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Paternalismus

Der Ausdruck Paternalismus ist kein genau definierter historischer Fachterminus. In erster Linie bezeichnet er eine Regierungspraxis im Ancien Régime. Im weiteren Sinn wurde er später gelegentlich polemisch verwendet, um eine Haltung wohlwollender Überlegenheit, zum Beispiel der Obrigkeit gegenüber den Untertanen, aber auch der westlichen Länder gegenüber der sogenannten Dritten Welt auszudrücken. Paternalistische politische Regimes waren vor allem im 17. und 18. Jahrhundert verbreitet, als sich absolutistische Regierungen (Absolutismus) durchsetzten; einige Restformen lassen sich noch im 19. und 20. Jahrhundert beobachten.

In den ständisch gegliederten Gesellschaften des Ancien Régime neigte die Obrigkeit dazu, die Herrschaft mit paternalistischen Argumenten zu rechtfertigen: Sie wurde als guter Vater dargestellt, der seine Kinder kennt und vorausschauend für deren Bedürfnisse sorgt, wobei diese selbstverständlich keinen Anspruch auf Beteiligung am Regiment erheben konnten. Hinter dieser Vorstellung verbarg sich eine wachsende Machtkonzentration (Aristokratisierung). In verschiedenen politischen Massnahmen der eidgenössischen Orte zeigte sich zwar der Wille, die Bedürfnisse der Untertanen teilweise zu befriedigen, doch handelte es sich grundsätzlich um Zugeständnisse und nicht um die Anerkennung von Rechten. In den republikanischen Regimes der Schweiz blieb die staatliche Macht vom Wehrwillen der Untertanen abhängig (Rudolf Braun). In der Praxis bemühte sich das «väterliche Regiment» deshalb, zum Beispiel in Zürich, allzu harte Eingriffe zu vermeiden, und es gewährte den Untertanen Möglichkeiten, gegen Missbräuche etwa der Vögte vorzugehen. Gemäss verschiedenen schweizerischen Historikern (Hans Conrad Peyer, Andreas Suter, André Holenstein) verstärkten sich nach dem Bauernkrieg von 1653, in dem das Konfliktpotenzial der absolutistischen Politik der Städteorte zum Vorschein kam, derartige paternalistische Tendenzen. Die eidgenössischen Orte waren nun bestrebt, den Steuerdruck und die administrativen Eingriffe abzubauen. So bildeten sich verschiedene prägende Elemente des modernen Staats – darunter ein stehendes Heer, Berufsbeamte und eine regelmässige Besteuerung – gar nicht richtig aus.

Der Paternalismus kam auch in einer Wirtschaftspolitik zum Ausdruck, in der Handel und Versorgung mehr oder weniger strengen Regeln zum Schutz der Konsumenten unterstellt waren: zum Beispiel die Pflicht, die Produkte auf dem Markt zu verkaufen, festgelegte Preise, ein Ausfuhrverbot in Notlagen («moralische Ökonomie»). Bern legte im 17. Jahrhundert Kornvorräte an, um in Krisenzeiten Getreide verteilen zu können. Mit dem Paternalismus verwandte Praktiken erhielten im 18. Jahrhundert eine theoretische Grundlage, als Philosophen im Glück der Völker das wichtigste Ziel einer gerechten Herrschaft sahen.

Im weiteren Sinn dient der Ausdruck Paternalismus zur Beschreibung autoritärer Tendenzen in neuerer Zeit. Oft war etwa von Formen des industriellen Paternalismus (Fabrik) die Rede. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert trafen die Schweizer Unternehmer häufig Massnahmen zum Schutz ihrer Arbeiter (Gewährung von Krediten, Verkauf billiger Lebensmittel, Bau von Wohnungen), die gleichzeitig das Ziel verfolgten, Kontrolle auszuüben und neue Arbeitskräfte zu gewinnen. Auch im 20. Jahrhundert lassen sich in Schweizer Firmen paternalistische Haltungen beobachten, bei denen Schutzmassnahmen mit der Verweigerung jeglicher Beteiligung der Arbeiter an der Unternehmensleitung einhergingen. Heute wird der Begriff Paternalismus oft polemisch verwendet, um karitativ oder philantropisch maskierte Haltungen angeblicher Überlegenheit anzuprangern.

Quellen und Literatur

  • W. Bodmer, Die Wirtschaftspolitik Berns und Freiburgs im 17. und 18. Jh., 1973
  • Peyer, Verfassung
  • Braun, Ancien Régime, 211-255, v.a. 237-240
  • A. Holenstein, Die Huldigung der Untertanen, 1991
  • A. Suter, Der schweiz. Bauernkrieg von 1653, 1997
  • O. Schmid, «"Une fabrique modèle": Paternalisme et attitudes ouvrières dans une entreprise neuchâteloise de chocolats: Suchard (1870-1930)», in Cahiers HMO 15, 1999, 51 f.
  • A. Holenstein, «Epilog: "Landesväterlichkeit" und "mildes Regiment" im Selbst- und Fremdverständnis des patriz. Staats», in Berns goldene Zeit, 2008, 508-511
Weblinks

Zitiervorschlag

Sandro Guzzi-Heeb: "Paternalismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 17.03.2011, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016087/2011-03-17/, konsultiert am 19.05.2022.