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Luxus

Lehnwort aus dem Lateinischen, das im positiven Sinn für Prunk und Pracht steht, im negativen Sinn aber auch Masslosigkeit, Verschwendung und Ausschweifung bedeutet. Dieses Bedeutungsspektrum hat sich zu einem guten Teil in den Vorstellungen vom Mittelalter bis in die Neuzeit gehalten. Im umgangssprachlichen Gebrauch nimmt der Begriff oft eine moralische Färbung an und bezeichnet Güter, die, gemessen an einem gewöhnlichen Lebensstandard, überflüssige, reine Genussmittel sind.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Im christlichen Gedankengut des Mittelalters galt Luxus als etwas Negatives. Die Kirchenväter, die sich dabei auf das Neue Testament, aber auch auf die klassische Tradition beriefen, verurteilten den Luxus. Er wurde mit Unzucht gleichgestellt und unter die Hauptlaster und später die sieben Todsünden eingereiht. Auch in der frühen Neuzeit klangen in der Polemik gegen den Luxus oft sexualmoralische Aspekte an. Bis zur Renaissance galten Luxus und Unkeuschheit vor allem als weibliche Eigenschaften. Bisweilen wurde Luxus mit Figuren wie Eva oder Personifikationen der Versuchung und Unzucht in Verbindung gebracht. Am Ende des Mittelalters geriet auch der Klerus im Kampf gegen den Luxus unter Beschuss. Ihm wurde vorgeworfen, den weltlichen Versuchungen zu erliegen. Spätestens ab dem 13. Jahrhundert entdeckten mehrere kirchliche Reformbewegungen die Ideale der Armut und Einfachheit als grundlegende Werte der Urkirche wieder (Bettelorden, insbesondere die Franziskaner). Die Reformation liess das Thema Luxus erneut aktuell werden. Für Martin Luther und viele andere Reformatoren war der ostentative Luxus der Päpste ein untrügliches Zeichen für deren Dekadenz. In Genf verkündete Johannes Calvin nach 1541 strenge Vorschriften gegen den Luxus. Für Huldrych Zwingli waren auch Kunstwerke und Schmuckelemente in den Kirchen überflüssiges Blendwerk. In diesem Sinn kann der Bildersturm in den reformierten Kirchen auch als Kampf gegen den Luxus betrachtet werden.

Porträt von Maria Elisabetta Orelli. Öl auf Leinwand, um 1680 (Privatsammlung).
Porträt von Maria Elisabetta Orelli. Öl auf Leinwand, um 1680 (Privatsammlung). […]

In der frühen Neuzeit versuchten mehrere europäische Staaten, die Demonstration des Reichtums einzuschränken. Auch in der Eidgenossenschaft führten die Obrigkeiten, vor allem in den reformierten Orten, lange Zeit einen energischen Kampf gegen den Luxus, insbesondere durch Sittenmandate, die unter anderem die Zurschaustellung des Reichtums regelten. Diese Bestimmungen disziplinierten nicht nur die Sitten und Gewohnheiten der Bevölkerung, sondern verstärkten und legitimierten in neuen Bereichen und Territorien auch die Macht der Obrigkeit in Fragen der Moral und festigten zudem die bestehende Gesellschaftsordnung. In der Polemik gegen die Prunksucht wurde als wirtschaftliches Hauptargument angeführt, dass Prachtentfaltung zur Verarmung der Familien führe und damit gesellschaftliche Probleme schaffe. Es wurde aber auch mit merkantilistischen Ideen argumentiert, laut denen der Abfluss von Geld und Produktivkräften aus dem Land begrenzt werden müsse.

In Wirklichkeit blieb der Luxus Teil des wirtschaftlichen Lebens und der sozialen Repräsentation. Im 17. Jahrhundert waren der Hof Ludwigs XIV. und des Königs prunkvolle Residenz in Versailles das Vorbild für ganz Europa. Die alte Eidgenossenschaft kannte zwar keine entsprechende Prachtentfaltung, doch in der Zeit des Barocks mangelte es nicht an Gelegenheiten, Luxus und Reichtum zur Schau zu stellen, wie die Kleider der damaligen Oberschicht bezeugen. Neben der Kleidung waren in Bern und anderen Patrizierstädten auch Kunstwerke und Goldschmiedearbeiten immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen. Der Luxus erfüllte eine wichtige symbolische Funktion: In einer Gesellschaft, in der die Kommunikationsmittel rudimentär waren, dienten Prachtentfaltung und Prunk dazu, Macht und Prestige zu demonstrieren, sich in den eigenen Reihen Respekt zu verschaffen und den Untertanen Angst einzuflössen.

"Kleider-Ordnung für die Hochfürstliche St. Gallische Lande", ausgestellt von der Kanzlei am 20. Februar 1728 (Stiftsarchiv St. Gallen).
"Kleider-Ordnung für die Hochfürstliche St. Gallische Lande", ausgestellt von der Kanzlei am 20. Februar 1728 (Stiftsarchiv St. Gallen). […]

Mit der Aufklärung begann eine neue Ära in der Debatte um den Luxus. Grosse Bedeutung hatte dabei die «Bienenfabel» (1714, erweiterte Auflage 1729) von Bernard Mandeville, für den der Luxus zwar ein privates Laster war, gleichzeitig aber einen Nutzen für die Gesellschaft erbrachte, da er den Geldumlauf, die Industrie und die Wirtschaft förderte. Diese Betrachtungsweise machten sich die Physiokraten zu eigen, unter anderem Robert Turgot, und ein Teil der Aufklärer, wie Voltaire in seinem Gedicht «Le Mondain» und in der «Défense du Mondain ou l'Apologie du Luxe» (1737). Die neue Interpretation des Luxus entsprach dem Lebensgefühl und den Ansprüchen einer wachsenden Schicht von Bürgern, die sich dem Handel widmeten oder Manufakturen betrieben. Vom 18. Jahrhundert an entfachte eine andere Sichtweise den Streit um den Luxus von neuem: Während Pracht und Reichtum als Symptome der Dekadenz der aristokratischen Gesellschaft galten, wurden unter dem Einfluss von Jean-Jacques Rousseau Ideale wie Natürlichkeit, Einfachheit und republikanische Arbeitsamkeit wieder aufgewertet.

Titelseite und Ausschnitt aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Titelseite und Ausschnitt aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Auch in der Schweiz nahm die Luxus-Diskussion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen wichtigen Platz im Gelehrtendiskurs ein. Viele bedeutende Intellektuelle der Zeit wie Isaak Iselin, Leonhard Meister, Beat Ludwig von Muralt und Johann Heinrich Pestalozzi äusserten sich zum Thema, das durch neue, oft importierte teure Produkte, die sich in den begüterten Klassen verbreiteten, und die veränderten Konsumgewohnheiten der Heimarbeiter im Textil- und Uhrensektor Auftrieb erhielt.

19. und 20. Jahrhundert

Für die liberalen Ökonomen des 19. Jahrhunderts gehörten das Streben nach Reichtum und Luxus zur berechtigten Suche nach dem Glück. Die Luxus-Debatte verlor einen Teil ihrer moralischen Bedeutung, doch beeinflusste die republikanische Ethik mit ihrer Betonung der Arbeitsamkeit und Einfachheit sowie der Ablehnung einer unnützen Prachtentfaltung weiterhin das bürgerliche Selbstverständnis.

Ab dem 18. und 19. Jahrhundert führten verschiedene Länder Luxussteuern ein, so 1917 Frankreich, 1918 Deutschland und 1922 Österreich. Auch in der Schweiz wurde über die Erhebung einer eidgenössischen Luxussteuer diskutiert, das Projekt wurde jedoch 1923 aufgegeben. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Anliegen erneut zur Sprache. 1942 führte die Schweiz eine eidgenössische Luxussteuer ein (z.B. auf Fotoapparaten, Armbanduhren und Plattenspielern), schaffte sie 1958 aber wieder ab. Mehrere europäische Länder behielten ihre hohen Steuern auf dem Umsatz mit Luxusprodukten bei. Sie wurden erst 1993 mit der Vereinheitlichung des europäischen Marktes aufgehoben (Steuern). Trotz dieser Massnahmen entwickelte sich ein Angebot von Luxusgütern für ein exklusives Publikum. So wurden Ende des 19. Jahrhunderts in allen touristischen Gebieten der Schweiz, von St. Moritz über die Rigi und Interlaken bis zum Genfersee (Gastgewerbe), repräsentative Grand Hôtels gebaut.

Die Industrialisierung ermöglichte die serienmässige Herstellung von Gütern, zu denen früher nur die oberen Klassen Zugang gehabt hatten. Die Banalisierung dieser Luxusgüter wurde als ästhetische Dekadenz empfunden. Dieser Tendenz widersetzten sich an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert die Vertreter des Jugendstils. Die mechanisierte Produktion ihrer Erzeugnisse wurde durch eine sorgfältige stilistische Auswahl und die hohe Qualität der Materialien kompensiert und brachte oft erhebliche Kosten mit sich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff Luxus durch den technischen Fortschritt und die industrielle Massenproduktion noch stärker relativiert (Konsumverhalten, Lebensstandard). Produkte, die einst nur für eine Elite erschwinglich waren, wie zum Beispiel das Automobil und Haushaltsmaschinen, waren nun allen zugänglich. Der wachsende Wohlstand und die Verkürzung der Arbeitszeit förderten die weite Verbreitung von Freizeitaktivitäten wie Sport und Ferien, die zuvor den gehobenen Klassen vorbehalten gewesen waren. Deshalb hat die Werbeindustrie begonnen, neue Formen exklusiven Konsums zu propagieren und sie als Mittel sozialer Unterscheidung zu präsentieren. Dabei werden aber anstelle des Begriffs Luxus Schlagwörter wie Exklusivität oder Qualität verwendet.

Quellen und Literatur

  • W. Sombart, Luxus und Kapitalismus, 1913
  • F. MarbachLuxus und Luxussteuer, 1948
  • C. Walker, «Images du luxe à Genève: douze années de répression par la Chambre de la Réformation (1646-1658)», in Revue du Vieux Genève 17, 1987, 21-26
  • D. Grugel-Pannier, Luxus, 1996
  • I. Spillmann-Weber, Die Zürcher Sittenmandate 1301-1797, 1997
  • D. Tröhler, «La pédagogie entre puissance du commerce et vertu républicaine: la question du luxe dans la Suisse du XVIIIe siècle», in Annales Pestalozzi, 2003, Nr. 2, 32-53
Weblinks

Zitiervorschlag

Sandro Guzzi-Heeb: "Luxus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.02.2010, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016220/2010-02-25/, konsultiert am 27.09.2022.