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Lebensstandard

Unter Lebensstandard werden die materiellen Dimensionen von Wohlfahrt, d.h. die Verfügung über Einkommen und Vermögen, sowie der Besitz und Konsum von Gütern und Dienstleistungen subsumiert. Im Unterschied dazu umfasst das Konzept der Lebensqualität materielle wie immaterielle, objektive wie subjektive Wohlfahrtskomponenten (und betont das "Besser" gegenüber dem "Mehr").

Der Lebensstandard wird durch Menge und Qualität der Güter und Dienstleistungen bestimmt, über die Personen und private Haushalte verfügen. Zusätzlich zum privaten Konsumverhalten (zumeist Güter und Dienstleistungen, die über den Markt bereitgestellt und erworben werden) wird der Lebensstandard auch durch die Versorgung mit öffentlichen Gütern wie Bildungseinrichtungen, Verkehrswegen und kommunalen Betreuungsinstitutionen bestimmt. Ein wichtiger Aspekt des Lebensstandards ist der Wohnstandard (Wohngrösse pro Kopf, Wohnausstattung, Wohnen).

Der international am häufigsten benützte Indikator des Lebensstandards ist das Bruttoinlandprodukt pro Kopf (Bruttosozialprodukt). Die Aussagekraft dieses weltweit angewandten Indikators wird allerdings von verschiedener Seite kritisiert: Erstens berücksichtigt er nur einen Teil der wohlfahrtsrelevanten Leistungen; unbezahlte Haus-, Familien- und Freiwilligenarbeit bleibt unberücksichtigt. Zweitens steigern die in den Indikator einfliessenden Leistungen nicht in jedem Fall den Lebensstandard (etwa wenn Umweltschäden oder Unfallfolgen rechnerisch das Bruttoinlandprodukt erhöhen). Drittens berücksichtigen globale Indikatoren des Lebensstandards soziale Ungleichheiten zu wenig, und das Bruttoinlandprodukt pro Kopf kann auch ansteigen, wenn der Lebensstandard einer Mehrheit der Bevölkerung sinkt (Wirtschaftswachstum). Andere oft benützte Indikatoren des Lebensstandards sind die Ausgaben für den privaten Konsum pro Kopf der Bevölkerung bzw. pro Haushalt (Konsumausgaben) sowie die Ausstattung von Haushalten mit langlebigen Gebrauchsgütern.

Konzeptuelle Entwicklung

Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war Wohlfahrt gleichbedeutend mit einer verbesserten materiellen Lebenssituation. Sozialer Fortschritt in frühen und sich entwickelnden Industriegesellschaften bestand in der Überwindung des Mangels (Industrialisierung). Adam Smith unterschied die drei Stufen Subsistenz (Subsistenzwirtschaft), Annehmlichkeit und Luxus des materiellen Wohlstands. In einer ersten Phase der wirtschaftlichen Entwicklung gehe es primär darum, absolute Armut (d.h. das Unterschreiten des physischen Existenzminimums) zu reduzieren. Indikatoren für einen tiefen Lebensstandard im Sinne eines Unterschreitens des Existenzniveaus sind Unterernährung, Obdachlosigkeit oder eine unhygienische Wohnsituation sowie eine allgemein geringe Lebenserwartung. Entsprechend ist die Verbesserung der Ernährung in der ersten Phase wirtschaftlicher Entwicklung ein zentraler Massstab eines höheren Lebensstandards. Mit steigender wirtschaftlicher Prosperität werden andere Aspekte (u.a. bessere Wohnverhältnisse, Zugang zu Bildung, sauberes Wasser) wichtige Faktoren.

Die historische Entwicklung bestätigte die Beobachtung von Friedrich Engels, dass sich der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel mit zunehmendem Lebensstandard reduziert. In Gesellschaften mit hohem Wohlstand steht weniger die absolute als die relative Armut im Vordergrund, die sich am durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft bemisst und als relative Benachteiligung bezüglich der Teilhabe an wichtigen materiellen und immateriellen Gütern verstanden wird.

Die Entwicklung des Lebensstandards

Bis zum Durchbruch industrieller Produktionsweisen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert lag der Lebensstandard der grossen Mehrheit der Bevölkerung nur knapp über – und zeitweise unter – dem physischen Existenzminimum. Der Lebensstandard namentlich der bäuerlichen Schichten basierte auf Ackerbau und/oder Viehwirtschaft. Missernten führten in der vorindustriellen Schweiz häufig zu Versorgungskrisen, Unterernährung und im Extremfall zu Hungersnöten. Letztere traten in der Zeit der Klimaverschlechterung zwischen 1566 und 1600, die deutliche landwirtschaftliche Produktionseinbussen zur Folge hatte, vermehrt auf. Mangelernährung und unhygienische Wohnverhältnisse erleichterten den Ausbruch armutsbedingter Epidemien wie Typhus und Cholera. Seinen Ausdruck fand der geringe Lebensstandard der alten Eidgenossenschaft in einer tiefen Lebenserwartung bzw. einer hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit (Mortalität). Gleichzeitig war ein grosser Teil junger Männer und Frauen gezwungen, der heimatlichen Armut durch Auswanderung zu entgehen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wuchs der Lebensstandard der Bevölkerung allmählich an: Erstens setzten sich neue landwirtschaftliche Produktionsweisen durch (Abkehr von der Dreifelderwirtschaft und bessere Düngung, Einführung der Kartoffel und ertragreicher Kleesorten). Damit erhöhte sich die Produktivität der Landwirtschaft, was die Ernährungsgrundlage verbesserte. Eine gesteigerte Vorratshaltung und der Ausbau der Verkehrswege reduzierten das Risiko regionaler Hungersnöte weiter. Zweitens schuf das Aufkommen der Heimarbeit in manchen Regionen der Schweiz zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Gleichzeitig mit dem Aufschwung der Heimarbeiterindustrie stieg der Fleischverbrauch an, was als klares Zeichen für einen höheren Lebensstandard gilt. Im 18. Jahrhundert nahm der Konsum von überseeischen Produkten (Kolonialwaren) und Genussmitteln wie Kaffee und Tabak zu, namentlich in wohlhabenden Kreisen, teilweise auch in den neu entstehenden Mittelschichten. Manche Regionen der Schweiz profitierten ab dem 18. Jahrhundert von der Ausbreitung des Luxuskonsums internationaler Oberschichten.

Aber auch im späten 18. und während des 19. Jahrhunderts führten Wirtschaftskrisen immer wieder zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, wodurch etwa die Säuglingssterblichkeit noch im späten 19. Jahrhundert regional zeitweise erneut anstieg. Während sich der Lebensstandard des politisch und wirtschaftlich an Bedeutung gewinnenden Bürgertums, der Angestellten sowie vieler Facharbeiter schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts deutlich verbesserte, blieb die materielle Existenzsicherung unqualifizierter Arbeiter und landwirtschaftlicher Arbeitskräfte aufgrund tiefer Löhne bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prekär, und Zeiten hoher Arbeitslosigkeit waren Zeiten massenhafter Verarmung (Pauperismus).

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert waren einerseits durch einen insgesamt steigenden Lebensstandard (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) gekennzeichnet, was unter anderem zur touristischen Entwicklung der Schweiz beitrug. Andererseits verschärften sich die regionalen und sozialen Unterschiede des Lebensstandards. 1906-1925 lag der Anteil der Selbstversorgung an den Haushaltskosten bei Bauernhaushaltungen weiterhin bei rund 60%. Nur allmählich erhöhten sich die Wohlstands- und Konsumerwartungen auch in ländlich geprägten Regionen. Verbesserte Bildungsmöglichkeiten, veränderte Kommunikationsbedingungen und die Stimulation durch neue Ideen liessen auch bei der Landbevölkerung Konsumwünsche entstehen, was zu massiven Land-Stadt-Wanderungen beitrug. Der Erste Weltkrieg sowie die Zwischenkriegszeit waren zwar Zeiten erhöhter wirtschaftlicher Produktivität, die jedoch kriegs- und krisenbedingt nicht zu einer allgemeinen Wohlstandsvermehrung führte. Zwischen 1930 und 1939 erhöhte sich das reale Volkseinkommen jährlich nur um 0,6%.

Die Periode nach 1945 führte zu einer historisch einmaligen Erhöhung des Lebensstandards, was sich in der Lohnentwicklung zeigte: In den 1950er Jahren nahm die Kaufkraft der Löhne um durchschnittlich ein Fünftel zu, in den 1960er Jahren sogar um zwei Fünftel (Lohn). Aufgrund des steigenden Lebensstandards stellten die 1950er Jahre den – wenn auch verhaltenen – Beginn des Massenkonsums dar, und früher kostspielige langlebige Konsumgüter, wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Automobile, erfuhren eine rasche Verbreitung. Die Entwicklung einer ausgedehnten Konsumkultur begünstigte ab den späten 1950er Jahren die Angleichung des Lebensstandards verschiedener sozialer Schichten und Regionen, etwa beim Besitz dauerhafter Konsumgüter. Dank dem Aufbau wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen (Sozialversicherungen) konnten mit Zeitverzögerung auch früher benachteiligte Gruppen wie die Rentner vom Wohlstandsgewinn profitieren.

Haushaltsrechnungen von Unselbstständigerwerbenden als Indikator des materiellen Lebensstandards 1921 und 1951
Haushaltsrechnungen von Unselbstständigerwerbenden als Indikator des materiellen Lebensstandards 1921 und 1951 […]

Im Zuge eines steigenden Lebensstandards veränderte sich die Struktur der Haushaltsausgaben deutlich. Der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel, die früher das Familienbudget dominiert hatten, ging massiv zurück (1921 38,8%, 1950 29,7%, 1989 12,2%, 2008 7,2%). Umgekehrt wuchsen die Ausgaben für Freizeit und Ferien wie auch für die Freizeitmobilität. Der im internationalen Vergleich hohe Lebensstandard der schweizerischen Bevölkerung im 20. Jahrhundert begründet sich weitgehend darin, dass früher ausschliesslich für die Oberschicht produzierte Luxusgüter (u.a. Seidenbänder, Luxustextilien, Uhren, später Schokolade, Tourismus, Finanz- und Bankgeschäfte) sich im Laufe der Zeit zu Massenkonsumgütern entwickelten.

Konsumausgaben der Haushalte als Indikator des materiellen Lebensstandards 2004
Konsumausgaben der Haushalte als Indikator des materiellen Lebensstandards 2004 […]

Ab den 1970er Jahren wurden vermehrt wohlstandskritische Aspekte thematisiert (ökologischer Raubbau, zunehmender Stress, Wohlstandsverwahrlosung). Aktuelle Diskussionen bewegen sich um die zentrale Frage, in welchem Masse ein steigender Lebensstandard zu erhöhter Lebensqualität beiträgt. Die Antwort ist umstritten. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Schweizer Bevölkerung infolge ihres überdurchschnittlichen Lebensstandards von einer hohen Lebenserwartung profitiert (2010: Männer 80,2 Jahre, Frauen 84,6 Jahre). Auch bezüglich der allgemeinen Lebenszufriedenheit zeigen sich in der Schweiz hohe Zufriedenheitswerte. Eine weitere zentrale Folge des hohen Lebensstandards ist ein erweiterter individueller Spielraum für grosse Teile der Bevölkerung, was zur Ausdifferenzierung von Lebensstilgruppen führt, die ihre persönlichen Präferenzen ausleben.

Quellen und Literatur

  • J.-F. Bergier, Wirtschaftsgesch. der Schweiz, 21990 (franz. 1984)
  • Die schweiz. Wirtschaft, 1291-1991, hg. von R. Cicurel, L. Mancassola, 1991
  • H.-J. Gilomen, «Sozial- und Wirtschaftsgesch. der Schweiz im SpätMA», in Geschichtsforschung in der Schweiz, 1991, 41-66
  • M. Ravallion, Poverty Comparisons, 1994
  • Europ. Konsumgesch., hg. von H. Siegrist et al., 1997
  • Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998
  • J. Tanner, «Lebensstandard, Konsumkultur und American Way of Life seit 1945», in "Goldene Jahre", hg. von W. Leimgruber, W. Fischer, 1999, 101-131
Weblinks
Kurzinformationen
Kontext Existenzminimum, Lebenshaltungskosten, Wohlstand

Zitiervorschlag

François Höpflinger: "Lebensstandard", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.02.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015994/2015-02-19/, konsultiert am 09.02.2023.