander von Bundesstatistik und kant. S. führte mit der Zeit zum Rückzug der Kantone aus den bundesstaatl. Bereichen, v.a. der Demografie. Das Esta erweiterte in den folgenden Jahrzehnten stetig seinen Wirkungskreis und übernahm Erhebungen anderer staatl. Einrichtungen. Die zahlreichen kant. und städt. statistischen Ämter, die v.a. in der Zwischenkriegs- und der Nachkriegszeit entstanden waren, beschäftigten sich unter dem Eindruck wirtschaftl. Wachstums und zunehmender Zuwanderung mit der regionalen Entwicklung des Arbeits- und Wohnungsmarkts sowie mit bildungs- und gesundheitspolit. Fragestellungen.

Eine Seite über die Bevölkerung in den Kantonen nach Konfessionen und Muttersprache aus dem Graphisch-statistischen Atlas der Schweiz, herausgegeben vom Statistischen Bureau des eidgenössischen Departements des Innern, anlässlich der Landesausstellung 1914 in Bern (Privatsammlung).
Eine Seite über die Bevölkerung in den Kantonen nach Konfessionen und Muttersprache aus dem Graphisch-statistischen Atlas der Schweiz, herausgegeben vom Statistischen Bureau des eidgenössischen Departements des Innern, anlässlich der Landesausstellung 1914 in Bern (Privatsammlung). […]

Seit Mitte der 1980er Jahre zeichnet sich als vierte Entwicklungsphase der Übergang zum System der öffentl. S. ab. Die Grundlage dafür bilden das Bundesstatistikgesetz von 1992 und die Verankerung der bundesstaatl. S. in der Bundesverfassung 1999 (Art. 65). Verantwortlich für die Koordination der gesamten Bundesstatistik ist das BFS (inklusive der Führung von bereichs- und amtsübergreifenden Klassifikationen und Nomenklaturen). Die Bundesstatistik umfasst rund 40 Bundesstellen und eigenständige Institutionen (z.B. Schweiz. Bauernverband), die Daten erheben und analysieren. Die regionalen statist. Ämter wirken als Intermediäre zwischen BFS und den Erhebungsstellen (z.B. Gem.) und sind in der Konferenz der regionalen statist. Ämter der Schweiz (Korstat) organisiert. Inhaltlich ist die vierte Periode durch den verstärkten Einsatz von Zufallsstichprobenerhebungen (im Gegensatz zu Vollerhebungen), der damit einhergehenden methodolog. Nähe zur akadem. S., der Verwendung von Verwaltungs- und Registerdaten und v.a. durch eine intensivierte Partizipation an international koordinierten Erhebungsystemen (z.B. Schweiz. Arbeitskräfteerhebung, Pisa-Studie der OECD) charakterisiert. Die internat. Kooperation, die sich u.a. im 2007 in Kraft getretenen bilateralen Abkommen mit der EU niederschlug, soll die länderübergreifende Vergleichbarkeit der erhobenen Daten und Indices gewährleisten.

Die systemat. Zusammenstellung sämtlicher eidg. Erhebungen der amtl. S. seit 1848 bleibt wegen der Heterogenität der S.en und der grossen Anzahl involvierter staatl. Ämter wohl noch lange ein Forschungsdesiderat. Eine Analyse der wichtigsten Publikationen des Esta bzw. des BFS (v.a. ab 1862 die Lieferungen der "Schweiz. S." bzw. ab 1919 die "Schweizerischen Statist. Mitteilungen" und ab 1930 die "Statist. Quellenwerke der Schweiz" sowie ab 1891 das "Statist. Jahrbuch der Schweiz") lässt aber eine Prioritätenordnung erahnen: Zu den vorrangigsten Aufgaben gehörten seit 1860 Erhebungen zu Bevölkerungsstand und -bewegungen (Todesursachen seit 1871). Diese S.en wurden ab 1950 mit Daten zu Pendlerströmen, spezif. Tabellen zur Erwerbstätigkeit und ab 1970 mit Angaben über die Struktur von Privathaushalten angereichert. Parallel zu den Personenerhebungen wurden S.en zur Land- und Forstwirtschaft und dann auch zu Gewerbe und Industrie angefertigt (ab 1866 Viehzählungen, ab 1882 Erhebungen zur Wald- und Forstwirtschaft, ab 1905 Zählungen der gewerbl. Betriebe und Unternehmen, ab 1907 landwirtschaftl. Betriebszählungen sowie ab 1912 Arealstatistik und Anbauerhebungen). Für die Jahre 1882-1911 liegen Zählungen der Fabriken und zwischen 1923 und 1949 Ergebnisse der Fabrikstatistik vor. Daten zum Finanzhaushalt des Bundes sind erst für die Zeit nach dem 1. Weltkrieg erhältlich. Den Bereichen Aussenhandel (1851-77), Strassenverkehr (ab 1929), Gesundheit (ab 1930) und Tourismus (ab 1967) wurde in den Publikationen weit weniger Beachtung geschenkt. Nach ersten Versuchen in der Zwischenkriegszeit publiziert das Esta seit 1963-64 jährlich eine volkswirtschaftl. Gesamtrechnung (Nationale Buchhaltung). Ab 1926 wurde unter Aufsicht des Eidg. Arbeitsamts (später Biga) bzw. ab 1987 vom BFS der Landesindex der Konsumentenpreise publiziert (Konsumentenpreisindex). Ferner liegt eine Vielzahl von disparaten Themen und Einzelstudien vor. Unabhängig vom Esta bzw. BFS erstellten weitere Bundesbetriebe und -ämter spezif. S.en, so etwa die Eisenbahnstatistik (1869-1947), die "Annalen der Schweiz. Meteorolog. Zentralanstalt" (ab 1881), die S. des schweiz. Warenverkehrs mit dem Ausland (ab 1885), die Post- und Telefonstatistik (ab 1908) oder die Verkehrsstatistik (ab 1947). Neben den amtl. S.en hat die Geschichtsforschung auch Verwaltungs- und Registerdaten (z.B. militär. Rekrutierungsprotokolle) der Analyse zugänglich gemacht.

Quellen und Literatur

  • Verz. der Veröff. 1860-1975 / Eidg. Statist. Amt, 1976
  • Publikationsverz. / BFS, 1986-93
  • C. Pfister, «"Uss gewüssen Ursachen". Hintergründe und Methoden statist. Erhebungen im Kt. Bern 1528-1928», in SZG 45, 1995, 29-50
  • HistStat
  • J. Kupper, «Versicherungsmathematik und schweiz. Hochschulen», in Mitt. / Schweiz. Aktuarvereinigung 1998, H. 1, 33-51
  • H. Ritzmann-Blickenstorfer, 150 Jahre schweiz. Bundesstaat im Lichte der S., 1998
  • Wirtschafts- und Sozialstatistik der Schweiz, hg. von P. Bohley et al., 32000 (mit Bibl.)
  • 100 Jahre SAV, Schweiz. Aktuarvereinigung, 2005