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Räuber

Hinrichtung des Schwarzbeck genannten Räubers. Flugblatt aus dem Jahr 1731 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Hinrichtung des Schwarzbeck genannten Räubers. Flugblatt aus dem Jahr 1731 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Räuber rekrutierten sich in erster Linie aus der nicht sesshaften Bevölkerung. Die zunehmende Pauperisierung breiter Bevölkerungsschichten seit dem 15. Jahrhundert, die Abschliessung der Territorien und Gemeinden und die im Zuge der Reform des Armenwesens vollzogene Trennung zwischen anerkannten eigenen und ausgegrenzten fremden Armen ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert marginalisierten die Angehörigen der besitzlosen Unterschichten. Als Hauptursache für die Aufnahme einer Lebensweise, bei der Diebstahl und Raub die wichtigsten Erwerbsquellen darstellen, erscheint die Kombination von existenzieller Bedrohung und dauerhafter Randständigkeit (Randgruppen). Eine besondere Gruppe unter den Räubern bildeten die vorübergehend dienstlosen Reisläufer. Nach deutschen Quellen machten sie in der frühen Neuzeit bis zu 40% der Räuber aus und waren wesentlich für den gewalttätigen Charakter frühneuzeitlicher Kriminalität verantwortlich. Bereits in der frühen Neuzeit traf die Verfolgung nicht nur den engen Kreis der Räuber, sondern die gesamte fahrende Bevölkerung. Die steigende Zahl der gegen diese gerichteten Mandate, vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, deutet darauf hin, dass die fahrende Bevölkerung wuchs und sich damit die Rekrutierungsbasis für die Räuber verbreiterte. Sie zeugt aber auch von einem erhöhten obrigkeitlichen Kontrollanspruch.

Das 18. Jahrhundert gilt als Blütezeit des Räuberwesens. Die Bevölkerungszunahme ab der Mitte des Jahrhunderts, Hungerkrisen, Kriege und das Problem der Heimatlosen erhöhten den Druck auf die arme Bevölkerung (Pauperismus). Die Räuber rekrutierten sich weiterhin primär aus dem wachsenden Heer der Nichtsesshaften, wobei die Grenzen zwischen ihnen und den übrigen Fahrenden fliessend waren. Während zeitgenössische Gerichtsakten und Mandate stereotyp die Existenz weit verzweigter grosser Banden unterstellten, spricht die neuere Forschung von eher kleinen, sich lose und oft neu formierenden Gruppen. Die Frauen – in den Gauner- oder Steckbrieflisten über 40% der verzeichneten Personen – waren dabei primär für Gruppenzusammenhalt sowie Sozialisation verantwortlich und trugen mit Kleindiebstählen und Hehlergeschäften zum Gruppeneinkommen bei. Raubüberfälle und Einbruchdiebstähle wurden dagegen beinahe ausschliesslich von Männern begangen. Opfer waren Reisende, Marktbesucher sowie Bewohner von Einzelhöfen und abgelegenen Häusern. Als Infrastruktur dienten den Räubern Unterschlüpfe in Weilern, kleinen Ortschaften und Wirtshäusern sowie ein Netz von Hehlern und Abnehmern. Die Räuber verfügten über Elemente einer eigenen Sprache (Rotwelsch) und über ein Zeichensystem zur Orientierung und Informationsübermittlung («Gaunerzinken»). Der deutsche Südwesten, der Bodenseeraum, die Nord- und Ostschweiz (v.a. das Rheintal bis nach Graubünden), das Gebiet um den Monte Ceneri und die Region des Waadtländer Jorat waren die Gegenden, in denen sich Räuber bevorzugt aufhielten. Die territoriale Zersplitterung dieser Gebiete erlaubte Verfolgten schnelle Grenzwechsel; Gebirgslandschaften und periphere Zonen boten Schutz. Die Banden des 18. Jahrhunderts agierten grenzübergreifend, so dass nicht von einem genuin schweizerischen Räubertum gesprochen werden kann.

Sogenannte Gaunerzinken, mit denen Vagabundierende und Heimatlose untereinander Informationen austauschten (Staatsarchiv Luzern, Akt 26/16 A.1).
Sogenannte Gaunerzinken, mit denen Vagabundierende und Heimatlose untereinander Informationen austauschten (Staatsarchiv Luzern, Akt 26/16 A.1). […]

Die breite Zirkulation der Gaunerlisten im deutschsprachigen Raum und die vielen Strafprozesse und Massenhinrichtungen zeigen, dass die Verfolgung in den frühmodernen Staaten seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts immer effektiver wurde. Die Gründung der ersten Polizeikorps in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zielte auf eine Repression der kriminalisierten vagierenden Bevölkerung ab (Polizei). Nachdem der Niedergang des Ancien Régime und seines Ordnungssystems vorerst problemverschärfend gewirkt hatte, brachte der moderne Staat mit dem Ausbau der staatlichen Infrastruktur und der zunehmenden Siedlungsdichte das traditionelle Räuberwesen weitgehend zum Verschwinden. Die letzten grossen Untersuchungen und Prozesse fallen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel der Luzerner «Gauner- oder Keller-Prozess» 1824-1826 und der Thurgauer Aktenbericht 1843-1844.

Quellen und Literatur

  • K.S. Bader, «Kriminelles Vagantentum im Bodenseegebiet um 1800», in Schweiz. Zs.f. Strafrecht 78, 1962, 299-333
  • A.-M. Dubler, Armen- und Bettlerwesen in der Gemeinen Herrschaft "Freie Ämter" 16.-18. Jh., 1970
  • P. Hugger, Sozialrebellen und Rechtsbrecher in der Schweiz, 1976
  • P. Witschi, «Die Innerschweiz als Lebensraum für Aussenseiter», in JHGL 5, 1987, 20-28
  • K. Lange, Gesellschaft und Kriminalität, 1994
  • Schurke oder Held?, hg. von H. Siebenmorgen, 1995
Weblinks

Zitiervorschlag

Thomas D. Meier: "Räuber", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.12.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016550/2011-12-16/, konsultiert am 24.07.2024.