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Spitzen

Eine Seite aus dem Katalog für Hutspitzen der Firma Jeanneret Frères in Neuenburg (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Département des arts appliqués).
Eine Seite aus dem Katalog für Hutspitzen der Firma Jeanneret Frères in Neuenburg (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Département des arts appliqués). […]

Mit der Nadel- oder Klöppelspitzentechnik, die im 16. Jahrhundert in Italien und Flandern entstanden ist, werden Textilien durch das Ineinanderschlingen von Leinen- oder Seidenfäden hergestellt. Damit unterscheidet sie sich von der Stickerei, für die ein Grundgewebe erforderlich ist. Spitzenklöppelei wurde in den eidgenössischen Orten, zum Beispiel in Zürich, Genf und im Pays-d'Enhaut, ab dem 17. Jahrhundert betrieben. Die zunächst gewerbliche Tätigkeit entwickelte sich im Fürstentum Neuenburg in der zweiten Hälfte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Industrie. Mit rund 6500 Arbeitenden, davon 90% Frauen, belegte sie in einer Beschäftigtenstatistik von 1817 den ersten Rang. Gemessen am Exportvolumen lag sie jedoch hinter der Uhrmacherei und dem Zeugdruck an dritter Stelle. Um die Wende zum 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Spitzenherstellung in der Schweiz auf Neuenburg, doch zogen andere Regionen des Jura wie das Vallée de Joux, Sainte-Croix und das Erguel nach. Dieser Aufschwung erklärt sich teilweise durch die Anwesenheit hugenottischer Flüchtlinge, das Entgegenkommen der Behörden, die geringe Steuerbelastung, das Fehlen von Zünften und die Nähe zum französischen Absatzmarkt. Obwohl die Schweiz gegenüber den grossen Produzentenländern Frankreich und Flandern nur eine untergeordnete Rolle spielte, waren die Schweizer Spitzen auf den europäischen Märkten (Frankreich, Deutschland, Italien) bekannt und wurden über die Vertriebskanäle der Uhrenbranche bis nach Nord- und Südamerika verkauft. Die Spitzenherstellung wurde im Verlagssystem betrieben. Die in Familiengesellschaften organisierten Spitzenfabrikanten und -händler, die hauptsächlich im Val-de-Travers, in Le Locle und La Chaux-de-Fonds niedergelassen waren, lieferten sich einen erbitterten Konkurrenzkampf, schlossen sich manchmal aber auch zusammen, um Risiken zu minimieren. Die Facharbeiterinnen klöppelten bis zu 16 Stunden am Tag, wobei nur die geschicktesten hohe Lohnforderungen stellen konnten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten die ausländische Konkurrenz, das Aufkommen der mechanischen Webstühle und die Attraktivität der Uhrenindustrie zum Niedergang dieser auch dem Wandel der Mode stark unterworfenen Branche, worauf die Spitzenherstellung wieder eine handwerkliche Tätigkeit wurde.

Quellen und Literatur

  • S. Robert, «L'industrie dentellière dans les Montagnes neuchâteloises aux XVIIIe et XIXe siècles», in MN, 1988, 69-95
  • S. Robert, «Die Schweizer Spitzenfabrikation im 18. und 19. Jh.», in Die schweiz. Wirtschaft, 1291-1991, hg. von R. Cicurel, L. Mancassola, 1991, 72-75
  • M.-L. Montandon, La dentelle de Neuchâtel, 1998
  • M.-L. Montandon, Dentelles de Neuchâtel, 2007
Weblinks

Zitiervorschlag

Sylvia Robert: "Spitzen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.10.2012, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013964/2012-10-25/, konsultiert am 30.05.2024.