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Büro

Der Begriff Büro kam im frühen 19. Jahrhundert in Gebrauch. Der damit bezeichnete räumlich-soziale Arbeitszusammenhang ist aber weit älter und geht zurück auf die Anfänge kirchlicher, herrschaftlicher und kaufmännischer Verwaltung in Mittelalter und früher Neuzeit. Ältere Bezeichnungen waren Kontor, Kanzlei, Schreiberei (Schriftlichkeit). Zur Vorgeschichte des Büros in der Schweiz gibt es nur wenige Untersuchungen. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Büro entsprechend der geringen Grösse der Gemeinwesen und der kaufmännischen Unternehmen lange Zeit eine Randerscheinung blieb.

Das Aufkommen von Büroarbeit war eng verbunden mit der Entwicklung von Buchhaltung und Korrespondenz: In zunehmendem Mass wurden schriftliche Aufzeichnungen über geschäftliche und verwaltungsmässige Vorgänge kontinuierlich angefertigt und abgelegt, so etwa im Steuerwesen. Dies führte in einem Prozess der Spezialisierung zur räumlichen Trennung und eigenständigen Organisation solcher Arbeitsvorgänge. Mit deren Ausweitung kam es zum Einsatz vollzeitlich beschäftigter, spezialisierter Gehilfen: Buchhalter, Handlungsgehilfen, Kontoristen, Kanzlisten, Schreiber und Bürodiener.

Seinen grossen Aufschwung erfuhr das Büro seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung, der Kommerzialisierung und der Modernisierung der Staatstätigkeit (Bürokratisierung). Die Verbreitung der Sekundarschule schuf ein breiteres Reservoir an Personal, das über die nötigen Grundfertigkeiten (Rechnen, saubere Handschrift) verfügte. Eine mehrjährige Lehre hatte sich zuerst in kaufmännischen Geschäften eingebürgert und fand von dort auch Eingang bei Staat und Industrie. Die Welt der frühen Büros zeichnete sich durch geringe Spezialisierung aus: War zunächst der Prinzipal der wichtigste Träger insbesondere der vertraulichen schriftlichen Arbeiten, allenfalls assistiert von einem Buchhalter, so genügte auch bei wachsendem Arbeitsanfall vorerst eine Person für die jeweilige Funktion. Organisiert waren diese überschaubaren Büros in hierarchischer Weise, nach Dienstalter und Vertraulichkeit der Stellung, was sich auch in der Anordnung der Arbeitsplätze und der charakteristischen Stehpulte ausdrückte. Podest, Fensterplatz oder Abschrankung bezeichneten eine erhöhte Stellung. Die allmählich vermehrt eingesetzten untergeordneten Gehilfen hatten ein hohes Mass an Monotonie in ihrer Arbeit zu bewältigen. Es mangelte an technischen Hilfen, was zu umfangreichen Routinearbeiten (Abschreiben, Rechnen) zwang. Indes galt diese Tätigkeit als Übergang, die Chancen standen nicht schlecht, sich später zu verselbstständigen oder in eine Vertrauensstellung aufzusteigen.

Annoncen-Annahme beim Tages-Anzeiger in Zürich. Fotografie von Johannes Meiner, 1902 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur).
Annoncen-Annahme beim Tages-Anzeiger in Zürich. Fotografie von Johannes Meiner, 1902 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur).

Der Aufstieg der modernen Industrieverwaltung, die Ausweitung der Staatstätigkeit und das einsetzende Wachstum des Dienstleistungssektors unterwarfen das Büro - zusammen mit technisch-organisatorischen Neuerungen - seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einem starken Veränderungsprozess, der schubweise immer neue Anstösse erhielt. Zentrale Antriebe waren dabei die Zunahme der Beschäftigtenzahlen, die damit einhergehende Arbeitsteilung, die Verlängerung der Hierarchien und der Druck zur Rationalisierung. Technisch-betriebliche Vorgänge der Industrie wurden aus dem Produktionsbereich in eigene Büros ausgelagert. Bis etwa 1920 entstand so bei Bund, grösseren Kantonen und Städten, in grossen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen ein bis dahin unbekannter Typ mittlerer bis grosser Bürobetriebe mit - allerdings selten - bis zu 1000 Angestellten. Eigene Büroreglemente auferlegten den dort Arbeitenden ein hohes Mass an Disziplin, der Führungsstil war straff und autoritär. Die wachsende Nachfrage nach Dienstleistungen der freien Berufe (Rechtsanwälte, Architekten, Ingenieure) führte gleichzeitig zur Verbreitung kleinerer büromässig organisierter Betriebe. Seit ungefähr 1900 schuf die zunehmende Beschäftigung von Frauen in untergeordneten Tätigkeiten neue Formen der Begegnung, der Arbeitsteilung und hierarchischen Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern (Frauenerwerbsarbeit). Die Zuordnung unterstellter, meist junger weiblicher Hilfskräfte (zunächst als Stenotypistinnen, dann zunehmend als Sekretärinnen bezeichnet) wurde zum Statussymbol männlicher Vorgesetzter. In der Kleidung drückte sich der Rang der weiblichen Arbeitskräfte deutlich aus (Schürzenzwang bei untergeordneter Stellung). Die Ausstattung der wachsenden Büros besorgte eine entstehende Branche von Büromöbelherstellern. Die Stehpulte wichen ab etwa 1910 den für Schreibmaschinen geeigneten Flachpulten mit diversen Vorrichtungen zur Unterbringung von Registraturen. Eigens als Büros geplante Räume lösten die engen, verwinkelten, schlecht beleuchteten und belüftbaren Räume ab, die indes bis in die Zwischenkriegszeit verbreitet blieben. Vereinzelt erfolgte die Zusammenfassung zahlreicher Arbeitskräfte mit ähnlicher Tätigkeit in Arbeitssälen, wo die Arbeitenden an Pulten hintereinander aufgereiht und von einer zentralen Stelle aus überwacht sassen. Der in den 1920er Jahren wachsende Einsatz mechanischer Arbeitshilfen zur Bewältigung von Massenarbeiten (Buchhaltungs-, Schreib- und Adressiermaschinen) erzeugte zum Teil einen beträchtlichen Lärmpegel. Vor allem Frauen waren in solchen Bürosälen tätig, männliche Vorgesetzte befanden sich in lärmgeschützten Glasverschlägen mit Sichtkontakt. Im Normalfall freilich blieb der Maschineneinsatz beschränkt, das kleine bis mittelgrosse Büro herrschte weiter vor. Dessen Grösse und Ausstattung bestimmten u.a. den Rang der dort Beschäftigten.

In einem Genfer Unternehmen. Fotografie, 1981 (Interfoto, Genf).
In einem Genfer Unternehmen. Fotografie, 1981 (Interfoto, Genf). […]

Nach 1945 diktierte zunächst das erneut beschleunigte Wachstum der Beschäftigtenzahlen die Entwicklung des Büros. Die Rationalisierung der Büroarbeit knüpfte unter dem Leitbegriff der Automatisierung an die Neuerungen der 1920er Jahre an. Wichtige organisatorische Veränderungen brachte die Einführung des Grossraumbüros in den 1960er Jahren, das die Kontrolle durch den Vorgesetzten vermehrt durch wechselseitige Beobachtung der Arbeitenden ersetzte. Technische (Beleuchtung, Klimaanlage, Akustik) und ästhetische Massnahmen (Möbel, Pflanzen, Farben) sollten die Nachteile der Arbeitssäle überwinden. Seit den 1960er Jahren begann zudem die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung die Organisation der Büroarbeit zu beeinflussen (Informatisierung). Visionen vom "papierlosen Büro" erwiesen sich indes als ebenso verfehlt wie Erwartungen einer weitgehenden Zentralisierung der Information und Kontrolle in grossen Datenverarbeitungsanlagen. Kleine, vielseitig verwendbare Personal Computer lösten ab etwa 1980 die frühen Grossrechner ab. Dort, wo hochqualifizierte "Wissensarbeiter" gefragt sind, zeichnet sich ab den 1990er Jahren die Tendenz zu Büros ab, die weitgehend standardisierte und vernetzte Arbeitsplätze anbieten, die nicht mehr fest zugeteilt sind, sondern bei Bedarf von den Mitarbeitern genutzt werden. Diese verbringen nur noch einen Teil ihrer Arbeitszeit im Büro des Betriebs, daneben arbeiten sie zu Hause und unterwegs.

Teleheimarbeit 2001-2017 – Quelle: Bundesamt für Statistik.
Teleheimarbeit 2001-2017 – Quelle: Bundesamt für Statistik. […]

Mit dem fortschreitenden Dienstleistungswachstum und der damit verbundenen Desindustrialisierung bestimmte die Arbeit im Büro bereits in den 1980er Jahren die Situation der Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung (Angestellte); 1920 waren es erst rund 9%, während die Mehrheit ihre Arbeit in Werkstätten und Fabriken oder teilweise im Freien verrichtete. Gewährte die Tätigkeit im Büro einst selbst für die unteren Chargen ein gewisses Prestige und erzeugte bisweilen Ressentiments bei den manuell Tätigen, so hat der Prozess der Verbreitung und Veralltäglichung der Büroarbeit dieses besondere Prestige weitgehend aufgezehrt. Einrichtung und Ausstattung von Büroräumen markieren aber auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts innerbetriebliche Positionen und spielen für die Repräsentation gegen aussen eine wichtige Rolle.

Quellen und Literatur

  • Fritz, Hans-Joachim: Menschen in Büroarbeitsräumen. Über langfristige Strukturwandlungen büroräumlicher Arbeitsbedingungen mit einem Vergleich von Klein- und Grossraumbüros, 1982.
  • König, Mario; Siegrist, Hannes; Vetterli, Rudolf: Warten und Aufrücken. Die Angestellten in der Schweiz 1870-1950, 1985.
  • Fehr, Marianne; Keller, Stefan; Morgenthaler, Jan (Hg.): Leben, Lieben, Leiden im Büro. Reportagen, Essays, Analysen, Geschichten und Glossen aus der sauberen Arbeitswelt, 1991.