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Krankheit

Im Gegensatz zur Gesundheit (Gesundheitswesen) fehlt bei Krankheit eine offizielle, allgemein gültige Umschreibung. Krankheit ist keine vorgegebene, von der Natur definierte Grösse, sondern in hohem Masse kontextabhängig, d.h. von gesellschaftlichen Normen und Werten, von ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere auch von den jeweiligen medizinischen Vorstellungen geprägt. Gesundheit und Krankheit sind seit den 1960er Jahren auch von den Sozialwissenschaften, vor allem der historischen Anthropologie, diskutierte gesellschaftliche Phänomene.

Krankheit steht in besonderem Masse im Brennpunkt zweier Perspektiven: Einerseits bildet sie im Rahmen gesellschaftlicher Vorstellungen erkennbare objektive Tatbestände ab, andererseits ist mit Krankheit in der Regel eine subjektive Empfindung verbunden. Während sich die Prozesse des objektiven Erkennens stark mit der Entwicklung der modernen Schulmedizin verändert und standardisiert haben, ist die Subjektivität schwerer fassbar; beide Sichten sind jedoch das Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse.

Krankheit hat anthropologisch Affinitäten mit anderen existenziellen Gefahren wie Armut, Alter oder Invalidität. Dagegen wurden in der europäischen Geschichte oft Gegenstrategien entwickelt, was die Krankenbehandlung häufig in die Nähe der Fürsorge rückte. Die mittelhochdeutsche, aber nicht althochdeutsch fassbare Bezeichnung kranc entspricht dem lateinischen debilis bzw. infirmus (schwach). Im Begriffsumfeld findet sich siech (lateinisch aeger), das sich eher auf langwierige Leiden bezieht, während mit sucht insbesondere ansteckende Krankheiten bezeichnet wurden. Französisch maladie ist in altfranzösischem fassbar als Zusammenzug aus dem lateinischen male habitus, ebenso italienisch malattia.

Vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit

Glasscheibe von 1635 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Glasscheibe von 1635 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Die Krankheiten und ihre Ursachen wurden in fast allen antiken Hochkulturen thematisiert. Besonderen Einfluss auf die europäische Entwicklung hatte die griechische Medizin, die Krankheit als Störung des Säftegleichgewichts definierte. Gelehrte wie volkstümliche medizinische Vorstellungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit fussten auf humoralpathologischen Grundsätzen. Ebenso wichtig war im Mittelalter die kirchlich-theologische Vorstellung, die Krankheit als eine gottgewollte Strafe für eine begangene Sünde ansah. Innovative Krankheitskonzepte entstanden durch den Einbezug von Anatomie und Chirurgie, so bei Andreas Vesal in seinem Hauptwerk «De humani corporis fabrica libri septem» (1543 in Basel erschienen), sowie durch die Professionalisierung der städtischen Handwerkschirurgen und Ärzte.

Die Herausbildung moderner Territorialstaaten hatte ein gesteigertes öffentliches Interesse an Gesundheit bzw. Krankheit der Bevölkerung zur Folge. Dabei spielten verschiedene politische und religiöse Begründungen eine Rolle, insbesondere die Bevölkerungspolitik des Merkantilismus und die Konzepte der Medicinischen Policey; diese Konzepte wurden jedoch nirgends vollständig verwirklicht. Verschiedene Massnahmen, nicht nur im Bereich der Epidemienvorsorge, sondern auch Regeln für das moralische Verhalten (Sittenmandate) sollten Krankheiten verhindern helfen.

Als übergeordnete Tendenz im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ist die Individualisierung von Krankheit erkennbar. Krankheit entwickelte sich dadurch zum anerkannten individuellen Status und zum primären Grund für die Anerkennung von Arbeitsunfähigkeit. Die Geisteshaltung der Aufklärung und die Weltsicht des Bürgertums führten diese Verlagerung der Verantwortung auf das Individuum weiter.

Die Herausbildung von Krankheitskonzepten wurde auch durch die Häufigkeit einzelner Krankheiten und deren öffentliche Wahrnehmung bestimmt (sogenannte Schlüsselkrankheiten). Für die Konstituierung von Krankheit im Spätmittelalter kann das eruptive Auftreten der Pest in den Jahren nach 1347 und die daraus entstandene, unvorhersehbare und existenzielle Bedrohung kaum hoch genug veranschlagt werden. Zusammen mit anderen Epidemien wie Aussatz, Syphilis und englischer Schweiss führte die Pest zur Entwicklung institutioneller Vorbeugemassnahmen wie der Gründung von Sanitätsräten und Siechenhäusern sowie einer Quarantänepolitik.

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Der Individualisierungsprozess von Krankheit setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Industrialisierung und Soziale Frage, aber auch Krankheiten wie Cholera, Typhus oder Tuberkulose modifizierten zwar den Prozess, indem sie kollektive bzw. politische Lösungen herausforderten, das individuelle Paradigma der Krankheit blieb aber bis heute bestimmend. Hauptsächlich die aus der Individualisierung abgeleitete Gleichsetzung von Krankheit mit Arbeitsunfähigkeit sowie von Gesundheit mit Arbeitsfähigkeit hat sich bei sozialintegrativen Massnahmen ebenso wie versicherungsrechtlich durchgesetzt (Arbeitsmedizin, Arbeitsrecht).

Die wissenschaftliche Entwicklung der Schulmedizin liess die Zellularpathologie zum bestimmenden Krankheitskonzept werden. Weitere medizinische Erkenntnisse und daraus abgeleitete Organisationsformen wie Therapievorstellungen und Vorsorgemöglichkeiten trugen zur komplexen Entwicklung des Erkennens und Behandelns von Krankheiten bei. Dazu gehörten die Impfung, die Massnahmen zur Erreichung der Keimfreiheit (Antisepsis/Asepsis), die Entwicklung des modernen Spitals, die Isolierung und Kategorisierung von Krankheiten sowie die Veränderung des Alltags durch neue Vorsorgeformen (Hygiene).

Mangelkrankheiten als Folge ungesunder Lebensverhältnisse wurden aufgrund des steigenden Lebensstandards im 19. und 20. Jahrhundert zurückgedrängt (Rachitis, Tuberkulose). Auf der anderen Seite entstanden sogenannte Zivilisationskrankheiten, die sich in Industrieländern auf Grund der guten Lebensverhältnisse verbreiteten. Dazu gehören unter anderem Diabetes und Hypertonie (durch Überernährung) sowie Allergien; auch Alterserkrankungen können zu den Zivilisationskrankheiten gezählt werden, treten sie doch häufig auf, wenn durch zivilisatorische Leistungen die Lebenserwartung steigt (z.B. Krebs, Herzinfakt und Alzheimer). Mit Zivilisationskrankheiten verwandt sind Suchtkrankheiten, die in ihrem Entstehen mit zivilisatorischen Bedingungen in Verbindung gebracht werden (Drogen).

Gesetzgeberisch erfuhr das Konzept der in der frühen Neuzeit nirgends verwirklichten Medicinischen Policey zur Abwehr und Verhinderung von Krankheiten im 19. Jahrhundert als Gesundheitspolizei eine Neuauflage. Neben gesundheitspolitischen Gegenstrategien zur Lösung der Sozialen Frage (z.B. Wohnungsfürsorge) wurden vor allem seuchenpolizeiliche Massnahmen ergriffen. In der Bundesverfassung von 1874 wurde in Artikel 69 dem Bund die Kompetenz betreffend die Vorsorge bei Epidemien übertragen, die im eidgenössischen Seuchengesetz konkretisiert wurde. Eine erste Vorlage wurde 1882 wegen des Impfzwangs abgelehnt. 1886 trat das Bundesgesetz, das Massnahmen im Bereich der Pocken, Cholera, Typhus und Pest vorsah, in Kraft.

Röntgenkampagne zur Diagnostik von Lungentuberkulose (Schwindsucht) im September 1945 in Zürich. Fotografie von Jack Metzger (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-12078) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Röntgenkampagne zur Diagnostik von Lungentuberkulose (Schwindsucht) im September 1945 in Zürich. Fotografie von Jack Metzger (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-12078) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Für die Deutungsmacht der aufgeklärten Schulmedizin an der Wende zum 19. Jahrhundert waren die medizinischen Strategien zur Bekämpfung der Pocken (Inoculation, Vaccination) zentral. Eine weit verbreitete Krankheit war der Kropf, der bis ins frühe 20. Jahrhundert im Alpenraum sehr häufig war (Kretinismus). In der frühen Industrialisierung waren die Cholera und die Tuberkulose präsent. Erstere war europaweit für die Entwicklung der Hygienebewegung und der dazugehörigen Erstellung einer urbanen Infrastruktur (Kanalisation) verantwortlich, Letztere war mit der Etablierung der Höhenkuren in Davos stark mit der Schweiz verknüpft. Im schweizerischen Bewusstsein verankert sind auch die Grippewellen während und nach dem Ersten Weltkrieg (Grippe). Im 20. Jahrhundert haben Kreislaufkrankheiten und Krebs, seit ihrem Auftreten Weltkrankheiten wie Aids, Sars und die Vogelgrippe – nicht zuletzt wegen der generellen Mediatisierung der Gesellschaft – die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Krankheitsvorstellungen verändert, obwohl statistisch nach wie vor Herzkreislaufkollaps und Krebs die häufigsten Todesursachen in der Schweiz sind (Mortalität).

Eine eigene Kategorie bilden die psychischen Krankheiten. Melancholie und Hysterie waren ab der Antike als Beschreibung bestimmter physischer Verfassungen bekannt, Geisteskranke blieben aber in der Regel in ihrem sozialen Umfeld integriert. Erst die Aufklärungsmedizin definierte psychische Störungen als Krankheit. Die im 19. Jahrhundert entstandenen Konzepte betonten teils medizinische, teils psychologische Aspekte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde – insbesondere mit der Einführung von Schizophrenie als Krankheit durch Eugen Bleuler – eine Kategorisierung gefunden, die in den Grundzügen bis heute gültig ist.

Krankheit in Arbeit und Versicherung

Krankheit im Betrieb ist heute ein eigenständiges, wissenschaftliches und politisches Thema. Als Phänomen trat es bereits in den Manufakturen des Merkantilismus auf, wurde durch Proto- und Industrialisierung aber verstärkt wahrgenommen, vor allem auch über Auswüchse der Kinderarbeit, die durch Fabrikgesetze im 19. Jahrhundert eingeschränkt wurde. Krankheit stellt heute in Industriestaaten neben Unfall und Alter das grösste individuelle Risiko dar. Dessen Versicherbarkeit ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, der im Rahmen des umfassenden Individualisierungsprozesses von Krankheit in der frühen Neuzeit vorbereitet wurde. Die Anfänge der Krankenversicherung liegen im 19. Jahrhundert. Erst 1912 gelang mit dem Kranken- und Unfallversicherungsgesetz (KVUG) eine einheitliche Regelung, die Rückwirkungen auf Krankheitskonzepte hatte. Seit den grossen Gesetzesrevisionen Ende des 20. Jahrhunderts (1981 Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 1994 Bundesgesetz über die Krankenversicherung) ist der gesetzgeberische Revisionsbedarf kaum mehr zu stillen, was insbesondere im Kampf um den sogenannten Leistungskatalog (Leistungen, die eine Krankenkasse im Rahmen der obligatorischen Grundversicherung zu erbringen hat und somit implizit eine Liste «anerkannter» Krankheiten darstellen) zum Ausdruck kommt. Krankheit gerät damit via Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien in den Sog wirtschaftlicher Überlegungen.

Versicherungsrechtlich spielen Zivilisationskrankheiten und Suchtkrankheiten oft eine Sonderrolle, da die Frage der Selbstverschuldung gesellschaftliche und gesundheitspolitische Fragen aufwirft (Alkoholismus, Tabakkonsum). Mit der Schaffung unterschiedlicher Risikokategorien wurden erste Reformschritte angegangen.

Quellen und Literatur

  • E. Ackerknecht, Gesch. und Geographie der wichtigsten Krankheiten, 1963
  • M. Foucault, Geburt der Klinik, 1973 (franz. 1963)
  • W. McNeill, Plagues and Peoples, 1976
  • K.E. Rothschuh, Konzepte der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart, 1978
  • S. Sontag, Krankheit als Metapher, 1978 (engl. 1978)
  • Le sens du mal, hg. von M. Augé, C. Herzlich, 1983
  • B. Duden, Gesch. unter der Haut, 1987
  • S. Brändli, Die Retter der leidenden Menschheit, 1990
  • C. Scharfstetter, «Modelle psych. Krankheiten», in Vjschr. der Naturforschenden Ges. in Zürich 144, 1999, H. 3, 101-112
  • M. Louis-Courvoisier, Soigner et consoler, 2000
  • S. Pilloud, M. Louis-Courvoisier, «The intimate experience of the body in the eighteenth century», in Medical History 47, 2003, 451-472
  • U. Freisens, "Pain in Europe", 2005
Weblinks

Zitiervorschlag

Brändli, Sebastian: "Krankheit", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.12.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016312/2013-12-19/, konsultiert am 29.11.2021.