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Subsistenzwirtschaft

Als Subsistenzwirtschaft wird eine Wirtschaftsweise bezeichnet, in welcher die Haushalte (bäuerliche Familienwirtschaften, auch herrschaftliche Haushalte) primär für den Eigenbedarf produzieren. Das bedeutet, dass Produktions- und Konsumgemeinschaften zusammenfallen und die gesellschaftliche Arbeitsteilung nur wenig ausgebildet ist. Subsistenzwirtschaft ist typisch für die vorindustriellen Gesellschaften; sie steht im Gegensatz zur kapitalistischen Marktwirtschaft der Industriegesellschaften, in welcher Güter und Dienstleistungen über den Markt verteilt werden. Subsistenzwirtschaft darf nicht mit wirtschaftlicher Autarkie, dem Zustand der Selbstversorgung einer ganzen Volkswirtschaft, gleichgesetzt werden.

Subsistenzwirtschaft in reiner Form existierte wohl zu keiner Zeit. Subsistenzorientierte Haushalte waren nämlich aus zwei Gründen keine geschlossenen Systeme: Erstens mussten sie gewisse Produkte wie Salz (für die Viehwirtschaft) oder Metallwaren fast überall ertauschen oder zukaufen. Zweitens waren sie – zumindest in historischer Zeit – in herrschaftliche Strukturen eingebunden und deshalb verpflichtet, Überschüsse für die Herrschaft zu produzieren. Wenn anstelle von Naturalabgaben solche in Geldform gefordert wurden, mussten Bauernbetriebe trotz grundsätzlicher Subsistenzorientierung für den Markt produzieren, um sich das notwendige Bargeld zu verschaffen.

Hinsichtlich Selbstversorgungsgrad gab es grosse Unterschiede zwischen den Agrarzonen. Als am weitesten von der Subsistenzwirtschaft entfernt gilt das vor- und nordalpine Gebiet, das sich seit dem Spätmittelalter zusehends auf die Produktion von Vieh, Butter und ab dem 16. Jahrhundert von Hartkäse für den Export spezialisiert hat und nur noch wenig Getreide anbaute. Wein und Getreide mussten importiert werden. Die weitgehende Aufgabe des Getreidebaus bedeutete allerdings nicht, dass im entsprechenden Ausmass Getreide eingeführt werden musste, da die Ernährung stark auf Milchprodukte, Obst und vom 18. Jahrhundert an auf Kartoffeln ausgerichtet war. Die Korn- und die Feldgraswirtschaftsgebiete der Schweiz waren bis zur Agrarmodernisierung im 19. Jahrhundert stark subsistenzwirtschaftlich geprägt. Im Wallis und in den anderen inneralpinen Trockenzonen, in welchen das bäuerliche System bis ins 20. Jahrhundert auf der Verbindung von Ackerbau und Viehwirtschaft beruhte, hielt sich die Tendenz zur Subsistenzwirtschaft am längsten.

Das Dorf Saint-Luc. Fotografie von Charles Krebser, um 1920 (Mediathek Wallis, Martigny).
Das Dorf Saint-Luc. Fotografie von Charles Krebser, um 1920 (Mediathek Wallis, Martigny). […]

Der Subsistenzgrad differierte auch nach Schichtzugehörigkeit. Am grössten war er im Allgemeinen bei Bauern mit mittleren Höfen, die ihre Familie in normalen Zeiten selbst versorgen konnten. Sie hatten eine niedrige Marktquote und traten nur in bescheidenem Mass als Käufer in Erscheinung. Angehörige der unterbäuerlichen Schichten waren als Lohnarbeiter und als Käufer vorwiegend agrarischer Produkte in den lokalen Markt eingebunden. Grossbauern erzielten hohe Überschüsse, die sie besonders in Teuerungsjahren mit grossem Gewinn verkaufen konnten.

Der wirtschaftliche Aufschwung des Hochmittelalters mit Städtegründungen und der Wiederbelebung des Handels gilt als Beginn eines langfristigen, in seinen Ausmassen allerdings schwierig einzuschätzenden Prozesses der Kommerzialisierung. Mediävisten stellen eine allmähliche Durchsetzung der Verkehrs- und Geldwirtschaft fest. Als Indiz dafür gilt in der Schweiz die starke Zunahme der Marktorte vom 13. bis 17. Jahrhundert (Agrarmarkt). In der frühen Neuzeit erzwang die markante Agrarverschuldung eine gewisse Integration in den Markt. Um die Schuldzinsen zu bezahlen, mussten die Bauern nicht nur Überschüsse erzielen, sondern diese auf dem Markt gegen Bargeld eintauschen. Zurückgedrängt wurde die Subsistenzwirtschaft ebenso durch die Protoindustrialisierung. Heimarbeiter verfügten über Einkommen und konsumierten agrarische und gewerbliche Produkte. Regionen mit verdichtetem Gewerbe waren schon im 18. Jahrhundert von Getreideimporten aus Nachbarregionen abhängig. Trotz dieser Entwicklungen muss man für die frühe Neuzeit insgesamt von einer Mischform von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft ausgehen. Für den Grossteil der Bevölkerung blieb die Deckung des Eigenbedarfs Ziel des wirtschaftlichen Handelns. Erst Agrarmodernisierung und Industrialisierung verhalfen der Marktwirtschaft zum Durchbruch, wodurch selbst die Bauern als der am stärksten subsistenzwirtschaftlich eingestellte Teil der Bevölkerung allmählich zu gewinnorientierten Unternehmern und zu Nachfragern von Konsum- und Produktionsgütern wurden.

Quellen und Literatur

  • Strategien von Subsistenzökonomien, 1986
  • J. Mathieu, Eine Agrargesch. der inneren Alpen, 1992, 56-65
  • A. Schnyder-Burghartz, Alltag und Lebensformen auf der Basler Landschaft um 1700, 1992, 141-152
  • Pfister, Bern, 166-173
  • A. Radeff, Du café dans le chaudron, 1996
Weblinks

Zitiervorschlag

Edwin Pfaffen; Andreas Ineichen: "Subsistenzwirtschaft", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.07.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013835/2012-07-20/, konsultiert am 13.04.2024.