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Erwerbstätigkeit

Erwerbstätige stehen als Arbeitnehmer in einem Arbeitsverhältnis, führen als Unternehmer, Gewerbetreibende oder Landwirte einen Betrieb oder üben einen freien Beruf aus. Entscheidend ist dabei die Ausrichtung auf den Erwerb. Nur die im Sinne der Nationalen Buchhaltung produktive Arbeit gilt als E., nicht aber die Subsistenzwirtschaft - heutzutage v.a. die Hausarbeit -, unbezahlte Nachbarschaftshilfe und ehrenamtl. Funktionen. Keine Rolle spielt dagegen, ob die Tätigkeit - wie bei Heimarbeit, Kleingewerbe (Handwerk) und Landwirtschaft - im eigenen Haus, in anderen Haushalten - wie bei Dienstbotinnen (Gesinde) - oder in einem speziell dazu eingerichteten Betrieb ausgeübt wird.

Vollerwerbstätige arbeiten definitionsgemäss während mind. 90% der normalen Arbeitszeit, Teilerwerbstätige und Kurzarbeiter während mind. einer Stunde pro Woche. Das Entgelt kann in versch. Form erfolgen: als Geld (Lohn), Ware oder Dienstleistung, z.B. Kost und Logis. Erwerbstätige und Erwerbslose (Arbeitslosigkeit) bilden zusammen die Menge der Erwerbspersonen. Zur erwerbsfähigen Bevölkerung werden in der Regel die 15- bis 65-jährigen Personen gerechnet, darunter auch jene, die weder dauernd oder vorübergehend einer E. nachgehen noch - wie Schüler, Studierende, Hausfrauen und Arbeitsunfähige - eine solche anstreben.

Erst mit der Industrialisierung erlangte die E. entscheidende gesellschaftl. Bedeutung. Als Lebensmittel und andere Güter für den Markt produziert und Arbeitskräfte über diesen vermittelt wurden, differenzierte sich die Arbeit in Subsistenz- und Erwerbsarbeit aus. Letztere ist aber bis heute auf Ergänzung durch Arbeit im und für den Haushalt angewiesen, besonders zur phys. und sozialen Reproduktion der Erwerbstätigen und zur Unterstützung in Notlagen. Noch bis weit ins 20. Jh. besass die Familienwirtschaft (Familienbetriebe) v.a. in Landwirtschaft und Gewerbe ein beachtl. Gewicht, weil sie den Arbeitsaufwand nicht in erster Linie an der Marktlogik ausrichtet und deshalb auch unter schlechten Rahmenbedingungen seltener aufgegeben werden muss.

In der modernen kapitalist. Arbeitsgesellschaft dient E. als wichtigste Quelle für das Einkommen; sie bildet die Lebensgrundlage. Sie prägt darüber hinaus das Welt- und Selbstbild der Menschen, ermöglicht die Entwicklung sozialer Identität und legitimiert soziale Ungleichheit und Sicherheit. Das Eingebundensein ins und die Orientierung am Erwerbsleben sind trotz anhaltender und zunehmender Arbeitslosigkeit und Wertewandel sehr hoch geblieben: in ökonom. Hinsicht wegen des Einkommens, in sozialer wegen des Sozialstatus, in lebensweltlicher wegen Arbeitszeit, -ort und Selbstwertgefühl. Schliesslich sind Unfallversicherungen, AHV und Pensionskassen (Sozialversicherungen) ganz oder teilweise auf der E. aufgebaut; weil jedoch das Normalarbeitsverhältnis als Grundlage dient, ergeben sich für nicht regelmässig voll Erwerbstätige und v.a. für erwerbslose Personen gewichtige Nachteile.

Seit 1870 liefern die Volkszählungen einigermassen solide Daten zur E. Das Bundesamt für Statistik (BFS) richtete 1977 durch Sekundärauswertung von anderen Datensätzen eine personenorientierte Erwerbstätigenstatistik (ETS) ein, die bis 1960 zurückreicht. Seit 1991 ermöglicht die Schweiz. Arbeitskräfteerhebung (Sake) eine eingehendere Analyse des Erwerbsstatus. Die 1925 vom Biga (heute im EVD) eingerichtete und 1987 vom BFS übernommene Beschäftigungsstatistik (Besta) dagegen beruht nicht auf einem Personen-, sondern auf einem Stellenkonzept; sie macht von Betrieben des 2. und des 3. Sektors Stichproben.

Erwerbstätige und Erwerbsquoten 1900-2000
Erwerbstätige und Erwerbsquoten 1900-2000 […]

Seit dem späten 19. Jh. werden versch. Aspekte der E. zur Charakterisierung von Wirtschaft und Gesellschaft benützt. E. stellt allerdings für die Statistik nicht eine feste Grösse dar wie etwa Geschlecht oder Nationalität. Vielmehr wurden im Lauf der Zeit die statist. Kriterien geändert, was v.a. bei der Erfassung von mitarbeitenden Familienmitgliedern oder etwa Dienstbotinnen zu erhebl. Verzerrungen führen kann. Insbesondere die Frauenerwerbsarbeit wurde von den Volkszählungen lange unterschätzt. Zudem wird die Gesamtheit der Erwerbstätigen, d.h. auch die Teilzeitbeschäftigten, erst seit 1960 erfasst.

Statistisch kann u.a. der sektorale Wandel aufgezeigt werden, wobei für die 1. Hälfte des 19. Jh. nur grobe Schätzungen vorliegen. Bis 1850 beanspruchte der 1. Sektor - Landwirtschaft sowie Gartenbau, Forstwirtschaft, Fischerei und Jagd - die Mehrheit der Erwerbstätigen. Allerdings gehörte die landwirtschaftl. Produktion noch in beträchtl. Masse zur Subsistenz- und nicht zur Erwerbswirtschaft. Ab 1850 sank der Anteil des 1. Sektors unter 50%, und um 1880 wurde er vom aufstrebenden 2. Sektor - Industrie und Gewerbe - überholt. In der Folge verlor der 1. Sektor ständig an Gewicht. 1900 zählte er noch 30%, 1950 noch 16% und im Jahre 2000 nur noch knapp 4% der Erwerbspersonen.

Der 2. Sektor, der wegen der Heimarbeit bereits im Ancien Régime eine beachtl. Grösse erreicht hatte, wuchs bis Mitte der 1960er Jahre auf ein Maximum von fast 1,5 Mio. Erwerbspersonen an. Sein relatives Gewicht lag vom letzten Drittel des 19. Jh. bis zum Ende des 2. Weltkriegs immer in der Grössenordnung von 40-45%. In der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit erreichte der 2. Sektor vorübergehend rund 50%, um dann bis 2000 wieder auf 26,1% zu schrumpfen.

Der Dienstleistungssektor, den allerdings die Volkszählung erst seit 1970 gesondert ausweist und den für die vorangegangene Zeit die nach Abzug des 1. und 2. Sektors verbleibende Grösse nur annähernd beschreibt, hat ein ständiges Wachstum erlebt. Grobe Schätzungen gehen für die 1. Hälfte des 19. Jh. von ca. 10% der Beschäftigten aus, die in ihm tätig waren; 1900 waren es 25%, 1950 bereits über 35%. Gemäss Besta überholte der Dienstleistungssektor 1972 den 2. Sektor, übertraf 1975 die 50%-Marke und erreichte 2001 69,4%.

Wichtigster nichtlandwirtschaftl. Wirtschaftszweig blieb bis in die 1920er Jahre die mehrheitl. Frauen beschäftigende Textilindustrie, die um 1880 mit ca. 180'000 Erwerbstätigen ihr Maximum erreichte und noch 1900 einen Viertel des 2. Sektors ausmachte. Dabei verlagerte sich das Schwergewicht im letzten Drittel des 19. Jh. von der lange dominierenden Baumwoll- zur Seidenindustrie und nach der Jahrhundertwende zur Stickerei. Im späten 19. Jh. zählten die Erwerbsgruppen Bekleidung, Baugewerbe und Hauswirtschaft je um die 100'000 Erwerbstätige. Seit 1930 dominiert der Handel vor dem Baugewerbe. Die Maschinenindustrie besass ebenfalls lange grosses Gewicht, während das breite Wachstum beschäftigungsintensiver Wirtschaftszweige wie Gesundheits- und Sozialwesen, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Dienstleistungen für Unternehmer, Gastgewerbe und Unterrichtswesen ins letzte Drittel des 20. Jh. fällt.

Eine zentrale Grösse zur Charakterisierung des Erwerbslebens ist die Erwerbsquote; sie misst den Anteil der Erwerbspersonen. Als Bezugsgrössen dienen die ständige Wohnbevölkerung (Bruttoerwerbsquote), die erwerbsfähige Bevölkerung (Nettoerwerbsquote) oder ausgewählte Segmente davon wie etwa Frauen oder Ausländer. Die erstaunlich stabile Bruttoerwerbsquote der gesamten Bevölkerung schwankte 1870-1990 zwischen 45-50% und überstieg in der Folge die 50%-Marke nur leicht. Sie gilt aber nicht für alle in gleichem Masse, sondern differiert nach Nationalität und Geschlecht. Bei den Männern lag sie 1888-2000 immer zwischen 61 und 68%, bei den Frauen 1888-1960 zwischen 25 und 32%. Wie stark man die weibl. E. lange unterschätzt hat, zeigte sich 1960, als erstmals die Teilzeitbeschäftigung erfasst wurde. Bezieht man diese mit ein, so erhöhte sich 1960 die Erwerbsquote der Frauen von 27% auf 33%, die der Männer dagegen nicht einmal um 0,5%.

Erwerbsbeteiligung nach Alter 1970-2000
Erwerbsbeteiligung nach Alter 1970-2000 […]

Auch die Berücksichtigung der Nationalität ergibt klare Unterschiede. Während die Bruttoerwerbsquote der schweiz. Bevölkerung zwischen 42-48% schwankte, lag die der ausländischen bis Ende des 2. Weltkrieges zwischen 50 und 60%, dann bis Mitte der 1960er Jahre sogar zwischen 60 und 77% und anschliessend wieder zwischen 53 und 60%. Besonders ausgeprägt ist die Differenz bei den Frauen. Die Bruttoerwerbsquote der Ausländerinnen war in der Hochkonjunktur mehr als doppelt so hoch wie die der Schweizerinnen. Die Nettoerwerbsquote liegt wesentlich höher. Sie betrug 2000 für Männer 88% (brutto 60%), für Frauen 69% (45%), für Schweizer 79% (51%) und für Ausländer 74% (55%).

Nach ihrer Stellung im Erwerbsleben waren Erwerbspersonen bis weit ins 19. Jh. mehrheitlich Selbstständige oder mitarbeitende Familienmitglieder. Erstere, d.h. Alleinarbeitende und Arbeitgeber, machten aber schon 1888 nur noch 30% aus, 1950 noch 19%, im Jahr 2000 noch 12%. Bis 2000 waren gut vier Fünftel davon Männer. Mitarbeitende Familienmitglieder verloren zunehmend an Bedeutung und fielen von 13% im Jahr 1888 auf 6% (1950) und 2,6% (2000). Auch bei dieser Kategorie wies die Statistik bis 1960, als die Teilzeitarbeit berücksichtigt wurde, mehrheitlich Männer aus. Bei den unselbstständigen Erwerbspersonen bilden Arbeiter, Angestellte und Lehrlinge, zu denen auch mitarbeitende Familienmitglieder zählen, die weitaus bedeutendste Gruppe: 1888 waren es 62%, 1950 77% und 2000 85,4%. 1900-80 wurden Arbeiter und Angestellte unterschieden. In dieser Zeit hat sich das ursprünglich 7:1 betragende Verhältnis nahezu ausgeglichen. Die Dienstbotinnen stellten bis fast zur Mitte des 20. Jh. einen Zwanzigstel der Erwerbspersonen. Ausländer schliesslich spielten seit dem späten 19. Jh. eine wichtige Rolle. Die in der Schweiz wohnhaften Ausländer machten mit Ausnahme der Jahre vor, während und nach dem 2. Weltkrieg immer über 10%, um 1970 sogar über 20% aus. Dazu kamen meist noch Grenzgänger und Saisonniers. Letztere stockten die Zahl der Erwerbstätigen in den Sommermonaten der 1960er und 70er Jahre um bis zu 7% auf.

Die E. erreichte den Höhepunkt ihrer Normierung und Verbreitung in der Hochkonjunktur nach 1950. Seit der Krise der 1970er Jahre nimmt die Vielfalt der Formen v.a. für unselbstständig Erwerbstätige zu: Neben der sog. Kettenarbeit, d.h. der Aneinanderreihung von befristeten Arbeitsverhältnissen, spricht man von Teilzeit-, Leih- und Temporärarbeit, von Heim- und Telearbeit. Zugenommen haben auch geringfügige und zeitlich befristete Beschäftigungen sowie selbstständig Erwerbende. Daraus ergeben sich - nicht selten geschlechtsspezifisch bedingt - neben Chancen wie vermehrter Zeitsouveränität und besserer Koordination der familiären und kulturellen Bedürfnisse v.a. für weniger Qualifizierte beträchtl. Risiken. Ihr Leben gestaltet sich aufgrund niedriger, kaum kontinuierl. Einkommen, unberechenbarer Beschäftigungsstabilität, ungenügendem sozialen Schutz und geringeren Karrierechancen immer prekärer.

Quellen und Literatur

  • F. Kneschaurek, «Wandlungen der schweiz. Industriestruktur seit 1800», in Ein Jahrhundert schweiz. Wirtschaftsentwicklung, 1964
  • Die Erwerbstätigensstatistik in den 80er Jahren, 1992
  • HistStat
  • N. Raemy, Terminologie im Bereich Erwerbsleben, 1997
  • R. Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage, 2000 (franz. 1995)