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Arbeitskonflikte

Arbeitskonflikte im 19.-21. Jahrhundert sind individuelle oder kollektive Konflikte zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Interessen auf Betriebs-, Branchen-, regionaler oder nationaler Ebene (zu vergleichbaren Konfliktformen vor 1800 siehe Artikel soziale Konflikte). Neben Lohn und Arbeitszeit zählen die Gestaltung innerbetrieblicher Freiräume, Differenzen mit Vorgesetzten und die Anerkennung von Gewerkschaften als Verhandlungs- oder gar Vertragspartner zu den Hauptursachen. Bei der Verfolgung eigener Ziele wird eine Schädigung der Gegenpartei nicht ausgeschlossen.

Individuelle Arbeitskonflikte treten vor allem dann auf, wenn Arbeitskräfte ihre Anliegen aus mannigfachen Gründen nicht kollektiv durchsetzen können oder wollen. Ihre Unzufriedenheit äussert sich in Absentismus, "innerer Kündigung", Fluktuation oder gar Sabotage. Bedeutung besass diese Form in der frühen Phase der Industrialisierung. Welche Rolle sie in den Jahren um 1970 spielte, als die schweizerische Unternehmerpresse breit über die Problematik berichtete, lässt sich beim heutigen Forschungsstand nicht abschätzen.

"Wir streiken". Die Arbeiter des Industriemaschinenherstellers Matisa in Crissier und Genf traten im März 1983 in Streik (Interfoto, Genf).
"Wir streiken". Die Arbeiter des Industriemaschinenherstellers Matisa in Crissier und Genf traten im März 1983 in Streik (Interfoto, Genf).

Bekannter sind die kollektiven Formen des Arbeitskonflikts, bei denen sich Konflikte geringer Intensität und eigentlicher Arbeitskämpfe unterscheiden lassen. Erstere wurden von Gewerkschaften Bewegungen genannt. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) veröffentlichte 1911-1946 jährlich eine allerdings wackelige Statistik, in der er die Zahl der ihm gemeldeten Bewegungen sowie der organisierten und unorganisierten Beteiligten auswies. Sie zeigt deutliche Spitzen um das Ende des Ersten Weltkriegs (1919 440'000 Beteiligte), Mitte der 1920er Jahre (1924 233'000) sowie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (1944 520'000). Noch in das Vorfeld der eigentlichen Bewegungen gehören Berufswarnungen, zum Beispiel vor schlechten Arbeitsbedingungen in zahlreichen Bäckereien um 1900, in der Absicht, Jugendliche von Lehren in den angeprangerten Berufen abzuhalten. Verbindlicher war die sogenannte Sperre: Gewerkschaftszeitungen veröffentlichten bis weit in die Zwischenkriegszeit hinein regelmässig die Namen von Firmen, die organisierte Arbeiter vorübergehend meiden sollten, um dort im Arbeitskonflikte stehende Kollegen nicht zu konkurrenzieren. Betriebsinhaber antworteten oft mit öffentlichen oder vertraulichen sogenannten schwarzen Listen. Kundgebungen oder Demonstrationen manifestierten gegenüber Betrieb und Öffentlichkeit Entschlossenheit und förderten die Solidarität unter den Beteiligten. So dienten zum Beispiel Umzüge von Bauarbeitern vorbei an Baustellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Mobilisierung noch arbeitender Kollegen. Nicht streikfähige oder streikwillige Gewerkschaften setzten Demonstrationen vor allem in den 1980er und 1890er Jahren als letztes Mittel ein, zum Beispiel in der Basler Chemie 1983 und 1996. Passiver Widerstand stand verschiedentlich zur Diskussion, zum Beispiel 1919 bei den Typografen; über die praktische Anwendung ist aber nichts bekannt. Boykottaufrufe erwiesen sich bis in die Zwischenkriegszeit gelegentlich als geeignetes Mittel zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei Nahrungs- und Genussmittelproduzenten mit beschränkten Absatzmärkten in Arbeiterquartieren, zum Beispiel Bäckern oder Metzgern, wurden aber auch gegen grössere Firmen wie die Stumpenfabrik Ormond in Vevey (1912) oder die Schokoladefabrik Peter Cailler Kohler in Broc (1921) erlassen.

Meistbeachtete Formen des Arbeitskampfs sind Streiks und Aussperrungen, selbst wenn sie in der Schweiz seit den 1950er Jahren ihre Bedeutung weitgehend eingebüsst haben. Beim Maschinensturm versuchten vorab mit Heimarbeit Beschäftigte Fabriken lahm zu legen, deren höhere Produktivität ihre Aufträge gefährdete; Höhepunkt war der Usterbrand 1832. Keine Bedeutung erreichten in der Schweiz Betriebsbesetzungen. Vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg sind Arbeitskonflikte im Rahmen von Arbeiterkommissionen und Gesamtarbeitsverträgen entschärft und kontrolliert abgewickelt worden.

Quellen und Literatur

  • Arbeiterkämpfe in der Schweiz 1945-1973, 1974
  • Gruner, Arbeiter
  • W. Keller, Zeittabellen von 1800-1978, 1980
  • Gruner, Arbeiterschaft
  • R. Christen et al., Schweiz. Arbeiterbewegung, 41989
Weblinks

Zitiervorschlag

Bernard Degen: "Arbeitskonflikte", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.11.2005. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016527/2005-11-15/, konsultiert am 01.07.2022.