de fr it

Ferdinand deSaussure

Porträt von Ferdinand de Saussure, um 1900. Fotografie, wohl aus dem Genfer Fotostudio Jullien (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Porträt von Ferdinand de Saussure, um 1900. Fotografie, wohl aus dem Genfer Fotostudio Jullien (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

26.11.1857 Genf, 22.2.1913 Vufflens-le-Château, reformiert, von Genf. Sohn des Henri (->). Bruder des Léopold (->). Neffe des Théodore (->). Marie Faesch, Tochter des Jules Louis, Ingenieurs, von Genf. Nach der humanistischen Matura in Genf studierte Ferdinand de Saussure, der sich seit seiner Jugend leidenschaftlich für Sprachen interessierte, 1876-1880 bei ausgewiesenen Kennern der germanischen, baltischen, slawischen und indoiranischen Sprachen an der Universität Leipzig. Saussure stiftete die Grundlagen der Semiologie und allgemeinen Sprachwissenschaft, wie sie in Westeuropa entwickelt und gelehrt wurden. Bereits in jungen Jahren zeigte sich seine geniale Begabung auf dem Gebiet der vergleichenden Sprachwissenschaft. Die aufkommende Disziplin verglich das Griechische, Lateinische, Sanskrit und weitere verwandte Sprachen mit dem Ziel, das Indogermanische als die ihnen gemeinsame Ursprache zu rekonstruieren. Nach seiner Promotion in Leipzig unterrichtete Saussure 1881-1891 an der Ecole pratique des hautes études in Paris, wo er als begnadeter Dozent mit seiner Lehre eine ganze Generation von Linguisten prägte. In Anerkennung dieser Leistung wurde er 1891 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Im gleichen Jahr wurde er an die Universität Genf berufen, wo er bis zu seinem Tod eine Professur für Indogermanistik innehatte und gegen Ende seines Lebens zudem allgemeine Sprachwissenschaft unterrichtete.

Saussure verfasste viele Schriften, aber nur wenige wurden publiziert. Er hatte keinerlei Absicht, jenes Werk zu verfassen, auf dem sein postumer Ruhm hauptsächlich beruht: Der "Cours de linguistique générale" oder "Cours" wurde 1916 von seinen Schülern Charles Bally und Albert Sechehaye veröffentlicht und seitdem mehrmals neu aufgelegt und übersetzt. Inhaltlich stützt er sich im Wesentlichen auf studentische Mitschriften der einzigen Vorlesungen zur allgemeinen Sprachwissenschaft, die Saussure in den Semestern 1907, 1908-1909 und 1910-1911 an der Universität Genf gehalten hatte.

Der "Cours" befasst sich mit der Erscheinungsform, Struktur und Entwicklung von Sprache, vor allem aber auch mit den verschiedenen Erklärungsansätzen für dieses vielschichtige und komplexe soziale Phänomen. Im Bestreben, die Linguistik auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und ihr einen Gegenstand zu geben, definierte Saussure sie als klar umrissenes Forschungsgebiet: Dabei verstand er Sprache als Anordnung von Entgegensetzungen. Mit der Zeichentheorie entwickelte er eine Methode und Beurteilungskriterien, nach denen sich die der menschlichen Sprechtätigkeit (langage) unterliegenden Zeicheneinheiten bestimmen liessen.

Ferdinand de Saussure dachte gerne in Dichotomien. So unterschied er zwischen einer inneren und einer äusseren Sprachwissenschaft, zwischen der Sprache als überindividuellem Zeichensystem (langue) und als Sprechakt in der konkreten, individuellen Umsetzung des Systems (parole) oder zwischen dem Sprachzustand bzw. Sprachstadium (Synchronie) und der Sprachentwicklung bzw. Sprachgeschichte (Diachronie). Das einzelne Sprachzeichen verstand er als untrennbare Verbindung zwischen einer Lautgestalt (signifiant) und einer Vorstellung bzw. Zeichenbedeutung (signifié). Dabei können die sprachlichen Zeichen auf zwei Arten zueinander in Beziehung stehen, einer syntagmatischen bzw. syntaktischen oder einer assoziativen bzw. paradigmatischen Beziehung.

Nachdem die Sprachforschung jahrzehntelang historisch-vergleichende Ansätze bevorzugt hatte, rehabilitierte Saussure den synchronen Ansatz: Danach vermag das Sprachbewusstsein beim Sprechen nur die konkreten, d.h. "realen" grammatikalischen Strukturen einer gegebenen Sprache zu erkennen. Saussures Thesen führten zu einem erkenntnistheoretischen Bruch und einem eigentlichen Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert ausschliesslich auf den Expertenstandpunkt des Sprachgelehrten ausgerichtet war. Die im "Cours" dargelegten Konzepte und das verwendete Vokabular hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Geistes- und Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts. Neben der Linguistik prägten sie Fächer wie die Semiologie, Psychologie und Psychoanalyse, Ethnologie oder Literaturtheorie. Für die Sprachwissenschafter, ob sie nun mit seinen Thesen einverstanden waren oder nicht, setzte der Genfer den bis in die Gegenwart gültigen erkenntnistheoretischen Bezugsrahmen. Die besonderen Entstehungsbedingungen des "Cours" gaben Anlass für eine Reihe von Forschungsarbeiten, die darauf abzielten, die unverfälschte Saussure'sche Lehre unter dem kanonischen Text freizulegen. Dieser wurde mithilfe der Handschriften und den studentischen Aufzeichnungen einer gründlichen Textkritik unterzogen. Entsprechende wegweisende Arbeiten liegen von Robert Godel, Tullio De Mauro oder Rudolf Engler vor.

Umschlagseite der Abhandlung Mémoire, seines in Leipzig erschienenen Erstlingswerks, 1879 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Umschlagseite der Abhandlung Mémoire, seines in Leipzig erschienenen Erstlingswerks, 1879 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).

Seine Zeitgenossen kannten Saussure vorwiegend als Indogermanisten und als Autor des "Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européennes", das 1879 erschien, als der Verfasser noch keine 21 Jahre alt war. Die Abhandlung ist das bedeutendste Werk, das Saussure selbst verfasst hat. Das schwer zugängliche Buch gilt unter Fachleuten als Meisterwerk der Wissenschaftsliteratur. Auf brillante Weise versucht Saussure darin die Rekonstruktion des indogermanischen Vokalsystems. Dieses wurde damals vorzugsweise mit Bezug auf das Sanskrit erklärt: Das "a" als einziger Vokal dieser Sprache, dem entweder das griechische bzw. lateinische "e" oder "o" entspricht, galt als getreues Abbild des Vokalismus der Ursprache, während die anderen Sprachen schlecht erklärbare Abweichungen aufweisen. Kurz nach Erscheinen entsprechender Arbeiten von Karl Brugmann kehrte Saussure die gängige These um, indem er aufzeigte, dass das Vokalsystem des Sanskrits jünger ist als das alternierende Auftreten von "e" und "o" in den indogermanischen Sprachen. Durch Ableitung morphologischer Strukturen gelangte er zur Ansicht, dass im Indogermanischen zwei bis dahin nicht erkannte Phoneme bestanden hatten, die er als Lautkoeffizienten bezeichnete. Damit löste er auf elegante Weise eine Reihe von seit Langem hängigen Problemen der damaligen vergleichenden Morphologie. Saussures These der Lautkoeffizienten – diese Phoneme wurden später auch als Schwas oder Laryngale bezeichnet – wurde lange angezweifelt und vom deutschen Linguisten Hermann Osthoff als Irrtum abgetan. Erst die Entzifferung des Hethitischen lieferte den Beweis für die sogenannte Laryngaltheorie: 1927 zeigte Jerzy Kuryłowicz, dass das hethitische "h" den vom jungen Saussure postulierten Koeffizienten unmittelbar entsprach, worauf die These allmählich zur allgemein anerkannten Lehre avancierte.

1971 wies ein Essay von Jean Starobinski mit dem Titel "Les mots sous les mots: Les anagrammes de F. de Saussure" auf eine bis dahin unbekannte umfangreiche, aber aufgegebene Forschungsarbeit Saussures hin. Darin hatte dieser sich mit dem Verfahren der Paronomasie in der griechischen und lateinischen Dichtung auseinandergesetzt, um das geheime Prinzip der indogermanischen Verskomposition zu entschlüsseln. In zahlreichen, nur zum Teil veröffentlichten Heften versuchte er nachzuweisen, dass die Autoren in der indogermanischen Lyriktradition in ihren Versen ein oder mehrere Stichwörter, sogenannte mot(s)-thème(s), leitmotivisch platziert hätten. Deren Laute hätten sie nach strengen Gesetzmässigkeiten und Zahlenverhältnissen so in die Zeichenketten eingefügt, dass dadurch die verborgenen Sinngehalte des Gedichts anagrammatisch paraphrasiert worden wären. Die Feststellung, dass sich die Assonanzen und Alliterationen entgegen seinen Erwartungen aber unkontrolliert über die Texte verteilten, zwang Saussure zum Abbruch seiner Untersuchungen.

Quellen und Literatur

  • Recueil des publications scientifiques, hg. von C. Bally, L. Gautier, 1922 (Neuaufl. 1984)
  • Cours de linguistique générale, hg. von T. De Mauro, 1995 (mit Biogr. und Bibl.)
  • S. Bouquet, éd., Ecrits de linguistique générale, 2002
  • Linguistik und Semiologie: Notizen aus dem Nachlass: Texte, Briefe und Dokumente, hg. von J. Fehr, 2003
  • Wissenschaft der Sprache, hg. von L. Jäger, 2003 (franz. 2002)
  • BGE, Nachlass
  • Cahiers Ferdinand de Saussure, 1941-
  • P. Prechtl, Saussure zur Einführung, 1994
  • Ferdinand de Saussure, hg. von S. Bouquet, 2003
  • La lezione di Saussure, hg. von A. Elia, M. De Palo, 2007
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF
Kurzinformationen
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 26.11.1857 ✝︎ 22.2.1913

Zitiervorschlag

Béguelin, Marie-José: "Saussure, Ferdinand de", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 31.01.2013, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016165/2013-01-31/, konsultiert am 18.01.2022.