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Arbeiter

Der Begriff Arbeiter kann nicht über längere Zeiträume einheitlich definiert werden. Es gab Perioden, in denen sein Inhalt klarer umrissen, und solche, in denen er dehnbarer war. Die Begriffsgeschichte wird deshalb im Folgenden jeweils in den unmittelbaren sozialgeschichtlichen Kontext gestellt.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Bergarbeiter bei der Erzverhüttung. Stich aus der 1543 in Basel publizierten Cosmographia von Sebastian Münster (Bibliothèque de Genève).
Bergarbeiter bei der Erzverhüttung. Stich aus der 1543 in Basel publizierten Cosmographia von Sebastian Münster (Bibliothèque de Genève).

Nach der um 1000 entwickelten Lehre der drei Stände (Ständische Gesellschaft) bildeten Arbeiter (laboratores, operatores, als Unfreie häufig servi) jenen Stand, der durch körperliche Arbeit den Adel und die Geistlichkeit ernährte, d.h. Handarbeiterinnen und -arbeiter in der Agrargesellschaft des Früh- und Hochmittelalters (Bauern). Als Arbeiter konnte jede im System der Grundherrschaft produzierende Person freien oder unfreien Rechtsstatus gelten. Als eigene Sozialgruppe rechtlicher und ökonomisch abhängiger Lohnarbeiterinnen und -arbeiter formierten sich Arbeiter erst vom Hochmittelalter an im Zuge der Städtebildung und des damit verbundenen gesellschaftlichen Wandels. Mit dem Rückgang grundherrlicher Eigenwirtschaft und der Frondienste entwickelte sich die jüngere Rentengrundherrschaft, in der sich die hofrechtlichen Bindungen der hörigen Landbevölkerung allmählich lockerten. Monetarisierung, Entwicklung von Handel und Gewerbe und Urbanisierung gingen mit einer Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land wie auch innerhalb der handwerklich-gewerblichen Produktion einher. In den wachsenden Städten fanden Zuzüger vom Land Arbeit. Sie bildeten vor allem von der Krise des Spätmittelalters an die städtische Unterschicht. Auf dem Land beschäftigten adlige und geistliche Grundherrschaften, bürgerliche Landbesitzer und vermögende Bauern ganzjährig oder saisonal Lohnarbeiterinnen und -arbeiter, die sich besonders aus den unterbäuerlichen Schichten der Tauner rekrutierten.

Winterliche Arbeiten in der Landwirtschaft, Monatsbild November. Radierung von Conrad Meyer, 1663 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Winterliche Arbeiten in der Landwirtschaft, Monatsbild November. Radierung von Conrad Meyer, 1663 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).

Arbeiter und Arbeiterinnen lebten teilweise im Haushalt des Arbeitgebers. Sie unterstanden der Befehls- und Strafgewalt des Hausherrn und der Hausherrin. Diese beaufsichtigte die Mägde und Lehrtöchter. Der Begriff «Knecht» bezeichnete einerseits unqualifiziertes männliches (Hilfs-)Personal im Hausdienst und Gewerbe, andererseits spezialisierte, gelernte Arbeiter, gelernte Gesellen. Den Dienst unverheirateter junger Menschen in einem fremden Haushalt oder Handwerksbetrieb sah man im Prinzip als Übergangsphase, die mit der Gründung eines eigenen Betriebs und der Heirat endete. Das Modell der in die Hausgemeinschaft des Meisters integrierten Arbeiter galt im Wesentlichen für das Gesinde in Handwerks- und Kaufmannsbetrieben, nicht aber für Arbeiter im Transportgewerbe, städtischen Bauwesen, im städtischen Garten- und Ackerbau oder im Bergbau. In diesen Sektoren waren verheiratete Arbeiter mit eigenem Haushalt auf Arbeitsplätzen wie Bauhütten, Gärten und Bergwerken beschäftigt, wo das Arbeitsangebot saisonal schwankend und Ganzjahresbeschäftigung nicht gesichert war. Im Bauwesen herrschte aufgrund der vielen Heiligentage praktisch die Fünf-Tage-Woche, sodass Arbeiter ein Jahreseinkommen von nur rund 265 Taglöhnen erzielten (Lohn). In Arbeiterfamilien war zur Sicherung des Lebensunterhalts das Erwerbseinkommen beider Ehepartner sowie der arbeitsfähigen Kinder notwendig. Soziale Konflikte gingen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit vor allem von den Organisationen qualifizierter Arbeiter aus.

In der frühen Neuzeit differenzierte sich die Arbeiterschaft gegenüber dem Mittelalter aus. Es entstanden in der Stadt und auf dem Land, ausserhalb des Handwerks und der Zünfte, neue Sozialgruppen von Arbeitern, mit neuen Lebens- und Arbeitsformen: Im Zeichen des Bevölkerungswachstums und der Erschliessung neuer Exportmärkte gewann die im Verlagssystem dezentral organisierte Produktion (v.a. in der Textilindustrie) wachsende Bedeutung. Städtische Kaufleute und Fabrikanten stützten ihre Unternehmen auf ländliche Arbeitskräfte, um die von ihnen gelieferten Rohstoffe (z.B. Wolle, Baumwolle, Seide) in Heimarbeit zu Halbfabrikaten (Garn, ungefärbte Stoffe, Uhrenbestandteile usw.) und Exportgütern verarbeiten zu lassen. Wie Handwerker gestalteten die in ihrer Wohnung oder Werkstatt arbeitenden Heimarbeiterinnen und -arbeiter ihren Arbeitstag selbst. Für die Vermarktung hingen sie aber vollstens vom Verleger ab, dem meist auch die Arbeitsgeräte (Webstuhl usw.) gehörten. In weitgehender Abhängigkeit von städtischem Handelskapital sanken manchenorts, wie zum Beispiel in Genf, ursprünglich selbständige Meister in den Rang von Lohnarbeitern ab, eine Begleiterscheinung der Protoindustrialisierung. In den verschiedenen Typen ländlicher Haushalte, einschliesslich der handwerklich-gewerblichen Professionisten, besass Heimarbeit im Rahmen der Familienwirtschaft einen spezifischen Stellenwert. Je nach dem Lohnniveau bzw. dem Verhältnis zwischen landwirtschaftlichen und heimindustriellen Löhnen, der Schichtzugehörigkeit, der Anzahl verfügbarer Arbeitskräfte und den Erfordernissen des Familienbetriebs wurde Heimarbeit ganzjährig oder nur als Nebenbeschäftigung (ausserhalb der saisonalen Arbeitsspitzen in der Landwirtschaft) ausgeübt. Niedrig entlöhnte Arbeiten wie das Spinnen, Winden oder Spulen von Garn wurden tendenziell von Frauen (Frauenerwerbsarbeit) und Kindern (Kinderarbeit) verrichtet und dienten unterbäuerlichen Schichten als Einkommensquelle. Heimarbeit, welche gewisse Kapitalinvestitionen erforderte wie das Weben, war eher in besser gestellten Landwirtschaftsbetrieben angesiedelt.

Vom späten 16. und 17. Jahrhundert an fasste die von Basler Grosskaufleuten gelenkte Produktion von Seidenbändern auf der Basler Landschaft Fuss. Im Zürcher Gebiet spielten zunächst noch das traditionelle «Tüechli-Gewerbe» (grobe Baumwolltuche), die Wollkämmelei und -weberei eine wichtige Rolle. Dabei war die Wollkämmelei häufig in zentralen, in der Stadt oder am Stadtrand angesiedelten Fabrikationsräumen organisiert. Vom späten 16. Jahrhundert an nahmen in Zürich und auf der Zürcher Landschaft die Seidenfabrikation (Schappespinnerei, Seidenweberei), das Baumwollgewerbe und die Strumpfmanufaktur einen Aufschwung. Auch in der Innerschweiz verbreitete sich die von Zürich aus gelenkte Heimindustrie. In Genf beschäftigten das Textilgewerbe, vor allem die Tuchproduktion und Seidenherstellung (Samt, Taft), die Schmuck- und Uhrenfabrikation zahlreiche, teilweise aus der näheren und weiteren Umgebung zugewanderte Arbeitskräfte. Im 17. und 18. Jahrhundert war ein Teil der protoindustriellen Arbeitskräfte in Manufakturen angestellt. Namentlich für die Indienne-, in Genf auch für die Strumpfproduktion, gründeten Unternehmer Manufakturen, in welchen die arbeitsteilig und hierarchisch gegliederten Arbeitsgänge des Zeugdrucks vereinigt waren, die Arbeiter aber Arbeitszeit und -rhythmus nicht mehr den familienwirtschaftlichen Bedürfnissen anpassen konnten.

19.-20. Jahrhundert

Begriffswandel im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert lässt sich eine zunehmende inhaltliche Eingrenzung des Begriffs Arbeiter verfolgen, der vor allem die lange mitgemeinten Bauern und andere Selbstständigerwerbende ausschloss. Noch nach der Jahrhundertmitte umfasste er zahlreiche ältere Gruppenbezeichnungen wie Taglöhner, Fabrikarbeiter, Fabrikgeselle, Gehilfe, Geselle, Gesinde oder Handarbeiter. Er bezeichnete Personen, die aufgrund eines freien Arbeitsvertrags stark fremdbestimmt und abhängig, d.h. meist nicht mit eigenen Produktionsmitteln, und vorwiegend körperlich tätig waren. Karl Marx charakterisierte in den 1860er Jahren den Arbeiter als «frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andrerseits [...] frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.» Für die Nutzung der Arbeitskraft zahlt der Unternehmer oder gewerbliche Meister dem Arbeiter einen Lohn. Vom späten 19. Jahrhundert an galt der Fabrikarbeiter, nicht mehr der Heimarbeiter oder Handwerker, als der typische Arbeiter Die um die Wende zum 20. Jahrhundert bedeutenden sozialrechtlichen und statusbezogenen Unterschiede zu den Angestellten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend eingeebnet. Die Abgrenzung fiel sowohl in der Praxis als auch im wissenschaftlichen Diskurs immer schwerer. Noch heute gehört aber zum Begriff Arbeiter überwiegend körperliche Arbeit.

Stich aus der Serie Une danse macabre, publiziert 1919 von Edmond Bille bei Spes in Lausanne (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Stich aus der Serie Une danse macabre, publiziert 1919 von Edmond Bille bei Spes in Lausanne (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Die Arbeiter bildeten nie eine homogene Klasse (Klassengesellschaft). Sie unterschieden sich nach Kriterien wie Geschlecht, regionale und soziale Herkunft, Sprache, Religion, Beruf, Qualifikation, Wirtschaftszweig usw. Wegen dieser Vielfalt sprach man lange von den «arbeitenden Klassen». Nur langsam verbreitete sich von der Französischen Revolution an der singulare Sprachgebrauch «Arbeiterklasse», der eng mit Vorstellungen von ökonomischer und politischer Emanzipation, von Klassenbewusstsein, eigenen Klassenorganisationen und Klassenkampf zusammenhängt. Das Bild einer klassenmässig in Lohnarbeit und Kapital gespaltenen Gesellschaft (Kapitalismus) verdrängte das traditionelle mit dem Gegensatz von Armen und Reichen. In den 1830er und 1840er Jahren verbreitete sich zudem der Begriff Proletariat, worunter anfänglich abschätzig arme, verelendete Schichten verstanden wurden («Lumpenproletariat», Pauperismus). Etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt er in der Arbeiterbewegung eine positive Wertung als Kampfbegriff des Marxismus, wie er im Schlusssatz des Kommunistischen Manifestes verwendet wird: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch.» Angesprochen fühlten sich, wie die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, vor allem qualifiziertere Arbeiter

Kategorien im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert gilt es Industriearbeiter, deren Gruppe sich in Heim- und Fabrikarbeiter gliedern lässt, gewerbliche Arbeiter, vor allem Handwerksgesellen, sowie Sonderkategorien wie Eisenbahnbau- und Landarbeiter oder Dienstpersonal zu unterscheiden. Die statistische Erfassung der Arbeiter im 19. Jahrhundert stösst wegen der unscharfen Definition auf unüberwindbare Schwierigkeiten, weshalb nur grobe Schätzungen vorliegen.

Man darf sich die Arbeiter im Industriesektor weder in der Heim- noch in der Fabrikindustrie als ausschliesslich erwachsen und männlich vorstellen. Frauen und Kinder erreichten in der schweizerischen Industrie des 19. Jahrhunderts ein bedeutendes, in einzelnen Bereichen sogar ein überwiegendes Gewicht.

Industriearbeiterschaft 1830-1880 (in Tausend)

 1830/4018501860/651870/721880/82
Textilindustrie99,0134,0186,0189,0187,0
Uhren- und Metallindustrie21,031,043,067,064,0
Chemie 0,50,60,82,7
Typograph. Gewerbe/Papierindustrie 2,52,63,05,6
Lebens- und Genussmittelindustrie 2,25,04,69,5
Bekleidung 3,03,02,53,8
Baumaterialien- und Holzwarenindustrie 2,03,04,56,1
Total 175,2243,2271,4278,7
Industriearbeiterschaft 1830-1880 (in Tausend) -  Gruner, Erich: Die Arbeiter in der Schweiz im 19. Jahrhundert : soziale Lage, Organisation, Verhältnis zu Arbeitgeber und Staat, 21980

Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fällt eine Charakterisierung der Heimarbeiterschaft schwer. Einerseits bestand ein fliessender Übergang von landwirtschaftlichen Kleinproduzenten, die oder deren Frauen gelegentlich ein handwerkliches Zusatzeinkommen verdienten, zu Heimarbeitern mit einem sehr tiefen Selbstversorgungsanteil an Nahrungsmitteln. Andererseits beteiligte sich die gesamte Familie an der Heimarbeit und machte diese somit mehrheitlich zu Frauen- und Kinderarbeit.

Johannes Graf, einer der letzten Heimarbeiter, am Webstuhl in Appenzell Ausserrhoden. Fotografie von Dany Gignoux, 1978 (Bibliothèque de Genève).
Johannes Graf, einer der letzten Heimarbeiter, am Webstuhl in Appenzell Ausserrhoden. Fotografie von Dany Gignoux, 1978 (Bibliothèque de Genève). […]

Die Baumwollindustrie beschäftigte lange weitaus die meisten Heimarbeiter beiderlei Geschlechts. Um 1800 gehen Schätzungen allein von 100'000 Handspinnern aus, von denen allerdings bei weitem nicht alle hauptberuflich spannen. Gerade in der Spinnerei verdrängte die Mechanisierung die häusliche Produktion früh. Die Handweberei dagegen überschritt ihren Höhepunkt erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls zahlreiche Heimarbeitsplätze boten die Stickerei, die Strohflechterei sowie die Seidentuch- und -bandweberei. Insgesamt wuchs die Zahl der Heimarbeiterinnen und -arbeiter in der Textilindustrie bis in die 1860er Jahre auf gegen 150'000, um dann wieder abzunehmen. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Uhrenindustrie, wo der Höhepunkt etwa um 1870 mit ca. 55'000-60'000 Beschäftigten erreicht war. Die erste systematische Erfassung der Heimarbeitenden fand 1905 im Rahmen der ersten Betriebszählung statt. Die 92'162 Erfassten, davon fast drei Viertel Frauen, arbeiteten vor allem in der Stickerei (35'087), der Seiden- (22'454), Uhren- (12'071) und Bekleidungsindustrie (9221). Die effektive Verbreitung schätzten zeitgenössische Beobachter zum Teil wesentlich höher ein. Wenn es auch gut situierte Heimarbeitende gab (z.B. in der Stickerei, Uhrenindustrie und Seidenbandweberei), wurden sie nach 1900 vor allem unter dem Aspekt einer sozial äusserst schlecht gestellten Schicht gesehen. Tatsächlich blieben sie von der Sozialgesetzgebung weitgehend ausgeklammert, und ihre vereinzelte Arbeitsweise sowie die oft bescheidene Qualifikation erschwerten die Kommunikation und damit die Möglichkeit zu kollektivem Handeln.

Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter

Das Bild der modernen Lohnarbeit prägte die Fabrik, auch wenn sie beschäftigungsmässig lange Zeit nicht entfernt die Bedeutung handwerklicher und hausindustrieller Betriebe erreichte. Sie begann ihren Siegeszug Anfang des 19. Jahrhunders in der Baumwollspinnerei (St. Gallen 1801, Wülflingen 1802, Zürich 1805). Damit bot nicht mehr die Familie den Rahmen für die gemeinschaftliche Arbeit von Mann, Frau und Kindern sowie oft Lehrlingen, Gesellen und Gesinde. Nicht selten arbeiteten aber beide Elternteile samt Kindern in der gleichen Fabrik; entsprechende Stellenanzeigen finden sich noch Ende des 19. Jahrhunderts.

Fabrikarbeiterin um 1930. Fotografie von Hans Staub (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
Fabrikarbeiterin um 1930. Fotografie von Hans Staub (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.

Fabrikarbeit war anfänglich äusserst unbeliebt und zog vor allem diejenigen an, denen Alternativen fehlten, anders als in anderen Ländern mehrheitlich ehemals in der Heimarbeit Beschäftigte. Dazu kamen verarmte Handwerker und Angehörige der ländlichen Unterschicht. Die erste umfassende Erhebung, die Fabrikzählung 1882, die auch grössere Gewerbebetriebe erfasste, kam auf 134'862 Arbeiter, davon 64'498 Frauen. Die Gewöhnung der Menschen an regelmässige Arbeit war eine der einschneidendsten Folgen der Fabrikindustrie. Die noch in der Heimindustrie mögliche Selbstbestimmung über Arbeitszeit, Pausen, Arbeitstempo usw. entfiel. Als vordringliches Ziel strebten Fabrikanten, oft gegen erheblichen Widerstand (Glarner Fabrikglocken-Streik 1837, «blauer Montag»), Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit an. Weiter legten Fabrikordnungen Wert auf Sauberkeit und Ordnung, Gehorsam gegenüber Vorgesetzten sowie auf Sittlichkeit inner- und ausserhalb des Betriebs. Den grössten Anteil an der Fabrikarbeiterschaft stellte bis in die 1920er Jahre die Textilindustrie: Schätzungen ergaben für 1830-1840 ca. 10'000-20'000, für 1860-1865 ca. 40'000-45'000 Personen, die Fabrikzählung erfasste 1882 84'669, 1911 102'092 Arbeitende. Seit umfassende Statistiken vorliegen, stellten Frauen immer die Mehrheit, am deutlichsten in der Seidenindustrie mit ca. drei Vierteln, am knappsten in der Stickerei mit etwas mehr als der Hälfte.

Anfänglich kannte die Fabrikarbeiterschaft fast nur die Schattenseiten der Industrialisierung: unsichere Beschäftigung, überlange Arbeitszeiten, Verlust traditioneller Sicherheitsnetze, Löhne im Bereich des Existenzminimums und fehlende Vorsorgeinstitutionen. Eine nachhaltige Verbesserung ergab sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunders durch die Fabrikgesetze und die Fabrikinspektion einerseits und durch das Wirken der Arbeiterbewegung andererseits.

Handwerksgesellen

Eine wichtige Kategorie bildeten im 19. und frühen 20. Jahrhundert Handwerksgesellen, deren Zahl um 1850 auf 90'000, davon wahrscheinlich knapp ein Siebentel Deutsche, um 1900 auf 130'000 geschätzt wurde, was jeweils knapp 4% der Gesamtbevölkerung entsprach. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschlechterten sich ihre Chancen, selbst zu Meistern mit eigenem Betrieb aufzusteigen. Die meisten Gesellen beschäftigte das Baugewerbe (Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Gipser, Maler), da die industrielle Durchdringung, die vor allem in den aus allen Nähten platzenden Städten zum Ausdruck kam, gewaltige Investitionen im Hoch- und Tiefbau auslöste. Weitere Schwergewichte lagen in der Lebensmittelversorgung (Bäcker, Metzger), der Holzverarbeitung (Schreiner), der Bekleidung (Schneider, Schuhmacher), der Metallverarbeitung (Spengler, Schlosser, Schmiede) sowie im Buchdruck (Drucker, Setzer). Weit mehr als die Industriearbeiterschaft organisierten sich Handwerksgesellen auf geselliger und politischer Ebene und pflegten ihre eigene Kultur, in der die Vorstellung, dass sie selber den Produktionsprozess kontrollieren könnten, eine wichtige Rolle spielte. Sie blieben bis zur Grenzschliessung im Ersten Weltkrieg äusserst mobil. Nicht selten bezogen sie mehrere, auch fremdsprachige Länder und gelegentlich sogar andere Kontinente in ihre Wanderschaft ein. Vor allem qualifiziertere Handwerker zeichneten sich deshalb nicht selten durch beachtliche Welterfahrung und Sprachgewandtheit aus.

Eisenbahnbauarbeiter

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte mit den Eisenbahnbauarbeitern eine neue Kategorie von Arbeitern auf, die in den folgenden Jahrzehnten erhebliche Bedeutung erlangte. Während auf kleinen Baustellen vorwiegend Männer aus der Umgebung arbeiteten, mussten Arbeiter für grosse Projekte in wenig bevölkerten Gegenden von weit her geholt werden. Bei der Strecke Sissach-Olten, die den ersten längeren Bahntunnel (Hauenstein) einschliesst, konnten für 1855-1858 über 5500 Auswärtige identifiziert werden, davon fast drei Viertel Ausländer (94% Deutsche). Der Bau der Alpenstrecken gestaltete sich noch weit aufwendiger. Die Arbeit war vor allem im Tunnelbau äusserst hart, gefährlich und endete in zahlreichen Fällen gar tödlich. Die Arbeiter wurden bei entlegenen Baustellen in eigens errichteten Barackensiedlungen untergebracht. Dabei blieben Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung, die Eigentum und Sittlichkeit gefährdet sah, nicht aus, zumal als kulturell schlechter integrierte Italiener die Deutschen ablösten. Nicht selten unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen führten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen (Gotthard-Streik 1875). Seit der Jahrhundertwende brachten der Kraftwerkbau und seit den 1960er Jahren der Nationalstrassenbau ähnliche temporäre Siedlungen von Hunderten von Arbeitern.

Arbeiterinnen und Arbeiter im Dienstleistungssektor

Im Dienstleistungssektor fanden sich im 19. Jahrhundert viele Tätigkeiten, bei denen Arbeitsbedingungen und Entlöhnung denjenigen von Arbeitern entsprachen. Die Beschäftigten galten allerdings oft als Angestellte, so im Handel, bei den Post-, Telefon- und Telegraphenbetrieben und bei den Bahnen wie auch andernorts im öffentlichen Sektor. Es gab aber auch eindeutige Arbeiterberufe, vor allem in den Bereichen Lagerung und Fuhrhalterei, aber auch bei Verkehrsbetrieben und in der öffentlichen Verwaltung. Eine Sonderstellung nahmen die 1870 33'778, 1910 56'216 überwiegend weiblichen Dienstboten im 2. und 3. Sektor ein ― Dienstmädchen, Köchinnen, Kutscher, Gärtner ―, die meist stark in den Haushalt ihrer Herrschaften eingebunden waren. Die Landwirtschaft kannte relativ wenig Gesinde. Während der Erntezeit mussten jedoch Taglöhnerinnen und Taglöhner eingesetzt werden, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts häufig unter den Taunern rekrutieren liessen. 1900 zählte man 114'501 familienfremde Arbeitskräfte, was etwa einem Viertel aller landwirtschaftlichen Erwerbstätigen entsprach. Wegen ihrer starken Bindung an die Bauernfamilie und ihrer vereinzelten Arbeitsplätze unterschied sich ihre Lebensweise stark von derjenigen der gewerblichen und industriellen Arbeiterschaft. Dazu kamen der hohe Naturallohnanteil und die ständige Unterstellung unter die Gewalt des Hausherrn.

Telefonzentrale in Chur, 1943 (Museum für Kommunikation, Bern).
Telefonzentrale in Chur, 1943 (Museum für Kommunikation, Bern).

Soziale Lage und ihre Wahrnehmung im 19. Jahrhundert

Niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten und starke Abhängigkeit vom Betrieb beschränkten die Überwindung einer «proletarischen Lebensführung» auf eine Oberschicht der Arbeiterschaft. Nicht selten blieben Lebensbereiche ausserhalb der Arbeit eine Residualkategorie. Dazu kam vor Einrichtung der Sozialversicherungen die Gewissheit, im Alter, bei Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit nichts mehr zu verdienen. In ihrem Bewusstsein waren viele Arbeiter Opfer der sozialen Verhältnisse, die sie aber zunehmend nicht mehr als gottgegeben akzeptierten. Die Arbeiterbewegung bot ihnen eine kollektive Perspektive, die gleichzeitig individuelle Entfaltung und Integration in die Gesellschaft förderte (Arbeitervereine, Gewerkschaften). Sie schuf in Betrieb und Quartier einen wichtigen sozialen Raum.

Moderne Industrien verlangten von den Arbeitern eine möglichst hohe Produktivität. Dies bedingte andererseits eine angemessene Erholung. Arbeitszeit wurde zunehmend regelmässiger und klarer von der Freizeit abgegrenzt. Mit Massnahmen wie Kosthäusern, Krankenkassen und Pensionskassen, höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten sowie weiteren, sich zunehmend differenzierenden Mitteln der Arbeiterwohlfahrt versuchten Unternehmer, eine Stammarbeiterschaft aufzubauen. In ländlichen Gebieten blieb der landwirtschaftliche Nebenerwerb noch lange bedeutend (Arbeiterbauern).

Die im Bürgertum verbreitete Vorstellung des Ernährerlohns übte zwar auch auf Arbeiter eine gewisse Faszination aus, erlangte aber vorerst keine praktische Bedeutung. Für eine Arbeiterfamilie blieb die Erwerbstätigkeit der Frau bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Regel. Die angespannte finanzielle Lage liess meist wenig Spielraum. Oft lebten ein halbes Dutzend oder mehr Personen in Kleinwohnungen. Vorab die alten feuchten Häuser der Altstädte bildeten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentliche Slums. Eine Privatsphäre im heutigen Sinne kannten Arbeiterfamilien nicht. Viele teilten ihre engen Räume mit Untermieterinnen und Schlafgängern. Lange Arbeitszeiten und starke Fremdbestimmtheit beschränkten vor allem bei der Fabrikarbeiterschaft das Familienleben auf ein Minimum. Zahlreichen moralisierenden Klagen zum Trotz dürfte sich dieses aber bezüglich Zerrüttung nicht wesentlich von demjenigen vergleichbarer ländlicher Unterschichten unterschieden haben. Die Mobilität zwischen und in Industriezentren war beachtlich. In den Betrieben nahm die hohe Fluktuation nach dem Ersten Weltkrieg ab. Eigentlich proletarische Viertel mit riesigen Mietskasernen entstanden nur ansatzweise, da selbst Basel und Zürich zur Zeit der schlimmsten Wohnungsmisere im internationalen Vergleich bescheidene Grossstädte waren.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen die verschiedenen Kategorien von Arbeitern sowohl in der Aussenwahrnehmung als auch im Selbstverständnis zu einer einheitlichen sozialen Schicht zusammen. Dazu trugen mehrere Entwicklungen bei: Durch die industrielle Durchdringung verdichtete sich die Kommunikation in grösseren Betrieben, vor allem aber geografisch und branchenmässig. Dazu kamen Auswirkungen der Sozialgesetzgebung, die sich seit dem eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 und den Debatten um die Sozialversicherung in den 1880er Jahren zunehmend auf eine homogene Arbeiterschaft ausrichtete. Nicht zu unterschätzen gilt es schliesslich die Agitation der Arbeiterbewegung mit ihrem Appell an eine geeinte Arbeiterklasse. Zahlreiche Gewerkschaften schlossen sich im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammen und ersetzten alte Berufsbezeichnungen wie Spengler, Giesser, Küfer, Schuhmacher usw. durch Namen mit Bezug auf die soziale Stellung wie Metall-, Holz-, Textil-, Leder-, Gemeinde- und Staatsarbeiter.

Begriff, Kategorien und Branchenentwicklung im 20. Jahrhundert

Bei der Tabakernte im Wallis, 1942 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne; Fotografie Presse-Diffusion).
Bei der Tabakernte im Wallis, 1942 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne; Fotografie Presse-Diffusion).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich zwar der Begriff Arbeiter zur Zusammenfassung unterschiedlichster Kategorien von unselbstständig Erwerbenden durchgesetzt. Bereits bot aber die Abgrenzung zur wachsenden Angestelltenschaft Schwierigkeiten. Der Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinenindustrieller ermittelte 1923 mit einer Umfrage bei Grossbetrieben, dass diese bei Stundenlohn von Arbeitern, bei Monats- oder Jahresgehalt von Angestellten sprachen. Allgemein kann für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts festgestellt werden, dass ein Angestelltengehalt in der Regel stabiler und höher als ein Arbeiterlohn ausfiel, und dass der Arbeitsplatz der Angestellten ― allerdings nicht in allen Branchen ― sicherer war.

Die unscharfen Ränder des Begriffs Arbeiter stellten die Statistik vor zum Teil unüberwindbare Probleme. Bei den ersten eidgenössischen Volkszählungen gelang nicht einmal eine befriedigende Unterscheidung zwischen selbstständig und unselbstständig Erwerbenden. Erst 1900 wurden Angestellte, Arbeiter und Lehrlinge gesondert klassiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten zunehmend mehr Arbeitnehmerinnen und -nehmer den Angestelltenstatus, sodass die Kategorien an Aussagekraft verloren. Deshalb verzichtete die Volkszählung 1990 wieder auf die getrennte Erhebung von Arbeitern und Angestellten. Andere Statistiken können die Lücke nicht füllen, erfassten doch die Betriebszählungen Arbeiter nur 1905-1965 gesondert. Am besten ist die Fabrikarbeiterschaft durch die seit 1882 durchgeführten Fabrikzählungen und die regelmässigen Kontrollen der Fabrikinspektoren dokumentiert.

Einigermassen homogen sind nur die Angaben zu Industrie und Handwerk. Bei der Urproduktion und den Dienstleistungen ergaben sich vor allem 1941 Verschiebungen, die weniger mit realen Entwicklungen als mit gewandelten Vorstellungen und statistischen Systemwechseln zu tun haben. Im ersten Falle galten mitarbeitende Familienglieder, vor allem Bäuerinnen, nicht mehr als Arbeiter, im zweiten wurden hauswirtschaftlich Tätige, vor allem Dienstbotinnen, zu eigenständigen Arbeitern aufgewertet. Ihren zahlenmässigen Höhepunkt erreichte die Arbeiterschaft in den 1960er Jahren. An der Gesamtheit der Erwerbspersonen fiel ihr Anteil 1900-1980 von 60% auf 41%. Von der zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch bedeutenden Heimarbeiterschaft blieben 1941 ganze 12'154 Personen übrig. Der Frauenanteil schwankt ― mit einem bemerkenswerten, deutlichen Tiefpunkt 1941 ― um die 30%; die Volkszählung unterschätzte die weibliche Erwerbstätigkeit allerdings systematisch. Der Anteil der ausländischen Arbeiterschaft war vor dem Ersten Weltkrieg sehr hoch, sank dann bis 1941 auf ein Minimum, um anschliessend bis 1980 auf ca. 30% zu steigen. Dabei fanden Saisonniers, deren Zahl in den 1960er und frühen 1970er Jahren mehrmals bei ca. 200'000 lag, bei den Volkszählungen keine Berücksichtigung.

Das Plakat zur Abstimmung über die Überfremdungsinitiative vom 7. Juni 1970 rief schweizerische und ausländische Arbeiter zum gemeinsamen Kampf gegen James Schwarzenbach und das Bürgertum auf (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Das Plakat zur Abstimmung über die Überfremdungsinitiative vom 7. Juni 1970 rief schweizerische und ausländische Arbeiter zum gemeinsamen Kampf gegen James Schwarzenbach und das Bürgertum auf (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Die branchenmässige Zusammensetzung der Arbeiterschaft änderte sich stark. Vor allem Metallindustrie, Maschinenbau, chemische Industrie, Handel und Gastgewerbe gewannen an Gewicht, während auf der anderen Seite vorab Textil- und Bekleidungsindustrie verloren. Die Zusammensetzung nach Geschlechtern glich sich in einzelnen Branchen nach dem Zweiten Weltkrieg leicht aus. Es blieben aber solche mit fast ausschliesslich männlicher und solche mit überwiegend weiblicher Arbeiterschaft. Zu Letzterer gehören die stark absteigenden Branchen Textil und Bekleidung sowie das Gastgewerbe, zu Ersterer die aufsteigenden Branchen Metall, Maschinen und Chemie sowie Bau, Holz und Verkehr. In der Uhrenindustrie übertraf in den 1960er Jahren die Zahl der Arbeiterinnen diejenige der Arbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich die Grenze zwischen Arbeitern und Angestellten zumindest für diejenigen mit schweizerischem Bürgerrecht zu verwischen. Sozialrechtliche Unterschiede erlangten in der Schweiz nie die gleiche Bedeutung wie in einigen anderen Ländern, weshalb die Abgrenzung weitgehend nach Konvention erfolgte. In vielen Firmen bildete die Unterstellung unter einen Gesamtarbeitsvertrag lange Zeit das wichtigste Unterscheidungsmerkmal: Dieses verlor aber in den beiden letzten Jahrzehnten an Bedeutung. Lohndifferenzen ebneten sich tendenziell ebenso ein wie die berufliche Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit. Selbst die Gewerkschaften folgten dieser Entwicklung, indem eine nach der anderen ab 1963 den Begriff Arbeiter aus ihrem Namen strich.

Verteilung der Arbeiterschaft nach Sektoren 1900-1980

 19001920194119601980
1. Sektor264 791270 527110 73266 04291 561
davon Frauen55 24570 5743 5132 14545 313
davon Ausländer11 9278 2592 96817 7645 505
2. Sektor466 080518 326565 511821 627672 611
davon Frauen168 429161 854137 477190 180148 346
davon Ausländer96 18881 88439 005181 136256 926
3. Sektor117 599180 760268 022382 325483 657
davon Frauen42 31773 240164 829202 985239 609
davon Ausländer22 47725 46321 84328 380120 400
Total Erwerbstätige1 555 2471 871 7251 992 4872 512 4113 091 694
davon Unselbständige1 129 7871 431 8661 571 5772 146 9102 792 895
Verteilung der Arbeiterschaft nach Sektoren 1900-1980 -  Eidgenössische Volkszählungen

Arbeiterschaft in ausgewählten Branchen 1900-1980

 19001920194119601980
Bau78 47074 409100 617170 145143 471
davon Frauen408284 4868041 389
Holz35 89829 25137 70938 25935 094
davon Frauen467 7671 2531 5622 831
Metall18 17529 33151 945100 18595 676
davon Frauen8771 9983 6658 57311 684
Maschinen32 60874 28685 978146 079131 883
davon Frauen 6965 79710 49320 13128 683
Uhren42 70747 07740 15560 90236 732
davon Frauen15 43019 82318 52230 03420 873
Chemie2 05713 94315 75829 77129 990
davon Frauen2222 7402 8146 7248 553
Textil146 664104 01467 61462 78527 538
davon Frauen99 21172 29043 10439 12715 117
Bekleidung54 86153 21149 58459 78026 309
davon Frauen39 37036 20333 59945 77920 541
Nahrung/Genussmittel32 49944 65948 87957 21250 783
davon Frauen7 80414 17212 04416 27215 734
Handel10 67119 78330 53457 76885 714
davon Frauen1 1311 7084 00712 99422 745
Verkehr41 72058 11840 83170 51375 598
davon Frauen1 4901 5041 1082 2396 781
Gastgewerbe28 49739 84747 25662 18182 458
davon Frauen20 53329 63736 69641 18454 426
Arbeiterschaft in ausgewählten Branchen 1900-1980 -  Eidgenössische Volkszählungen

Ausbildung

Nach Aufhebung der Zünfte war die Berufsbildung lange nicht verbindlich festgelegt. Für gewerbliche Arbeiter bestand die Lehre, deren Abschluss aber nicht gesamtschweizerisch geregelt war. Die Industrie arbeitete anfänglich weitgehend mit Ungelernten. Mit zunehmender Mechanisierung entstand vor allem in der Maschinenindustrie ein Bedarf nach höherer Qualifikation. Dem Beispiel der Lehrwerkstätte der Gebrüder Sulzer in Winterthur von 1870 folgten weitere Firmen. Die neu entstehenden gewerblichen Berufsverbände versuchten ebenfalls, die Berufsbildung zu normieren und zu verbessern. Es gelang ihnen um die Jahrhundertwende, die vor allem nach dem Subventionsgesetz von 1884 sich verbreitenden Gewerbeschulen zu kommunalisieren. In die gleiche Zeit fielen erste kantonale Obligatorien. Damit setzte sich das für Arbeiterberufe typische duale System mit betrieblicher Lehre und obligatorischer öffentlicher Schule durch. Die bundesrechtliche Regelung erfolgte erst 1930 mit dem Berufsbildungsgesetz. Mit der Neufassung von 1978 wurde auch die Anlehre geregelt, womit die faktisch längst bestehende Abstufung von Facharbeitern, Angelernten und Ungelernten festgeschrieben war. Das duale Berufsbildungssystem mit seiner Zersplitterung der vom Biga (seit 1998 vom BBT) anerkannten Berufe gerät allerdings angesichts der neuen Technologien und der damit verbundenen Qualifikationsanforderungen zunehmend ins Abseits.

Soziale Lage und ihre Wahrnehmung im 20. Jahrhundert

Plakat von Dora Hauth zur eidgenössischen Abstimmung von 1924 über die Revision des Fabrikgesetzes, die eine Erhöhung der Arbeitszeit von 48 auf 54 Wochenstunden vorsah (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat von Dora Hauth zur eidgenössischen Abstimmung von 1924 über die Revision des Fabrikgesetzes, die eine Erhöhung der Arbeitszeit von 48 auf 54 Wochenstunden vorsah (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war für erste, privilegierte Kategorien wie Typographen mehr als nur die Sicherung des Lebens möglich. Die Verkürzung der Arbeitszeit, vor allem die 48-Stunden-Woche unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, erweiterte den Raum für das Privatleben. Steigende Einkommen vergrösserten den Gestaltungsspielraum. Brauchte eine Arbeiterfamilie Ende des 19. Jahrhunderts noch über vier Fünftel des Einkommens für bescheidene Nahrung, Wohnung und Kleidung, so waren es zur Zeit des Zweiten Weltkriegs weniger als zwei Drittel und 1970 trotz gestiegener Ansprüche weniger als die Hälfte. Der Durchbruch des Ernährerlohns zeitigte Folgen für die Arbeiterfamilie, indem ein wachsender Anteil das bürgerliche Ideal der nicht erwerbstätigen Hausfrau in die Praxis umsetzen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg liess die anhaltende Vollbeschäftigung vorübergehend auch die für Unterschichten jahrhundertealte Erfahrung der prekären Einkommenslage in Vergessenheit geraten. Dauerhafte Konsumgüter wie Radio, Kühlschrank, Staubsauger, Telefon, elektrische Nähmaschine, Fernseher und Auto hielten Einzug, wobei aber die Verbreitung nicht zu früh angesetzt werden darf. So gab es 1960 kaum Fernsehkonzessionen, und Autos besass die überwiegende Mehrheit der Arbeiterfamilien keine.

Die alte Gestalt der Proletarität wurde überwunden durch den Ausbau der sozialen Sicherheit. Die vier Hauptrisiken zur Verarmung ― Unfall, Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit ― verloren an Bedeutung, nachdem mit der obligatorischen Unfallversicherung 1918, der starken Verbreitung von Krankenkassen, der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) 1948 und der obligatorischen Arbeitslosenversicherung (ALV) 1976 wirksame Auffangnetze geknüpft waren. Die Arbeitsverhältnisse stabilisierten sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem durch längere Kündigungsfristen.

Diese Entwicklungen senkten die Bedeutung der Klassenzugehörigkeit. Der Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung und die kollektive Perspektive verloren ihre Faszination. Soziale Deutung und individuelle Lebensbewältigung fielen auseinander. Es blieben entweder Resignation oder Hoffnung auf Fortschritt im gegebenen System.

Quellen und Literatur

Mittelalter und frühe Neuzeit
  • U. Dirlmeier, Unters. zu Einkommensverhältnissen und Lebenskosten in oberdt. Städten des SpätMA, 1978
  • K. Schulz, Handwerksgesellen und Lohnarbeiter, 1985
  • T. Meier, Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit, 1986
  • L. Mottu-Weber, Economie et Refuge à Genève au siècle de la Réforme, 1987
  • H. Wunder, «Überlegungen zum Wandel der Geschlechterbeziehungen im 15. und 16. Jh. aus sozialgesch. Sicht», in Wandel der Geschlechterbeziehungen zu Beginn der Neuzeit, hg. von H. Wunder, C. Vanja, 1991, 12-26
  • U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
  • Handwerksgesch., 1993
  • C. Simon, «Labour Relations at Manufactures in the Eighteenth Century», in Internat. Review of Social History 39, Suppl., 1994, 115-144
19.-20. Jahrhundert
  • R. Braun, Sozialer und kultureller Wandel in einem ländl. Industriegebiet (Zürcher Oberland) unter Einwirkung des Maschinen- und Fabrikwesens im 19. und 20. Jh., 1965
  • Schweiz. Arbeiterbewegung, 1975
  • R. Vetterli, Industriearbeit, Arbeiterbewusstsein und gewerkschaftl. Organisation, 1978
  • Gruner, Arbeiter
  • Arbeitsalltag und Betriebsleben, 1981
  • H. Frey, E. Glättli, Schaufeln, sprengen, karren, 1987
  • Gruner, Arbeiterschaft
  • Y. Pesenti, Beruf: Arbeiterin, 1988
  • L. Bordoni, La donna operaia all'inizio del Novecento, 1993
  • Sozialgesch. und Arbeiterbewegung, hg. von B. Studer, F. Vallotton, 1997
  • Vom Wert der Arbeit, hg. von V. Boillat et al., 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Rippmann, Dorothee; Degen, Bernard: "Arbeiter", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.05.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016386/2010-05-06/, konsultiert am 09.05.2021.