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Germaine deStaël

Porträt von Germaine de Staël mit Turban. Farblithografie von François-Séraphin Delpech (Bibliothèque de Genève).
Porträt von Germaine de Staël mit Turban. Farblithografie von François-Séraphin Delpech (Bibliothèque de Genève).

22.4.1766 Paris, 14.7.1817 Paris, reformiert, von Genf. Tochter des Jacques Necker und der Suzanne Necker. Cousine von Albertine Necker und Jacques Necker. 1) 1786 Erik Magnus von Staël-Holstein, Baron und schwedischer Botschafter in Frankreich, 2) 1816 Albert Rocca, genannt John, ehemaliger Offizier der französischen Armee, von Genf (heimliche Heirat). Germaine de Staël genoss eine Erziehung durch ihren Vater und den Pariser Salon ihrer Mutter, wo sie mit bedeutenden Autoren in Kontakt kam. Nach ihrer ersten Heirat eröffnete sie einen eigenen Salon, der im Vorfeld der Revolution eine rege Tätigkeit entfaltete. Staël übte durch ihre Freunde, insbesondere den Grafen Louis Marie de Narbonne-Lara, einen nicht zu unterschätzenden politischen Einfluss aus. Die Ereignisse von 1789 betrachtete sie als Vorboten einer von ihr sehnlich herbeigewünschten Freiheit. Staël entkam den Septembermassakern von 1792 und verbrachte die folgenden Jahre in Coppet und Genf. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft kehrte sie mit Benjamin Constant, den sie 1794 in Lausanne kennengelernt hatte, nach Paris zurück. Als engagierte Schriftstellerin und gemässigte Republikanerin bekämpfte sie die monarchistische Reaktion ebenso wie das Jakobinertum. 1798 versuchte sie, die Annexion der Schweiz zu verhindern, da sie Eroberungen grundsätzlich ablehnte. Zunächst hoffte sie, dass das Konsulat gegenüber dem Direktorium ein stabileres Regime gewährleisten würde. Aber schon bald musste sie ihre Illusionen begraben: Napoleon duldete keinerlei Kritik und schränkte die Presse- und Versammlungsfreiheit massiv ein. Staëls Schrift "De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales" (1800) und ihr Roman "Delphine" (1802, deutsch 1803) stiessen in der französischen Presse auf Ablehnung. Im Oktober 1803 wurde Staël aus Paris verbannt und durfte sich der Stadt nur bis auf 40 Meilen nähern. Sie zog sich wieder auf das Familienschloss in Coppet zurück, das zum Refugium und zur Hochburg der intellektuellen Elite jener Zeit wurde. Dem engen Kreis bedeutender Denker, die sich als Groupe de Coppet um Staël formierten, gehörten insbesondere Constant, Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi, Amable Guillaume Prosper de Barante, August Wilhelm Schlegel und Karl Viktor von Bonstetten an. Von Coppet aus unternahm Staël Reisen nach Italien (1804-1805) und Wien (1808) sowie 1812-1813 über Österreich, Russland und Schweden nach England.

Trotz mehrmaliger Verhandlungen von Staëls Freunden mit Napoleon erlaubte dieser ihr die Rückkehr nach Paris nicht. Er fürchtete Staëls Einfluss auf die öffentliche Meinung und schreckte vor dem Gedanken zurück, die zwei Mio. Livres zurückzahlen zu müssen, die ihr Vater 1778 dem französischen Staat geliehen hatte. Ausserdem erzürnte ihn der 1807 erschienene Roman "Corinne ou l'Italie" (deutsch 1807), weil Staël darin die Heldentaten des Kaisers unerwähnt liess. Die Schrift "De l'Allemagne" von 1810 (deutsch 1815) wurde wegen ihrer antifranzösischen Tendenz eingestampft. Die polizeiliche Überwachung isolierte Staël. Die wenigen Personen, die sie noch in Coppet zu besuchen wagten, zum Beispiel Juliette Récamier, zogen ihrerseits den Zorn des Kaisers auf sich. Im Mai 1812 brach Staël aus ihrem Exil aus und floh nach England. Auf ihrer Reise schrieb sie den Bericht "Dix années d'exil", der 1821 postum veröffentlicht wurde (deutsch 1821). In London verfasste sie die ebenfalls nach ihrem Tod veröffentlichten "Considérations sur les principaux événemens de la Révolution française" (1818, deutsch 1818). Nach dem Sturz des Kaisertums konnte Staël im Mai 1814 wieder nach Paris zurückkehren, doch ging sie während der Herrschaft der Hundert Tage erneut nach Coppet ins Exil. Im Gegensatz zu Constant und Sismondi schloss sie sich Napoleon nicht wieder an. Sie führte ihren Salon in Coppet fort, wo sie neben vielen anderen Reisenden Lord Byron empfing. Durch die 1816 erfolgte Vermählung ihrer Tochter Albertine mit Victor de Broglie, dem späteren Präsidenten des Staatsrats unter der Julimonarchie, ging der Geist von Coppet an den Liberalismus der Doktrinäre über. Staël passte nicht in das zeitgenössische Rollenbild der Frau. Statt eine unauffällige Existenz zu führen, prägte sie das politische und kulturelle Leben Frankreichs ab Ende des 18. Jahrhunderts. Aufgrund des Erfolgs ihrer Werke, der Ausstrahlung ihrer Ideen, ihrer starken Persönlichkeit und ihrer Verfolgungen wurde Germaine de Staël zu einer europaweit bekannten Heldin.

Quellen und Literatur

  • Œuvres complètes, 2004-
  • Cahiers staëliens, 1962-
  • S. Balayé, Madame de Staël: lumières et liberté, 1979
  • S. Balayé, Madame de Staël: écrire, lutter, vivre, 1994
  • P.H. Dubé, Bibl. de la critique sur Madame de Staël: 1789-1994, 1998
  • J.-D. Bredin, Une singulière famille: Jacques Necker, Suzanne Necker et Germaine de Staël, 1999
  • E. Hofmann, F. Rosset, Le groupe de Coppet, 2005
  • S. Tribouillard, Le tombeau de Madame de Staël, 2007
  • M. Winock, Madame de Staël, 2010
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF
Kurzinformationen
Variante(n)
Anne Louise Germaine Necker (Taufname)
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 22.4.1766 ✝︎ 14.7.1817

Zitiervorschlag

Hofmann, Etienne: "Staël, Germaine de", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.02.2014, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016051/2014-02-11/, konsultiert am 16.01.2022.