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Bauwesen

Wiederaufbau der Stadt Bern nach dem Brand von 1405, aus der Spiezer Chronik des Diebold Schilling von 1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 545).
Wiederaufbau der Stadt Bern nach dem Brand von 1405, aus der Spiezer Chronik des Diebold Schilling von 1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 545). […]

Das Bauwesen umfasst die gesamte Bautätigkeit, die dem kollektiven oder individuellen, öffentlichen oder privaten Bedarf dient. Dazu gehört der Siedlungsbau (Wohnungsbau) ebenso wie die gesamte öffentliche, geistliche, militärische und industrielle Architektur. Beteiligt sind Architekten, Ingenieure, das gesamte Baugewerbe wie auch im Eigenbau Tätige. Die Bauwerke sind öffentliches oder privates Eigentum und gehören – mit Ausnahme der kurzlebigen oder beweglichen Bauten (Mobilien) – in die Kategorie der unbeweglichen Güter (Immobilien). Das Bauwesen ist ein wichtiger Teil der Volkswirtschaft, spielt eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben und prägt den gesamten Lebensraum. Auch die Konservierung und Restaurierung von Bauwerken, die Maschinen für den Bau wie für den Abriss sowie der Transfer von Know-how und Konstruktionselementen gehören zum Bauwesen

Die wesentlichen Charakteristika des Bauwesens hängen meist von ortstypischen Gewohnheiten, Techniken und Baustoffen ab. Seit dem Mittelalter wurde der regionale Formenschatz jedoch durch die Mobilität der Fachleute, namentlich der Baumeister, Architekten und Ingenieure, sowie durch die Verbreitung von Fachwissen und Fachliteratur beeinflusst und bereichert. Die Schweiz profitierte durch die Offenheit gegenüber den Nachbarländern von technischen und theoretischen Anregungen vorerst aus (Süd-)Deutschland, Italien (Lombardei), Österreich (Vorarlberg) und Frankreich (Savoyen). Einflüsse aus Amerika wurden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts spürbar, und seit dem 20. Jahrhundert steht das schweizerische Bauwesen internationalen Einflüssen offen.

Das Umfeld im Wandel

Aufgrund der historischen Gebietsveränderungen, der disparaten Quellenlage und der dünn gesäten Forschungen ist es besonders schwierig, das Bauwesen in der Schweiz von frühen Zeiten an zu erfassen. Doch schon im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde die revolutionierende Wirkung des Rationalismus und des wissenschaftlichen Fortschritts spürbar. In allen Wissenschaften fand sich die Vorstellung von der Beherrschung und Kontrolle, sei es der territorialen Kontrolle, der alles Materielle erfassenden statistischen Kontrolle, der Kontrolle des Wissens durch Bildungseinrichtungen, der Kostenkontrolle oder bald darauf der Kontrolle von Normen und Ästhetik. Jede dieser Umwälzungen brachte eine Reihe von Gesetzmässigkeiten mit sich, die indes durch Wirtschaftskrisen und die Deregulierung der Systeme unablässig durcheinander gebracht wurden.

Die erste Umwälzung hängt mit der Kontrolle und der Definition des Territoriums zusammen. Zwecks Steuerreformen wurde in der Vermessung die freihändige Darstellung von der geometrischen abgelöst, deren Erste bereits auf das 17. Jahrhundert zurückgehen. Zu militärischen und wissenschaftlichen Zwecken waren es die Landkarten, welche die Grenzen und Geländeformen der Schweiz präziser nachbildeten. Erst 1864 wurde jedoch die erste topografische Karte der Schweiz (Dufour-Karte) vollendet, eine wichtige und genaue Wiedergabe des Territoriums der Schweiz, und erst 1912, bei der Einführung des Zivilgesetzbuches (ZGB), wurde das Vermessungswesen vereinheitlicht, was Detailstudien vereinfachte. Diese grossflächige Erforschung des Bodens in der Schweiz trug zur Entstehung eines Rechts- und Verwaltungssystems für das öffentliche und private Eigentum bei – mit Baubehörden, Kataster und Grundbüchern in jedem Kanton. All diese Institutionen haben zwar eine lange Geschichte, erhielten ihre moderne Form jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der Einführung der obligatorischen Bau-, später auch der Abrissbewilligung, sowie kommunaler und kantonaler Verfahren. Obwohl die Bundesverwaltung 1849 ein Oberbauinspektorat für öffentliche Bauten ins Leben rief, wurden die Kompetenzen dieser ansatzweise zentralistischen Verwaltung aufgrund des Widerstands der Kantone nur sehr langsam ausgeweitet.

Die zweite Umwälzung, die Quantifizierung (Statistik), entsprang ebenfalls dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts und dem Wunsch, die «Reichtümer der Nationen» zu erfassen, doch ihre Anwendung verzögerte sich. Zwar gibt es seit dem Mittelalter Dokumente, auf denen Gebäude erfasst wurden, doch nur für gewisse Städte oder Herrschaften. Der erste Kataster, der sich auf die gesamte Schweiz erstreckt, geht auf die Helvetik zurück (1798); er weist die Häuserzahlen der einzelnen Gemeinden aus. Die ersten Lexika der Schweiz, darunter das von Johann Jacob Leu (1747-1765), gingen nicht auf den Bausektor ein, mit Ausnahme der Strassen und – in der Neuauflage des Lexikons von Markus Lutz 1861 – der Eisenbahnen. Die unter der französischen Besetzung ab 1801 vom französischen Innenministerium in Auftrag gegebenen statistischen Erhebungen in Genf und im Wallis zeigen deutlich den Mangel an statistischen Instrumenten. Die eidgenössischen Volkszählungen bis 1900 erfassten das Bauwesen nur teilweise. Im «Geographischen Lexikon der Schweiz» (1902-1910) wurde das Thema nur sektoriell, im «Graphisch-statistischen Atlas der Schweiz» (1914) und im «Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz» (1921-1934) überhaupt nicht behandelt. Eine Gesamtschau des schweizerischen Bauwesens mit klaren Zügen und offiziellem Charakter bot erst die «Landi» von 1939.

Als dritte Umwälzung relativ spät, nämlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts, setzte die Professionalisierung ein, die in Lehrgängen, Prüfungen und Diplomen zum Ausdruck kommt. Im 18. Jahrhundert bemühten sich vor allem aufklärerische Sozietäten, etwa die Ökonomische Gesellschaft in Bern (ab 1759) oder die Genfer Société des arts (1776), die Errungenschaften des technischen Fortschritts zu verbreiten. Die schweizerischen Ingenieure und Architekten waren noch lange Zeit von den grossen ausländischen Polytechnika in Paris, Stuttgart oder Wien abhängig, und der erste Versuch von Christoph Bernoulli, in Basel ein Polytechnisches Institut zu betreiben (1806-1817), erwies sich als verfrüht. Der 1837 gegründete Schweizerische Ingenieur- und Architekten-Verein (SIA) konnte schliesslich seinen Vorstellungen landesweit Gehör verschaffen und erreichte, dass in der Bundesverfassung von 1848 das Recht des Bundes festgeschrieben wurde, eine schweizerische Universität und ein Polytechnikum zu errichten. Neben dem 1855 gegründeten Zürcher Polytechnikum, das vor allem die Bautheorien und Konstruktionstechniken vorangetrieben hat, wurden in mehreren Kantonen Technika gegründet, zum Beispiel in Winterthur, Burgdorf, Biel (BE), Freiburg, Genf und Lausanne (Vorgängerin der ETH Lausanne), und Berufsschulen eingerichtet, wodurch das Bauwesen vermehrt eine Sache von Fachleuten wurde. Diese auf Diplome gestützte Organisation trug dazu bei, die Produktion zu hierarchisieren und zu normieren, was die Ingenieure zu Garanten für die Sicherheit und unverzichtbaren Partnern der Architekten machte. Unter Ingenieur verstand man damals jenen Beruf, der etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Bauingenieur bezeichnet wird. Die Baumeister waren sich der Konsequenzen dieser Entwicklung bewusst, und da sie sich wegen der Streiks im Baugewerbe und vor allem wegen der Abhängigkeit von Italienern und Deutschen organisieren wollten, gründeten sie 1902 den Schweizerischen Baumeisterverband, der sich zusammen mit den Berufsverbänden für die Schaffung der eidgenössischen höheren Fachprüfung für Bauberufe einsetzte.

Die Erfahrungen der Ingenieure und Architekten, die sich mit den Problemen des Städtewachstums befassten, brachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Theorien zum Städtebau hervor. Der 1913 von Hans Bernoulli an der ETH Zürich aufgenommene Unterricht in Städtebau öffnete dem Bauwesen eine Zukunftsperspektive: Er brachte das Problem der Eigentumsverhältnisse am städtischen Boden auf und rief ideologische Konflikte hervor, die deutlich machten, welche Bedeutung die Schweizer dem in der Bundesverfassung von 1848 verankerten Privateigentum beimessen. Dieses besondere Phänomen dürfte die Raumplanung verzögert haben, die im Zweiten Weltkrieg erforscht, aber erst 1969 gesetzlich verankert wurde.

Die vierte Umwälzung im Bauwesen betrifft die Kostenkontrolle durch Vervollkommnung des Kostenvoranschlags, der alle materiellen Grössen, inklusive zukünftiger Unterhaltskosten, sowie alle Preise, zeitliche Abläufe und Termine berücksichtigte. Dieses im 18. Jahrhundert aufgekommene Instrument wurde ergänzt durch zahlreiche vom SIA und von Gebäudeversicherungen herausgegebene Vorschriften sowie städtebauliche und denkmalpflegerische Bestimmungen. Die Kontrolle wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Materialprüfungsanstalt an der ETH Zürich verstärkt und wegen neuer Baustoffe, vor allem des armierten Betons, und Bauverfahren ständig weiterentwickelt. Damit strebten die Baufachleute das Gütesiegel der sogenannten «Schweizer Qualität» an. Bei der Überwachung von Organisation und Dauer der Bauarbeiten spielten seit der Zwischenkriegszeit der Taylorismus und die Rationalisierung eine wichtige Rolle, seit den 1980er Jahren unterstützt durch die Informatisierung.

Die fünfte Umwälzung hat wahrscheinlich am längsten gebraucht, um sich durchzusetzen, obwohl das Konzept der Ästhetik bereits im 18. Jahrhundert entstanden ist. Die durch politische Massnahmen gewährleistete Beachtung ästhetischer Grundsätze erlitt durch die industrielle Revolution und die zerstörerischen Eingriffe in den Stadtzentren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie etwa durch Bergbahnen starke Rückschläge. Ab 1901 wurden in den Städten Heimatschutzkommissionen, 1905 die Schweizerische Vereinigung für Heimatschutz gegründet. Sie erreichten, dass eine Reihe von Massnahmen zur Erhaltung von Bauwerken und Landschaften sowie, gemäss der internationalen Charta von Venedig von 1964, das Konzept der Konservierung ganzer Komplexe in kantonalen und Bundesgesetzen verankert wurden (Denkmalpflege).

Perioden und Strömungen

Die Geschichte des Bauwesens in der Schweiz unterscheidet sich in der Chronologie der Entwicklungsschübe nicht wesentlich von derjenigen der Nachbarländer. Zu erwähnen sind allenfalls Verspätungen bei den Eisenbahnen, denen ein Vorsprung in der Elektrizitätswirtschaft gegenübersteht. Die Zeit seit dem 13. Jahrhundert lässt sich in sechs Perioden gliedern. Die fünf Perioden im Bauwesen des 18. bis 20. Jahrhunderts widerspiegeln zugleich die grundlegenden Veränderungen dieser Zeit, in der die schweizerische Bevölkerung von 1,2 Mio. (1700) auf über 7 Mio. Einwohner (1995) anwuchs.

Die erste Periode – ein langer Zeitraum vom 13. bis 18. Jahrhundert – kann als Zeit der langsamen Entwicklung traditioneller Bauverfahren betrachtet werden, die Militärbauten (Stadtbefestigungen) ausgenommen. In siedlungsgeschichtlicher Hinsicht (Siedlung) zeichnen sich das Hoch- und Spätmittelalter durch eine aussergewöhnliche Häufung von Städtegründungen zwischen Boden- und Genfersee aus. Im ausgehenden Mittelalter existierten bereits fast alle schweizerischen Ortschaften.

Obwohl der Bau der Städte und Flecken besondere Beachtung verdient, darf man weder die Militärarchitektur der Burgen und Schlösser, noch die ländliche Architektur in Mittelland, Voralpen und Alpen ausser Acht lassen, ebenso wenig den Bau der Steinmauern, welche die terrassierten Landschaften des Lavaux, Wallis und Tessins in beeindruckender Weise gestalten.

Die Bauernhöfe (Bauernhaus) wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den grundlegenden Arbeiten Jakob Hunzikers untersucht, der sich besonders für die Zusammenhänge zwischen Bautypen und ethnischen Gesichtspunkten interessierte. Die ungefähr gleichzeitigen Veröffentlichungen von Architektengruppen des SIA gingen dagegen von regionalen Differenzierungen eines Schweizer Stils aus, einer Vorstellung, die auf den Landesausstellungen in Zürich 1883 und vor allem in Genf 1896 ihren Anfang genommen hatte und auch 1900 an der Pariser Weltausstellung gezeigt wurde. Dieses international verbreitete Konzept der Vielfalt wurde im «Atlas der Schweiz» (1965-1978) gewissermassen fixiert und im Freilichtmuseum Ballenberg umgesetzt. Dem Chalet wiederum gelang ein doppelter Durchbruch: international, weil das Swiss Chalet sich in Ländern wie Deutschland oder England verbreitete, und in der Schweiz dank des vom ausgehenden 19. Jahrhundert an sich ausbreitenden industriellen Wohlstands.

Die grossen Projekte des 17. Jahrhunderts scheiterten, so die Rheinschifffahrt, die Gründung von Henripolis oder die Fertigstellung des Entreroches-Kanals, der 1638 zwischen dem Neuenburger- und dem Genfersee begonnen wurde und Teil der erträumten Verbindung zwischen Nordsee und Mittelmeer sein sollte (Häfen, Wasserwege).

Anwesen des Beat Fischer von Reichenbach in Saint-Blaise. Anonyme Darstellung, um 1735 (Museum für Kommunikation, Bern).
Anwesen des Beat Fischer von Reichenbach in Saint-Blaise. Anonyme Darstellung, um 1735 (Museum für Kommunikation, Bern). […]

Die zweite Periode begann um 1720 und dauerte etwa ein Jahrhundert. In dieser Zeit wurden die feudalen Abhängigkeiten vollständig durch das System des individuellen Eigentums abgelöst. Für die Erneuerung der Städte und die gleichzeitige Inbesitznahme der Landschaft durch zahlreiche Landgüter und Landsitze gab es verschiedene Gründe, unter anderem den zunehmenden Reichtum der Städte und die Wiederentdeckung der Natur und der Gärten, die die Lebensart der Elite veränderten. Diese Veränderungen sind zum Teil in den Sammlungen «Das Bürgerhaus in der Schweiz» (1910-1937) und «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» (seit 1927) dokumentiert.

Die Verbesserung der Verkehrswege erfolgte in der Schweiz vor allem entlang zweier Achsen, derjenigen zwischen Rhein und Rhone bzw. Basel und Genf, und jener über die alpenquerenden Pässe Gotthard, Simplon und Grosser St. Bernhard. Die grossen internationalen Strassen wurden konkurrenzfähig, doch ihre Hierarchie liess sich nur schwer ändern. Für jede bedeutende Veränderung waren ein strategischer Wille, eine Kriegswirtschaft und beträchtliche technische wie personelle Mittel erforderlich, denn die traditionelle Art der Gemeinschaftsarbeit, die in gewissen Regionen der Schweiz noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde, reichte nicht aus. Die auf Betreiben Napoleons I. erbaute Simplonstrasse war spektakulär, konnte aber die Rangordnung nicht umstossen. Dennoch ist unbestritten, dass die grossen Strassenbauten der Aufklärung und der napoleonischen Zeit riesige Energien mobilisiert haben. Der Bau neuer Brücken trug dazu bei, das Netz zu verbessern. Die im 18. Jahrhundert begonnenen Gewässerkorrektionen und Kanalbauten wiederum gewannen 1807-1823 mit Hans Conrad Escher von der Linth an Bedeutung und wurden durch die Konsortien des 19. Jahrhunderts erheblich ausgeweitet.

Bedingt durch die Wirtschaftsstruktur entstanden in der Schweiz zur Zeit der Aufklärung keine neuen Städte; die unvollendeten Projekte von Carouge (GE) oder Versoix waren piemontesischen bzw. französischen Ursprungs. Mehrere Katastrophen, wie die Brände von Bischofszell (1743), Sitten (1788) La Chaux-de-Fonds (1794) und Bulle (1805) oder die Überschwemmungen von Martigny (1818), waren jedoch Anlass für Wiederaufbaupläne, aus denen wir Genaueres über die Gepflogenheiten und Techniken der Planung und Baukunst erfahren.

Ansicht von Aarau. Diesseits der Aare die Portlandzementfabrik Albert Fleiner, im Hintergrund die Altstadt. Ausschnitt aus einem Plakat von Emil Friedrich Graf, um 1880 (Staatsarchiv Aargau, Aarau, Grafische Sammlung; Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Ansicht von Aarau. Diesseits der Aare die Portlandzementfabrik Albert Fleiner, im Hintergrund die Altstadt. Ausschnitt aus einem Plakat von Emil Friedrich Graf, um 1880 (Staatsarchiv Aargau, Aarau, Grafische Sammlung; Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

Die dritte Periode, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts vom spät einsetzenden Eisenbahnbau und der Konsolidierung der Gotthardachse geprägt war, begann bereits zur Zeit der Restauration in Form von Debatten über die Zukunft: Offene Städte, das Laisser-faire des Liberalismus in der Wirtschaft, Sanierungen und Hygiene, Verschönerung und Tourismus waren die Hauptthemen, die die Konservativen und die liberalen Erben der Französischen Revolution entzweiten oder einigten. So nahm die Stadtsanierung mit der Einbeziehung des Untergrunds und dem Bau gedeckter Abwasser-Kanäle Ende 1820 ihren Anfang. Bald darauf folgten Leitungsnetze für die Wasserversorgung und Gas, die ab 1840 installiert wurden. Das Ausmass dieser Arbeiten bedingte neue Unternehmen, die diesem Modernisierungsschub gewachsen waren. Mit der Industrialisierung verbunden war das Problem des Baus von Arbeitersiedlungen. All diese von der Fortschrittsidee geprägten Tendenzen liessen in ihrer Vielfalt, mit den Worten des Financiers Carl Feer 1858, einen «Geist des Amerikanismus» aufkommen.

Die beschleunigte Entwicklung, die neuen Kapitalkonzentrationen und die Maschinenindustrie begünstigten die Entfaltung des Bauwesens in den Städten und in vielen Regionen, auch in den Alpen. Der Durchstich des Gotthardbahntunnels läutete nicht nur das Zeitalter des Tunnelbaus (Tunnel), sondern auch dasjenige der touristischen Bahnanlagen ein.

Die Eisenbahnbrücke über die Limmat in Wipkingen, Züricher-Kalender auf das Jahr 1855 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Dokumentation).
Die Eisenbahnbrücke über die Limmat in Wipkingen, Züricher-Kalender auf das Jahr 1855 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Dokumentation). […]

Auch auf dem Gebiet der Bauverfahren und Baustoffe brachte diese erste Phase der Industrialisierung erhebliche Umwälzungen. Obwohl sie sich bis zur Einführung der Eisenbahn relativ langsam anliessen, interessieren sie unter dem Aspekt der Anwendungen von Eisen und der Vervollkommnung des Drahtseils durch Guillaume-Henri Dufour sowie wegen der Hängebrücken, einer besonders wirtschaftlichen Erfindung, die ab 1823 in Genf und mehreren anderen Schweizer Städten, in besonders spektakulärer Weise 1830 in Freiburg, umgesetzt wurde. Eisenkonstruktionen verbreiteten sich viel schneller, als mit dem Eisenbahnbau Stahlträger zum gängigen Industrieprodukt wurden.

Die für die Verwendung von Steinen als Baustoff unerlässliche Forschung in den Bereichen Wasserkalk und Zement fand parallel in der Welsch- und in der Deutschschweiz statt. Die erzielten Verbesserungen verkürzten die Bauzeiten der ersten städtischen Überbauungen, die mit der Modernisierung der Städte und dem wachsenden Bedarf der wohlhabenden Schichten nach komfortablen Vorstadthäusern entstanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten Fabriken für Schamotteziegel (Ziegeleien) im Zuge der industriellen Entwicklung einen wahren Boom (Fabrikbauten), da sie Bausteine in allen Formen lieferten, die sich mit Stein kombinieren liessen.

Blick auf Freiburg mit der Gottéron-Hängebrücke. Aquatinta von Anton Winterlin, um 1845 (Museum für Kommunikation, Bern).
Blick auf Freiburg mit der Gottéron-Hängebrücke. Aquatinta von Anton Winterlin, um 1845 (Museum für Kommunikation, Bern). […]

Die vierte Periode begann mit der allgemeinen Verwendung von armiertem Beton um die Wende zum 20. Jahrhundert und mit dem Aufbau der Elektrizitätswirtschaft. Sie begleitete eine regelrechte Städteexplosion bis 1914, die Erweiterungspläne und neue Gesetze notwendig machte. Dank der Grösse des elektrischen Strassenbahnnetzes konnten die Stadtgrenzen ausgeweitet und Gartenstädte angelegt werden.

In der Umbenennung der Wochenschrift «Die Eisenbahn» in «Schweizerische Bauzeitung» 1882/1883 kann man den symbolischen Beginn eines neuen technischen Zeitalters des Bauwesens sehen, geprägt von Elektrizität und armiertem Beton. Dessen Erfindung Ende der 1860er Jahre wurde ausser bei Kasernen und Befestigungen nicht sofort in die Praxis umgesetzt. Breite Verwendung für Brücken fand er erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, während seine Anwendung im Wohnungsbau bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf sich warten liess. Beim Bau der Stauwerke und im Rahmen der Elektrifizierung wiederum setzte die Verbreitung von armiertem Beton erst im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein.

1890-1914 erfreute sich das Bauwesen einer aussergewöhnlichen Prosperität, die durch sehr lebhafte Spekulation, vorteilhafte gesetzliche Rahmenbedingungen, eine nie dagewesene progressive und modernistische Grundstimmung und durch das Bevölkerungswachstum (1888 2,91 Mio., 1910 3,75 Mio. Einwohner) stimuliert wurde.

Die fünfte Periode von 1914-1939 setzte damit ein, dass bereits im Ersten Weltkrieg überall Wiederaufbaupläne ausgearbeitet wurden. Die Schweiz strebte bei der Stromerzeugung und der Herstellung von Baustoffen wirtschaftliche Unabhängigkeit an. Ab 1918 wurde dies durch die seit 1914 verdoppelten Baupreise erschwert, was zur Folge hatte, dass die Gartenstädte sehr schnell von Mietskasernen abgelöst wurden. Es mag seltsam erscheinen, von Wiederaufbau zu sprechen, da die Schweiz von Kriegsschäden verschont geblieben ist, doch der Krieg hatte den Schweizern ihre Abhängigkeit vom Ausland bewusst gemacht. Als Erstes wurden die Energienetze in der Abteilung für industrielle Kriegswirtschaft neu überdacht. Die Neuorganisation der Netze, die die Schweiz von Importen unabhängiger machen sollte, fand in gemischten Gesellschaften statt: der Schweizerischen Kraftübertragung AG in Bern (1918) und der SA Energie de l'Ouest Suisse (EOS, 1919). Die vielfältige Anwendung von Beton begünstigte den Aufschwung von Zementwerken und zugleich der grossen Schweizer Bauunternehmen, von denen einige schon im 19. Jahrhundert eine Blütezeit erlebten (z.B. Zschokke, Studer, Gruber).

Die drohende Kriegsgefahr veranlasste die Behörden ab 1936, sich ernsthaft mit Luftschutzräumen zu befassen und entsprechende Bauvorschriften herauszugeben. An der Landesausstellung von 1939 in Zürich präsentierte sich die Schweizer Bauwirtschaft als eine «vitale Kraft in Aktion», die 220'000 Arbeitskräfte beschäftigte, wobei der Wohnungsbau zwei Drittel der Tätigkeit ausmachte.

Die Ganterbrücke während der Bauarbeiten an der Simplonstrasse. Fotografie, 1979 (Michel Darbellay, Mediathek Wallis, Martigny).
Die Ganterbrücke während der Bauarbeiten an der Simplonstrasse. Fotografie, 1979 (Michel Darbellay, Mediathek Wallis, Martigny).

Die sechste Periode begann bereits mit dem Zweiten Weltkrieg mit verschiedenen Studien zur Raumplanung in der Schweiz. 1945-1995 änderten sich die Grössenordnungen grundlegend; das neu entstandene Bauvolumen machte mehr aus als alles, was an früheren Bauwerken vorhanden war. Die Schweiz erhöhte vor allem ihre Energiekapazitäten durch den Bau von Stauwerken (Grande Dixence, 1951-1964), worauf ein ehrgeiziges Atomenergieprogramm folgte, das mit Beznau I (1969) begann, aber nach dem Bau von Leibstadt (1984) eingestellt wurde. Das ab 1958 erarbeitete Schweizer Programm für Nationalstrassen sah ein Netz von rund 1500 km vor. Es brachte tiefgreifende Eingriffe in die Landschaft und veränderte die Infrastruktur vielerorts grundlegend.

Quellen und Literatur

  • Kdm, 1927-
  • 100 Jahre SIA, 1937
  • H. Böhi, «Hauptzüge einer schweiz. Konjunkturgesch.», in SZVwS 100, 1964, 71-104, (Sonder-Nr.)
  • J. Gubler, Nationalisme et internationalisme dans l'architecture moderne de la Suisse, 1975 (21988)
  • INSA
  • B. Beck, Lange Wellen wirtschaftl. Wachstums in der Schweiz 1814-1913, 1983
  • I. Noseda, M. Steinmann, Zeitzeichen: Schweizer Baukultur im 19. und 20. Jh., 1988, (franz. 1988)
  • A. Meyer, Profane Bauten, 1989
  • 1291-1991, Die schweiz. Wirtschaft, 1991
  • Architektenlex.
Weblinks

Zitiervorschlag

Brulhart, Armand: "Bauwesen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.06.2014, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014002/2014-06-26/, konsultiert am 15.04.2021.