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Jugendbewegungen

Als wissenschaftlicher Begriff bezeichnen Jugendbewegungen soziale Bewegungen, deren Anhängerschaft hauptsächlich aus Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen besteht. Der für die Entstehung von Jugendbewegungen wichtige Generationszusammenhang ist durch die kollektive Erfahrung von bestimmten gesellschaftspolitischen Entwicklungen gegeben. Wie andere soziale Bewegungen haben Jugendbewegungen einen eher niedrigen Organisationsgrad und sind durch eine grosse Bandbreite an Aktionsmitteln charakterisiert, wobei nicht-institutionelle und direkte Aktivitäten überwiegen. Da das Lebensalter im Fall der Jugendbewegungen eine zentrale Kategorie und die Jugend eine Übergangsphase darstellt, sind die einzelnen Jugendbewegungen in der Regel von relativ kurzer Dauer.

Während Burschenschaften, Studentenverbindungen, Turnerbewegungen, Gesellen- und Kadettenvereine des 19. Jahrhunderts als Vorläufer der modernen Jugendbewegungen gelten, kam der Begriff der Jugendbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert auf, als sich allmählich ein neues Verständnis von Jugend als eigenständige Lebensphase und soziales Subsystem durchsetzte. Nach ihrem Selbstverständnis gehen Jugendbewegungen von der Jugend selbst aus und sollen auch von ihr geführt werden. Sie grenzen sich häufig bewusst gegen die als dominant empfundene Erwachsenenkultur ab und widersetzen sich gesellschaftlichen Konventionen. Ihren Generationszusammenhalt stellen Jugendbewegungen her, indem sie Moden, Trends und Lebensstile als verbindende soziokulturelle Codes benutzen.

Unterschiede und Abgrenzungen

Unterschiede zwischen den einzelnen Jugendbewegungen bestehen hinsichtlich der sozialen Herkunft der Anhängerschaft. Während unter den Anhängern der Burschenschaften des 19. Jahrhunderts, den Studentenverbindungen und der Studentenbewegung von 1968 eine bildungsbürgerliche Sozialisation dominierte, kamen die Mitglieder sozialistischer Jugendbewegungen vorwiegend aus der Arbeiterschicht. Die meisten Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts wurden durch Erwachsene (v.a. Männer) organisiert und geführt, so die Pfadfinder, Wandervogelbewegungen oder religiösen Jugendbewegungen Nach dem Zweiten Weltkrieg waren vermehrt Jugendliche bzw. junge Erwachsene treibende Kräfte der Bewegungen, etwa in der Halbstarkenbewegung, der Studentenbewegung und später in der autonomen Bewegung.

Als offen strukturierte Zusammenschlüsse sind Jugendbewegungen auf organisatorischer Ebene gegen Jugendverbände, Jugendvereine und Studentenverbindungen abzugrenzen, die zwar zuweilen als Teil von Jugendbewegungen agieren, jedoch viel stärker institutionalisiert sind. Unterschiede bestehen auch zu Nachwuchsorganisationen wie den Jungparteien, die meist als Sozialisationsagenturen für bereits bestehende Gruppierungen dienen.

Im Bezug auf die Ziele geht es gewissen Jugendbewegungen primär um die Stärkung des Körperbewusstseins, was durch physische Ertüchtigung bis hin zu Körperkult und Hochhaltung von Disziplin erreicht werden soll (Turnbewegung, Pfadfinder). Für Jugendbewegungen mit lebensreformerischen Zielen sind Naturverbundenheit und sozialromantische Lebensideale kennzeichnend, die in abstinenten und gesundheitsbewussten Lebensweisen (Wandervogel) oder gegenkultureller Symbolik zum Ausdruck kommen (Hippies, Alternative). Für Jugendbewegungen mit (sub)kulturellen Anliegen sind bestimmte Codes und Stile charakteristisch, wobei sich Ästhetik und Symbolik bisweilen mit gesellschaftlichen Gegenentwürfen und politischen Einstellungen verbinden (Punks, Autonome, Skinheads).

Die Anfänge der Jugendbewegungen

Die erste Phase der modernen Jugendbewegungen in der Schweiz erstreckt sich über das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Wie in anderen europäischen Ländern löste um die Jahrhundertwende der gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch eine Identitätskrise des Bildungsbürgertums aus. Dies führte unter anderem dazu, dass Jugend und Jugendlichkeit in Form eines neuen Körperbewusstseins und Gemeinschaftssinns stark an Bedeutung gewannen. Zugleich erwiesen sich das Zelebrieren männlicher Kameradschaft und das Hochhalten von Werten wie Treue und Gehorsam nicht selten als anschlussfähig an die Vorstellungen der autoritären Rechten.

Titelseite der Monatszeitschrift der Sozialistischen Jugend der Schweiz, Juli 1933 (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich).
Titelseite der Monatszeitschrift der Sozialistischen Jugend der Schweiz, Juli 1933 (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich). […]

Während die in den 1910er Jahren entstehende schweizerische Pfadfinderbewegung zunächst paramilitärische Züge aufwies, wurden Kameradschaftsgeist und Verantwortungsbewusstsein als erzieherische Ziele zunehmend wichtig. Jugendbewegungen mit lebensreformerischen Ambitionen (Lebensreformbewegung) ging es um ein neues Verhältnis von Jugend, Körper und Natur. Wie in Deutschland gilt der Schweizerische Wandervogel, 1907 als Teil der Abstinenzbewegung gegründet, als erste Jugendbewegung im engeren Sinn. Mittels eines schwärmerischen Wander- und Naturkults propagierte sie Jugendvitalität und ein neues Gesundheitsbewusstsein. Andererseits gelang es der sozialistischen Jugendbewegung im Zuge der aufstrebenden Arbeiterbewegung, verschiedene linke Kräfte der Jugend zu sammeln, wobei sie auch feste organisatorische Strukturen aufbaute (z.B. ab 1900 die Jungburschenvereine). Auf der Gegenseite entwickelte die katholische Jugendbewegung ebenfalls vielfältige Organisationsformen (z.B. ab 1932 Jungwacht, ab 1933 Blauring).

Protest und Ernüchterung

In der zweiten Phase von den 1950er bis in die 1980er Jahre waren die Jugendbewegungen in der Schweiz durch das Aufkommen von ersten Protestbewegungen und Subkulturen geprägt. Teile der Jugend begannen mit antikonformistischen Haltungen auf die Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft hinzuweisen. Als Folge des steigenden Misstrauens gegenüber Autoritäten und der Erwachsenenwelt formierten sich vermehrt Jugendbewegungen im engeren Sinn, die sich als selbstbestimmte, von Institutionen unabhängige Bewegungen sahen.

Zu Beginn der 1960er Jahre erregte zunächst die Halbstarkenbewegung mit ihrer Kleidung und kleineren Krawallen Aufmerksamkeit. Sie leitete aber aus ihrem nonkonformen Auftreten noch keine weitergehenden Forderungen ab. Wie in anderen westlichen Ländern artikulierte dann die Studentenbewegung von 1968 grundsätzliche Kritik an Staat, Gesellschaft und Politik, und ihre Proteste mündeten in mehreren Städten in Jugendunruhen. Zur gleichen Zeit entwarfen Hippies alternative Lebensweisen, die in lebensreformerischer Natur- und Gemeinschaftsromantik und im freien Umgang mit Drogen und Sexualität zum Ausdruck kamen. Später rekrutierten die neuen sozialen Bewegungen wie die Ökologische Bewegung, die Frauenbewegung und die Solidaritätsbewegung Teile ihrer Anhängerschaft aus der 68er-Generation.

Nach der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre machte sich bei einem Teil der Jugend der 1970er Jahre Ernüchterung breit, die in der Punkbewegung in eine subversiv-anarchistische Haltung mündete. Als es 1980-1981 in der Schweiz zu erneuten Jugendunruhen kam und sich die Forderungen nach kulturellen Freiräumen mit einer radikal-dissidenten Haltung verbanden, reagierten die staatlichen Behörden mit massiver Repression auf die sogenannte 80er-Bewegung.

Diversifizierung in Subkulturen

Das 1993 besetzte Wohlgroth-Areal in Zürich. Postkarte (Privatsammlung) © Ledermann/Schernthauer.
Das 1993 besetzte Wohlgroth-Areal in Zürich. Postkarte (Privatsammlung) © Ledermann/Schernthauer. […]

Die dritte Phase seit den 1990er Jahren ist durch Diversifizierung der Jugendbewegungen gekennzeichnet, zum Teil begleitet von einer Entpolitisierung und Kommerzialisierung der Jugendkulturen. Mit der Ausdifferenzierung von Lebensstilen entstand eine Vielfalt an jugendlichen Subkulturen und Szenen, die sich durch kulturelle Codes mit Hilfe von Kleidung und Musik (z.B. Techno, Hip Hop) oder Trendsportarten (z.B. Skater, Snowboarder) voneinander unterschieden. Mit der breiten, aber stark diversifizierten Techno-Bewegung erlebte zudem ein konsumorientiertes Konzept von «Jugend» seinen Höhepunkt, das bereits in den 1960er Jahren im angelsächsischen Raum von der Kultur- und Werbeindustrie als sozioökonomisches Modell zu kommerziellen Zwecken entworfen worden war.

Andererseits stellte die autonome Bewegung weiterhin ihre Mobilisierungskraft unter Beweis, wie zum Beispiel die Auseinandersetzungen um das Wohlgroth-Areal in Zürich oder das Kulturzentrum Il Molino in Lugano belegen. Sie spielte auch bei antirassistischen Demonstrationen (z.B. Antifa) und der aufkommenden Anti-Globalisierungsbewegung (z.B. Attac) eine einflussreiche Rolle. Als Teil der heterogenen Skinheadbewegung, die ihren Ursprung in der Arbeiterjugend Grossbritanniens Ende der 1960er Jahre hatte, wurden ferner rechtsextreme Skinheads in den 1990er Jahren zunehmend als neue Jugendbewegungen von rechts wahrgenommen.

Quellen und Literatur

  • J. Jung, Kath. Jugendbewegung in der dt. Schweiz, 1988
  • J.R. Gillis, Gesch. der Jugend, 1994 (engl. 1974)
  • A walk on the wild side, Ausstellungskat. Lenzburg, 1997
  • H. Willems, Jugendunruhen und Protestbewegungen, 1997
  • P. Anz, P. Walder, Techno, 1999
  • W. Ferchhoff, Jugend an der Wende vom 20. Jh. zum 21. Jh., 1999
  • A. Petersen, Radikale Jugend, 2001
  • D. Skenderovic, «Art goes Pop!», in Fri-Art, 2001, 10-55
  • Hot Love: Swiss Punk & Wave, 1976-1980, hg. von L. Grand, 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Damir Skenderovic: "Jugendbewegungen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.11.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016510/2013-11-18/, konsultiert am 14.08.2022.