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Agrarrevolution

Unter Agrarrevolution versteht man im Allgemeinen die Umstrukturierung der Landwirtschaft, die in England um 1700, im schweizerischen Mittelland – wie auf dem übrigen europäischen Kontinent – in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzte und sich zunächst bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinzog. Sie beinhaltete die Auflösung der kollektiv getragenen Dreizelgenwirtschaft (Zelgensysteme), eine erweiterte Fruchtwechselwirtschaft und eine stärkere Integration von Viehwirtschaft und Ackerbau. Kartoffeln und Futterklee wurden in die Fruchtfolge eingebaut. Die Stallfütterung des Viehs im Sommer ergab mehr Mist, und die neu in Gruben gesammelte Jauche trug dazu bei, dass nun systematisch grössere Flächen gedüngt werden konnten (Düngung). Damit wurden allmählich Brache und Allmend der intensiven Nutzung zugeführt, und die Flächenerträge stiegen generell. Die gesteigerte pflanzliche Produktion diente nicht nur der Ernährung der wachsenden und zunehmend gewerblich-industriell tätigen Bevölkerung, sondern auch der Fütterung eines wachsenden Viehbestands. Milchüberschüsse wurden in den im 19. Jahrhundert neu aufkommenden Talkäsereien verwertet. Die dabei anfallende Schotte ermöglichte zusammen mit Kartoffeln eine vermehrte Schweinehaltung. Die wachsenden Viehbestände lieferten wiederum mehr Dünger.

Die Agrarrevolution bildete eine wichtige Grundlage der Industriellen Revolution. Wie bei dieser spricht man auch im Agrarsektor vielfach von mehreren Revolutionen. Die oben beschriebene Entwicklung wäre dann als Erste Agrarrevolution zu bezeichnen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts setzte in dieser Terminologie die Zweite Agrarrevolution ein, die vor allem durch die Mechanisierung und den Einsatz von Kunstdünger gekennzeichnet ist. Mitte des 20. Jahrhunderts begann eine Dritte Agrarrevolution, ausgelöst vor allem durch chemische Schädlingsbekämpfungsmittel (Herbizide, Fungizide, Insektizide), wissenschaftliche Züchtung (Pflanzenzüchtung, Tierzucht) und eine vertiefte Mechanisierung. Die enorme Steigerung der Flächenerträge (die 1950-1985 mehr anstiegen als in den 150 Jahren zuvor) und mehr noch der Produktivität (deren Wachstum sich in der Nachkriegszeit vervielfachte) rechtfertigen auch vom zeitlichen Ablauf her den Ausdruck Agrarrevolution für diese Entwicklung, welche die schweizerische Landwirtschaft mehr und schneller verändert hat als alle vorangehenden Umwälzungen.

Quellen und Literatur

  • M. Lemmenmeier, Luzerns Landwirtschaft im Umbruch, 1983
  • C. Pfister, Klimagesch. der Schweiz 1525-1860, Bd. 2, 31988, 105-125
  • P. Bairoch, «Les trois révolutions agricoles du monde développé», in Annales: économies, sociétés, civilisations 44, 1989, 317-353
Weblinks

Zitiervorschlag

Werner Baumann: "Agrarrevolution", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.03.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013827/2011-03-23/, konsultiert am 13.04.2024.