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Schmuck

Schon in ur- und frühgeschichtlicher Zeit war es den Menschen ein Bedürfnis, Körper und Kleidung zu schmücken. Das Tragen von Schmuck hatte ferner die Funktion, die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu manifestieren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schmückt sich der Mensch vermehrt, um sein ästhetisches Empfinden und seine Individualität zu betonen.

Ur- und Frühgeschichte

Die Kenntnisse über Schmuckstücke und ihre Tragweise gehen auf Grabfunde (Bestattung) zurück. Qualität, Quantität und die Auswahl der Objekte geben unter anderem Aufschluss über Standeszugehörigkeit, Geschlecht und Alter der Bestatteten, aber auch über die Tradition, der sich die Gemeinschaft des Toten verpflichtet fühlte. Schon im Jungpaläolithikum wurden einzelne Individuen mit gelochten Muscheln geschmückt. Ein aus Eberzahnlamellen zusammengesetztes Gehänge und zahlreiche Kalkstein- und Lignitperlen in den neolithischen Gräbern von Corseaux-En-Seyton werden unterschiedlich gedeutet. Sicher ist jedoch, dass Schmuck aus vielen Perlen zu jener Zeit zur Ausstattung von Frauen, Kindern und Männern gehörte. Die einzige Bildquelle aus dem Neolithikum mit Informationsgehalt zu Schmuck und Kleidung sind die stark stilisierten Menschendarstellungen der spätneolithischen Steinstelen von Sitten-Le Petit Chasseur.

Ohrring aus dem römischen Goldschatzfund von Lunnern, um 250 n.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).
Ohrring aus dem römischen Goldschatzfund von Lunnern, um 250 n.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum). […]

In der Bronzezeit setzten sich geschlechtsspezifischer Schmuck und entsprechendes Zubehör zur Kleidung durch. Wohl wurden Ringe, Nadeln und Gürtelhaken von Männern wie Frauen getragen, doch in einer nach Geschlecht variierenden Formgebung und Verzierung. Auch die Tragweise von Armringen oder Gewandnadeln – paarig oder einzeln – unterschied sich oft. Bronze dominierte, Gold blieb selten. Getragen wurden ferner Perlen aus Gagat, Glas und Bernstein, die nur über den Fernhandel zu beschaffen waren. In der Hallstatt- und Latènezeit wurde das Zubehör der weiblichen Kleidung in der Regel mit weit mehr Aufwand hergestellt und verziert als dasjenige der Männer. Eine mit zahlreichem Zubehör und Schmuck ausgestattete Kleidung verwies ebenso auf die Zugehörigkeit zu einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht wie die Verwendung von Fernhandelsware, Koralle und Bernstein. Sonderfälle sind goldene, in Treibtechnik verzierte Hals- und Armreifen aus hallstattzeitlichen Wagengräbern, die auch als Herrschaftszeichen gedeutet werden (Gold- und Silberschmiedekunst). Der bekannteste prähistorische Goldschmuck aus der Schweiz – der sogenannte Goldschatz von Erstfeld – war möglicherweise eine Votivgabe.

Von der Römerzeit bis in die Gegenwart

Bei den Schmuckstücken aus keltisch-römischer Zeit, die auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gefunden wurden, handelt es sich um Grabbeigaben und Hortfunde. Die Fibeln, Ringe, Armspangen und Colliers aus Bronze, Silber und Gold lassen auf eine wohlhabende Oberschicht schliessen. Im Frühmittelalter wurde das Goldschmiedehandwerk in den klösterlichen Werkstätten ausgeübt. Aus den Aufzeichnungen der Klöster geht hervor, dass nur Vertreter des Klerus und des Adels Schmuck aus Edelmetallen anfertigen liessen. Die von Mönchen ausgebildeten Gold- und Silberschmiede machten sich in den Städten selbstständig und organisierten sich in Zünften. Vom 14. Jahrhundert an geben Schenkungsurkunden und Erbschaftsverzeichnisse Auskunft über profanen Schmuck. Selbst in den einfachsten Nachlässen fehlen Männer- und Frauenringe nur selten. Der an die Nachkommen vererbte Schmuck wurde als Andenken, Amulett und Glücksbringer in Ehren gehalten.

In französischen Kriegsdiensten stehende Schweizer Söldnerführer, die zu Reichtum gelangt waren, brachten im Spätmittelalter die Pariser Bekleidungs- und Schmucksitten ins Land. Der im 17. Jahrhundert grassierende Luxus hatte zur Folge, dass die Obrigkeiten Kleidermandate und Luxusverbote erliessen, die das Tragen von Schmuck streng reglementierten (Sittenmandate). Da das Tragen von auffälligem Schmuck beim Kirchgang vielerorts verboten war, kreierten die Goldschmiede Goldfiligranketten, den sogenannten Mandatschmuck. Die Magistraten hingegen traten mit kostbarem Geschmeide in der Öffentlichkeit auf; der Standesunterschied musste sichtbar sein. In Genf und Neuenburg, wo die Uhrmacherei (Uhrenindustrie) und die Juwelierkunst (Bijouterie) vom 16. Jahrhundert an dank des Exporthandels zu Weltruf gelangt waren, trugen die Damen – allen Verboten zum Trotz – wertvollen Schmuck. Mit dem Ende des Ancien Régime wurden die meisten Luxusmandate ausser Kraft gesetzt. Als neues Schmuckstück für den Herrn entstanden im 17. Jahrhundert die ersten kostbaren Taschenuhren. Mit der Industrialisierung wurden sie in grossen Mengen kostengünstig produziert. Armbanduhren für Damen wurden vereinzelt im 19. Jahrhundert angefertigt, ihre allgemeine Verbreitung erfolgte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Im 18. Jahrhundert wollte auch die ländliche Oberschicht ihr neu erwachtes Standesbewusstsein zum Ausdruck bringen. Sie entwickelte in Anlehnung an die städtische Mode Kostüme und passte diese dem regionalen Geschmack und den lokalen Bräuchen an. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wurden die Trachten auf dem Land an Sonn- und Feiertagen, zu Hochzeiten, Taufen und kirchlichen Prozessionen getragen. Schmuck hatte als Bestandteil der Frauentracht eine symbolische Bedeutung und wurde jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Generell war die katholische Schweiz bedeutend schmuckfreudiger als die reformierte.

Fledermaus-Brosche aus Gold, ziseliert und emailliert, geschaffen vom Genfer Atelier Pochelon, Ruchonnet & Cie., um 1900 (Musée d'art et d'histoire Genève, no inv. BJ 0422).
Fledermaus-Brosche aus Gold, ziseliert und emailliert, geschaffen vom Genfer Atelier Pochelon, Ruchonnet & Cie., um 1900 (Musée d'art et d'histoire Genève, no inv. BJ 0422).

Mit dem Anwachsen des Mittelstands während der Industrialisierung stieg im 19. Jahrhundert die Nachfrage nach preisgünstigem Schmuck. Um diesem Bedürfnis zu genügen, produzierte die Industrie grosse Mengen von gepressten Schmuckstücken in gestalterisch schlechter Qualität. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kreierten Genfer Juweliere im Stil des Pariser Jugendstils Schmuck für eine gehobene Gesellschaft. In den 1930er Jahren begannen sich die Reformideen des Schweizerischen Werkbunds in der Deutschschweiz und des Œuvre in der Westschweiz durchzusetzen. Diese plädierten für schlichte, klare Formen und materialgerechte Verarbeitung. Bis Ende der 1960er Jahre hielt sich die Schmuckavantgarde an diese Grundsätze. In den 1970er Jahren revoltierte eine Gruppe junger Schmuckkünstler gegen das Tragen von Schmuck als Statussymbol. Schmuck sollte ein Träger zeitkritischer Botschaften sein, wobei Form und Material der Idee untergeordnet werden sollten. Trotz internationaler Anerkennung blieb dieser Schmuck ein Nischenprodukt. Ende des 20. Jahrhunderts beherrschte die in Billigländern produzierte Massenware (Silber-, Fantasie- und Modeschmuck) den Markt. Im 21. Jahrhundert wird hochwertiger Schmuck in der Öffentlichkeit eher selten getragen. Armbanduhren hingegen werden in allen Preislagen produziert. Dank der grossen Nachfrage nach technisch raffinierten, im Hochpreissegment liegenden Uhrwerken floriert die Branche.

Quellen und Literatur

Ur- und Frühgeschichte
  • SPM 2, 188-193; 3, 337-346; 4, 229-246, 249-258
Von der Römerzeit bis in die Gegenwart
  • AH 8; 9
  • A. Riklin-Schelbert, Schmuckzeichen Schweiz 20. Jh., 1999
  • W. Koch-Mertens, Der Mensch und seine Kleider, 2 Bde., 2003
  • S.P. Martin-Kilcher, Der röm. Goldschmuck aus Lunnern (ZH), Ausstellungskat. Zürich, 2008
Weblinks

Zitiervorschlag

Biljana Schmid-Sikimić; Antoinette Riklin-Schelbert: "Schmuck", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016305/2012-11-21/, konsultiert am 07.10.2022.