de fr it

Reiten

Das Pferd nutzte man im Gebiet der heutigen Schweiz bereits in der frühen Bronzezeit als Zug- und Reittier. In röm. Zeit wurden Reitpferde im cursus publicus eingesetzt, welcher auch das Gebiet der Schweiz erfasste. In diesem von Ks. Augustus begründeten staatl. Kommunikationssystem waren neben Fussboten und Wagentransporten auch berittene Eilkuriere unterwegs. Während Jahrhunderten blieb das Pferd ein Statussymbol der wohlhabenden Bevölkerung. Männern der frühma. Oberschicht wurden Reitutensilien (Sporen, Geschirr, Zaumzeug) mit ins Grab gegeben. Der Reiter benützte sein Tier auch zur Jagd und für militär. Zwecke. Bis zum HochMA bildete sich das Reiterheer aus, in dem schwer gepanzerte Krieger zu Pferd mit unter der Achsel eingelegter Stosslanze als Hauptwaffe kämpften. Die im Unterhalt kostspieligen Streitrosse des Rittertums wurden in Turnieren erprobt. Auch Bischöfe und namhafte Adelsfamilien verfügten über erstklassige Reittiere, die immer erfolgreicher dressiert wurden.

Das Reisen auf dem Pferd blieb bis in die frühe Neuzeit der Oberschicht vorbehalten. Beschwerlich war v.a. der Weg über die Pässe, die hauptsächlich von Kaufleuten und Saumtierkolonnen begangen wurden. Ab dem MA kursierten auf versch. Strecken wieder berittene Boten zum Überbringen von Nachrichten. Geregelte Postverbindungen gab es ab dem 17. Jh., z.B. ab 1677 zweimal pro Woche zwischen Zürich und Genf (beritten ab 1696). Die Routen wurden in zahlreiche Stationen eingeteilt, sodass die Pferde und die Boten ausgewechselt werden konnten. Abgelöst wurde die berittene Post im 18. Jh. von den Postkutschen, die mit dem Ausbau der Strassen immer häufiger eingesetzt wurden.

Plakat für den Concours Hippique in Yverdon, 1906 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für den Concours Hippique in Yverdon, 1906 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Das Defensionale von Wil begründete 1647 die eidg. Kavallerie, wenngleich die Kontinuitäten auch in diesem Bereich mehr auf kant. als auf eidg. Ebene zu suchen sind. 1822 wurde das erste Reglement für die Kavallerie erlassen, 1874 erreichte die militär. Reiterei mit 24 Dragonerschwadronen und zwölf Guidenkompanien sowie weiteren berittenen Truppengattungen (z.B. Traintruppen, Artillerie) einen bestandesmässigen Höhepunkt. Massgebl. Träger des militär. R.s waren die in der 2. Hälfte des 19. Jh. entstandenen Kavallerie-Reitvereine, die sich dem ausserdienstl. Training der Wehrmänner widmeten. Impulse gaben die Eidg. Pferde-Regieanstalt in Thun und das Eidg. Kavallerie-Remontendepot in Bern. Beide waren hippolog. Musterinstitute, die eine hohe Reitkunst pflegten und auserlesene Schulställe unterhielten. Mit der Motorisierung der Armee seit dem 1. Weltkrieg sank der Bestand der berittenen Verbände. 1972 wurde die Kavallerie aufgehoben und das militär. R. auf die Traintruppe reduziert. Die militär. Kavallerievereine wandelten sich in zivile Reitsportvereine. 2001 wurde eine Reduktion der Trainformationen und ihre Zusammenfassung im Kompetenzzentrum Armeetiere beschlossen.

Plakat für das Pfingstrennen in Frauenfeld, gestaltet von Edouard Elzingre, 1925 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für das Pfingstrennen in Frauenfeld, gestaltet von Edouard Elzingre, 1925 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Am Anfang des zivilen Reitsports standen die Pferderennen. Als erster Verein wurde 1872 der Rennverein von Yverdon gegründet, dem einige Wochen später jener von Zürich und in den 1880er Jahren zahlreiche weitere folgten. 1900 entstand der Verband der schweiz. Renngesellschaften (seit 1933 Schweiz. Verband für Pferdesport), in dem sich sämtl. Organisationen vereinigten, die Rennen veranstalteten. Der Springsport hat seine Wurzeln ebenfalls in Yverdon. Hier wurde 1900 die erste Schweizer Springkonkurrenz durchgeführt. 1909 veranstaltete der Rennclub Luzern den international ausgerichteten Concours Hippique, an dem auf Schweizer Seite ausschliesslich Offiziere beteiligt waren. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde der Concours Hippique sechsmal durchgeführt, dann versiegten die Aktivitäten des Pferdesports weitgehend. 1924 nahmen erstmals Schweizer Reiter an Olymp. Spielen teil. Die Dressur entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem eigenständigen Zweig des Pferdesports. Die erste internat. Dressurprüfung fand 1930 in Luzern statt. 1938 erfolgte die Reorganisation des schweiz. Rennsports und damit die Trennung der Abteilung für Rennen und Concours. International ausgerichtet sind nebst den Springturnieren von Luzern und Genf (seit 1926) auch das Turnier von St. Gallen (seit 1953) sowie die bekannteste Pferdesportveranstaltung der Schweiz, der CSI (Concours Saut International, seit 1988) von Zürich. Die wichtigsten Zentren des Rennsports befinden sich in Dielsdorf und Avenches, jenes von Yverdon-les-Bains hatte bis 1999 Bestand.

Im zivilen Bereich war das R. seit dem Ende des 19. Jh. eine beliebte Freizeitbeschäftigung des gehobenen Bürgertums. Der Reitsport galt als Ausdruck von Musse und Reichtum. Ab den 1950er Jahren wurde das R. für breite Kreise erschwinglich. Auch in den reitsportl. Disziplinen nahm die Zahl der zivilen Reiter ständig zu. Besonders beliebt waren die erstmals in grosser Zahl importierten Ponys und Islandpferde, dazu kamen in den 1950er und 60er Jahren weitere Pferderassen, so z.B. Friesen, Peruaner und Araber. Einen neuen Akzent des R.s betont die Hippotherapie, die seit den 1970er Jahren das Pferd als Medium der Heilpädagogik einsetzt. Im sportl. Wettbewerb entwickelten sich neue Disziplinen wie Voltigieren (Akrobatik auf dem Pferd), Westernreiten oder Endurance (Distanzreiten).

Quellen und Literatur

  • U.A. Müller-Lhotska, Das Pferd in der Schweiz, 1984
  • Pferdeland Schweiz, hg. von T. Frei, 1994
  • W. Böhm, Ross und Reiter, 1996
  • T. Klöti, «Postverkehr», in Bull. IVS 1, 1999, 18-25
  • 100 Jahre Schweiz. Verband für Pferdesport, 2000
  • A. Kolb, Transport und Nachrichtentransfer im Röm. Reich, 2000