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Erwachsenenbildung

Unter E. verstehen wir organisierte, öffentlich zugängl. Veranstaltungen, in welchen sich erwachsene Menschen freiwillig mit berufl., wissenschaftl., sozialen, kulturellen, weltanschaulichen und künstlerischen Fragen auseinander setzen. Die E. ergänzt, vertieft und aktualisiert die schul. Erstausbildung, die in Kindesalter und Jugend erfolgt (Schulwesen). Sie dient der berufl. Weiterbildung, dem Erlernen freizeitlich nutzbarer Fähigkeiten und der Persönlichkeitsbildung. Historisch gesehen lässt sich ein Funktionswandel erkennen. Bis ins 19. Jh. ging es v.a. darum, dass Erwachsene die Grundausbildung nachholen konnten. Dieser Aspekt spielt auch heute noch eine wichtige Rolle (z.B. Kurse für funktionale Analphabeten). Gegenwärtig sind es aber der rasante Wandel und die sinkende Halbwertszeit des Wissens, welche die permanente Weiterbildung auch schulisch gut gebildeter Menschen notwendig machen. Der E. kommt dabei nicht nur die Aufgabe zu, Berufstätige an neue Anforderungen des Arbeitslebens anzupassen, sondern auch Orientierungshilfen zu bieten.

Erste Ansätze zur E. finden sich in den Bibliotheksgesellschaften, die im 17. Jh. gegründet wurden (1629 in Zürich, 1636 in Schaffhausen, 1660 in Winterthur). Regelmässige und organisierte E. betrieb die 1727 von Johann Jakob Bodmer gegründete Helvetische Gesellschaft auf der Schuhmachern in Zürich. An den wöchentl. Versammlungen wurden Vorträge gehalten, Streitfragen diskutiert und Bücher besprochen. In der 2. Hälfte des 18. Jh. entstanden in der ganzen Schweiz Lesegesellschaften. Diese waren zwar öffentlich, richteten sich aber hauptsächlich an den schon gebildeten, männl. Teil der Bevölkerung und nicht an das ganze Volk. Nur die 1760 von Suzanne Necker-Curchod, der Mutter von Germaine de Staël, gegründete Académie des Eaux in Lausanne nahm explizit auch Frauen auf.

Im Zusammenhang mit den physiokrat. Reformen wurden Ökonomische Gesellschaften gegründet, die neue landwirtschaftl. Methoden unter der bäuerl. Bevölkerung verbreiten wollten. Die 1759 entstandene Oekonom. und Gemeinnützige Gesellschaft des Kt. Bern erzielte mit ihren elf Zweigstellen im ganzen damaligen bern. Staatsgebiet eine breite Wirkung.

In der Helvetik versuchte Johann Heinrich Pestalozzi mit dem Helvetischen Volksblatt staatsbürgerl. E. zu betreiben. In den Wirtshäusern wurden Lesezirkel organisiert, in welchen den Dorfbewohnern beim abendl. Zusammensein die Zeitung vorgelegt, vorgelesen und mit ihnen diskutiert wurde. 1810 wurde die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft gegründet, die als erste gesamtschweiz. Institution der E. betrachtet werden kann. Der 1819 von Heinrich Zschokke gegründete Bürgerliche Lehrverein bot bereits Abendkurse im Sinne der heutigen E. an.

Wichtige Anstösse erhielt die E. in der Schweiz durch die Deutschen Arbeitervereine, deren Erster 1832 in Basel gegründet wurde. Nach anfänglich sehr aktiver polit. Betätigung wurde die Bildungsarbeit dieser Vereine 1836 stark eingeschränkt, ja z.T. überhaupt aufgegeben. In Genf wurde der Verein der dt. Handwerker 1839 zu einem Bildungs- und Unterrichtsverein umgestaltet. Es entstand eine eigentl. Handwerker-Akademie, an welcher in den Fächern Sprache, Rechnen, Geografie, Geschichte und Verfassungskunde systemat. Fortbildungsunterricht erteilt wurde. Parallel dazu wurde 1838, ebenfalls in Genf, der Grütliverein gegründet. Albert Galeer und v.a. Pestalozzis Mitarbeiter Johannes Niederer (1779-1843) wollten damit die nationale Einigung der Schweiz auf moralisch-erzieherische Weise erreichen. In einer "freien Männerschule" erhielten die Mitglieder dieses sich schnell über die ganze Schweiz verbreitenden Vereins in regelmässigen, für sie meist obligator. Bildungsveranstaltungen Unterricht in Sprachen, Gesang, Zeichnen und Staatskunde.

Neben der Arbeiterbildung entstanden in der Folge auch in anderen gesellschaftl. Bereichen Institutionen der E. 1860 wurden die ersten kaufmänn. Vereine gegründet, die sich 1873 zum Schweizerischen Kaufmännischen Verband zusammenschlossen. Sie nahmen sich der Ausbildung der Lehrlinge in den grossen Büros und der berufl. Weiterbildung ihrer Mitglieder an. Etwa gleichzeitig wurden auch die ersten Gewerbeschulen (Berufsbildung) aufgebaut, die bis heute zu den wichtigsten Institutionen der E. zählen. Im Jahre 1904 entstand der Schweizerische Katholische Volksverein. Er wollte durch seine Aktivitäten die christl. Erziehung in der Fam. und in der Volksbildung fördern und das wissenschaftl. und künstler. Leben im Geiste der kath. Kultur pflegen.

1910 wurde in Basel der erste schweiz. Staatsbürgerkurs durchgeführt, der bald in der ganzen Schweiz Nachahmung fand. 1915 trafen sich die Leiter dieser Kurse und gründeten einen Verein, aus welchem später die Schweiz. Staatsbürgerl. Gesellschaft hervorging. Auch die Frauenbildung nahm an Bedeutung zu. Einerseits wurde 1888 der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein gegründet, der insbesondere in der Mütterschulung aktiv war. Anderseits entstand aus der Mütterberatung die Abteilung "Mutter und Kind" der 1912 ins Leben gerufenen Stiftung Pro Juventute. Ebenfalls 1912 gründeten der Schweiz. Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokrat. Partei den Schweiz. Arbeiterbildungsausschuss (1922 Schweiz. Arbeiterbildungszentrale, 2001 Movendo - Bildungsinstitut der Gewerkschaften).

Plakat für die Migros Klubschule, gestaltet 1988 von Stephan Bundi (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für die Migros Klubschule, gestaltet 1988 von Stephan Bundi (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Nach dem Schock des Generalstreiks wurde in bürgerl. Kreisen der Ruf laut, die Arbeiterschaft durch Bildung besser in die nationale Gemeinschaft zu integrieren. Versch. Seiten forderten die Einrichtung von Volkshochschulen. Während den Volksbildungsheimen nur geringer Erfolg beschieden war, konnten sich die 1919 in den Städten Basel, Zürich, Luzern und Bern gegründeten Abendvolkshochschulen zu bewährten Institutionen entwickeln. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, dem Volk eine gewisse universitäre Bildung zu vermitteln. Es ist den Volkshochschulen aber nie gelungen, ihre Bildungsarbeit wesentlich über das angestammte bürgerl. Milieu hinauszutragen. In der Zwischenkriegszeit wurden in praktisch allen Kantonen von Stiftungen oder gemeinnützigen Vereinen getragene Volkshochschulen aufgebaut. 1944 erwuchs ihnen durch die Klubschulen der Migros grosse Konkurrenz. Bis Ende des 20. Jh. hat sich dieser private Anbieter zur grössten Erwachsenenbildungsinstitution des Landes entwickelt.

In der Nachkriegszeit expandierte die E. stark. Es bildete sich eine heterogene Trägerschaft von gemeinnützigen, gewinnorientierten und staatl. Bildungsveranstaltern heraus, wobei die privaten Anbieter klar dominierten. 1951 wurde die Schweiz. Vereinigung für E. gegründet, welche die Interessen der E. auf gesamtschweiz. Ebene und gegenüber dem Bund wahrnimmt. Weil in den letzten Jahrzehnten die grosse Bedeutung der E. erkannt wurde, verstärkten die Kantone die Förderung. Bern (1990) und Freiburg (1998) erliessen Erwachsenenbildungsgesetze. Die meisten Kantone ernannten Beauftragte für E. oder richteten Fachstellen ein, die Koordinationsaufgaben, Subventionszuteilungen und Qualitätssicherung übernahmen. Das finanzielle Engagement fällt ganz unterschiedlich aus: Hohe Beträge stellten 2001 Bern (14,5 Mio. Fr.), Genf (3,3 Mio.), Basel-Stadt (3,2 Mio.) und Tessin (2,5 Mio.) zur Verfügung. Einzelne Kantone treten auch als Anbieter im Bereich der E. auf: Genf und Zürich beispielsweise führen kant. Maturitätsschulen für Erwachsene, das Tessin bietet mit den Corsi per adulti Volkshochschulkurse im ganzen Kanton an. Neue Impulse gehen von den Fachhochschulen aus, zu deren gesetzlich vorgeschriebenem Auftrag auch die Weiterbildung gehört (grosses Angebot an Seminarien und Nachdiplomstudien). Hinsichtlich Kursinhalten dominieren bei der betriebl. Weiterbildung die Informatikkurse (vor Kaderkursen), bei der allg. Weiterbildung die Sprachen (vor dem Bereich Kunsthandwerk und Kultur).

Quellen und Literatur

  • Schweiz. Beitr. für die Datenbank "Eurybase - the Information Database on Education Systems in Europe", 2001, 132-151