de fr it

Wertpapiere

Wertpapiere oder Wertschriften sind Instrumente des geschäftlichen Verkehrs sowie rechtliche Konstrukte. Ein Wertpapier ist eine Urkunde, mit der ein Recht auf Eigentum oder auf ein Guthaben verknüpft ist, das gemäss Schweizerischem Obligationenrecht (OR) mit ihr geltend gemacht werden kann. Der Begriff stammt aus der Zeit, da Wertpapiere noch physisch gedruckt wurden. Wechsel und Schecks dienen dem Zahlungsverkehr, Obligationen und Aktien werden auf dem Kapitalmarkt verwendet. Seit Ende 20. Jahrhundert sind weitere Typen von Wertpapieren entstanden. Wertpapiere werden sowohl von öffentlichen Körperschaften wie Staaten, Kantonen oder Gemeinden als auch von privaten Gesellschaften ausgegeben, um Liquidität zu gewinnen.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Im 12. Jahrhundert erhielt der Wechselbrief im Zusammenhang mit dem Fernhandel grosse Bedeutung. Frühe Wertpapiere entstanden im Mittelalter in Bezug auf Bodenrechte, so etwa die Gült. In der Schweiz ist der Wechsel in Verbindung mit den grossen Handelsmessen von Genf ab dem 13. Jahrhundert und Zurzach ab dem 14. Jahrhundert belegt. Der Scheck ist ein reines Bankzahlungsmittel und basiert auf einem Bankkonto. Eine der ältesten bekannten Obligationen der Schweiz ist ein Anleihevertrag von 1545, den Kaufleute aus Basel, Luzern, Solothurn und Rheinfelden mit Adligen in Savoyen eingingen. Die Aktie entwickelte sich im Rahmen des Überseehandels, in dem sich Schweizer Kaufleute bedeutend beteiligten. Einen ersten Durchbruch dieses Wertpapiers bzw. der Kapitalgesellschaft brachte um 1600 die Erfindung der auf den Aktienwert beschränkten Haftung der Teilhaber. Mit der niederländischen Ostindien-Kompanie wurde 1602 in Amsterdam die erste moderne Aktiengesellschaft gegründet. Die früheste belegte Aktiengesellschaft der Schweiz ist die Gesellschaft Canal d'Entreroches von 1637 (Entreroches-Kanal). Die älteste noch bestehende Aktiengesellschaft der Schweiz ist das Hôtel de Musique in Bern. Die Gesellschaft wurde 1767 zum Bau des ersten Berner Stadttheaters gegründet. Die Aktiengesellschaft war eine bevorzugte Form zur Unterstützung kultureller oder sozialer Unternehmungen. Auch in Zürich gab es ein Aktientheater, das 1856 auch als erstes Börsenlokal diente. Die erste Aktiengesellschaft der Industrie war 1801 die Baumwollen-Spinnerey-Gesellschaft in St. Gallen.

Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart

Aktien und Obligationen

Zehn Aktien im Wert von je 500 Franken der Schweizerischen Nationalbank vom 6. Juni 1907 (Schweizerisches Nationalmuseum).
Zehn Aktien im Wert von je 500 Franken der Schweizerischen Nationalbank vom 6. Juni 1907 (Schweizerisches Nationalmuseum).

Der junge Bundesstaat gab gleich nach seiner Gründung 1848 seine erste Staatsobligation heraus. Diese sollte die Kosten des Sonderbundskriegs decken. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Schweizer Staatsanleihen als sogenannte Eidgenossen bekannt. Die ältesten privaten schweizerischen Kapitalgesellschaften basierten auf dem Gewohnheitsrecht. In der Schweiz gab es ab den 1820er und 1830er Jahren mehrere kantonale Wirtschaftsgesetze, wobei sich diese zum Teil sehr nahe an den französischen Code de Commerce von 1807 anlehnten. Erst 1881 wurde das schweizerische OR und damit eine einheitliche Gesetzesgrundlage für den Geschäftsverkehr in der Schweiz geschaffen. 1836 entstand die erste Bankaktiengesellschaft der Schweiz, die Bank in Zürich. Mit dem Aufkommen der Geschäftsbanken veränderten sich die Gepflogenheiten bezüglich Handel und Verwahrung von Wertpapieren. Sie wurden bei den Banken ins Depot gelegt und verwaltet. In der Schweiz gibt es seit etwa den 1870er Jahren Hinweise auf Depotgeschäfte der Banken. Die Übertragung von Wertpapieren war lange Zeit sehr umständlich.

Die Gründung der Schweizerischen Effektengiro AG

Der Aufschwung des Wertpapierhandels nach dem Zweiten Weltkrieg machte rationellere Methoden nötig. 1970 gründeten Schweizer Banken als Gemeinschaftsunternehmung die Schweizerischen Effektengiro AG (SEGA, heute SIX SIS). Die Banken hielten einen Teil ihrer Wertpapiere bei der SEGA in sogenannter Sammelverwahrung. Mit dieser Immobilisierung erforderte eine Titellieferung nurmehr eine Umbuchung bei der SEGA. Dies erhöhte nicht nur die Effizienz, sondern verminderte auch die Risiken der Titellieferung.

Bereits in den 1930er Jahren waren mit dem Pfandbrief und dem Anlagefonds neue Arten von Wertpapieren eingeführt worden. In den 1950er und 1960er Jahren kamen Wandelanleihen, Optionsanleihen und Partizipationsscheine auf. Als Folge der Ölkrise der 1970er Jahre stellten zahlreiche Gesellschaften von Inhaberaktien auf zum Teil vinkulierte Namenaktien um. Viele Neuerungen im Bereich der Obligationen entstanden aus dem boomenden Eurobondmarkt der 1980er Jahre. Um die Sicherheit der Wertpapiere angesichts der rasch wachsenden Volumina aufrechtzuerhalten, wurden 1976 die Druckvorschriften für Wertpapiere erneuert und den modernen technischen Möglichkeiten angepasst. Eine weitere Anpassung dieser Vorschriften erfolgte 1985. Als zu Beginn der 1970er Jahre das System fixer Wechselkurse auseinanderbrach, wurden die Finanzderivatkontrakte entwickelt. Die Banken brachten vielerlei neue Derivate hervor, ab den 1990er Jahren auch die sogenannten strukturierten Produkte. In den 1980er Jahren setzte eine Welle von Verbriefungen ein, die Schaffung von Wertpapieren aus Forderungen oder Eigentumsrechten. Zahlreiche neuartige Wertpapiere entstanden auf der Basis von Hypotheken-, Kredit- oder Versicherungsportefeuilles.

Die Entwicklung des Wertrechts

Immer häufiger wurden Wertpapiere nach dem aufwendigen Sicherheitsdruck direkt bei der SEGA eingeliefert und von dort nach ihrem Verfall zur Aktenvernichtung gebracht. Eine Dematerialisierung der Wertpapiere drängte sich auf. In der Schweiz ging man 1988 zunächst zum aufgeschobenen Titeldruck über. Mit dem Inkrafttreten des Bucheffektengesetzes erfolgte 2010 eine grundsätzliche Neuregelung des Wertpapierrechts, die sich jedoch an ähnliche Regelungen der Nachbarländer anlehnte. Nebst dem Wertpapier als Urkunde wurde zusätzlich das Wertrecht auf einen Bucheintrag im OR verankert. Seit dieser Neuerung haben Firmen die Möglichkeit, statt Wertpapiere Wertrechte zu verkaufen. Diese Wertrechte sind zwar ein Vermögensobjekt, können aber nicht mehr physisch behändigt werden. Der Handel wurde auf die virtuelle Ebene verlegt. Die Ausbreitung der Derivate, die in der Regel nur kurze Laufzeiten haben, spielte dabei eine wesentliche Rolle. Ältere Wertpapiere hatten zu Beginn des 21. Jahrhunderts oft Sammlerwert, das Museum Wertpapierwelt in Olten stellt besondere Exemplare aus.

Quellen und Literatur

  • R.T. Meier, T. Sigrist, Der helvet. Big Bang, 2006
  • G. Krneta, Als Aktionäre noch Abenteurer waren, 2010
Weblinks

Zitiervorschlag

"Wertpapiere", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.01.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013895/2015-01-11/, konsultiert am 17.01.2022.