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Gesellen

Der Begriff Geselle bezeichnete ursprünglich den Hausgenossen, Genossen und Kameraden. Der Handwerksgeselle hiess hingegen Knecht (mittelhochdeutsch kneht), wie der ebenfalls unselbstständige, lohnabhängige und beköstigte Dienstbote (Gesinde). An der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert nannten sich in den deutschschweizerischen Städten auch die in «Gesellschaften» vereinten Handwerksmeister Geselle oder Stubengeselle. Zu dieser Zeit wurden in den deutschen Reichsstädten bereits die Untergebenen in den Gesellenverbänden als Gesellen bezeichnet. Vom Reichsbrauch beeinflusst, galt im Gebiet der Deutschschweiz des 15. Jahrhunderts neben Knecht zunehmend auch Geselle, doch erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte sich Geselle für den Handwerksgesellen endgültig durch. In der französischen Schweiz wurde der Geselle compagnon (ursprünglich derjenige, der dasselbe Brot isst), im italienischen Sprachraum garzone (vom französischen garçun) genannt.

Die typische Dreigliederung des Handwerks in Lehrlinge, Gesellen und Meister ist seit dem Hochmittelalter nachweisbar. Die Aufnahme in den Kreis der Gesellen erfolgte oft mit einem Ritual im Anschluss an die Lehrzeit (Lehre) und endete mit dem Erwerb des Zunftrechts (Zünfte) und der Niederlassung als Meister. Im 14. Jahrhundert bildete sich bei den Gesellen ein eigenes Standesbewusstsein heraus, womit sich die 15- bis 25-jährigen Handwerker gleichzeitig von den übrigen Gruppen abhoben, die in einem bezahlten Dienstverhältnis standen (Tagelöhner, Hilfsarbeiter, städtisches Dienstpersonal, Hausgesinde). Die Gesellen zeichneten sich ausserdem durch ihre Mobilität als Wandergesellen, ihre familiäre Ungebundenheit und ihre grossräumigen Organisationen aus. Grundlage ihres Zusammenschlusses war meist eine Bruderschaft, wie sie vor allem im Ober- und Mittelrheingebiet ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden. In der Bruderschaft schlossen sich die Gesellen zur Bestattung ihrer Mitglieder und zu deren Totengedächtnis zusammen, aber auch zur Unterstützung kranker und armer Mitglieder. Die Gesellen gründeten Kassen und sicherten sich im städtischen Spital durch Kauf ein oder zwei Betten. Gleichzeitig vereinigten sie sich zu regionalen und überregionalen Verbänden, die sich gegenseitig informierten und ihre Aktionen gegen Meister und Obrigkeiten miteinander absprachen, um ihre standespolitischen und beruflichen Forderungen besser und weiträumiger abzustützen. Die Wanderschaft der Gesellen ist ab dem 14. Jahrhundert belegt. Sie kam der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften entgegen und führte zur raschen Verbreitung der jeweiligen handwerksspezifischen Kenntnisse. Zur Entlastung des Arbeitsmarkts und zur Verhinderung einer strukturellen Arbeitslosigkeit wurde im 16. Jahrhundert die Wanderzeit verlängert und für obligatorisch erklärt. Handwerksbetriebe auf dem Land beschäftigten seltener fremde Gesellen. Der Migrationsradius der verschiedenen Gewerbe war unterschiedlich gross. Gesellen aus der deutschsprachigen Schweiz dienten häufig in den deutschen Reichsstädten. Nach der Reformation blieb das Wandern auf das Gebiet des eigenen Bekenntnisses beschränkt, was längerfristig zum Niedergang der überregionalen Handwerkerverbände beigetragen hat. Ab dem 16. Jahrhundert wirkte sich die zunehmende «Welschenfeindlichkeit» im Kontext der Abschliessungstendenzen der Zünfte hemmend auf die Mobilität aus.

Arbeitsattest für einen wandernden Gesellen aus Freiburg im Breisgau, ausgestellt von der Luzerner Maurerzunft 1808. Vom Zuger Stecher Jakob Joseph Clausner gestaltetes Formular (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Arbeitsattest für einen wandernden Gesellen aus Freiburg im Breisgau, ausgestellt von der Luzerner Maurerzunft 1808. Vom Zuger Stecher Jakob Joseph Clausner gestaltetes Formular (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).

In den spätmittelalterlichen Städten Nürnberg, Strassburg, Basel und Freiburg im Breisgau liess sich aufgrund der Steuer- bzw. Einwohnerlisten der Anteil der Gesellen und Mägde an der Gesamtbevölkerung auf rund ein Viertel beziffern. Die Betriebsgrössen waren bescheiden: Ein Meister beschäftigte ― ausser im Druckergewerbe ― selten mehr als einen bis zwei Gesellen; ein Drittel bis die Hälfte der Meister scheint überhaupt ohne Gesellen gearbeitet zu haben. Die Mehrzahl der Gesellen und die Lehrlinge lebten im Haus des Meisters, dessen hausherrlicher Gewalt sie unterstanden. Vom Züchtigungsrecht des Hausherrn waren sie als einzige ausgenommen. Obwohl die Zunftnormen die Gesellenehen nicht vorsahen und mitunter Verheirateten den Zugang zur Meisterschaft erschwerten, lösten sich die Gesellen des Bauhandwerks, der Weberzunft und die Rebknechte schon früh aus dem Verband des Meisterhauses und lebten verheiratet mehrheitlich ausserhalb des Meisterhauses. Die Beziehung der Gesellen zum Meister basierte auf einem freien Arbeitsverhältnis. Die mittelalterlichen Vorstellungen von gegenseitigen Verpflichtungen beinhalteten von Seiten der Gesellen (wie der Lehrlinge und des Gesindes) Gehorsam und Treue, von Seiten des Meisters Fürsorgepflicht im Krankheitsfall. Die Gesellen konnten als minderberechtigte Mitglieder der Zunft ihrer Meister angehören.

Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit wurden die Gesellen – die über gut funktionierende Kommunikationssysteme und Sanktionsmechanismen innerhalb ihrer Verbände verfügten – zu einer politischen Kraft, die sich auch in Aufständen bemerkbar machte. Es wird angenommen, dass sie nach den Pestzügen in einer ersten Welle kollektiver Aktionen von 1348 bis 1421 den Bevölkerungseinbruch und den nachfolgenden Arbeitskräftemangel zur Durchsetzung ihrer Forderungen ausnutzten. Die ersten Konflikte brachen in den Weber- und Müllerzünften in den oberrheinischen Städten (Freiburg im Breisgau, Basel, elsässische Städte) aus, gefolgt von Aufständen der Schmiedegesellen, die sich in einem überregional organisierten Königreich (von Basel über Aarau, Zürich, Schaffhausen bis Rottweil) zusammengeschlossen hatten. Im 15. Jahrhundert versuchten erst die Zünfte, dann die Städte Abwehrmassnahmen gegen die Gesellenbewegungen zu treffen, doch zeitigten diese keinen dauerhaften Erfolg. Als besonders selbstbewusste Gesellengruppen galten im Mittelalter die Schuhmacher, Schneider, Kürschner, Bäcker, Hafner, Sattler und Seiler. Nach der Reformation, an deren Durchsetzung sich die Gesellen auf Seiten der Meister beteiligten, traten die Druckergesellen besonders aktiv mit Lohnforderungen hervor. Das Problem der Konkurrenz durch die billigere Frauenarbeit versuchten die Gesellen mit Sanktionen zu lösen: Sie erklärten die Zusammenarbeit mit Mägden oder mit Meistern, die solche ausbildeten, als für unvereinbar mit ihrer Ehre und intervenierten gegen fehlbare Meister und deren Gesellen. Als Folge der ökonomischen und strukturellen Veränderungen und der Stagnation bestimmter Gewerbe verschlechterte sich ab dem Ende des 15. bis zum 18. Jahrhundert die Aussicht der Gesellen auf die Meisterschaft (mit Ausnahme kleiner, stark spezialisierter Gewerbe). Die Gesellenzeit wandelte sich somit für viele vom Durchgangsstadium zur Lebensperspektive. Diese «ewigen Gesellen» blieben wirtschaftlich unselbstständig oder liessen sich als sogenannte Stümper auf dem Land nieder, wo sie von Meistern und Gesellen gemeinsam als Konkurrenten verfolgt wurden. Gegen die Verschlechterung ihrer beruflichen Chancen und Arbeitsbedingungen verteidigten die Gesellen die handwerklich-zünftigen Rechte vehement. Sie wehrten sich bis ins 19. Jahrhundert mit kollektiven, oft überregional organisierten Aktionen wie Verruf, Boykott, Streik oder dem geschlossenen Auszug aus einer Stadt. Das wichtigste Konfliktpotential zwischen Gesellen und Meistern bildeten bis ins 19. Jahrhundert immer wieder Lohnfragen, arbeitsrechtliche Aspekte, die intern ausgeübte Gerichtsbarkeit, die als Störung der Arbeit denunzierten kollektiven Begrüssungs- und Verabschiedungsrituale von Kollegen sowie die Arbeitsvermittlung, die Arbeitszeitregelung, das Recht auf den blauen Montag sowie Arbeit auf eigene Rechnung.

Die Gesellen bildeten in der frühen Neuzeit ihre männerbündischen Rituale und ritualisierten Redewendungen weiter aus, die bis ins 19. Jahrhundert bei der Ankunft in einer fremden Stadt als Erkennungszeichen und Legitimation dienten. Nach wie vor grenzten sie sich damit gegen die Dienstboten ab. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden mit Verlagsindustrie und Manufakturen neue betriebliche Formen, welche die Monopolstellung der Zünfte in Frage stellten. Arbeiter der neu entstandenen Gewerbe, die keinem traditionellen Stand zugehörig waren, nahmen im 18. Jahrhundert das Selbstverständnis und die Organisationsformen der Gesellen zum Vorbild. Sie bemühten sich, als solche und nicht als Dienstboten eingestuft zu werden. Alte Gesellen, die keine Chancen mehr hatten, die Meisterschaft zu erreichen, mussten sich hingegen als Lohnarbeiter verdingen.

Im 19. Jahrhundert spalteten sich Funktion und Bild der Gesellen. Zum einen wurde das Bild der Gesellen als Reaktion auf die Industrialisierung noch von einer romantisierenden, rückwärts gewandten Handwerksideologie geprägt. Zum andern schlossen sich Gesellen den fortschrittlichen Kräften an, die von den politischen Ideen des Vormärz beeinflusst waren. Das Zusammentreffen von ehemaligen Mitgliedern der überregional organisierten, vor allem süddeutschen Oppositionsgruppen und der deutschen Handwerker und Arbeiter (Deutsche Arbeitervereine) in der Schweiz prägte die politische und ideologische Ausrichtung der Vereine bis in die 1840er Jahre. Solche Vereine existierten in fast allen grösseren Städten der deutschen und der französischen Schweiz. Die lokalen bzw. regionalen Gesellenverbände gingen zum Teil in der Gewerkschaftsbewegung (Gewerkschaften) auf, als deren Vorläufer die spätmittelalterliche Gesellenbewegung nun interpretiert wurde. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte der 1838 gegründete Grütliverein für die Gesellen einen zentralen Ort der sozialen und nationalen Identität dar. Im Zuge der Entwicklung der Kleinbetriebe zu Mittelbetrieben wurden Gesellen (z.B. Schlosser, Mechaniker) Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt in Fabrikbetrieben beschäftigt. Die geringen Heiratschancen bewogen viele, sich als Arbeiter niederzulassen.

Quellen und Literatur

  • A. Griessinger, Das symbol. Kapital der Ehre, 1981
  • W. Reininghaus, Die Entstehung der Gesellengilden im SpätMA, 1981
  • Bildung und Organisation in den dt. Handwerksgesellen- und Arbeitervereinen in der Schweiz, hg. von H.-J. Ruckhäberle, 1983
  • K. Schulz, Handwerksgesellen und Lohnarbeiter, 1985
  • A.-M. Piuz, L. Mottu-Weber, L'économie genevoise, de la Réforme à la fin de l'Ancien Régime, 1990
  • A.-M. Dubler, «Fremde Handwerksgesellen in der Stadt Luzern des 15. Jh.», in JHGL 9, 1991, 41-70
  • Handwerksgesch., hg. von A.-M. Dubler, 1993
Weblinks

Zitiervorschlag

Katharina Simon-Muscheid: "Gesellen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.11.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016371/2010-11-11/, konsultiert am 27.06.2022.