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Markus GetschDreifuss

Titelseite einer der vielen Eingaben des Lehrers für die politische Gleichberechtigung der aargauischen Juden (Universitätsbibliothek Basel).
Titelseite einer der vielen Eingaben des Lehrers für die politische Gleichberechtigung der aargauischen Juden (Universitätsbibliothek Basel).

18.11.1812 Endingen, 30.5.1877 Zürich, isr., von Endingen. Sohn des Getsch und der Rosetta geb. Ris, von Endingen. Luise Löwengardt, aus Dettensee (Hohenzollern, D). Nach einer traditionell jüd. und einer modernen pädagog. Ausbildung (evang. Lehrerseminar!) in Breisach am Rhein, Karlsruhe und Strassburg wirkte D. 1831 als Hebräisch-Lehrer an der neu gegr. isr. Volksschule seines Heimatorts. 1832-34 bildete er sich an der Kantonsschule Aarau weiter. 1834 immatrikulierte er sich als erster Schweizer Jude an der Philosoph. Fakultät der Univ. Basel. 1837 wurde er als erster Jude für wahlfähig zum Hauptlehrer erklärt. Mit Unterbrüchen wirkte D. bis 1869 als isr. Oberlehrer in Endingen, 1843 kurz als Prediger der kleinen jüd. Gem. in Genf. Sein Leben galt der Verbreitung moderner allg. Bildung und Pädagogik unter seinen Glaubensgenossen und dem Kampf um ihre Gleichberechtigung in der Schweiz. D. orientierte sich an der deutschjüd. Rezeption der Aufklärung, den dort gegr. Reformschulen und an der religiösen Neubesinnung. Er stand in Kontakt mit massgebl. Publizisten wie Rabbiner Ludwig Philippson (Korrespondent von dessen "Allg. Zeitung des Judentums"), Abraham Geiger und dem Historiker Isaak Marcus Jost. D. verinnerlichte auch die romant. Idee einer Berufsumschichtung der Juden hin zur Landwirtschaft. Er verfasste 1839-66 viele Eingaben an die Kantone und den Bund für die Emanzipation der Schweizer Juden. Ein schwerer Schlag war für ihn die Ablehnung, die den Juden im Mai und Nov. 1862 im Aargau entgegenschlug (Abberufung des Gr. Rats, da dieser es gewagt hatte, die Gleichberechtigung der Juden zu beschliessen). D. war auch Kontaktmann der 1860 gegr. Alliance Israélite Universelle (Paris) und lancierte in der franz. Presse Artikel über die Diskriminierung der franz. Juden in der Schweiz. 1872-76 beteiligte er sich am Aufbau einer jüd. Infrastruktur in Zürich (Isr. Cultusgem.). Neben Meyer Kayserling war D. die massgebl. Persönlichkeit im erst 1879 (Ortsbürgerrecht) erfolgreich abgeschlossenen Kampf der Schweizer Juden um ihre Gleichberechtigung.

Quellen und Literatur

  • BAR
  • StAAG
  • Archiv der Alliance Israélite Universelle, Paris
  • R.U. Kaufmann, «Ein schweiz.-jüd. Leben für moderne Bildung und Emanzipation», in Jüd. Leben im Bodenseeraum, hg. von A.P. Kustermann, D.R. Bauer, 1994, 109-132
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Lebensdaten ∗︎ 18.11.1812 ✝︎ 30.5.1877