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Gerberei

Tierische Häute wurden schon in der Frühzeit zu Leder verarbeitet und vielfältig genutzt. Im Gebiet der Schweiz ist die G. seit röm. Zeit archäologisch belegt (z.B. Augusta Raurica, Vitudurum). Im MA war sie v.a. in Städten angesiedelt und teils als Ehafte bis ins 19. Jh. konzessionspflichtig. Das Handwerk lebte in der hochspezialisierten Lederindustrie (Lederwaren) weiter, die allerdings zu Beginn des 21. Jh. nur noch wenige Betriebe zählte.

Unterschiedliche Verfahren und Gerberberufe

Nach den in der G. gängigen Produktionsverfahren unterschied man im MA drei hauptsächl. Handwerke: Rot- oder Lohgerber stellten durch Gerbung schwerer Grossviehhäute mit Lohe (Eichen-/Tannenrinde) Sohl-, Schuh-, Sattel- und Zaumzeugleder her, Weissgerber durch mineral. Salzgerbung von Kalb-, Ziegen- und Schaffellen mit Alaun dünnere weisse Leder für Bekleidung und Sämischgerber durch Walken von Schaf-, Ziegenfellen mit Fett (Tran) wasserdichte Leder. Die drei Grundprozesse waren das Vorbereiten der Häute (Felle) durch Wässern und Säubern, die Gerbung im Alaun- oder Lohebad bzw. durch Fetten sowie das Zurichten der gegerbten Häute.

Gerber an der Arbeit in Küssnacht (SZ). Fotografie von Ernst Brunner, 1940 (Schweizerisches Institut für Volkskunde, Basel).
Gerber an der Arbeit in Küssnacht (SZ). Fotografie von Ernst Brunner, 1940 (Schweizerisches Institut für Volkskunde, Basel).

Die Rotgerber säuberten die im Wasser weich gemachten Häute mit dem Gerbermesser (Zunftzeichen) am Schabebaum von Fleisch- und Fettresten und im Äscher (Aschen-, Kalklauge) von Haaren, durch Beizen (u.a. Urinbeize) oder Räuchern. Zum eigentl. Gerben wurden die Häute für ein bis zwei Jahre in Lohgruben gelegt. Dem Spülen, Abtropfen und Trocknen folgte die Zurichtung der Leder u.a. durch Glätten, Falzen und Spalten. Die kürzeren Verfahren der Weissgerber umfassten folgende Arbeitsschritte: Säubern der Häute, Ausstreichen, Walken und Beizen, Gerben im Alaunfass innert maximal drei Monaten, Trocknen, Stollen (weich machen), Streichen der Leder auf dem Streichrahmen. Zur G. gehörte auch das Lederfärben.

Rot- und Weissgerber produzierten die gebräuchlichsten Lederarten. Feinleder für Luxusware - Saffian und Maroquin (gefärbte Bock-, Schaf-, Ziegenleder), Korduan (weiche Ziegenleder), Lösch (rot gefärbte Feinleder) - wurden im Inland v.a. von Weissgerbern hergestellt, hauptsächlich aber aus spezialisierten G.en Mittel- und Südeuropas importiert. Pergamenter, die aus Kalbshäuten durch Einkalken (ohne Gerben) Pergament herstellten, wurden mit dem Siegeszug des Papiers im 15. und 16. Jh. selten. Die Pelzzubereitung der Kürschner, obschon mit der G. verwandt, war als Handwerk eigenständig.

Standort und soziale Stellung der Gerber

Auf fliessendes Wasser angewiesen, lagen G.en an Flüssen und Bächen; Wasserverschmutzung und Geruchsbelästigung verwiesen sie an den Stadtrand oder in Vorstädte (in Zürich u.a. im Niederdorf; in Luzern an den Ledergassen). Städte siedelten ihre Gerber mit finanziellen Anreizen auch um, Bern 1314 an den Unterlauf des Stadtbachs, 1326 in den Gerberngraben, 1471 in die Matte. Die Nähe der Werkstätten an Gerber- und Ledergassen oder gemeinsame Werkgebäude (z.B. in Basel der "Lohhof") sowie die Verkaufsstelle in der öffentl. Markthalle mit anderen städt. Handwerkern oder separat im Lederhaus (-schal) förderten die ständ.-berufl. Organisation der Gerber. Bereits im 14. Jh. befolgten sie eigene Werkregeln. Ihre frühen Zünfte waren Gerberzünfte (u.a. in Bern, Freiburg, Luzern, Zürich, Schaffhausen) oder Schuhmacherzünfte gemeinsam mit allen Lederhandwerkern (u.a. in Basel, St. Gallen, Chur). Rot- und Weissgerber bildeten entweder gemeinsame (Zürich) oder getrennte Zünfte (Bern). Die Kürschner hatten eigene Zünfte, die erste entstand 1226 in Basel.

Wie in ganz Mitteleuropa waren auch die Gerber in spätma. Städten im Gebiet der Schweiz wohlhabend und angesehen, obwohl ihre Betriebe am Stadtrand lagen. Vermögen erwarben die Gerber und Kürschner durch den Handel mit Häuten, Leder und Pelzen. Lederhändler belieferten die Messen im In- und Ausland mit Schiff- und Wagenladungen voller Häute (Leder). Die Ware wurde auch aus permanenten Lagern wie in Zurzach, bis 1800 grösster Umschlagplatz für Leder des süddt.-schweiz. Raums, geliefert. Neben der Metallverarbeitung und der Tuchproduktion war die G. das wichtigste Exportgewerbe der spätma. Stadt. Ihr kam zugute, dass die Rohstoffe (Häute, Felle, Baumrinde) dank der Nähe zu Viehwirtschaft und Wäldern verfügbar waren und zu dieser Zeit eine Vorliebe für Lederbekleidung und Pelzfutter bestand. V.a. Rotgerber brauchten jedoch aufgrund ihrer langen Produktionszeiten und für ihre Bauten (Wasserwerkstatt mit Spültrögen und Gerbgruben, Lagerräume, Trockengeschosse) viel Kapital. Zu den reichsten Gerbern und Lederhändlern zählten Werner von Gundoldingen in Luzern, Jakob Glentner in Zürich und die Mossu in Freiburg, im 18. und 19. Jh. dann die Mercier in Lausanne.

Gerberei und Zunftwirtschaft

Gerber tendierten zum Grossbetrieb, beschäftigten mehr Gesellen als andere Handwerke und gingen früh Einkaufs- und Verkaufsgemeinschaften ein. Der Einengung des Handwerks durch die zunftwirtschaftl. Ordnung ab dem 15. Jh. konnte sich die G. teilweise entziehen: Kleinbetrieb und Handelsverbote für Meister setzten sich nicht durch, wohl aber das Verbot der Geschäftsgemeinschaft sowie Produktionsbeschränkungen. Der Leder- und Häutehandel war zwar auch reglementiert - u.a. durch den Zwang, Häute bei einheim. Metzgern zu kaufen -, blieb jedoch gewinnträchtig. Den Gerbern gelang es, ihr Monopol gegen aussen und innen durchzusetzen: Sattler, Schuhmacher, Riemer und Säckler, die einst ebenso gegerbt hatten und wie die Metzger auch mit Häuten und Leder handelten, durften ab dem 16. Jh. Leder nur noch für den Eigenbedarf herstellen oder kaufen. Interne Regulierung (teurer Zunftkauf, weniger Lehrlinge) und sich ändernde Moden senkten ab Ende des 15. Jh. die Betriebszahlen.

Städt. Gerbermeisterschaften suchten ihr Monopol nach 1500 auf das Land auszudehnen und neue Ehaften zu verhindern. Neue Landgerbereien stützten sich aber auf persönl. Gewerberechte oder arbeiteten ohne Konzession. Daher stagnierte die G. bis 1800 in den Städten, nahm aber auf dem Land zu. Ländl. wie städt. G.en litten im 17. und 18. Jh. unter Rohstoff-Verknappung; obrigkeitl. Ausfuhrverbote für Häute, Felle und Rinde blieben wirkungslos.

Gerberei nach 1800

Gebäude der industriellen Gerberei Mercier in Lausanne. Das 1749 gegründete Unternehmen wurde um 1836 vergrössert und 1898 geschlossen. Fotografie von Robert de Greck, um 1880 (Musée historique de Lausanne).
Gebäude der industriellen Gerberei Mercier in Lausanne. Das 1749 gegründete Unternehmen wurde um 1836 vergrössert und 1898 geschlossen. Fotografie von Robert de Greck, um 1880 (Musée historique de Lausanne).

Nach dem Wegfall der Restriktionen durch die Zünfte erfuhr die G. nach 1800 einen Aufschwung: Neue Betriebe entstanden wie im 17. und 18. Jh. v.a. im ländl. Raum. Das einst städt.-wohlhabende Handwerk erhielt zunehmend ein ländl.-kleinstädt., kleinbetriebl. Gepräge. Im herkömml. Handwerksbetrieb verharrend, übersah man die Entwicklung der industriellen Lederfertigung, die sich nach 1830 zuerst in Amerika, dann auch in Europa anbahnte. Neue Gerbstoffe wie überseeische Rinden (u.a. Quebrachorinde), ab 1893 die Chromgerbung, Anilinfarbstoffe und die Mechanisierung versch. Arbeitsschritte verkürzten die Gerbprozesse. Durch Zuwarten verlor die einheim. G. Anteile im schweiz. Markt, der sich dem Massenangebot an Importleder in neuer Sortenvielfalt (buntgefärbt, geprägt, bedruckt, Wild-, Lack-, Reptilienleder usw.) aus Amerika (Sohlleder), Frankreich (Feinleder), Russland (Juchten) und v.a. Deutschland öffnete.

Unter Konkurrenzdruck lief der fällige Wandel in den 1870er und 80er Jahren mit dem raschen Aufbau der einheim. Lederindustrie an. 1885 gab es in der West- und Nordostschweiz bereits 18 Lederfabriken, während bis 1905 rund ein Drittel aller gewerbl. Betriebe einging. In den beiden Weltkriegen erholte sich die G. als "kriegswirtschaftl. Schlüsselindustrie". Sie war zwar auf einheim. Häute beschränkt, doch von ausländ. Importen geschützt. 1915 erfolgte die Gründung des Verbands Schweiz. Gerbereien.

Die Konkurrenz aus dem billiger produzierenden Ausland zwang die einheim. G. jedoch zur Lederherstellung in kapitalintensiven, hochtechnisierten Betrieben, was zum steten Rückgang der Beschäftigten und der Betriebszahl führte. 2001 sicherten neun G.en, alle in Familienbesitz, ihren Absatz mit hochwertigen Nischenprodukten. Ihre Abnehmer waren die Schuh- und Ledermöbelindustrie im In- und Ausland.

Gerbereien und Beschäftigte 1882-2001

JahrArbeitsstättenBeschäftigteBeschäftigte pro Arbeitsstätte (Durchschnitt)
18823562 100-2 4005,9-6,7
19052301 4866,5
19291131 68114,8
1955771 85924,1
19753754814,8
19852034917,5
1991191879,8
2001910011,1
Gerbereien und Beschäftigte 1882-2001 -  Furrer, Alfred: Volkswirtschafts-Lexikon der Schweiz : (Urproduktion, Handel, Industrie, Verkehr etc.), Band 1, 1887, S. 203; eidgenössische Betriebszählungen; Das Gewerbe in der Schweiz, 1979, S. 158

Quellen und Literatur

  • Volkswirtschafts-Lex. der Schweiz 1, 1887, 702 f.
  • HWSVw 2, 901-905
  • A. Kurz, Die schweiz. G., 1948
  • HSVw 1, 503-505
  • M. Fonjallaz, La tannerie, 1968
  • Das Gewerbe in der Schweiz, 1979, 157 f.
  • LexMA 4, 1299
  • R. Reith, Lex. des alten Handwerks, 1990, 84-91
  • J. Demeulemeester, Aux origines d'une tannerie lausannoise, Liz. Lausanne, 2000