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Johann JakobScheuchzer

Tafel XII, Fünftes Tagwerk. Kupferstich von Johann August Corvinus zur Illustration der Erschaffung der Welt aus dem Werk Physica sacra des Zürcher Gelehrten, in vier Foliobänden erschienen zwischen 1731 und 1735 (Zentralbibliothek Zürich).
Tafel XII, Fünftes Tagwerk. Kupferstich von Johann August Corvinus zur Illustration der Erschaffung der Welt aus dem Werk Physica sacra des Zürcher Gelehrten, in vier Foliobänden erschienen zwischen 1731 und 1735 (Zentralbibliothek Zürich). […]

2.8.1672 Zürich, 23.6.1733 Zürich, reformiert, von Zürich. Sohn des Johann Jakob (->). Bruder des Johann (->). 1697 Susanna Vogel, Tochter des Kaspar, Ratsherrn und Wirts zum Hecht. Johann Jakob Scheuchzer nahm 1692 das Studium der Naturphilosophie an der Universität in Altdorf bei Nürnberg auf, wo ihn der Mathematikprofessor Johann Christoph Sturm unter anderem mit der Technik des Experiments vertraut machte. Ein Jahr später begab er sich nach Utrecht und promovierte dort 1694 zum Doktor der Medizin. Während eines zweiten, kurzen Aufenthalts in Altdorf und Nürnberg beschäftigte er sich mit Astronomie, Versteinerungskunde und Botanik. 1695 wurde er zweiter Stadtarzt von Zürich, 1697 Aktuar der gelehrten Gesellschaft der Wohlgesinnten. Im selben Jahr nahm ihn die Academia naturae curiosorum (später Leopoldina), 1704 die Royal Society in London als Mitglied auf. Letztere unterstützte die naturwissenschaftlichen Publikationen Scheuchzers über die Schweiz finanziell, trug allgemein zur Verbreitung seiner Schriften und vor allem zur Förderung des englischen Alpentourismus bei. 1710 wurde der inzwischen zu Ruhm gelangte Scheuchzer bescheidener Mathematikprofessor am Zürcher Carolinum. Das ihm im Dezember 1712 gemachte Angebot, Leibarzt des russischen Zaren Peter des Grossen zu werden, lehnte Scheuchzer ab. 1713 war er einer der Anführer der Zünfte, die ohne grossen Erfolg eine Änderung der Verfassung erstrebten. Erst wenige Monate vor seinem Tod rückte Scheuchzer zum Physikprofessor, zugleich zum ersten Stadtarzt und Chorherrn auf.

Schon 1694 hatte Scheuchzer die Rigi, den Pilatus und andere Voralpengipfel bestiegen. Er wollte den Schweizer Alpenraum erforschen und dessen Bewohner genauer kennenlernen. Bei den fast alljährlichen Exkursionen nahm er unter anderem barometrische Höhenmessungen vor. 1699 sandte Scheuchzer, allerdings ziemlich erfolglos, ausführliche Fragebogen an die Regierungen der alpinen Stände, um weitere Informationen über Land und Leute zu erhalten. 1702 erschien die Beschreibung einer Alpenreise unter dem Namen «Ouresiphoítes Helveticus» («Der Schweizer Berggänger»); die Ausgaben von 1708 und 1723 enthalten ausführliche Berichte über weitere Alpenreisen. Insgesamt fünfmal wurde ab 1701 Scheuchzers «Physica oder Natur-Wissenschaft» aufgelegt, ein eklektisch naturphilosophisches Lehrbuch, das zugleich der Bibel, Aristoteles, Newton und Descartes verpflichtet sein will. Dass die Naturerkenntnis mit den Offenbarungswahrheiten übereinstimme und ihr Zweck die Lobpreisung der göttlichen Schöpfung sei, geht vor allem aus Scheuchzers Abhandlung zur Fossilienkunde «Piscium querelae et vindiciae» (1708) hervor. Die darin beschriebenen Versteinerungen betrachtete er als Zeugnisse der Sintflut (Diluvialhypothese). Mit der Zeitschrift «Seltsamer Naturgeschichten des Schweitzer-Lands wochentliche Erzehlung» (1706-1708) versuchte Scheuchzer, die Alpenwelt einem breiten Publikum nahezubringen, während er in den «Nova literaria Helvetica» (1702-1715) den Gelehrten bibliografische Hinweise vermittelte. 1712 erschien die berühmte, 1765 nochmals aufgelegte Schweizerkarte «Nova Helvetiae tabula geographica», 1716-1718 (Nachdruck 1978-1979) eine mehrbändige Naturgeschichte der Schweiz, in der die Oberflächengestalt («Helvetiae stoicheiographia, orographia et oreographia» 1716), die Seen, Flüsse und Bäder («Hydrographia Helvetiae» 1717), die Witterungsverhältnisse und die Fossilien («Meteorologia et oryctographia Helvetiae» 1718) beschrieben wurden. Nach heftigem Widerstand der Zürcher Orthodoxie, von welchem sein Briefwechsel mit Johann Bernoulli Zeugnis ablegt, konnte Scheuchzer in der «Physica sacra» (1731-1735) das kopernikanische Weltsystem ungehindert vertreten. Scheuchzer ist vor Albrecht von Haller der bedeutendste Entdecker der Schönheit der Alpen. Die ästhetisierende Darstellung von Land und Volk in Friedrich Schillers Wilhelm Tell geht auf seinen Einfluss zurück. Johann Jakob Scheuchzer war einerseits ein Polyhistor barocken Zuschnitts, andererseits als empirischer Wissenschaftler schon stark der Aufklärung verpflichtet.

Quellen und Literatur

  • ZBZ, Nachlass (Ms. zur Flora und Fauna sowie zur Geschichte der Schweiz)
  • R. Steiger, Johann Jakob Scheuchzer, Tl. 1, 1927
  • R. Steiger, Verz. des wiss. Nachlasses von Johann Jakob Scheuchzer, 1933
  • H. Fischer, Johann Jakob Scheuchzer, 1973
  • H. Krauss, Berühmte Bilder zur Menschheitsgesch. aus Johann Jakob Scheuchzers "Physica sacra", 1984
  • U. Leu, «Gesch. der Paläontologie in Zürich», in Paläontologie in Zürich, 1999, 11-76
  • I. Müsch, Geheiligte Naturwiss.: die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, 2000
  • R. Felfe, Naturgesch. als kunstvolle Synthese. Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob S., 2003
  • M. Kempe, Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die Sintfluttheorie, 2003
  • Wissenschaft – Berge – Ideologien: Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die frühneuzeitl. Naturforschung, hg. von S. Boscani Leoni, 2010
Von der Redaktion ergänzt
  • Bulinsky, Dunja: Nahbeziehungen eines europäischen Gelehrten. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und sein soziales Umfeld, 2020.
Weblinks
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GND
VIAF

Zitiervorschlag

Hanspeter Marti: "Scheuchzer, Johann Jakob", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014622/2012-11-20/, konsultiert am 05.12.2022.