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Schweizerischer Bauernverband (SBV)

Die europäische Agrarkrise der 1880er Jahre beeinträchtigte die Rentabilität der Landwirtschaft und liess wie in den Nachbarstaaten die Forderung nach einer Schutzzollpolitik (Agrarverschuldung) laut werden. Zu den wirtschaftlichen Problemen kam eine soziale Statuskrise. Die Bauern fühlten sich in der expandierenden Industriegesellschaft zunehmend an den Rand gedrängt und durch die anstehende Zolltarifrevision herausgefordert. Die populistischen Bauernbünde waren gescheitert. 1893 stellte der kurzlebige schweizerische Bauernbund die Forderung nach einem Bauernsekretariat nach dem Vorbild des Arbeitersekretariats. Die nachfolgende Diskussion bot 1897 den Anlass zur Gründung des SBV durch die agrarische Elite, wobei bäuerlich-freisinnige Nationalräte und Agrarpolitiker wie der katholisch-konservative Nationalrat Caspar Decurtins führend waren. Indem der Bund den etablierteren Initianten des SBV entgegenkam und sie gleichzeitig auf eine regional ausgewogene Dachverbandsstruktur verpflichtete, trug er viel zum Erfolg des nach dem Schweizerischen Handels- und Industrieverein (SHIV), dem Schweizerischen Gewerbeverband und dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund zuletzt gegründeten Spitzenverbands der Wirtschaft bei (Verbände).

Strukturelle Entwicklung

Der SBV war von Anfang an ein Dachverband selbstständiger Sektionen, in erster Linie von landwirtschaftlichen Vereinen und von Verbänden landwirtschaftlicher Genossenschaften. Im Laufe des 20. Jahrhunderts etablierten sich kantonale Bauernverbände, zahlreiche Fachverbände – 2006 waren es 60 – kamen hinzu. Mitgliederzahlen geben angesichts der komplizierten Organisationsstruktur ein unzutreffendes Bild. So gab es zum Beispiel 1930 bei rund 200'000 selbstständigen Bauern 670'000 Mitglieder von rund 12'000 örtlichen Vereinigungen, die sich mit Fachbildung, Bezug und Absatz, Kredit, Versicherung oder Politik befassten. Dass einzelne Organisationen verschiedene Aufgaben wahrnahmen und daher mehreren Verbänden angehörten, macht die Mitgliederstruktur des Dachverbands undurchschaubar. Die kumulierte Zahl der Mitglieder der SBV-Sektionen stieg von 74'000 im Gründungsjahr auf rund 250'000 am Ende des Ersten Weltkriegs. 1938 zählte der SBV bereits 430'000, in den 1960er Jahren 600'000 Mitglieder, obwohl die Zahl der Betriebe und der Beschäftigten in der Nachkriegszeit stark rückläufig war. Der tatsächliche Organisationsgrad der Bauern dürfte bei der Gründung rund 30%, nach dem Ersten Weltkrieg um 60% betragen haben. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der SBV eine Organisation der selbstständigen Landwirte. Die unselbstständigen Arbeitskräfte, die Pächter und die Bäuerinnen (Schweizerischer Landfrauenverband) organisierten sich später bzw. schlossen sich dem Verband erst ab den 1940er Jahren an. Regional wiesen von Anfang an die Bauern des Mittellands (v.a. Bern, Waadt, Zürich) den höchsten Organisationsgrad auf. Als deutlich schwächer erwies sich die Vertretung der Bergbauern im SBV.

Angesichts der kleinbäuerlichen Besitzstruktur in der Schweiz war der SBV – anders als vergleichbare Interessenverbände in anderen Ländern – keine Organisation der Grossbauern. Die wichtigsten Gremien des Verbands bildeten der Leitende Ausschuss und der Grosse Vorstand, seit 1996 der Vorstand (18-21 Mitglieder) und die Landwirtschaftskammer (100 Mitglieder). In diesen Gremien sassen vorwiegend Bauern mit mittleren und grösseren Betrieben, daneben ländliche Honoratioren, Verbandsfunktionäre und Agrarpolitiker. In den leitenden Gremien gab es immer zahlreiche nationale Parlamentarier, anfangs vorwiegend aus dem Freisinn bzw. der FDP, später aus allen bürgerlichen Parteien. Eine dominierende Rolle spielte in den ersten Jahrzehnten Ernst Laur, der 1898-1939 die Geschäfte des Verbands führte und gleichzeitig das vom Bund subventionierte schweizerische Bauernsekretariat als sogenannte wissenschaftliche Zentralstelle leitete. Das Bauernsekretariat erhielt vor allem wegen seiner Rentabilitätserhebungen auf der Basis bäuerlicher Buchhaltungen internationales Renommee. Laur galt aufgrund seiner Machtfülle als «achter Bundesrat», was keinem seiner Nachfolger nachgesagt wurde.

Präsidenten und Direktoren des SBV

PräsidentAmtsdatenSekretär bzw. DirektorAmtsdaten
Johann Jenny1897-1930Ernst Laur1898-1939
Franz Moser1930-1935Oskar Howald1939-1949
Ferdinand Porchet1935-1949aErnst Jaggi1949-1958
Rudolf Reichling1949-1961René Juri1958-1987
Joachim Weber1961-1974Melchior Ehrler1987-2002
Peter Gerber1974-1988Jacques Bourgeois2002-2020
Jean Savary1988-1992Martin Rufer2020-
Marcel Sandoz1992-2000  
Hansjörg Walter2000-2012  
Markus Ritter2012-  

a bis 1937 interimistisch

Präsidenten und Direktoren des SBV -  Schweizerischer Bauernverband

Tätigkeiten des SBV

Der SBV wurde in erster Linie als wirtschaftspolitische Interessenorganisation (Agrarpolitik) gegründet. Er äusserte sich aber auch zu anderen politischen Fragen und baute schon früh auch Dienstleistungen für seine Mitglieder auf, etwa das landwirtschaftliche Bauamt. Mit der «Schweizerischen Bauernzeitung» verfügte er über ein wirksames Publikationsorgan. Im Zentrum seiner Aktivitäten stand die agrarpolitische Gesetzgebung. In den ersten Jahrzehnten ging es vor allem um die Zollpolitik, um den Schutz des Agrarsektors vor ausländischer Konkurrenz, später traten andere Mittel der Preispolitik wie Subventionen und Marktordnungen in den Vordergrund. Dabei setzte der SBV alle Mittel des Lobbying ein: Im vorparlamentarischen Verfahren konnte er seine Sachkenntnis ausspielen; in den ersten Jahrzehnten beschäftigte der SBV mehr Personal als die für die Landwirtschaft zuständige Abteilung der Bundesverwaltung. Im Parlament sassen zahlreiche Verbandsmitglieder, der Landwirtschaftliche Club der Bundesversammlung bot einen grossen Resonanzboden. Schliesslich konnte der SBV ein beträchtliches Stimmenpotenzial mobilisieren, wie etwa in der Volksabstimmung über den Zolltarif 1903, der einen gemässigten Zollschutz etablierte, oder beim Landwirtschaftsgesetz 1952, das eine stark interventionistische Agrarpolitik festschrieb. Dabei war – vor allem bezüglich der wichtigen Fragen – die grundsätzliche Übereinkunft mit den industriellen Kreisen entscheidend, vorab mit dem SHIV. Hier konnte der SBV im politischen Gegengeschäft sein plebiszitäres Gewicht in die Waagschale werfen. In der Zwischenkriegszeit spielte bei dieser Zusammenarbeit auch die Furcht bürgerlicher Kreise vor einer Allianz von Arbeiterschaft und Bauernsame eine Rolle. Voraussetzung für die «Vernunftehe» von Industrie und Landwirtschaft war die Tatsache, dass der SBV nie den Industriestaat in Frage stellte, sondern trotz aller Rhetorik von der «Erhaltung des Bauernstandes» eine Modernisierung der Betriebe durch Technik und Buchhaltung und damit den Strukturwandel und die kontinuierliche Schrumpfung des Agrarsektors akzeptierte.

Eine wichtige Rolle spielten auch die beiden Weltkriege, in denen die Behörden für die wirtschaftliche Landesversorgung mit Lebensmitteln auf die enge Zusammenarbeit mit den Verbänden angewiesen waren und ihnen parastaatliche Funktionen zuwiesen. Der starke Rückgang der bäuerlichen Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg schmälerte das wirtschaftliche und politische Gewicht des SBV; die Leitlinien der Agrarpolitik wurden zunehmend von den Bundesbehörden formuliert. Der immer noch beträchtliche Einfluss des SBV beschränkte sich zunehmend auf die Ausgestaltung dieser Politik.

Politische und gesellschaftliche Bedeutung

In der schweizerischen Politik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte der SBV nicht nur als wirtschaftspolitische Pressure-Group eine wichtige Rolle, sondern auch als politisches Sprachrohr und Sammelbecken einer grossen sozialen Gruppe, die ansonsten wirtschaftlich (Berg- und Talbauern), konfessionell und parteipolitisch zersplittert war. Er integrierte nicht zuletzt mittels einer teilweise agrarromantischen Bauerntumsideologie die heterogene Bauernschaft zum einflussreichen «Bauernstand». Die Nähe zu den bürgerlichen Parteien und die enge Zusammenarbeit mit den Bundesbehörden riefen jedoch immer wieder bäuerliche Oppositionsbewegungen hervor, die dem SBV Unterwerfung unter die industriekapitalistischen Interessen vorwarfen, so in den 1930er Jahren die Bauernheimatbewegung in ländlich-protestantischen Gebieten und in der Nachkriegszeit Uniterre in der französischen Schweiz. Ende der 1970er Jahre sahen manche kleine und mittlere Bauern ihre Interessen im SBV nicht mehr ausreichend vertreten, worauf sie 1980 die Schweizerische Vereinigung zum Schutz der kleinen und mittleren Bauern gründeten.

In der politikwissenschaftlichen und ökonomischen Literatur, welche Entscheidungsprozesse und Verteilungseffekte untersucht, wird die Macht des SBV in der schweizerischen Politik hervorgehoben. Die historische Literatur weist in jüngster Zeit darauf hin, dass das Ergebnis der Agrarpolitik diese Macht doch sehr relativiert: Im 20. Jahrhundert wurde die Landwirtschaft in die industrielle Wachstumswirtschaft integriert, die Bauern wurden zu einer Randgruppe. Im Zuge der Globalisierung und einer von Teilen der Schweizer Wirtschaft angestrebten Öffnung des Schweizer Marktes begann die Allianz des SBV mit dem SHIV zunehmend zu bröckeln.

Quellen und Literatur

  • O. Howald, 50 Jahre Schweiz. Bauernverband, 1897-1947, 1947
  • E. Laur, Der Schweizer Bauer, seine Heimat und sein Werk, 1947
  • C. Quartier, Paysans aujourd'hui en Suisse, 1978, 209-214
  • P. Halbherr, A. Müdespacher, Organisierte Interessen und Verteilungseffekte in der schweiz. Agrarpolitik, 1984
  • H. Brugger, Landwirtschaftl. Vereinigungen der Schweiz 1910 bis 1980, 1989
  • W. Baumann, Bauernstand und Bürgerblock, 1993
  • W. Baumann, P. Moser, Bauern im Industriestaat, 1999
Weblinks

Zitiervorschlag

Werner Baumann: "Schweizerischer Bauernverband (SBV)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.03.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016463/2015-03-18/, konsultiert am 19.05.2022.