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Patenwesen

Das P. bezeichnet die in der christl. Tradition verankerten, festen Beziehungen, die auf der Taufe, Konfirmation oder Firmung fussen. Gemäss der Auffassung der kath. Kirche stiftet das P. eine "geistige" Verwandtschaft, die indes der biologischen nahesteht (Heiratsverbot). In einem umfassenderen Sinne meint es eine Beziehung, in der einflussreiche Personen Schutz oder Beistand gewähren, etwa als Sekundanten in einem Duell, als Förderer von Wohltätigkeitsvereinen oder als polit. Ziehväter.

Ab dem 6. Jh. verbreitete sich in der christl. Welt die Kindertaufe. Schon früh legte die Kirche für dieses Sakrament eine Reihe von Bedingungen fest: Der Pate oder die Patin - auch compatres und commatres oder Gevatter und Gevatterin genannt - mussten getauft sein, dem Patenkind in spirituellen Angelegenheiten beistehen und ein christl. Leben führen. Seit dem 13. Jh. ist in der Schweiz der Brauch bezeugt, die Patenkinder zu beschenken. Vor dem 16. Jh. hatten Neugeborene oft mehrere Paten und Patinnen. Das Konzil von Trient (1545-63) führte dann strengere Regeln ein, indem es für die Taufe und die Firmung nur noch je einen Paten und eine Patin vorsah.

Die Reformation behielt die Institution des P.s bei der Taufe bei. In den ref. Kantonen Bern und Waadt besassen die Täuflinge noch im 18. Jh. oft mehrere Paten und Patinnen. In versch. Teilen der Schweiz erhielten die Neugeborenen häufig den Taufnamen des Götti oder der Gotte. Die Pflichten, die sich aus der Patenschaft ergaben, waren regional unterschiedlich. Die Paten leisteten ihren Patenkindern Hilfe und sorgten für deren Beistand, v.a. wenn die Eltern gestorben waren. In gewissen Fällen sicherte das P. polit. Gefolgschaft: Im Kt. Uri, in der Luzerner Landschaft, im Wallis und in den ennetbirg. Vogteien schufen sich einflussreiche Politiker durch Patenschaften ein Netz von Anhängern. Auch Frauen konnten als Patinnen persönl. Einfluss ausüben.

Studiofotografie einer unbekannten Familie. Atelier Carlotta Interlaken, um 1890 (Schweizerisches Nationalmuseum).
Studiofotografie einer unbekannten Familie. Atelier Carlotta Interlaken, um 1890 (Schweizerisches Nationalmuseum). […]

An der Wende vom 18. zum 19. Jh. änderte sich der Stellenwert des P.s. Der Aspekt der sozialen Sicherung verlor an Bedeutung. Die Fam. wählten immer häufiger Paten und Patinnen aus dem Kreis der nahen Verwandten, was auf das Bedürfnis nach stärkerer Bindung innerhalb der Verwandtschaft hinweist. Im 19. Jh. nahm v.a. im Bürgertum die Beziehung zum Paten individuellere und vertrautere Züge an. In einigen Fällen bewahrte das P. seine Funktion des sozialen Zusammenhalts und stärkte die Beziehungen unter den Mitgliedern derselben polit. Strömung, etwa im Val de Bagnes.

Trotz der Säkularisierung im 20. Jh. kommt dem P. auch zu Beginn des 21. Jh. eine wichtige Bedeutung zu. Dies spiegelt sich v.a. im Austausch von Geschenken bei bedeutenden Anlässen (traditionelle Gaben wie Silbergegenstände oder andere Dinge), in der Anwesenheit der Paten bei wichtigen Lebensstationen der Patenkinder und in gegenseitigen Besuchen.

Quellen und Literatur

  • C. Burckhardt-Seebass, Konfirmation in Stadt und Landschaft Basel, 1975
  • A. Fine, Parrains, marraines, 1994
  • La parenté spirituelle, hg. von F. Héritier, E. Copet-Rougier, 1995
  • S. Teuscher, Bekannte - Klienten - Verwandte, 1998
  • M. Polli-Schönborn, «"Obenbleiben": Unterschiedl. Strategien der Machterhaltung im frühneuzeitl. Herrschaftssystem am Beispiel der Luzerner Landschaft», in Bauern, Untertanen und "Rebellen", hg. von J. Römer, 2004, 166-186
  • L. Hubler, «L'enfant aux douze parrains», in Berns mächtige Zeit, hg. von A. Holenstein, 2006, 504
  • G. Alfani, Padri, padrini, patroni, 2007
  • S. Guzzi-Heeb, Donne, uomini, parentela, 2007
  • Kinship in Europe, hg. von D.W. Sabean et al., 2007