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Harz

Baumharz war in vorindustrieller Zeit ein vielseitig genutzter Rohstoff. Es wurde auf zwei Arten gewonnen: Erstens aus dem lebenden Holz durch das Einsammeln von austretendem H. (Harztränen) aus künstl. und natürl. Rindenverletzungen harzhaltiger Bäume. Zweitens aus dem toten Holz durch das Aussieden (Schwelen und Destillieren) von harzreichen Wurzeln (v.a. Kiefernholz). Dabei wurde das H. durch Erhitzen des vor der Flamme geschützten Holzes zum Ausscheiden gebracht und in seine Bestandteile (dünnflüssige Teergalle und zähflüssiges Pech) zerlegt. Das gewünschte Endprodukt entstand durch weitere Erhitzungsprozesse (Läutern).

Je nach Verarbeitung diente H. als Grundstoff für Wagenschmiere und Imprägniermittel (für Holz, Seile, Teerjacken), als Dichtungsmittel (für Schiffe, Fässer), ferner als Schusterpech, als Klebstoff (für Schäfte von Geräten in prähist. Zeit) sowie als Basis für Salben, Seifen und Genussmittel (Kauen von H.). Es war auch wichtiger Bestandteil von Beleuchtungsmaterial (Pechfackeln und -kränze). An die Verwendung von H. auf der Vogeljagd erinnert der Begriff "Pechvogel", welcher an der Pechrute kleben blieb. Auch im Französischen ist der Begriff la poisse ein Synonym für Unglück.

Im Unterschied zu Skandinavien und zum Baltikum, wo H. in grossen Mengen produziert wurde (Schiffsbau), bildete die Harzgewinnung in der Schweiz nur ein Subsistenzgewerbe, das von ärmeren Bevölkerungsgruppen ausgeübt wurde. Die Harzer galten wie die Köhler als Randgruppe. Da sie ihr Produkt hausierend vertrieben und ihre Kleider mit dem penetranten Harzgeruch behaftet waren, bildeten sie das Ziel sprichwörtl. Spottes. Obrigkeitl. Einschränkungen des Harzens sind in den Schriftquellen ab 1500 fassbar. Sie dienten dem Schutz der Wälder, waren aber oft gegen landesfremde Harzer gerichtet. Als solche galten in der Deutschschweiz die sog. Calanker, Hausierer aus dem Calancatal und anderen Südtälern. An die einstige Tätigkeit der Harzer erinnern Flurnamen (u.a. Harzbrenni, Harzbrennibalm). Zwei Harzbrennereien sind 1985 in der Gem. Silenen archäologisch untersucht worden, die eine aus dem MA, die andere aus der Zeit um 1900.

Quellen und Literatur

  • S. Aubert, «A propos de l'antique extraction de la poix», in Schweiz. Zs.f. Forstwesen 85, 1934, 161-163
  • W. Meyer, «Harzgewinnung in Amsteg-Silenen», in Gfr. 140, 1987, 5-42
  • C. Santi, «I venditori di ragia della val Calanca», in Folclore svizzero 78, 1988, 29-38