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Eliten

Der Ausdruck E. wird im Französischen seit dem 17. Jh. für soziale Gruppen verwendet, die sich durch besondere Werte oder Leistungen auszeichnen. Im 18. Jh. gelangte er in die dt. Sprache, Ende des 19. Jh. in die italienische. Gebräuchlich wurde er zunächst in der Sozialphilosophie und der Soziologie. Die allg. Verbreitung des Ausdrucks erfolgte erst im frühen 20. Jh., als er in den ideolog. Auseinandersetzungen zwischen links und rechts zu einem zentralen Schlagwort wurde und sich gleichzeitig als soziolog. Kategorie etablierte.

Begriff und Theorien

Die Bildung des Begriffes E. ist eng mit dem Aufkommen der Bürgerlichen Gesellschaft im späten 18. und frühen 19. Jh. verbunden (Bürgertum). Sie entsprang dem Bedürfnis der aufsteigenden bürgerl. Schichten, ihren sozialen Status gegenüber dem Adel mit besonderen Leistungen und Tugenden, mit Bildungs- und Fachwissen zu legitimieren. Die Bezeichnung "Herrschaft der Eliten" in Anlehnung an Platons "Herrschaft der Besten" tauchte erstmals in der frühsozialist. Bewegung der Saint-Simonisten auf. Diese warfen die Frage auf, wem in der nachfeudalen Industriegesellschaft die Führung zukommen sollte. Mit der Vorstellung, dass nur Besitzende und Gebildete das Volk repräsentieren und so den Fortschritt vorantreiben könnten, vertraten implizit auch die Liberalen das Prinzip einer Herrschaft der E. Wurde der Begriff Elite zunächst eher technokratisch-progressiv verstanden, so bekam er u.a. durch Friedrich Nietzsche und Georges Sorel einen utopisch-voluntaristischen Akzent, aber auch einen apologetisch-ideologischen Charakter. Nietzsche stellte in seiner Gesellschafts- und Kulturkritik dem Massenmenschen den starken Einzelnen und die Elite entgegen, Sorel verbreitete als syndikalist. Sozialist den Mythos der "grossen Tat" und der revolutionären Elite.

Porträt von Vilfredo Pareto. Fotografie von Chastellain & Gross, 1895 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
Porträt von Vilfredo Pareto. Fotografie von Chastellain & Gross, 1895 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne). […]

Die Entwicklung des Begriffs Elite zu einem polit. Schlagwort und zu einer sozialwissenschaftl. Kategorie entscheidend vorangetrieben haben um 1900 die neomachiavellist. Elitetheoretiker Gaetano Mosca, Vilfredo Pareto und Robert Michels. Sie stellten ins Zentrum ihrer Überlegungen die unüberwindbare Spaltung der Gesellschaft in Herrscher und Beherrschte, die Notwendigkeit, die Massen durch E. als geschlossene handlungsfähige Gruppen zu führen sowie die These von der oligarch. Tendenz aller polit. Systeme. Mosca zufolge nimmt in allen Gesellschaften eine kleine herrschende Klasse alle polit. Funktionen wahr (Herrschaft), monopolisiert damit die Macht, geniesst deren Vorteile und lenkt die grosse Masse (Unterschichten). Das Interesse des in Lausanne lehrenden Pareto galt primär der Zirkulation der E., der kontinuierl. Auswechslung und Erneuerung oder Abschottung der Herrschaftseliten. In der Formierung von Gegeneliten bei "Degenerationserscheinungen" der herrschenden E. sah er das dynam. Element der Geschichte. Der Wahlitaliener Michels ging in seiner "Soziologie des Parteiwesens" weniger von einer Zirkulation der E. aus als vielmehr von einer ständigen Amalgamierung neuer Elemente mit alten. Die Elite sah er nicht als eine Klasse, sondern als eine mehr oder weniger geschlossene Gruppe, deren Mitglieder sich aus verschiedenen sozialen Schichten rekrutieren konnten. Michels Gesetz der Oligarchisierung bildet in der Erforschung von Parteien, Interessenverbänden und anderen Organisationen bis heute ein wichtiges analyt. Modell.

Die skizzierten Elitetheorien prägten den kultur- und zivilisationskrit. Diskurs des ausgehenden 19. Jh. und legitimierten die bestehenden elitären Tendenzen. Sie waren mit unterschiedlichen polit. Ideologien vereinbar und wurden besonders im Sozialdarwinismus, Rassismus, Faschismus und Nationalsozialismus virulent. Deshalb ist der Elitebegriff z.T. bis heute negativ besetzt. Im angelsächs. Raum wurde er allerdings von Anfang an auch als wertfreie soziolog. Kategorie rezipiert. Mit der Ausdifferenzierung und Demokratisierung der Gesellschaft gingen Elitetheorien immer mehr von einer Pluralität der E. aus: E. wurden nun als soziale oder polit. Einflussgruppen beschrieben, die sich aus den breiteren Schichten der Gesellschaft, ihren sozialen Klassen und Gruppen herauslösen, um in der sozialen und polit. Organisation des Systems bzw. in einzelnen Subsystemen eine bestimmte Funktion zu übernehmen.

Zur Wertelite werden jene gezählt, die sich in der Selbst- oder Fremdeinschätzung durch hohe sittliche und geistige Fähigkeiten auszeichnen und sich deshalb von der Masse abheben, so das Bildungsbürgertum mit seinem Bildungs- und Leistungswissen oder die "freischwebenden Intellektuellen" (Karl Mannheim) mit ihrer Gesinnungsethik. Funktionseliten sind jene sozialen Gruppen, die aufgrund ihres Sach- und Fachwissens und ihrer Leistungen Aufgaben wahrnehmen, die für die Funktionsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft besonders wichtig sind, wie z.B. Leiter von Grossunternehmen, Spitzenbeamte, Inhaber höchster polit. Ämter. Zur Macht- oder Herrschaftselite gehören jene, die aufgrund ihrer Positionen, Qualitäten und Leistungen Macht über andere besitzen bzw. formale Herrschaftspositionen einnehmen. Empirisch erfolgt die Identifikation von solchen E. in der Regel über die Analyse der hierarch. Positionen und der Teilhabe an zentralen Entscheidungen oder anhand der Reputations- bzw. Prestigeskalierung.

Die Eliten vor 1848

In der alten Eidgenossenschaft hatte der Adel seine Stellung als Herrschaftselite bereits Ende des 14. Jh. weitgehend eingebüsst. In den von Stadtbürgern oder Bauern getragenen Ordnungen übernahmen Angehörige der städtisch-bürgerlichen oder der ländlich-bäuerlichen Ober- und Mittelschichten die polit. Führung. Aus ihrer Mitte bildete sich im 15. und 16. Jh. eine neue Elite, deren Charakteristikum die Verbindung von wirtschaftl. Macht, sozialem Prestige und politisch-militärischer Führung war (Patriziat). Im 17. und 18. Jh. verstärkten sich die Tendenzen der Verfestigung und Abschliessung der E. (Aristokratisierung). Eine immer kleinere Zahl von Geschlechtern beherrschte die Räte, besetzte die wichtigen Verwaltungsämter und monopolisierte die hohen Offiziersstellen. Dem Adel wurde diese Elite jedoch nie ganz ebenbürtig, im Gegenteil blieben viele ihrer Mitglieder trotz aristokrat. Verhaltensweisen stark bürgerlich geprägt. Die Stellung der Handels- und Finanzaristokratie etwa beruhte auf wirtschaftl. Erfolg sowie auf Wissen und Fähigkeiten, also auf Grundlagen, die markt- und leistungsbezogen waren. Zudem war die Herrschaft dieser E., wie in Unruhen immer wieder deutlich wurde, viel labiler als jene des Adels. Sie mussten stets mit dem Misstrauen rechtlich gleichgestellter Geschlechter, der Bürgerschaft oder Landleute, aber auch der Untertanen rechnen. Ohne stehendes Heer fehlte ihnen die Möglichkeit, den Gehorsam mittels Gewalt zu erzwingen. Wie in den Städte- und Länderorten entwickelten sich auch in den untertänigen Kleinstädten und auf dem Land E., die sich aus Angehörigen reicher Bauerngeschlechter und Gewerbetreibenden (Wirten, Müllern) zusammensetzten, wichtige Gemeindeämter (Dorfvorsteher, Eherichter, Zehnteinzieher) an sich zogen und sich im Lebensstil von den anderen Bauern abhoben. Ihr Vorrang in den Dörfern beruhte wie jene der regierenden E. auf der Verbindung von wirtschaftlicher, sozialer und politischer Macht. Im Unterschied zur städtischen und ländlichen Aristokratie waren diese Dorfpatriziate jedoch weniger geschlossen und daher von einem ständigen Auf- und Abstieg einzelner Geschlechter geprägt.

Nach der Helvetischen Revolution von 1798 begann sich eine neue Elite zu bilden. Ausser "aufgeklärten" Angehörigen der alten herrschenden Familien bestand sie aus Männern des kleinstädt. Besitz-, Wirtschafts- und Bildungsbürgertums. Die meisten Mitglieder dieser Elite gehörten den Republikanern an, die bei aller Befürwortung revolutionärer Prinzipien einen gemässigten, frühliberalen Kurs vertraten und im Unterschied zur Partei der Patrioten mit ihrem eher kleinbürgerlichen und bäuerlichen Anhang die Revolution nicht zu weit vorantreiben wollten. Sie hielten es für gefährlich, den ungebildeten Männern der breiteren Bevölkerungsschichten mehr polit. Rechte und Einflussmöglichkeiten zuzugestehen. Sie waren überzeugt, dass die Mitwirkung der kleinen Leute den Fortschritt ohnehin bloss hemmen würde und sie deshalb zu deren Führung berufen seien. Diese neue polit. Elite vermochte sich allerdings nicht fest zu etablieren. Zudem sorgte eine Gruppe anpassungsfähiger Männer aus dem Umkreis der alten Elite, die trotz revolutionärer Wirren nahezu ohne Unterbrechung Ämter besetzte, für eine gewisse Kontinuität. Mit der teilweisen Wiederherstellung der alten Ordnung in der Mediation und Restauration kehrten ausser in den neuen Kantonen auch die alten E. wieder an die Macht zurück. Allerdings mussten sie den vermögenden Grund- und Kapitaleigentümern bürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft gewisse Zugeständnisse machen. Die Herrschaft beider Gruppen gründete auf der Verknüpfung von wirtschaftlicher, sozialer und politischer Macht, wie dies auch in der Herrschaft der Notabeln im nachrevolutionären Frankreich der Fall war.

Die Eliten im Bundesstaat

Ähnlich wie in den liberalen Kantonen ab 1830 etablierte sich im frühen Bundesstaat eine neue politische und soziale Elite, die nicht mehr auf Herkunft, sondern auf Reichtum und akadem. Bildung beruhte. Sozial rekrutierte sie sich weitgehend aus dem Besitz-, Bildungs-, Handels- und Industriebürgertum. Ideell war sie optimistisch, bildungsfreundlich und bildungseifrig, grossbürgerlich und national gesinnt. Nach ihrem Selbstverständnis umfasste sie jene, die sich durch Arbeit, Bildung und Verdienst eine höhere soziale Stellung errungen hatten. Durch freundschaftliche, politische und geschäftliche Beziehungen zusammengehalten, stand sie Aufsteigern aus dem Kleinbürgertum oder dem gewerblichen und bäuerlichen Milieu offen. Vor allem unter den Radikalen gab es eine Reihe von Männern meist kleinbürgerlicher oder bäuerlich-gewerblicher Herkunft, die nach einem Studium über die Politik den sozialen und wirtschaftl. Aufstieg schafften.

Karikatur gegen die neuen Eliten, erschienen im Postheiri vom 12. Juli 1873 (Universitätsbibliothek Basel).
Karikatur gegen die neuen Eliten, erschienen im Postheiri vom 12. Juli 1873 (Universitätsbibliothek Basel). […]

Idealtypisch verkörperten die "Bundes- oder Eisenbahnbarone" die in Wirtschaft und Politik zugleich tätige bürgerl. Elite. Dieser innere Kreis der Mächtigen setzte sich im Wesentlichen aus Unternehmern der Textilindustrie sowie aus Juristen und Magistraten zusammen, die sich über ihren engeren Wirkungsbereich hinaus in der Finanzierung und Organisation des Eisenbahnbaus und der Eisenbahngesellschaften sowie im Bank- und Versicherungsgeschäft hervortaten. Diejenigen Vertreter der E. reformierter wie katholischer Herkunft dagegen, die sich nicht zum Liberalismus oder Radikalismus bekannten und sich auch nicht mit den herrschenden Liberal-Radikalen arrangierten, standen im polit. Leben des frühen Bundesstaates im Abseits. Auf nationaler Ebene vermochten diese Aristokraten und Honoratioren sich einzig im eidg. Offizierskorps noch einigermassen zu behaupten. Die Armee, besonders der Generalstab, wurde damit eine jener Institutionen, in der die neue Elite aus dem Unternehmertum und dem Besitz- und Bildungsbürgertum ihre Gleichwertigkeit mit den ehemaligen Herren dokumentierte.

Gruppenbild des Generalstabs der Schweizer Armee. Lithografie, um 1870 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen.
Gruppenbild des Generalstabs der Schweizer Armee. Lithografie, um 1870 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen.

Bezeichnend für die schweizerischen polit. E. im späten 19. und im 20. Jh. ist die Kumulation von Funktionen und Rollen wie Beruf, Mitgliedschaft in Kommissionen, Verbandspräsidien und -sitze, Verwaltungsratsmandate, Vereins- und Parteiaktivitäten. Dies erklärt den hohen Anteil von Juristen und die überdimensionale Bedeutung der hauptberufl. Interessenvertreter (Exekutivmitglieder, Verbandssekretäre) innerhalb der polit. Elite. Die Advokatur entwickelte sich in der Schweiz zu einem typ. Kernberuf, der mit verschiedenen anderen Tätigkeiten verbunden wurde. Diese Rollenkumulation macht die Machtverteilung für die Forschung schwer überschaubar. Auch lassen sich die Kanäle, über die Kompromisse gefunden werden mussten, nur mit Mühe erkennen. Gemäss einer Studie von Hanspeter Kriesi prägten 1971-76 rund 1'200 Personen die wichtigsten Entscheidungsprozesse auf Bundesebene. Der innere Kreis der die wichtigsten formalen strateg. Positionen einnehmenden Akteure wie Bundesrat, Verbandsämter u.a. umfasste knapp 300 Personen, darunter nur gerade drei Frauen. Dieser im Wesentlichen bürgerl. Kreis bildete ein relativ geschlossenes System, dem Repräsentanten des Verbandssystems sowie der Verwaltung angehörten und das parteimässig vom Freisinn dominiert wurde. Entscheidendes Zugangskriterium bildete eine Ausbildung in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Die soziale Rekrutierung war auf die oberen und mittleren Klassen beschränkt. Ein Aufstieg aus der Unterschicht kam selten vor.

Der Rollenkumulation entsprach ein stark männerbündisches Prinzip, das mit ein Faktor für den anhaltenden Ausschluss der Frauen aus der schweiz. Politik war. Mit der Einführung des Frauenstimmrechts konnten die Frauen ab 1971 auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene ihre Zugangschancen erhöhen, vermochten aber die männl. Dominanz des inneren Kreises der Elite nicht zu brechen. Noch schwieriger war den Frauen der Aufstieg in die wirtschaftl. Elite. Die unterschiedl. Offenheit der beiden E. lässt darauf schliessen, dass strukturelle und kulturelle Formen der Segregation von Arbeits- und Themenfeldern, geschlechtsspezif. Rekrutierungs- und Aufstiegsmuster, besondere Arten der Diskriminierung im Zusammenleben sowie Anforderungen, die sich an überkommenen Geschlechtsstereotypen orientieren, im polit. Bereich weniger wirkten. Die Verschiedenheit könnte jedoch auch damit zu tun haben, dass in der Politik einerseits die Rekrutierung demokrat. Kontrolle und Auswahl unterliegt und andererseits das Machtpotential geringer ist als in der Wirtschaft.

Quellen und Literatur

  • U. Jaeggi, Die gesellschaftl. Elite, 1967
  • E. Gruner, Die Schweiz. Bundesversammlung 1920-1968, 1970
  • H.P. Dreitzel, «Elite», in Hist. Wb. der Philosophie 2, 1972, 443-446
  • E. Gruner, Polit. Führungsschichten im Bundesstaat, 1973
  • H.C. Peyer, «Die Anfänge der schweiz. Aristokratien», in Luzerner Patriziat, hg. von K. Messmer, P. Hoppe, 1976, 3-28
  • Peyer, Verfassung, 1978
  • Sablonier, Adel
  • H. Kriesi, Entscheidungsstrukturen und Entscheidungsprozesse in der Schweizer Politik, 1980
  • F.-X. Kaufmann, «Elite», in Staatslex. 2, 1986, 218-222
  • H. Siegrist, «Die Rechtsanwälte und das Bürgertum: Deutschland, die Schweiz und Italien im 19. Jh.», in Bürgertum im 19. Jh., hg. von J. Kocka, 1988, 92-123
  • T.-H. Ballmer-Cao, R. Wenger, L'élite politique féminine en Suisse, 1989
  • A. Tanner, Arbeitsame Patrioten, wohlanständige Damen, 1995
  • B. Liebig, Geschlossene Gesellschaft, 1997
  • Z.T. Pallinger, Eliteforschung: Ein Überblick 1997
  • G. Sola, La teoria delle élites, 2000