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Trachten

Unter Trachten wird allgemein die regionalspezifische, der permanenten Veränderung bewusst entzogene, festliche Kleidung der ländlichen Bevölkerung verstanden. Trachten entstanden im 18. Jahrhundert als Ausdruck des gestiegenen ländlichen Regional- und Standesbewusstseins. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden sie zugunsten städtischer Kleidung mehrheitlich wieder aufgegeben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Tracht zum Zeichen der heimatlichen Gesinnung, dem sogenannten «Kleid der Heimat». Daneben existieren bis in die Gegenwart zeitweise auch Berufs-, Arbeits-, Standes- und Nationaltrachten.

Fricktaler Trachten. Stich aus der Collection de costumes suisses des XXII cantons, peints par Joseph Reinhart et publiés chez Peter Birmann à Basle, 1819 (Bibliothèque de Genève).
Fricktaler Trachten. Stich aus der Collection de costumes suisses des XXII cantons, peints par Joseph Reinhart et publiés chez Peter Birmann à Basle, 1819 (Bibliothèque de Genève).

In der zeitgenössischen Grafik fand im 19. Jahrhundert eine formale Reduktion und Emblematisierung statt, die mit den politischen Umwälzungen zwischen 1798 und 1815 und der Verwertbarkeit dieser Darstellungen für Reiseandenken zusammenhing. Jedem Kanton wurde ein Trachtenpaar zugewiesen. Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten 22 Paare in Trachtenkostümen als Umzugssujets an der Fasnacht, an Festen und Jubiläen auf (Bräuche). Mit Trachten bekleidete Menschen bevölkerten 1896 das Village suisse an der Landesausstellung in Genf. Im gleichen Jahr veranstaltete der Lesezirkel Hottingen in Zürich das erste Trachtenfest. Das Interesse hatte sich wieder den historischen Originalen – als patriotische Antiquitäten – zugewandt. Zur Eröffnung des Schweizerischen Landesmuseums wurde 1898 nach den alten Vorbildern ein Trachtenumzug organisiert. Die Objekte gingen in die Sammlung des Museums über. Dass Trachten überhaupt als historische Zeugnisse ernst genommen wurden, war das Verdienst der Forscherin Julie Heierli, die die Trachtensammlung des Landesmuseums mitbegründete.

1906 konstituierte sich der Schweizerische Heimatschutz mit verschiedenen kantonalen Sektionen. Zögerlich kam in ihnen auch die Frage der Pflege und Erneuerung der Trachten auf, am nachhaltigsten im Kanton Bern im Zusammenhang mit der Landesausstellung von 1914. Patriotische Aktivitäten, in deren Mittelpunkt die Trachten standen, vereinigten in den Kriegsjahren auch Frauen in den Kantonen Waadt und Neuenburg. Weitere Modelle von neuen Trachten, in mehr oder weniger freier Interpretation historischer Materialien, entstanden ab den 1920er Jahren. Anlässlich des Trachtenfestes an der Eidgenössischen Landwirtschaftsausstellung (Eidgenössische Feste) in Bern 1925 trat die Erneuerungsbewegung in einem festlichen Umzug an die Öffentlichkeit. 1926 erhielt sie als Schweizerische Trachtenvereinigung (STV) einen eigenen, vom Heimatschutz unabhängigen Status. Ihr Ziel bestand primär darin, die zeitlose, schlichte und sozial harmonisierende (Frauen-)Tracht bei der ländlichen Bevölkerung einzuführen. Die Verbindung zum Schweizerischen Bauernverband war durch die führende Gestalt der jungen Bewegung, Ernst Laur, gegeben. Mithilfe des Landfrauenverbands konnte die STV die Bäuerinnenschulen erreichen. Die Gründung des Schweizerischen Heimatwerks kam der Trachtenbewegung zugute, da dieses den Verkauf einheimischer Textilien förderte. Ihre ganze Wirkung konnte die Bewegung im Rahmen der Schweizerischen Landesausstellung von 1939 in Zürich entfalten. Die Mitgliederzahl stieg kontinuierlich; sie sank erst ab Ende der 1950er Jahre (2012 18'748 Mitglieder in 700 Gruppen). Der Generationenwechsel erwies sich als schwierig. Ab den 1970er Jahren wirkte sich die Regionalisierungsbewegung belebend auf die Trachtenvereinigung aus. Das Bedürfnis nach lokalen und regionalen Differenzierungen nahm zu. Grosser Wert wurde auf die historische Legitimierung der Trachten gelegt. Im Hinblick auf die Aktivitäten der Trachtengruppen wie Singen (Volkslied), Tanzen und Reisen und mit dem Anreiz zur Handarbeit (Volkskunst) wurde dem Trachtenleben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Freizeitgestaltung zuerkannt. Diese Aufwertung führte dazu, dass auch Männer vermehrt Trachten trugen.

Die Herstellung und das Tragen von Trachten unterliegen kantonal verschiedenen Regelungen. Als allgemeiner Grundsatz gilt, die Trachten nicht auszuleihen, nur jene des Heimat- oder Wohnorts zu tragen und sie (bei repräsentativen Anlässen) nicht mit anderen Kleidungsstücken zu kombinieren. Die Zahl der nichtorganisierten Trägerinnen und Träger von Trachten ist regional unterschiedlich. Auch in der ästhetisch nahe liegenden, patriotisch begründbaren Verfügbarkeit der Trachten für Tourismus, Werbung und Medien tritt ihre offizielle Anerkennung zutage. Allerdings stösst diese aufgrund des geringen Professionalisierungsgrads der Trachtenbewegung auch an Grenzen. Ein Zentrum für Volkskultur in Burgdorf konnte sich langfristig nicht etablieren, dafür ist die Trachtenbewegung im Freilichtmuseum Ballenberg präsent. Geschäftssitz der Vereinigung ist Bubikon.

Quellen und Literatur

  • J. Heierli, Die Volkstrachten der Schweiz, 5 Bde., 1922-32
  • Heimatleben 24, 1951
  • L. Witzig, Schweizer Trachtenbuch, 1954
  • L. Schürch, L. Witzig, Trachten der Schweiz, 1978 (Neuaufl. 1984)
  • C. Burckhardt-Seebass, «Trachten als Embleme», in Zs.f. Volkskunde 77, 1981, 209-226
  • S. Bolla, O. Lurati, L'immagine della tradizione, 1990
  • T. Antonietti, Mode, Macht und Tracht, 2003
Weblinks

Zitiervorschlag

Christine Burckhardt-Seebass: "Trachten", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 01.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016426/2012-11-01/, konsultiert am 01.02.2023.