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Alkoholismus

Am 8. Dezember 1561 tötete Rudolf Hurter von Uerzlikon im Rausch seine schwangere Ehefrau (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 12, Fol. 254r).
Am 8. Dezember 1561 tötete Rudolf Hurter von Uerzlikon im Rausch seine schwangere Ehefrau (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 12, Fol. 254r). […]

Alkoholismus ist ein Begriff, der auf ein soziales und kulturelles Problem verweist, bezeichnet er doch die physische und psychische Abhängigkeit von Alkohol (präziser: von Äthanol). Der fortgesetzte, starke Konsum dieses psychoaktiven Stoffes bringt Menschen auf Kollision zu Normalitätsvorstellungen und sozialen Rollenanforderungen und kann ihre Beziehungsnetze, ihre Persönlichkeit und ihre Gesundheit ruinieren. Die kritische Schwelle zwischen Alkoholgenuss (als einem sozial akzeptierten, frei gewählten Verhalten) und Alkoholismus (als einer Krankheit) ist nach heutiger medizinischer Definition dann überschritten, wenn täglich 80 g (Männer) beziehungsweise 50 g (Frauen) reiner Alkohol konsumiert werden. Dabei nahm und nimmt Alkoholismus verschiedenste Ausprägungen an: Von einer tabuisierten, unsichtbaren, versteckten, jedoch zwanghaften Konsumpraxis über gruppenintegriertes, demonstratives «starkes Trinken» bis hin zu exzessivem «Saufen» mit erratischen Rauscherfahrungen und vollständigen Kontrollverlusten können die unterschiedlichsten Trinkmuster und Abhängigkeitsformen unter diesem Begriff subsumiert werden.

Alkoholkonsum und Industrialisierungsprozess

Alkoholismus ist ein spezifisch modernes Problem, das in der komplex differenzierten, arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaft entstand und dessen Deutung sich im Gefolge des beschleunigten sozialen Wandels immer wieder änderte. Die historischen Quellen zeigen zwar, dass auch in der alten Eidgenossenschaft gegorene Getränke wie Wein, Obstwein und Bier sowie gebrannte Wasser (v.a. Obstschnaps, Branntwein) beliebt waren. Obrigkeitsstaatliche Sittenmandate und Branntweinverbote stellten bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert einen Aspekt der Zwangsregulierung des Untertanenverhaltens durch «Gnädige Herren» dar; eine «Alkoholfrage» im Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts existierte jedoch nicht. Der Übergang zu einer breiteren Problematisierung des Alkoholismus war die Folge des Zusammenwirkens eines neuen Trinkverhaltens, eines verwissenschaftlichten Alkoholwissens und einer neuen Wahrnehmung sozialer Probleme. Mit der Einführung der Kartoffel in die Volksernährung von den 1770er Jahren an wurde eine markante Steigerung der Schnapsproduktion möglich. Verschiedene Faktoren (Agrarreform, gute Erntejahre mit Produktionsüberschüssen, Ausbreitung einer einfachen Brenntechnologie) legten nach 1815 die Grundlage für eine Ausdehnung des Konsums des sogenannten Härdöpfelers in vielen Regionen der Schweiz – in ländlich-bäuerlichen Gebieten ebenso wie in den aufstrebenden urbanen Zentren. Längerfristig förderten vor allem die industriellen Lebens- und Arbeitsbedingungen das Trinken von Schnaps, der als leicht verfügbares, billiges und in verschiedenste Alltagsrituale eingebundenes «stärkendes Fluidum» (Fridolin Schuler) zu einem beliebten Nahrungs-Surrogat aufstieg. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum an (reinem) Alkohol war dabei in der Schweiz vergleichsweise hoch: Im Jahrfünft 1880-1884 (d.h. in der ersten Phase, für die Zahlen vorliegen) betrug er 14,3 l pro Jahr. Während der folgenden sechs Jahrzehnte entwickelte er sich rückläufig, um im Intervall 1939-1944 mit 7,8 l pro Jahr einen historischen Tiefstand zu erreichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Alkoholtrinken mit der Entfaltung der Konsumgesellschaft wiederum zu. 1970-1975 war der jährliche Durchschnittskonsum – unter völlig veränderten gesellschaftlichen Bedingungen – auf 11 l gestiegen. Für die Beurteilung der Alkoholismus-Problematik ist es wichtig zu sehen, dass dieser Konsum keineswegs ausgeglichen war: Ungefähr 10% der Trinkenden konsumierten um die Hälfte der Gesamtmenge, wobei diese Disparitäten in der welschen und der italienischen Schweiz, wo andere Trinkkulturen beobachtet werden können, weniger ausgeprägt waren als in der Deutschschweiz.

Alkoholfrage und Degenerationstheorien

Die Trinker. Stich des Zürcher Künstlers Gregor Rabinovitch (Staatsarchiv Zürich, Sammlung Eduard Feh).
Die Trinker. Stich des Zürcher Künstlers Gregor Rabinovitch (Staatsarchiv Zürich, Sammlung Eduard Feh). […]

Der Begriff Alkoholismus wurde – gleichzeitig mit jenem des delirium tremens (Säuferwahnsinn) – um die Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt und verdrängte ältere Bezeichnungen wie «Saufteufel» oder «Trunksucht». In engem Zusammenhang mit diesem medikalisierten und säkularisierten Konzept setzte sich auch ein neues Verständnis von Norm und Normalität durch, das es ermöglichte, im Alkoholismus eine Abweichung und damit ein durch geeignete Therapien korrigierbares bzw. durch Präventionsgrundsätze vermeidbares Verhalten zu sehen. Bis heute konkurriert allerdings die medizinische Krankheitsdefinition des Alkoholismus mit älteren moralischen Deutungsmustern (Sünde bzw. Willensschwäche). Alkoholismus war nie nur eine nüchterne Diagnose, sondern immer auch ein Schlüsselbegriff in einem Diskurs, mit dem die grossen sozialen Fragen der Industriegesellschaft thematisiert wurden. Weit mehr als von der Lebensweise und den Existenzproblemen von Menschen, die von Alkohol abhängig waren, handelt die Geschichte des Alkoholismus von Feindbildern, Geschlechtsstereotypen und Normalitätsvorstellungen. In der marginalen Rolle, welche die Frauen in der Alkoholismusdebatte spielten, drückten sich nicht nur unterschiedliche Trinkgewohnheiten, sondern auch die männerdominierte Sichtweise der ganzen Problematik aus. Im Reden über den Alkohol finden sich überall die Spuren einer fundamentalen Verunsicherung in den politischen und wirtschaftlichen Eliten hinsichtlich der Zukunftsperspektiven der fortschrittsgetrimmten Industriegesellschaft. Degenerationstheorien und Zivilisationskritik lieferten den düsteren Hintergrund, vor dem sich die Wahrnehmung des übermässigen Alkoholgenusses mit kollektiven Bedrohungsgefühlen und Abstiegsängsten verband. Die breite Thematisierung von «Schnapswellen» und «Branntweinepidemien» sind Ausdruck einer Problemdramatisierung und dürfen nicht mit der empirisch objektivierbaren Entwicklung des Trinkens verwechselt werden.

Antialkoholbewegung und Sozialreform: von der Temperenz zur Abstinenz

Postkarte des Sozialistischen Abstinentenbunds von 1900 (Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich).
Postkarte des Sozialistischen Abstinentenbunds von 1900 (Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich).

Alkoholismus war von Anfang an ein relationaler Begriff, der auf sein Gegenteil, den «Antialkoholismus» und die «Alkoholfreiheit» verwies. Die Formierung einer von den Mittel- und Oberschichten getragenen, aber auch in der Arbeiterbewegung verankerten Antialkoholbewegung versuchte, das neue Alkoholwissen zu popularisieren und mit gesellschaftspolitischen Zielsetzungen zu verbinden. Der «symbolische Kreuzzug» (Joseph Gusfield) gegen den Alkohol als ein «Erbübel des Proletariats» enthielt wichtige Komponenten einer Sozialreform und stellte zugleich auch eine Disziplinierungstechnik dar. Ab den 1880er Jahren wurde die ein halbes Jahrhundert vorher entstandene Mässigungs- bzw. Temperenzbewegung zunehmend durch einen rigorosen Abstinenzgedanken verdrängt. Die Beiträge schweizerischer bzw. in der Schweiz lehrender Wissenschaftler ― insbesondere jene von Auguste Forel und Gustav von Bunge – fanden dabei internationale Anerkennung. Auch der schweizerische Kampf gegen den Alkohol entfaltete sich im europaweit vorherrschenden eugenischen und rassenhygienischen Diskussionskontext: Es ging vor allem um den Schutz des sogenannten gesunden Volkskörpers vor «minderwertigen Elementen». Organisatorisch getragen wurde die Abstinenzbewegung durch das Blaue Kreuz (ab 1877), die Guttempler (ab 1892), die Schweizerische Katholische Abstinenten-Liga (ab 1895) und den Sozialistischen Abstinentenbund (ab 1900), die primär sozialreformerisch ausgerichtet waren. Ebenso pragmatisch ging auch die von bürgerlichen Frauen initiierte Bewegung für alkoholfreie Gaststätten vor, die international beachtete Erfolge erzielte. 1902 wurde der Schweizerische Bund abstinenter Frauen gegründet.

Alkoholgesetzgebung und Therapieansätze

Angeregt durch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft wurden ab Mitte der 1880er Jahre die Bemühungen der Antialkoholbewegung durch legislatorische Massnahmen unterstützt. Nach Volksabstimmungen konnte 1885 der Alkoholzehntel, 1887 das Eidgenössische Alkoholmonopol eingeführt werden. Das Alkoholgesetz von 1887 bezog sich allerdings nur auf den Kartoffel- und Getreideschnaps. 1908 wurde nach einem heftigen Abstimmungskampf die Volksinitiative für ein Verbot des Absinths angenommen. 1929 scheiterte demgegenüber ein dem Prohibitionsgedanken verpflichtetes Volksbegehren an der Urne. Mit den neuen, nun auch den Obstschnaps integrierenden Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen (1930 bzw. 1932) wurden die bis heute gültigen, in der Zwischenzeit jedoch mehrmals revidierten rechtlichen Rahmenbedingungen für die fiskalische und kommerzielle Regulierung gebrannter Alkoholika geschaffen. Ihre ursprüngliche Zielsetzung, den Alkoholkonsum zu senken, vermochte diese Gesetzgebung auf die Länge nicht zu erfüllen. Die konsumgesellschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit hat deutlich gemacht, dass Motive und Deutungen für das Trinken alkoholischer Getränke einem starken Wandel unterliegen und mit gesetzlichen Instrumenten nicht gesteuert werden können. Die traditionellen Abstinenzorganisationen gerieten in eine Krise. Gleichzeitig zeigten sich im Bereich der Erklärungs-, Präventions- und Therapieansätze Spezialisierungs- und Professionalisierungstendenzen. Stichworte wie Anonyme Alkoholiker, Co-Alkoholismus, Psychotherapie, Beratung im Kontext von Familien und Unternehmen verweisen auf Ansätze, mit denen angemessen auf jenes komplexe Nebeneinander von Wohlstands- und Problemtrinken eingegangen werden kann, das in den letzten vier Jahrzehnten entstanden ist.

Quellen und Literatur

  • F. Schuler, Über die Ernährung der Fabrikbevölkerung und ihre Mängel, 1882
  • F. Schuler, Die Ernährungsweise der arbeitenden Klassen in der Schweiz und ihr Einfluss auf die Ausbreitung des Alkoholismus, 1884
  • M. Mattmüller, Der Kampf gegen den Alkoholismus in der Schweiz, 1979
  • J. Tanner, «Die "Alkoholfrage" in der Schweiz im 19. und 20. Jh.», in Zur Sozialgesch. des Alkohols in der Neuzeit Europas, hg. von W.H. Fahrenkrug, 1986, 147-168
  • P.M. Furlan, R.L. Picci, Alcool alcolici alcolismo, 1991
  • J. Gusfield, «Benevolent Repression: Popular Culture, Social Structure, and the Control of Drinking», in Drinking: Behavior and Belief in Modern History, hg. von S. Barrows, R. Room, 1991, 399-424
  • H. Spode, Die Macht der Trunkenheit, 1993
Weblinks

Zitiervorschlag

Tanner, Jakob: "Alkoholismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.06.2002. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016558/2002-06-04/, konsultiert am 21.01.2022.