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Manufaktur

Fayencerie. Illustration in der Encyclopédie d'Yverdon, 4. Tafelband, 1775-1780 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
Fayencerie. Illustration in der Encyclopédie d'Yverdon, 4. Tafelband, 1775-1780 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne). […]

Die Manufaktur war ein zentralisierter Eigenbetrieb eines Unternehmers im Zeitalter der Protoindustrialisierung, im Gegensatz zum auf Heimarbeit basierenden Verlagssystem. In der Schweiz entstanden Manufakturen insbesondere in der Textilindustrie, vereinzelt auch in der Uhrenindustrie und in der Herstellung von Keramik. Der Unternehmer kontrollierte die verwendete Technologie, die Art der Produkte und den Arbeitsrhythmus. Im Vergleich mit der Fabrik des 19. Jahrhunderts war die Produktion der Manufaktur des 17. und 18. Jahrhunderts noch wenig mechanisiert. Wo mechanische Komponenten Einzug hielten, wurden immer noch einzelne Werkstücke von Hand gefertigt. Die Herauslösung der Arbeitskräfte aus der Hauswirtschaft brachte einen Zeitaufwand für Arbeitswege mit sich und verunmöglichte die flexible Arbeitsaufteilung zwischen Landwirtschaft und Gewerbe. Die Manufakturarbeit musste also vergleichsweise hoch entlöhnt werden; dennoch wurden für die meisten Tätigkeiten Mitglieder der untersten sozialen Schichten rekrutiert. Die Fertigung in Manufakturen lohnte sich daher nur für Arbeitsgänge mit hoher Arbeitsproduktivität. Ende des 18. Jahrhunderts machten die Manufaktur-Arbeiter vermutlich nur etwa 5% der protoindustriellen Arbeitskraft in der Schweiz aus.

Branchen

Die Seidenzwirnerei (Seide) wurde in der Schweiz lange mit von Menschenkraft betriebenen Mühlen alla milanese durchgeführt. In Zürich, nicht aber in Genf und Basel waren die Mühlen in den Häusern der städtischen Kaufleute, vorwiegend im Dachgeschoss, untergebracht. Gewichtige Unternehmer konnten gegen zehn Mühlräder besitzen. Die Seidenzwirnerei beschäftigte insgesamt etwa 300 Lohnarbeiter. Um 1780 wurden in Zürich zwei hydraulische Filatorien alla bolognese gegründet, die als frühe mechanische Betriebe anzusehen sind.

Das Kämmen von Wolle wurde in Zürich durch das Erhitzen des Vlieses auf Öfen vorbereitet. Die Unternehmer besassen in der Stadt eigene Kämmstuben, die während der maximalen Ausdehnung des Wollgewerbes im frühen 18. Jahrhundert bis zu 25 Öfen mit je vier Arbeitern umfassten. Zu dieser Zeit waren wohl über 1000 Kämmler in diesem Arbeitsgang tätig. In Genf wurde das Vlies von Mitte 16. bis Mitte 17. Jahrhundert mittels Öl geschmeidig gemacht. Die marchand-drapiers beschäftigten die Kämmler ebenfalls in ihrem Eigenbetrieb, doch ist über die Zahl dieser Beschäftigten nichts bekannt.

Die Zürcher Seidenstoffweberei und die Genfer Seidenstrumpfweberei wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Manufaktur von weitgehend selbstständigen Webmeistern betrieben. Diese verfügten durchschnittlich über 20-30 Webstühle.

Vom späten 17. Jahrhundert an entwickelte sich die Indiennedruckerei (Zeugdruck) zur bedeutendsten in Manufakturen betriebenen Branche in der Schweiz. Die grossen Manufakturen umfassten 500 und mehr Arbeitskräfte; in der Schweiz arbeiteten Ende 18. Jahrhundert ca. 10'000 Personen in diesem Sektor. Die Arbeit war hoch differenziert: Die Elite der Arbeitskräfte bildeten Zeichner und Stecher. Den Hauptharst stellten die Drucker, die leichtere Druckarbeiten verrichtenden rentreuses sowie die Kolorierarbeiten durchführenden pinceleuses. Drucker und rentreuses liessen sich wiederum von Kindern helfen. Schliesslich wurden für die vielfältigen Nebenarbeiten wie das Waschen der Stoffe, das Trocknen, Mangeln, Steifen, Glätten usw. zahlreiche Hilfskräfte angestellt. Angesichts der mit dem Betrieb solcher Manufakturen verbundenen organisatorischen Leistung, der starken internationalen Verflechtung, der hohen vertikalen Integration einzelner führender Unternehmen und des gleichzeitigen Engagements im Fernhandel sowie in Finanzgeschäften stellte die Indiennedruckerei das dynamischste und innovativste Segment des Baumwollgewerbes dar (Baumwolle).

Arbeitskräfte

Die Manufakturarbeiter beiderlei Geschlechts bildeten eine frühproletarische randständige Unterschicht mit eigenen Lebens- und Assoziationsformen, die für Unternehmer und Obrigkeiten ein Kontrollproblem darstellten. Die Wollkämmler in Zürich übertünchten den Gestank des angesengten Vlieses durch permanenten Tabakkonsum und tranken exzessiv Alkohol. Die Manufaktur-Arbeiter bauten ausserhalb der überkommenen dörflichen und zünftigen Strukturen eigenständige soziale Netze auf; die 1756 in Bern gegründete erste Kranken- und Sterbekasse in der Schweiz war für Indiennedrucker bestimmt. Manufaktur-Arbeiter fielen durch alltägliche Kleinkriminalität auf und zeigten Ansätze zu kollektivem Handeln, wie dem gemeinsamen Wechsel des Arbeitsgebers sowie der Androhung und vereinzelt auch der Durchführung von Streiks, wie 1734 in Genf oder 1794 in Basel.

Quellen und Literatur

  • P. Caspard, La Fabrique-Neuve de Cortaillod, 1979
  • U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
  • Proto-Industrialisierung in Europa, hg. von M. Cerman, S.C. Ogilvie, 1994
Weblinks

Zitiervorschlag

Ulrich Pfister: "Manufaktur", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013881/2009-10-27/, konsultiert am 17.05.2022.