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Nationale Buchhaltung

Ziel der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist es, die gesamte Wirtschaftstätigkeit eines Landes einschliesslich der Transaktionen mit dem Ausland im Verlauf eines Jahres zu erfassen und sie in aggregierter Form (auf makroökonomischer Ebene) in einem kohärenten statistischen Rahmen (Statistik) darzustellen. Sie ist zu einem unabdingbaren Instrument der Wirtschaftspolitik geworden.

Das Bedürfnis, die wirtschaftlichen Ressourcen einer Gesellschaft zu ermitteln, ist sehr alt; es tritt schon im 4. Buch Mose («Numeri») in Erscheinung. Erste systematische Untersuchungen stammen aus dem England des 17. Jahrhunderts, wo – gestützt auf die Arbeiten von William Petty oder Gregory King zur sogenannten politischen Arithmetik – approximative volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen entstanden. Im 18. Jahrhundert entwickelten die französischen Physiokraten, darunter François Quesnay, die Idee eines wirtschaftlichen Kreislaufs, d.h. der Interdependenz aller Teile des Wirtschaftssystems. Diese Kreislauftheorie ist die Grundlage der modernen nationalen Buchhaltung, welche die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, die Verteilung der Einnahmen (durch Produzenten, Staat oder Sozialversicherungen), die Ausgaben der Wirtschaftsakteure (Haushalte, Unternehmen, Staat) und die Vermögensbildung aufzeigt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lagen nur für einzelne Länder grobe Schätzungen des Volkseinkommens vor. Zu diesen zählte auch die Schweiz, deren erste makroökonomische Rechnungen aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert stammen (Bruttosozialprodukt, BSP). Diese meist inoffiziell und mit – je nach Autor – unterschiedlichen konzeptuellen Rahmen erstellten Rechnungen konnten nur schwer miteinander verglichen werden. Erst die Krise der 1930er Jahre führte zur Entstehung der modernen nationalen Buchhaltung dank der Arbeiten von Simon S. Kuznets oder Richard Stone vom National Accounts Research Unit der OECE. Unter der Leitung von Stone trug der ehemalige Mitarbeiter des Eidgenössischen Statistischen Amts (heute Bundesamt für Statistik, BFS), Ulrich Zwingli, 1950 zur Ausarbeitung des ersten internationalen Schemas einer nationalen Buchhaltung bei.

In der Schweiz wurden 1924 vom Eidgenössischen Statistischen Amt zum ersten Mal offizielle Daten aufbereitet, dann ab 1939 für die Jahre 1929-1938, aber nur aus der Perspektive der Einnahmen; ab 1941 wurden sie regelmässig publiziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese nationale Buchhaltung durch die Einführung neuer Aggregate und durch die Erstellung retrospektiver Reihen nach und nach ausgebaut. Doch zu Beginn der 1960er Jahre wurden – hauptsächlich dank der Forschungsarbeiten von Francesco Kneschaurek, Wilhelm Bickel und Gerald Hauser – die methodischen Grundlagen für die künftige nationale Buchhaltung der Schweiz geschaffen. 1963-1964 begann das BFS, eine Reihe moderner Jahresrechnungen zu publizieren, indem es gemäss einem dem Modell der OECD angepassten Schema gleichzeitig Einnahmen und Ausgaben erfasste; diese neuen Evaluationen betrafen die Jahre 1938 und 1948-1963; die Reihe wurde zwischen 1971 und 1976 revidiert. Das erste Produktionskonto wurde für das Jahr 1970 realisiert; ursprünglich fünfjährlich, wird es seit 1990 im Jahresrhythmus erstellt. Seit 1982-1983 weisen Vierteljahresrechnungen die Ausgaben aus. Auf regionaler Ebene sind seit 1965 makroökonomische Daten verfügbar, ebenso eine offizielle Jahresstatistik der Volkseinkommen der Kantone, die seit 1982 vom BFS in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (heute Seco) publiziert wird.

Die Benutzer der nationalen Buchhaltung der Schweiz kennen deren Schwächen (bei den Ausgaben wurde z.B. nicht zwischen nachhaltigen und nicht nachhaltigen Gütern und Dienstleistungen unterschieden); sie sind oft auf die mangelhaften Primärquellen zurückzuführen. Erst ab Ende der 1990er Jahre verwendete das BFS die europäische Norm ESVG 1978, die das von 1964 an bestehende System der OECD abgelöst hatte, und erstellte Satellitenkonti in den Bereichen Gesundheit, Tourismus, Umwelt und soziale Sicherheit. 2003 führte das BFS die ESVG 1995 ein.

Quellen und Literatur

  • StJ
  • Die Nationale Buchhaltung der Schweiz, 1985-
  • «Volkswirtschaftl. Gesamtrechnung», in Die Volkswirtschaft (Septembernummern)
  • L. Solari, Comptabilité nationale, 1965 (mit Bibl.)
  • Revidierte Reihen der Nationalen Buchhaltung der Schweiz 1948-1976, 3 Bde., 1977-78
  • Die Volkseinkommen der Kantone, 1986
  • StJ, 1993, 129-134
Weblinks

Zitiervorschlag

Jean-Christian Lambelet: "Nationale Buchhaltung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.02.2011, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013799/2011-02-15/, konsultiert am 03.12.2022.