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Henri-FrédéricAmiel

Porträt Henri-Frédéric Amiel von Berthe Vadier (Institut national genevois; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Porträt Henri-Frédéric Amiel von Berthe Vadier (Institut national genevois; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

27.9.1821 Genf, 11.5.1881 Genf, reformiert, von Genf. Aus einer ursprünglich aus Castres (F) stammenden Familie, die 1791 das Genfer Bürgerrecht erhielt. Sohn des Jean-Henri, Kaufmanns, und der Caroline Brandt, von Auvernier. Mit 13 Jahren Waise, wurde Henri-Fréderic Amiel durch einen Onkel erzogen. Nach brillantem Studium in seiner Geburtsstadt reiste er durch die Schweiz, Italien, Frankreich und Deutschland. 1844-1848 verbrachte er prägende Jahre in Berlin, wo er unter anderem Philosophie, Theologie, Psychologie und Philologie studierte. Zurück in Genf habilitierte er sich mit der Schrift "Du mouvement littéraire dans la Suisse romane et de son avenir", worauf er 1849 als Professor für Ästhetik und französische Literatur an die Universität Genf berufen wurde. Von 1854 bis zu seinem Tode hatte er den Lehrstuhl für Philosophie inne. Amiel war in verschiedenen lokalen Gesellschaften aktiv (Institut national, Société pour le progrès des études, Société de chant du Conservatoire). Er hinterliess ein bescheidenes literarisches Werk: einige Gedichtsammlungen ("Grains de Mil" 1854, "Il Penseroso" 1858, "La Part du Rêve" 1863, "Les Etrangères" 1876, "Jour à Jour" 1880), historische Balladen ("Charles le Téméraire" 1876) und Studien zu Germaine de Staël (1876) und Jean-Jacques Rousseau (1879). Bekannt wurde einzig sein "Roulez tambours!", ein patriotisches Kriegslied, das er 1857 anlässlich der Bedrohung der Schweiz durch Preussen schrieb.

Nach seinem Tod wurde ein umfangreiches Tagebuch (17'000 Seiten) entdeckt, das Amiel seit 1839 geführt hatte. Die beiden sorgfältig zusammengestellten Bände "Fragments d'un journal intime" sorgten bei ihrer Publikation 1882-1884 für ein europaweites Echo. Mit seiner desillusionierten Sicht der eigenen Existenz, dem Rückzug in die Innerlichkeit und dem Hang zur Selbstkritik wirkte dieses Werk prägend, insbesondere für die Literatur der französischen Schweiz. Während eines Jahrhunderts waren nur Teile des Tagebuchs bekannt; dank einer Gesamtausgabe können heute der ganze Reichtum und die Vielfalt dieses Werks ermessen werden. Es zeigt die Tragödie eines überdurchschnittlich begabten Menschen, der seinen eigenen intellektuellen und menschlichen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Intelligent und sensibel, analytisch und einfühlsam zugleich, strebte Amiel nach einer umfassenden Weltsicht und dem völligen Einssein der Menschen miteinander. Dieses Ideal liess sich im täglichen Leben nicht verwirklichen: Zum einen war ihm das politische, berufliche und familiäre Umfeld gleichgültig, undankbar oder feindlich gesinnt, zum andern stand er sich selber im Weg. Er bezichtigte sich als schwach, schüchtern, energie- und willenslos. Unfähig, Entscheidungen zu treffen, vermochte Amiel weder das Werk zu schaffen, von dem er träumte, noch mit einer seiner Geliebten, die ihm sein Leben erträglicher machten, ein Heim zu gründen. So flüchtete er sich in sein Tagebuch, das ihm zugleich Vertrauter, Zeuge und Tröster war, und wo sich seine Talente und seine Persönlichkeit voll entfalten konnten. Das Tagebuch ist eine unerschöpfliche Quelle aussergewöhnlicher Eintragungen, die in klarem und schöpferischen Stil alle Aspekte der Erkenntnis ansprechen. Unermüdlich werden die Tiefen der menschlichen Seele ausgelotet, Ansätze einer behutsamen Literatur-, Musik- und Kunstkritik formuliert und – aufgrund einer enormen Belesenheit und seltenen Fähigkeit zur Konzentration ― philosophische und moralische Reflexionen angestellt. Das Tagebuch offenbart eine oft enttäuschte Suche nach dem Göttlichen und enthält kosmische Träumereien um das ewig Geheime. All dies geschieht mit der Gabe, Persönliches zu transzendieren und in vielfältigen Formen wiederzugeben. Durch die Beschreibung der Natur und der Menschen, ihres Elends und ihrer Freuden, ihrer Arbeit und ihrer Spiele erinnert das Tagebuch ständig an die Bedingungen menschlicher Existenz und führt uns mit den Augen eines hellsichtigen und visionären Zeitgenossen eine ganze Epoche vor.

Quellen und Literatur

  • Journal intime, hg. von B. Gagnebin, P.M. Monnier, 12 Bde., 1976-94, (mit Werkverz. und biogr. Angaben)
  • Francillon, Littérature 2, 177-191
Weblinks
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Kurzinformationen
Lebensdaten ∗︎ 27.9.1821 ✝︎ 11.5.1881

Zitiervorschlag

Monnier, Philippe: "Amiel, Henri-Frédéric", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 09.07.2001, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016053/2001-07-09/, konsultiert am 21.01.2022.