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Alpstein

Voralpines Massiv in den Ostschweizer Kalkalpen, begrenzt durch das St. Galler Rheintal und das Obertoggenburg. Das engere, im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen und der beiden Appenzell gelegene Säntis-Gebirge, Quellgebiet von Sitter und Thur, besteht aus drei von Südwesten nach Nordosten laufenden Höhenzügen. Seit frühmittelalterlicher Zeit ist der Land und Leute prägende Alpstein Motiv in Literatur, Mythologie und Kunst.

Von urzeitlicher Temporär-Besiedlung um 30'000 v.Chr. zeugen das dem Paläolithikum zuzuweisende Fundmaterial aus den Wildkirchli-Höhlen sowie Streufunde aus der Bronzezeit. Wie die wenigen, sich vorwiegend auf Bäche, Anhöhen und Alpen beziehenden romanischen Ortsbezeichnungen (v.a. im Obertoggenburg und Innerrhoder Bergland) nahelegen, stellte das Gebiet, von dem nur der südöstlichste Bereich zum Bistum Chur gehörte, eine Randzone des rätoromanischen Siedlungsraumes dar. Wohl erst im Zuge der alemannischen Landnahme wurden im Alpstein als Teil des alten Arbonerforstes ganzjährig bewohnte Heimstätten begründet, dies zumeist in Form von Einzelhöfen. Erheblichen Anteil an der Kolonisation des Berglandes hatte die Abtei St. Gallen. Die flächenmässig grösste Pfarrei im Alpstein war jene von Appenzell, die dem Bistum Konstanz zugeordnet war. Im Spätmittelalter gab es mehrere Klausen von Waldbrüdern und Beginen; die Wildkirchli-Einsiedelei bestand 1679-1853. Wie die frühe Nennung von deutschen Alpbezeichnungen (1071 Alp Soll, Potersalp, Meglisalp), Namenbelege zu Neurodungen (Aescher, Kau, Rüti, Schwendi) sowie klösterliche Einkünfterödel zu Käse-, Ziger- und Tier-Abgaben zeigen, spielte die Vieh- und Milchwirtschaft seit dem Hochmittelalter eine massgebliche Rolle. Nach 1400 führten Nutzungskonflikte unter Anteilhabern zum Erlass von Reglementen (Alpbüchlein von Soll, 1448). Ab dem 15. Jahrhundert urkundlich bezeugte und bis 1700 sich hinziehende Streitigkeiten zwischen Appenzeller, Rheintaler und Toggenburger Alpinhabern suchte man durch Schiedssprüche zu lösen. Teils in Verbindung mit der Landwirtschaft erfolgte die Gewinnung von Salpeter, Bauholz, Holzkohle, Bienenhonig und Heilkräutern. Mit der parallel zum Bevölkerungswachstum rasch fortschreitenden Kultivierung der Naturlandschaft einher ging die Ausrottung der teilweise als Schädlinge empfundenen Wildtiere. Bereits im Landbuch von 1585 findet sich eine Jagdbeschränkung zum Schutz der dezimierten Hochwildbestände. 1673 soll in Urnäsch der letzte Bär ins Netz gegangen sein, und 1695 wurde bei Teufen der letzte Wolf erlegt. Seit jeher befanden sich die zwischen 900 und 1900 m gelegenen, meist kleinflächigen und teils genossenschaftlich bestossenen Alpen in Privatbesitz. 1864 zählte man allein auf appenzellischem Territorium nicht weniger als 205 Alpbetriebe. Im Alpstein ― unter Einschluss des in Siedlungsweise, Mentalität und Wirtschaftsleben grosse Ähnlichkeiten mit dem Appenzellerland aufweisenden Neckertales und Obertoggenburgs ― etablierte sich eine eigenständige Sennenwirtschaft (Senn) mit reichem Brauchtum und Kunsthandwerk (Bauernmalerei, Weissküferei, Sennensattlerei). Die Vermarktung der im Alpstein hergestellten Milchprodukte besorgte die wenige Dutzend Einzelunternehmer umfassende Berufsgruppe der Molkengrempler.

Fast gleichzeitig mit der Entdeckung des Alpsteins als alpines Arkadien freier Hirten (Hirtenvolk) setzte zu Ende des 18. Jahrhunderts mit Christoph Jezeler dessen naturwissenschaftliche Erforschung ein. Vorausgegangen war 1723-1725 eine erste nähere «Beschreibung der Appenzellerischen Gebirgen» durch den einheimischen Pater Clemens Geiger. Massgebliche Arbeiten vollbrachten im Bereich der Geologie Albert Escher von der Linth und Albert Heim, auf botanischem Gebiet unter anderem Johannes Georg Schläpfer und Johann Konrad Rechsteiner. Das durch die traditionellen Molkenkurorte Gais und Weissbad begründete Fremdenverkehrsangebot erfuhr im Laufe des 19. Jahrhunderts Bereicherung durch eine Reihe von Kurhaus-Neubauten (Gontenbad, Jakobsbad, Rietbad, Kräzerli). Der Zugang zur Bergwelt wurde ab 1850 erleichtert durch die Anlage von Wanderwegen und Berggaststätten (u.a. Hochalp 1847, Gäbris 1859, Wildkirchli 1860, Ebenalp 1861, Säntis 1868). Zum Schutz der Gemsen und Rehe erklärten die Kantone St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden das gesamte Säntisgebirge 1866 zum Jagdbannbezirk, dies nicht zuletzt im Interesse des aufkommenden Bergtourismus. Nach dem Scheitern ehrgeiziger Säntis-Eisenbahnprojekte und dem Ausbau der Talstrassenverbindungen realisierten private Trägerschaften mehrere Luftseilbahnen: Schwägalp-Säntis (1935), Wasserauen-Ebenalp (1955), Brülisau-Hoher Kasten (1964), Jakobsbad-Kronberg (1964).

Quellen und Literatur

  • J.R. Steinmüller, Beschreibung der Alpen- und Landwirthschaft des schweiz. Kt. Appenzell ..., 1804
  • J.M. Schirmer, Der Sammler in den Alpen, 8 Bde., Ms., um 1830, (StAAR)
  • H. Grosser, «Die Erschliessung des Alpsteins», in IGfr. 9, 1962, 55-84
  • Das Land Appenzell, hg. von H. Maeder, 1977
  • Appenzell: Land und Leute, hg. von M. Mittler, 1996
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Peter Witschi: "Alpstein", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.06.2001. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015960/2001-06-05/, konsultiert am 13.08.2022.